DER SÜDEN DREHT AUF

Tuesday, 15 September 2026

Steffen Moddrow: Schlagwerktheater

 GASTBEITRAG von SIMON STEINER:


Musik mit allen Mitteln

 

Steffen Moddrows fulminantes Schlagwerktheater im Stromraum Stuttgart


Foto: E. Oppelt





Steffen Moddrow studierte Schlagwerk an der Musikakademie Kassel. Seine Wurzeln liegen in der musikalischen Performance mit eigener Klang-Materialsprache, dem „Moddrow Schlagwerktheater" und Improvisation. Steffen Moddrow ist nicht nur Solo-Performancekünstler sondern auch Drummer in verschiedenen Bands, Schlagzeuglehrer und Theaterkomponist.


Seit den 1990er Jahren entwickelt er eine eigene Klang- und Materialsprache aus Alltagsgegenständen, Objekten und elektronischen Spielsachen, z.B. Bierdosen, Stühle, Thermoskannen. „Ich bespiele, bearbeite, suche die Resonanzräume dieser Materialien, präpariere meine Trommeln mit Klebebändern, und auch manchmal mit Teigwaren, wie Spaghetti.“ Moddrow verwendet Tonkonserven, zerkratztes Vinyl, alte Tapes oder Produkte der Billigindustrie, wie digitales Kinderspielzeug. Diese Klangmaterialien werden zerlegt und zu Kompositionen wieder zusammengefügt.

 

Am 27. August 2026 trat er solo im gut besuchten Stuttgart-Bad Cannstatter Stromraum auf. Eckhart Holzboog, der Betreiber des Stromraums, wünschte sich seinen Freund Steffen, mit dem er einst auf die Stuttgarter Merz-Schule ging, als Solist. Kein Duo, keine Band. Es sollte unbedingt Steffens Soloauftritt sein, eben das Schlagwerktheater, „das am ehesten dem Konzept des Stromraums entspricht, nämlich Experiment und Improvisation und das ist aufgegangen“, so Holzboog. 


Andere Konzerte wählt er mit seinen Stromraumfreunden aus, die ihn auch tatkräftig bei Equipment, Bühnenaufbau und Kasse unterstützen. Überhaupt, der Stromraum ist eine gute Adresse für „aktuelle Musik in Grenzbereichen“ und sorgt für Vergnügen, Begegnungen und Gespräche. Im Sommer wird auch mal im Hof gegrillt und im Winter gibt’s meistens die herzhafte Suppe von Sybille.

 

Ich sah Steffen vor Jahren bei einem Gig im Theater tri-bühne Stuttgart, veranstaltet von Klaus Pfeiffer, herumtoben, herumfuhrwerken, voller Elan aber auch sehr präzise, etwas clownesk oder witzig. Aber die Geräusche und raschen Bewegungen führten zu einem Orkan und Steffen riss alle mit, ein wahres Spektakel – unvergessen.

 

Steffen tauchte ab und zu auf, einfach so, als wir mit unserer New Wave/NDW Band 1981 im Proberaum in der Maybachstraße Stuttgart übten. Und bei unserem Punkprojekt „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ war er auch dabei, weil ich mich als Autor an seine alten Bands und die derben Fotos von Graphic Sensibility und Die Flüchtlinge erinnerte. Während Corona kreierte er in Kassel in kollektiver Arbeit eine Papp-Box, bestehend aus einem Dokumentarfilm von Ulf Staeger zu Steffens Arbeiten, in diesem Fall mit „Perkussiven Performance Ritualen" u.a. an Orten, wo zu früheren Zeiten Subkultur gelebt wurde. Teilweise waren die Häuser abgerissen, oder Steffen performte in „Lost Places“, wo einst Konzerte stattfanden. Diese Box, die mich persönlich über mehrere Monate auf Eckharts Tisch anstarrte, enthält einen Memory-Stick mitsamt einem Archiv mit Konzertmitschnitten seines Schlagwerktheaters, dazu noch eine Broschüre, in der der Musikwissenschaftler Wolfgang Boder die Geschichte des Punks in Kassel erzählt. Jetzt war er wieder in Stuttgart. Ich habe das Gefühl, da sind schon noch derbe Wurzeln aus seiner Punk-Ära spürbar. 


Foto: E. Oppelt



Woher kommt deine Liebe für die Performance Schlagwerktheater? Welche Einflüsse und persönlichen Lebenswege haben dich dazu motiviert?

 

Steffen Moddrow: Liebe ist tatsächlich die antreibende Kraft für meine Arbeit mit Objekten, die ich mit passendem Werkzeug, mit Drumsticks, Malletschlegel, Jazzbesen oder Gummiklöppel bearbeite. Alles begann mit einer Tüte leerer Bierdosen, die in einem Proberaum in den 1980er Jahren umfiel und ein tolles Soundspektakel auf dem Steinboden auslöste.


Wenn dann auch noch Objekte, wie z.B. Klebebänder auf Trommelfellen mit den Kesseln als Resonanzräume zusammen reagieren, ist ein gesamtes neues Instrument geboren. Diese Grundidee ist nicht neu, wenn man an die Stücke von John Cage für „präpariertes Klavier" denkt. Auch im Free Jazz oder in manchen Kompositionen der Neuen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist bekannt, dass Bürsten, Schleifpapier, Dildos oder Eierschneider das Schlagwerk – Klangspektrum erweitern.


1970 spielte ich als 10-Jähriger zum ersten Mal live als Gast in einer alpenländischen Polkaband, später etwas Tanzmusik, Blues und Rock'n Roll, New Wave, Punk, Ska, Reggae, Rock Jazz, traditionellen Jazz, Free Jazz und freie improvisierte Musik. Als 13 Jähriger erhielt ich in Stuttgart-Bad Cannstatt Schlagzeugunterricht bei dem legendären Schlagzeuger, Perkussionist und Weltmusik-Genie Gert Kilian von der Gruppe Orexis. Auch Literatur möchte ich erwähnen, auch eigene Texte, die Eingang in mein Schlagwerktheater finden: von surrealistischer Literatur über Existentialismus, Mystik bis zur Beat-Literatur. Schließlich wurden im deutschen Beat-Verlag "Stadtlichterpresse" einige meiner Texte in Anthologien veröffentlicht.


Foto: E. Oppelt



Welche Resonanz möchtest du beim Publikum auslösen? Was sind deine Erwartungen und wie sind die Reaktionen?

 

SM: Meine Auftritte leben von der positiven Resonanz des Publikums – und von einem Phänomen, das mich immer wieder fasziniert: Meine Bewegungen, Gesten und Impulse werden unmittelbar als Teil des Klangereignisses wahrgenommen. Wenn ich mich selbst durch neue Akzentuierungen, überraschende Beats oder frische Klangfarben aus dem Konzept bringe, reagiert das Publikum oft genauso spontan und freudvoll wie ich. Meine Stücke sind strukturell angelegt, aber ich lasse bewusst Raum für Flow, Intuition und Entscheidungen im Moment. Idealerweise entsteht eine Synchronität zwischen Gefühl, Aktion und dem Umgang mit dem Instrument. Ich genieße diese Momente des Unvorhergesehenen – kleine Zufälle, klangliche Wendungen, daraus entsteht Humor. 

Oft entwickeln sich Verläufe wie von selbst, und ich lasse mich treiben. Dann entstehen jene Augenblicke, in denen Timing, Dynamik, Pausen, Klangfarben und Grooves sich wie selbstverständlich fügen. Die Reaktionen des Publikums sind in solchen Situationen überwältigend. Besonders intensiv war das Konzert am 27. August im Stromraum in Stuttgart-Bad Cannstatt. Das Publikum war an diesem Abend außergewöhnlich fokussiert, aufmerksam und präsent. Für diese Konzentration und Offenheit bin ich sehr dankbar.

Einige Live Mitschnitte aus seinem Stromraumkonzert sind auf facebook und instagram zu sehen.

https://www.facebook.com/steffen.moddrow

https://www.instagram.com/craterentertainment/

https://stromraum.de/

https://www.youtube.com/watch?si=LhRpSEErVyFK0Bv1&v=CudL6o2oa08&feature=youtu.be

 

 

Tuesday, 8 September 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 67: Claudia Solal / Benoit Delbecq

LIEDGEDICHTE

Claudia Solal / Benoit Delbecq: Honour Oxygen!

Bureau De Son / dStream





Benoit Delbecq zählt zu den interessantesten Jazzpianisten der Gegenwart. Der 60 Jahre alte Franzose hat das Spiel auf den 88 Tasten revolutioniert, indem er John Cages Idee des präparierten Klaviers optimiert und perfektioniert hat. Diese Technik gibt ihm eine enorme Palette von Klangfarben an die Hand, die sich während des Spiels verändern lassen und sich wie ein afrikanisches Ballaphon anhören können oder als ob Regen auf ein Blechdach tropft. In einem Duo mit der Vokalistin Claudia Solal knüpft Delbecq an das Urstück des „prepared pianos“ – John Cages „Sonatas and Interludes“ – improvisatorisch an, indem er dem Gesang die wundersamsten Töne und Klänge unterlegt.


Die französische Vokalistin Claudia Solal ist die Tochter des Jazzpianisten Martial Solal und steht in der Tradition des modernen Jazzgesangs einer Norma Winston, Lauren Newton oder Jeanne Lee. Sie singt keine Songs mit Strophen und Refrain, sondern präsentiert neun Liedgedichte, die behutsam Worte und Sätze in Bewegung setzen, um spezielle Atmosphären und Stimmungen zu erzeugen. Dabei benutzt sie keine Guturallaute, sondern bliebt im Bereich der Sprache, wobei sie so reibungs- und übergangslos von englisch zu französisch übergeht wie Delbecq von den manipulierten Tönen zum konventionellen Pianoklang. Mit Honour Oxygen! ist den beiden ein bemerkenswertes Album gelungen, das voller Emotionen und Überraschungen steckt. 


Hörprobe:





Thursday, 3 September 2026

SCHEIBENERICHT Nr. 66: Schmid's Huhn

Cooljazz von heute

Schmid’s Huhn

Hindemith Abstractions



Als eine Übung in Zurückhaltung, könnte man das Konzept des Jazzensembles Schmid’s Huhn beschreiben. Die Musik von Stefan Karl Schmid (Tenorsaxofon) und Leonhard Huhn (Altsaxofon klingt abgeklärt, kontrolliert und zurückgenommen, um sich nur gelegentlich expressiv zu entladen. Disziplin und Präzision haben oberste Priorität. Manchmal schweben die Töne fast schwerelos im Raum und klingen dann wie eine zeitgenössische Version des Cool Jazz’ von Lee Konitz und Warne Marsh aus den 1950er Jahren.


Im Mittelpunkt des Albums stehen fünf Stücke namens „Reflections on Hindemith“, die sich in abstrakter Weise auf ein Stück des Komponisten beziehen, das dieser Anfang der 1930er Jahre erdacht hatte. Paul Hindemith gab ihm den heute drollig anmutenden Titel „Des kleinen Elektromusikers Lieblinge“. Mit den „Lieblingen“ waren drei Trautonium-Instrumente gemeint, frühe Exemplare eines der ersten elektronischen Klangerzeuger der Welt. 



Nach einer Suite von vier Stücken unter dem Titel „The Little Jazz Musician’s Favorites“, die einen kühnen Bogen vom kammermusikalischen Jazz bis zur freien Improvisation schlagen, dabei aber durchgehend im gedämpften Modus bleiben, werden die auf Hindemith bezogenen Titel von den beiden Saxofonisten eloquent in Szene gesetzt, so geschmeidig und einfühlsam gespielt, wie sie von Stefan Schönegg am Baß und Fabian Arends am Schlagzeug begleitet werden. Eine äußerst gelungene Einspielung. 


Hörprobe:

https://schmidshuhn.bandcamp.com/album/hindemith-abstractions