Thursday, 21 May 2026

Gunter Hampel – ein kritischer Nachruf

Der Jazzmusiker als Überlebenskünstler

Zum Tod von Gunter Hampel (31.8.1937 – 19.5.2026)



"Survivor” heißt der Titel einer Doppel-CD von Gunter Hampel, die sich direkt auf den 11. September 2001 bezieht, den Hampel hautnah miterlebt hat. Er war zur betreffenden Stunde, als die Sebstmordattentäter die Flugzeuge in die Wolkenkratzer flogen, auf seinem Fahrrad nur einen Steinwurf von den Twin Towers entfernt. Doch man kann den Ttiel auch anders lesen. Hampel (Jahrgang 1937) war ein “Überlebender” der ersten Generation von Jazzmusikern, die in den 1960er Jahren das freie Improvisationsspiel in Europa eingeführt haben. Sein legendäres “Heartplants”-Quintett (mit u.a. Manfred Schoof und Alexander von Schlippenbach) nahm 1965 das erste Freejazz-Album auf dem Kontinent auf. 


Hampel mit dem Heartplants-Quintet




Hampel war über 60 Jahre lang als Bandleader und Multiinstrumentalist aktiv – allen Widrigkeiten zum Trotz, und die sind über die Jahre nicht weniger geworden. Wenn man weiß, unter welchen Existenzbedingungen Jazzmusiker bis heute um ihr bescheidenes Auskommen kämpfen müssen, grenzt das fast schon an ein Wunder und ist eine wahrlich außergewöhnliche Lebensleistung. Aber Hampel glaubte an den Jazz.


Persönlich bin ich Gunter Hampel, dem hochgewachsenen, spindeldürren Makrobioten aus Göttingen mit dem leicht schwärmerisch-missionarischen Zug, ein paar Mal begegnet: Mitte der siebziger Jahre hatte unser Kulturverein ihn für ein Konzert in meiner alten Heimatstadt im Schwäbischen engagiert, mit der Galaxie Dream Band, seinem damaligen Ensemble, und zehn Jahre später noch einmal im Duo mit Marion Brown, dem Saxofonisten aus der letzten Band von John Coltrane.  


Gunter Hampel mit Marion Brown (ganz links) und der Galaxy Dream Band im Esslinger Jazzkeller (Foto: Jörg Becker)




Beim ersten Konzert kam die Gruppe aus Genf schon am frühen Nachmittag bei uns an: fünf Musiker samt Kontrabaß, Vibrafon und Blasinstrumenten in einen einzigen großen Citroén gezwängt. Hampel am Steuer. Das Konzert am Vortag war ausgefallen, die Gruppe einem windigen Veranstalter aufgesessen. Kann man eine Ausfallsgage im Ausland eintreiben? “Vergiß es!” sagte  Hampel. Er wirkte nidergeschlagen. Das Leben als Jazzmusiker: kein Zuckerschlecken! Doch jammern hilft nicht. Du mußt Nehmerqualitäten entwickeln, sonst kommst du nicht über die Runden. 


Im evangelische Gemeindehaus, wo das Konzert stattfand, stand ein guter Flügel, was die Stimmung des Bandleaders merklich hob, der dann auch den ganzen Abend kaum ein anderes Instrument aus seinem breiten Arsenal (Flöte, Baßklarinette, Vibrafon) spielte. Da Hampel damals schon zwischen seinen beiden Wohnsitzen in Göttingen und New York pendelte (er war mit der schwarzen amerikanischen Jazzvokalisten Jeanne Lee verheiratet), besaß er vorzügliche Kontakte zur dortigen Loft-Szene und seine Band war mit erstklassigen Musikern besetzt. Zwei Amerikaner gehörten dazu: der etwas verschroben-versponnen wirkende, aber wunderbare Klarinettist Perry Robinson und der vorzügliche Bassist Jack Gregg, dem man den Amerikaner schon von weitem ansah. Zwei jüngere deutsche Musiker (Thomas Keyserling, Saxofon, und Martin Bues, Schlagzeug) ergänzten die Combo. 


Gunter Hampel mit John McLaughlin, der Ende der 1960er Jahre kurze Zeit in Hampels Band spielte 



Beim Konzert im vollgefüllten Saal verzauberten die Band die 150 Zuhörer mit ihren losen Improvisationen, die auf eigentümliche Weise wie auf vage vorgezeichneten Pfaden zu balancieren schienen, wobei weniger die verschiedene Solisten ihr Können unter Beweis stellten, als dass die ganze Band im Kollektiv gemeinsam musizierte. Es klang wie freier Dixieland, manchmal eruptiv und vehement, dann wieder eher lyrisch-leise. Nur der Hausmeister mäkelte danach über das “Gedudel”. Aber mehr als die abgemachten mageren 700 DM Gage blieb bei einem Eintrittspreis von 6 DM für die fünf beim besten Willen nicht übrig. Hampel hatte mehr erhofft. Man spürte seine Enttäuschung. 


Nach dem Konzert packte Hampel in der Privatunterkunft, wo er und seine Musiker untergebracht waren, seinen makrobiotischen Koffer aus und fing um Mitternacht noch zu kochen an. Was die makrobiotische Ernährung, die vor allem aus Körnern und Keimen bestand, betraf, war er Hardcore, und das war nicht die einzige Schrulligkeit dieses Jazzmusikers. 


Auch sein kruder Anti-Amerikanismus, der ins Verschwörungsideologische tendierte, konnte einem sauer aufstoßen, vor allem angesichts der Tatsache, dass er eine gehörige Portion seiner Reputation Amerika verdankte. Er schmückte sich damit, dass er in Göttingen UND New York lebte und im Big Apple auch Konzerte mit amerikanischen Freejazzgrößen gab, wenn auch nur wenige und dann vor einem schmächtigen Häuflein von Zuhörern, was er wiederum verschwieg. Hampel sah sich als musikalischen Supermann, der mit Jazz die Welt retten würde – das war schon auf tragische Weise lächerlich, doch darunter machte er es nicht.  


Die anderen Freejazzer seiner Generation schnitten ihn. Die mit Bier und Schnaps imprägnierte Szene der Brötzmänner konnte mit dem esoterischen Feingeist nichts anfangen. Und auch von der akademischen Seite hagelte es Kritik: In einem Blindfold-Test eines Jazzjournals ließ der amerikanische Vibrafonist David Friedman, der als Professor in Berlin lehrte, an Hampels Vibrafonspiel kein gutes Haar – dilettantisch lautete sein harsches Urteil, wobei Hampel auch mit weit milderer Kritik nicht umgehen konnte und dann selber ziemlich unwirsch reagierte. Er wollte als großer Jazzmusiker gepriesen werden, und nicht als Person mit Widersprüchen oder als Jazzmusiker im Existenzkampf.


In Balingen Mitte der 1970er Jahre hatte Hampel schon eine Schachtel mit seinen eigenen Schallplatten dabei, die er nach jedem Konzert verkaufte. Schon früh hatte er sich entschieden, nicht auf die Schallplattenindustrie zu warten, was vielleicht auch vergeblich gewesen wäre, sondern die Produktion selbst in die Hand zu nehmen. Mit Birth Records hob er 1969 sein eigenes Plattenlabel aus der Taufe, eines der ersten unabhängigen kleinen Schallplattenunternehmen überhaupt. Ob er damit gut gefahren ist? Schwer zu sagen. Aber hätte es für einen radikalen Musiker eine Alternative gegeben? So hatte er wenigsten die vollständige Kontrolle über seine Produkte, aber auch die volle Mühe und Arbeit. Vom Produzieren der Masterbänder über die Gestaltung der Covers, vom “Eintüten” der Mailorders bis zum Beliefern von Schallplattenläden – alles mußte er alleine bewerkstelligen. Diese Do-It-Yourself-Mentalität hat er beibehalten. Bis zu seiner Krankheit waren CDs bei ihm noch direkt zu beziehen, zum Teil Unikate, die er eigenhändig auf Bestellung brannte. Das war nicht nur ein Vorteil, weil das inflationäre Brennen von CDs von Live-Mitschnitten fast von jedem seiner Auftritte die einzelne Veröffentlichung entwertete. 



An seiner materiellen Situation hat sich über die Jahre wenig geändert. Das Leben als Jazzmusiker ist ein Überlebenskampf geblieben. Keine deutsche Universität machte ihn zum Professor, wie seine Künstlerkollegen aus der bildenden Kunst oder Neuen Musik, von denen viele hochdotierte Stellen bekleideten. Hampel ging weiter seinen Weg. Was hätte er auch tun sollen? Noch Ende der 1980er Jahre traf ihn Diedrich Diedrichsen als Straßenverkäufer seiner eigenen LPs auf einem Gehsteig in Downtown Manhattan sitzend. 


Ende der 1990er Jahre gab es dann einen kurzen Medienrummel, als ihn etwa der SPIEGEL als den “coole Jazz-Opa” präsentierte, der mit den jungen Hiphoppern der Gruppe JAZZKANTINE spielte – eine Zusammenarbeit, die er rein pädagogisch begründete: Er wolle die jungen Leute zum wahren Jazz bekehren. Wie er sich noch im Alter jugendlich trappierte, ja sich geradezu der Jugend anbiederte mit  pechschwarz gefärbten Haaren und dem obligatorischen Baseball-Käppie (das er wie alle "hippen" Breakdancers "falsch" herum trug) – das konnte man schon als peinlich empfinden. Nach der kurzen Episode mit der JAZZKANTINE wurde es wieder still um ihn. Business as usual!


Und seine Musik? Sie atmete  immer den freien Geist der siebziger Jahre, als die moderne Improvisationsmusik durch eine ihrer kreativsten Phasen ging. Es ist die wunderbare Offenheit und Kommunikationsfreudigkeit der New Yorker Loft-Szene, der Hampel eng verbunden war. Er hat deren musikalische Essenz über die Jahre bewahrt. Er war wirklich ein Überlebender – ein “Survivor”. Jetzt ist Gunter Hampel im Alter von 88 Jahren gestorben.



Wednesday, 13 May 2026

MILES DAVIS Biographie

Am Puls der Zeit

Der Musikjournalist Stefan Hentz zeichnet die Lebenslinien des Jazzstars Miles Davis nach


Foto: Hans Kumpf

  

Man begegnet ihm auf unzähligen Schallplatten, CDs und Re-Issues. Er ist Stoff von Spielfilmen, Fernseh-Dokus und Graphic Novels, ja selbst als kleine Komikfigur aus Plastik mit Trompete gibt es ihn: Miles Davis ist der bedeutendsten Jazzmusiker in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem afroamerikanischen Trompeter, Komponist und Bandleader gelang, was nur wenigen Künstlern glückt: Sich immer wieder neu zu erfinden und so über Jahrzehnte die musikalische Entwicklung im Jazz maßgeblich zu beeinflussen. 


Am 26. Mai 2026 wäre Miles Davis hundert Jahre alt geworden, was der Musikjournalist Stefan Hentz zum Anlaß genommen hat, ihm eine exzellent recherchierte Biographie zu widmen. Die Publikation zeichnet minutiös die lebensgeschichtlichen Etappen und musikalischen Entwicklungsschritte nach, die Miles Davis zum „größten Star im Jazzuniversum“ (Stefan Hentz) machte und grundiert sie mit zeitgeschichtlichem Kolorit, ob kultureller, sozialer oder politischer Art. Zudem versucht Hentz die Wesensart dieses wohl einzigen Jazzmusikers mit Popstar-Appeal zu ergründen, der immer eine ziemlich undurchschaubare Persönlichkeit geblieben ist und viele widersprüchliche Haltungen in sich vereinte. „Prince of Darkness“ nannten sie ihn.


Im Unterschied zur umfangreichen Miles Davis-Literatur, die sich häufig auf die Glanzpunkte seiner Karriere von den 1950er bis in die 1970er Jahren konzentriert, wählt Hentz die Endphase seiner Laufbahn als Einstieg. Damals lief der Trompeter zum groovenden Funkjazz über, und aus dem elektrischen Miles wurde ein elektronischer. 


Plakat: Günter Kieser



Nach etlichen Jahren Auszeit im Drogendelirium, von Depressionen geplagt und mit Krankheit geschlagen, hatte sich Davis in den 1980er Jahren mit Hilfe junger Musiker in die Jazzszene zurückgetastet. Ihm war wichtig, abermals eine Musik am Puls der Zeit zu machen, was bedeutete: den Sound des heraufziehenden digitalen Zeitalters einzufangen, wobei ihm Prince als Leitstern diente. 


Die Studioarbeit überließ er nunmehr jüngeren Musikern seines Vertrauens wie dem Bassisten Marcus Miller. Jetzt improvisierte keine Gruppe mehr im Studio, wie noch zehn Jahre zuvor. Vielmehr wurden mittels Overdubbing Instrumentalisten je nach Bedarf herangezogen, die Miles nie traf, weil er seinen Trompeten-Part erst am Ende über die vielschichtigen Arrangements legte. Diesen letzten Abschnitt im Leben von Miles Davis, der 1991 verstarb, stellt Hentz an den Anfang seines Buchs, um von dort die Lebenslinien nachzuzeichnen, die zu diesem Schlußakt führten. 


Promo-Foto


Aufgewachsen in einer wohlhabenden afroamerikanischen Familie in East St. Louis, wird für Miles Davis der Jazz und die Trompete früh zu seiner Leidenschaft. Der Teenager spielt in Bigbands und Tanzkapellen, hat Lehrer, die nichts durchgehen lassen. Als Aushilfe erhält er in der Band des Sängers Billy Eckstein seinen ersten professionellen Job. Dort begegnet er dem Trompeter Dizzy Gillespie und dem Altsaxofonisten Charlie Parker, die ihn ermuntern nach New York zu kommen, wo in Minton’s Playhouse in Harlem gerade eine musikalische Revolution stattfindet. Der Swing der Bigband-Ära wird vom hektischen Bebop herausgefordert. Der 18jährige wird Mitglied in der Band von Charlie Parker, mit der er erste Plattenaufnahmen macht. Sein Aufstieg ist rapide. Bald zählt Davis zum führenden Kreis dieses Stils




Doch den jungen Trompeter drängt es zu neuen Ufern. Als Gegenstück zum Bebop entwirft er mit dem Arrangeur Gil Evans einen abgeklärten, lyrisch-verhangenen Cooljazz, wobei der gestopfte, oft melancholische Trompetenton nun zu seinem Markenzeichen wird. Durch den Saxofonisten John Coltrane steigert sich die Intensität seines neuformierten Sextetts erneut, dem 1959 mit Kind of Blue ein Klassiker gelingt – mit fünf Millionen Exemplaren das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten. Mit einem neuen Quintett und dem quirligen 17jährigen Tony Williams am Schlagzeug wächst Miles Davis Mitte den 1960er Jahren auf dem Album E.S.P. über Cooljazz und Hardbop hinaus. 


Als die Rockmusik mit den psychedelischen Klanggewittern eines Jimi Hendrix Ende der 1960er Jahre zum Emblem der Zeit wird, öffnet sich Miles Davis den elektrischen Sounds. Er avanciert zu einem Pionier des Jazzrock, der seine Trompete mit Verzerrer und Wah-Wah-Pedal spielt und seine Alben aus den Studio-Sessions in nachhinein am Schneidetisch zusammenbastelt. Nun tritt er bei riesigen Rockfestivals vor Hunderttausenden junger Popfans auf, so auf der englischen Isle of Wight im Sommer 1970. Miles Davis ist im Zenit seiner Popularität angekommen.  


Umso krasser ist der Absturz. Drogen, Frauengeschichten und gesundheitliche Probleme lassen den kreativen Aku leerlaufen. Für den Biographen Stefan Hentz schließt sich hier der Kreis: Als Miles Davis aus diesem düsterer Lebensabschnitt wieder auftaucht, schlägt er mit dem elektronischen Funkjazz ein weiteres Kapitel seines kreativen Schaffens auf – das finale.


Stefan Hentz: Miles Davis – Sound eines Lebens. Reclam Verlag; 385 Seiten, 35 Abbildungen. Euro 32.-


Monday, 11 May 2026

Besprechung: Von Abba bis Zappa

AUS DER ZEITSCHRIFT:

SCHWÄBISCHE HEIMAT 2026-2




Die Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten 1964-1984" ist noch bis zum 10. Januar 2027 im Sindelfinger Stadtmuseum (Altes Rathaus) zu sehen. Der Eintritt ist frei.