Thursday, 9 July 2026

Scheibengericht Nr. 63: Thomas Maos – Ikarus vom Lautertal

Thomas Maos läßt die Töne fliegen 


Thomas Maos ist ein umtriebiger Geist im Bereich der experimentellen Gitarrenmusik. Der Tübinger macht immer wieder durch neue Einspielungen von sich reden, die den Rahmen der musikalischen Möglichkeiten noch ein Stück weiter hinausschieben. 

Für ein Theaterstück mit dem Titel „Ikarus vom Lautertal“ über Gustav Mesmer (1903-1994), der abenteuerliche Flugmaschinen konstruierte sowie Gitarren-Instrumente mit zwei Hälsen bastelte, hat Maos einen Soundtrack entworfen, den er als eine Art „Kopfkino“ verstanden haben will. 18 Instrumentalstücke illustrieren die Lebensgeschichte dieses zwischenzeitlich zur Legende gewordenen Künstlers der Outsider-Art, der Jahre in psychiatrischen Kliniken wegen „Schizophrenie“ und „Erfinderwahn“ zubrachte, um dort, wie auch nach seiner Entlassung, seinem Traum von Fliegen nachzuhängen und ihm mit selbstgebauten Flugapparaten  nachzugehen. 



Ry Cooder mit seiner Filmmusik für „Paris, Texas“, aber auch John Fahey in seiner letzten elektrischen Lebensphase oder die verhangenen Soundgemälde des amerikanischen Gitarristen Steve Tibbetts können als Referenzpunkte gelten, doch geht Maos einen ganz eigenen Weg. Oft haben seine Stücke einen Puls, über den er dann fantasievoll Klänge, Töne und Geräusche schichtet. Manchmal läßt er aber auch die akustische Slide-Gitarre wimmern, oder er zeichnet elegische Klanglandschaften in freier Rubato-Manier, über denen ruhige Melodien aus langen Noten ihre Kreise ziehen. Dann wieder zirpt es oder es klingt nach indischer Sitar, wenn er nicht die Saiten im Finger-Picking-Stil zum Klingen bringt. Maos' Stücke klingen manchmal wie reinste Avantegarde-Musik, sie können aber auch recht eingängig sein. Das Ergebnis ist ein vielfältiges Album, das auf abstrakt-musikalische Weise Mesmers Träumen nachspürt. Thomas Maos läßt die Töne fliegen.

Album:

Thomas Maos: Ikarus vom Lautertal (Wayout Records)


Thomas Maos (Gitarre) im Theaterstück "Ikarus vom Lautertal(youtube)




Monday, 6 July 2026

The Return of FAUST

 "Ohne Faust wären wir nicht das, was wir heute sind!" (Thom Yorke, Radiohead)

Die Rückkehr von FAUST

Neustart der Krautrock-Pioniere 



FAUST gilt neben Kraftwerk, Can und Tangerine Dream als eine der wichtigsten Gruppen des Krautrock. Die Band hat weltweit Spuren hinterlassen. Unzählige Musiker auf dem Globus ließen sich von ihren experimentellen Sounds inspirieren.Ohne Faust wären wir nicht das, was wir heute sind!” räumt Radiohead-Sänger Thom Yorke unumwunden ein, und auch Wayne Coyne von den Flaming Lips outet sich als Faust-Fan.


Hans Joachim Irmler, seines Zeichens Keyboarder der Band, war von Anfang an dabei. 1970 gegründet, kam Faust zu Prominenz, als die Plattenfirma Polydor im Krautrock-Fieber Ausschau nach einer vielversprechenden einheimischen Rockgruppe hielt. Faust-Manager Uwe Nettelbeck konnte Polydor die völlig unbekannte Gruppe aus Hamburg schmackhaft machen. Hunderttausende Mark wurden in die Formation gesteckt in der Hoffnung, dass die Band sich als Sensation entpuppen und sich die Investition rentieren würde. Man hoffte auf die neuen Beatles.




Mit dem Vorschuss zogen die sechs Musiker in ein ehemaliges Schulhaus in Wümme bei Bremen und begannen mit Klangcollagen zu experimentieren. Im ehemaligen Klassenzimmer wurde ein Studio eingerichtet, wo sie Tonschleifen, elektronische Sounds, monotone Beats und Ohrwurm-Melodien zum FAUST-Sound verschmolzen.Wir haben versucht, etwas völlig Eigenständiges zu finden und wollten nicht die ollen Klischees der Rockmusik reproduzieren,” erinnert sich Urmitglied Irmler. „Alles, was z. B. mit Blues zu tun hatte, war verpönt."


Faust in Wümme (Sammlung HJ Irmler)



Faust produzierte zwei Alben, die wenig Aufsehen erregten. Ja, die Kritiken fielen eher negativ aus. Nur in England spitzte man die Ohren. Als der Durchbruch ausblieb, drehte Polydor den Geldhahn zu und stoppte das Experiment. In England, wo die beiden Alben der Band viel Beachtung gefunden hatten und etwa vom Star-DJ John Peel hoch gelobt wurden, bekamen Faust daraufhin beim neugegründeten Virgin-Label einen Vertrag – als erste Band überhaupt. 


Man zog für Wochen ins Manor House in Oxfordshire, wo Virgin Studioräume eingerichtet hatte, und bastelte an einem neuen Album, während zur gleichen Zeit Mike Oldfield im Studio nebenan sein Album „Tubular Bells" aufnahm. 


Und mit ihrer ersten Veröffentlichung auf Virgin Records – "The Faust Tapes" mit Namen  –kam der  Durchbruch. Als Werbegag verkaufte  das Label die LP zum Preis einer Single, was das Album voll experimentellen Avantgarde-Rocks bis auf Platz 9 der britischen LP-Charts katapultierte und Faust zu einem "household name" machte.


Allerdings waren auch in Großbritannien die Gesetze des Marktes nicht außer Kraft gesetzt. Virgin versuchte Faust, in eine kommerziellere Richtung zu drücken, was sich die Musiker nicht bieten ließen. Als die Band sich weigerte, gefälligere Musik zu machen, zog Virgin den Stecker, was die Gruppe nötigte, ebenfalls das Handtuch zu werfen. 


Die Musiker von Faust blieben in Kontakt. 1988 organisierten die beiden Faust-Mitglieder Hans Joachim Irmler (Keyboards) und Zappi Diermaier (Drums) in Braunschweig ein dadaistisches Happening namens „Klangbad", das zum Startschuß für eine sporadische Rückkehr von Faust auf die Rockszene wurde. Jetzt trat die Band wieder bei Konzerten und Festivals auf, nicht nur in Deutschland, sondern in der halben Welt, u.a. in Japan und der Londoner Royal Festival Hall, wo sie mit dem Minimalisten Tony Conrad hinter einem riesigen Leinwand agierten. 


Faust (Promofotos. M. Wagner)


Nach einer längeren Auszeit unternimmt Irmler jetzt abermals einen Neustart, wofür er eine All-Star-Besetzung um sich versammelt hat. Mit von der Partie sind Kraan-Drummer Jan Fride und Bassist Michael Stoll von Mandala Movie, die schon früher mit Irmlers Faust gearbeitet haben. Dazu kommt der renommierte Elektroniker Robert Lippok, bekannt durch das Elektro-Trio To Rococo Rot. Die Vier hauchen Faust neues Leben ein, indem sie das experimentelle Erbe der Krautrockpioniere auf die Höhe der Zeit bringen. 



–  Samstag, 17. Oktober 2026; Morphonic Lab XXV, Zentralwerk Dresden, Heidestr. 2 , 01127 Dresden

Info: https://morphoniclab.de/


– Donnerstag, 12. November 2026 (Beginn: 20:00)

 Faust-Studio, Scheer (Alte Papierfabrik, Fabrikstr. 34, 72516 Scheer)  Abendkasse


–  Freitag, 13. November 2026 (Beginn: 20:15)

Theaterhaus Stuttgart, Siemensstr. 11


Tickets:

https://www.theaterhaus.com/en/program-tickets/die-ruckkehr-der-krautrock-pioniere/1355

Thursday, 2 July 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 62: Gerry Hemingway – Live At The Bau 4

Gerry Hemingway – der Jazzmusiker als Freigeist

Gerry Hemingway ist ein musikalischer Freigeist, der sowohl im Freejazz als auch in den harmonisch und rhythmisch gebundenen Spielarten des modernen Jazz zuhause ist. Jahrelang hat der Drummer mit eigenen Gruppen gearbeitet, war Mitglied im Trio BassDrumBone und im Quartett von Anthony Braxton, was sein musikalisches Credo maßgeblich geprägt hat.


Mit einem hochkarärtigen Ensemble aus Izumi Kimura (Piano), Frank Gratkowski (Holzblasinstrumente) und Christian Weber (Kontrabass) verknüpft der Schlagzeuger und Komponist diese biographische Stränge zu einer Musik, die anfangs nach freier Improvisation klingt, danach allerdings mit vielfältigen Kompositions- und Strukturelementen sowie dynamischen Bewegungen arbeitet, die ins Extreme ausschlagen können.

Hemingways Musik ist ein komplexes Konstrukt aus Spontanität und Disziplin, vielschichtig und mehrdimensional. Das verlangt den Beteiligten einiges ab. Sie müssen hellwach, hochvirtuos und mit leichter Hand selbst die diffizilsten Stellen meistern, und das mit einem Höchstmaß an Musikalität. Dabei durchläuft die Musik die unterschiedlichsten Stimmungslagen, wird durch kompositorische Wegmarken in immer neue Klangsphären transportiert, wobei sie ab und zu mit überraschenden Wendungen aufwartet. Ein scat-singender Drummer – wo hat es das seit Robert Wyatt schon gegeben? 


Gerry Hemingway (with Izumi Kimura, Frank Gratkowski, Christian Weber)

Live At The Bau 4

ezz-thetics / HatHut Records


Hörprobe:

https://now-ezz-thetics.bandcamp.com/album/live-at-bau-4-with-izumi-kimura-frank-gratkowski-christian-weber