DER SÜDEN DREHT AUF

Sunday, 30 August 2026

Enthüllungen – Coverart Nr. 1: THE REAL CALYPSO

Bo Diddley paraphrasiert:


"You can't judge a daughter by looking at the mother

You can't judge a record by looking at the cover" – oder doch????





Gestern bin ich wieder einmal auf Schallplattenjagd gewesen und konnte ein paar bemerkenswerte LPs preisgünstig erwerben. Was mir auffiel, als ich mich zweieinhalb Stunden lang durch Kisten von Vinyl wühlte, waren ein paar LPs mit wirklich sehr ansprechend gestalteten Covers, deren Erwerb sich schon allein wegen des Covers gelohnt hätte – ich kaufte sie trotzdem nicht. 

Dabei stieß ich auch auf ein Album des amerikanischen Labels RBF, ein Unterlabel von Moses Asch's Folkways Records. Das Album war von Sam Charters 1966 herausgegeben worden und erhielt wohl anlehnend an Charters Erfolg-LP "The Real Bahamas" den Titel "The Real Calypso". Es ist ein Sampler verschiedener Calypso-Titel unterschiedlicher Künstler aus Trinidad, mit Aufnahmen, die zwischen 1927-1946 entstanden sind, also sogenannten "early recordings", sprich: Schellack-Platten. Wunderbar entspannte Musik aus der Karibik im typischen Calypso-Format! Die LP enthielt noch das wichtige Din A4 Informationsheft mit den Texten und einer Einführung, verfasst von Sam Charters. 

Ein Song von The Atilla & The Lion kommentiert den epochalen Boxkampf zwischen Max Schmeling und Joe Louis von 1936, den der Deutsche überraschend gegen den "Bomber" in der 12. Runder gewann, was als Kräftemessen zwischen Hitler-Deutschland und den USA angesehen wurde, also zwischen Diktatur und Demokratie. Den Rückkampf 1938 entschied Louis in der ersten Runde durch KO-Schlag für sich. Unnötig festzustellen, auf wessen Seite die Sympathien der Calypso-Musiker lagen, die den Afroamerikaner Joe Louis natürlich als einen der ihren verehrten. 

Ich habe Samuel "Sam" Charters 2012 bei einem Aufenthalt in New York getroffen und mit ihm ein langes Interview geführt, in welchem er über seine Feldforschungen sowohl im amerikanischen Süden als auch darüber hinaus erzählte. Das Interview ist in meinem aktuellen Buch "Freak-Sound – Musik abseits der Norm" (edition neue zeitschrift für musik, 2025) enthalten. 

https://christophwagnermusic.blogspot.com/2025/10/buchneuerscheinung-freak-sounds-musik.html

Folkways-Grafiker Roland Clyne
  

Das Design des Covers stammt von RONALD CLYNE und ist in seiner plakativen Kühnheit absolut merkenswert: äußerst reduziert und modern in der Form, klar in der Typografie, beschränkt auf vier Farben. Wie bei den Plattenhüllen von Folkways üblich, wurde auf eine dicke schwarze Kartonhülle, das Blatt mit dem Design geklebt (Heimarbeit!), weswegen Folkways-Platten auch sofort identifizierbar sind. 

RONALD CLYNE war der Hausdesigner von Folkways und hat mehr als 500 Covers für das Label entworfen. Er begann 1948 für Folkways zu arbeiten, wobei ihm Moe Asch den Auftrag gab, eine Formensprache zu entwickeln, die sich von anderen Plattenlabels unterschied und sofort erkennbar sein sollte, was ihm auf exzellente Weise gelungen ist.

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