Friday, 6 March 2026

Pawel Romańczuk und FREAK-SOUNDS

TOY PIANO MADNESS

Pawel Romańczuk ist ein experimenteller Musiker, Komponist und Sammler obskurer Musikinstrumente aus Polen. Er leitet ein Ensemble, das Male Instrumenty heisst (=kleine Instrumente). Die Gruppe hat vor einiger Zeit ein Album aufgenommen, dass ihrem Landsmann Frédéric Chopin gewidmet ist und seine Kompositionen auf drei Toypianos spielt – absolut fantastisch. Romańczuk ist mit Male Instrumenty natürlich im Kapitel meines Buchs "Freak-Sounds" vertreten, das sich der Geschichte des Toypianos widmet, das ja seine Urspünge in Göppingen hat, wo der Erfinder Albert Schoenhut herkommt, der das Kinderklavier nach seiner Auswanderung 1872 in Philadelphia erfand.

Jetzt hat ein Exemplar des "Freak Sounds"-Buchs Pawel Romańczuk in Polen erreicht. Am Sonntag, den 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr) gibt es eine Buchtaufe im Rahmen eines Konzerts mit dem Trautonium-Spieler Peter Pichler im Theaterhaus in Stuttgart.

Karten unter:

https://www.theaterhaus.com/de/programm-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248

Hörprobe:
Male Instrumenty spielen Chopin auf drei Toypianos (Youtube)




DIE BLECHTROMMEL für Sindelfingen

AUSSTELLUNGSSTÜCKE von FAUST

Ich war heute Nachmittag bei Hans-Joachim Irmler im Faust-Studio in Scheer an der Donau, um Trommelteile für die Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten" abzuholen. Jochen hat in einem Nebenraum seines geräumigen Tonstudios ein riesiges Lager, wo sich über die Jahre allerlei altes Rock-Equipment angesammelt hat. Aus einer Kiste zog er zwei originale Trommeln und ein Crash-Becken heraus, das die experimentelle Rockgruppe Faust schon in ihrem Domizil in Wümme (zwischen Hamburg und Bremen gelegen) im Einsatz hatte. Die drei Teile werden in der Ausstellungsvitrine, die sich den technischen Veränderungen in der Beat- und Rockmusik der 60er und 70er Jahre widmet, einen Ehrenplatz erhalten. Die Eröffnung der Ausstellung ist am Samstag, den 14. März 2026 um 17:00 Uhr im Stadtmuseum in Sindelfingen. Der Eintritt ist frei.

Foto: C. Wagner


  

Wednesday, 4 March 2026

James Brandon Lewis in Singen

Elektrischer Funkjazz


Der neue Jazzstar James Brandon Lewis in Singen vor vollen Rängen


Fotos: C. Wagner


James Brandon Lewis ist der neue Star im Jazz. 2025 krönte ihn Down Beat, das führende Jazzmagazin in den USA, sowohl zum Saxofonisten als auch zum Musiker des Jahres. In Singen ist Brandon Lewis schon länger kein Unbekannter mehr. Mit einem guten Riecher für aufkeimende Talente hat ihn der Jazzclub Singen bereits zwei Mal im Konzert präsentiert: im Herbst 2023 und 2024, damals mit verschiedenen akustischen Ensembles. 


Jetzt stellte sich Brandon Lewis im Kulturzentrum Gems mit seinem neuen Trio vor, das aus dem Schlagzeuger Warren 'Trae' Crudup und Josh Werner besteht, der nicht Kontrabass, sondern Baßgitarre spielt. Dieser scheinbar kleine, aber doch signifikante Unterschied macht deutlich, dass hier nicht akustischer Jazz geboten wird, sondern ein elektrischer Funkjazz, der ursprünglich auf Herbie Hancock’s Headhunters zurückgeht und dem Motto folgt: Jazz Is the Teacher, Funk Is the Preacher!



Offenbar will Brandon Lewis kreativ nicht auf der Stelle treten, sondern frische Konzepte erproben. Dafür läßt er sich von Jazzgrößen wie Ornette Coleman und Don Cherry inspirieren und macht deren Ideen für die Gegenwart fruchtbar.


Nicht nur die Baßgitarre ist für das Trio stilprägend. Auch das „funky“ Schlagzeug trägt seinen Teil dazu bei, dass die Rhythmusgruppe wie ein eng verzahntes Räderwerk funktioniert. Über dem „Funk“ dieser gutgeölten Groove-Maschine bläst Brandon Lewis seine klaren, erdigen Melodien, die danach in Improvisationen voller Inbrunst und Leidenschaft münden und sich manchmal fast bis zur Ekstase steigern. Zwischen die aufbrausenden Stücke schiebt der Bandleader immer wieder ruhigere Kompositionen, die über einem freien Rhythmus eine hymnische Kraft entfalten. Die Zugabe widmete er seinem Vater, der seit ein paar Jahren gesundheitlich angegriffen ist. Hoffentlich hilft ihm die Power des Saxofonspiels seines Sohns, wieder auf die Beine zu kommen.  


 

SCHEIBENGERICHT Nr. 57: Eve Rissers Folkore imaginaire

Ensemble Ensemble

Live at Atelier du Plateau


BMC Records



Das Ensemble Ensemble ist ein Quintett, das von Eve Risser ins Leben gerufen wurde. Die Pianistin, die in Colmar aufwuchs, hat sich dazu die Vokalistin und Elektronikerin Mari Kvien Brunvoll und den Gitarristen Kim Myhr, beide aus Norwegen, ins Boot geholt, plus den rumänischen Violinisten George Dumitriu sowie ihren französischen Landsmann Toma Gouband, ein Spezialist für Schlagwerk aus Stein und anderen Naturstoffen. 


Eine wahrlich multinationale Gruppe hat sich hier zusammengefunden, die darauf abzielt, Konzepte der improvisierenden Avantgarde mit Elementen der Volksmusik aus Norwegen und dem Elsaß zu verschmelzen, Musik, die aus dem Fundus der Tradition schöpft, diese aber auf experimentelle Weise verarbeitet.



Beim Auftritt im Atelier du Plateau in Paris im Juni 2018 kreierten die fünf Musikerinnen und Musiker in fünf Stücken äußerst delikate Klangtexturen, die sich – fein verwoben – in gemächlichem Schritt bewegten, sehr lose zusammengesetzt und äußerst transparent waren, wobei die Musik immer wieder eine Atempause einlegte, die von elektronischen Drones ausgefüllt wurde. Das kollektive Spiel ist fein austariert und perfekt aufeinander abgestimmt. Ego-Trips kommen nicht vor. Das Ensemble Ensemble begreift sich als Gruppe, bei der der Gruppenklang im Zentrum steht, nicht die Soli von Solisten. 


Während Brunvoll norwegisches Volksliedmelodien intoniert und sie gelegentlich mit dem Sampler einfängt, verdoppelt und wieder einspeist, läßt Risser ihr präpariertes Klavier wie ein afrikanisches Ballafon oder ein Gamelan aus Java klingen. Dumitriu spielt auf der Geige zumeist Pizzicato oder bordunartige Langtöne, während Myhr hallige Gitarrenakkorde einstreut und Gouband auf Felzstücken steinzeitliche Morsesignale klopft. Zusammen ergibt das eine tief in sich versunkene Meditation in Klang – Musik von traumartiger Imagination. 


Hörprobe:

Ensemble Ensemble in Rezé (youtube)





 

Tuesday, 3 March 2026

1560: VOLKSFEST UM EINEN BAUM HERUM

Ich bin heute beim Besuch des Museums Carnavalet in Paris auf ein Wandgemälde gestoßen, das eine Festtagsszene in der französischen Hauptstadt um 1560 zeigt, späte Renaissance. Das Bild trägt den Titel: Fete populaire autour d'un arbre – Volksfest um einen Baum herum.


Es zeigt Volksbelustigungen und Spiele (kegeln und Kreisel schlagen). Sich an Tücher haltend und so miteiander verbunden, wird ein Rundtanz getanzt zur Musik einer vierköpfigen Kapelle, die sich in der Baumkrone befindet: ein Musikant spielt Einhandflöte und Trommel, zwei spielen Dulcian und einer Posaune. Die Musikanten tragen eine Art Uniform, was sie vielleicht als Stadtmusikanten ausweist, die in großen Städten in einer Innung (oder Zunft) organisiert waren, wie andere Handwerker auch. Sie bezogen ein festes Gehalt, hatten dafür aber für die Musik bei offiziellen Anlässen zu sorgen, was sie von fahrenden Musikanten unterschied. Im Hintergrund ist außerdem ein einsamer Geiger zu sehen, der einer Dame aufspielt. Möglicherweise handelt es sich bei ihm um einen fahrenden Musikanten. Zwei Beteiligte sind karnevalistisch als Harlekins gekleidet.


Friday, 27 February 2026

Vom Musiker zum Textilkünstler: Ficht Tanner ehemals Appenzeller Space Schöttl

DIE VERWANDLUNG

Ficht Tanner: Musiker und Textilkünstler

Ich lernte Ficht Tanner (schon sein Name eines dieser Schweizer Unikate, die es sonst nirgends mehr gibt) Mitte der 1980er Jahren kennen, als er als Mitglied des Duos Appenzeller Space Schöttl die Schweizer Volkmusik durchschüttelte und damit einer Frischzellenkur unterzog. Ficht spielte die 'Baßgiige', während Tobi Töbler auf dem Hackbrett klöppelte. Es war diese Zeitperiode, als unter dem Einfluß  amerikanischer Musiker wie Ry Cooder oder irischer Bands wie The Pogues, auch im Alpenraum Gruppen wie Attwenger (Linz), Roland Neuwirth's Extremschrammeln  (Wien) oder Die Interpreten aus München anfingen, sich erstmals mit ihren eigenen Volksmusik-Traditionen auseinanderzusetzen – auf mehr oder minder  experimentelle und fantsievolle Art und Weise.

Das Appenzeller Space Schöttl hatte mit radikal-freier Improvisation begonnen, sich dann aber immer mehr der traditionellen Musik im Appenzeller Land zugewandt und spielten damals einen wunderbaren Mix aus Tradition und Avantgarde. Ich habe sie einmal erlebt, als sie mit dem hochbetagten Geiger Hans Kegel auftraten, einem Urgestein der Appenzeller Streichmusik.


Eine Schallplatte hatten die beiden noch mit ihren freien Improvisationen herausgebracht. Wenn man sie fragte, warum sie nicht auch ihre Volksmusikbearbeitungen auf einem Album verewigen wollten, zuckten sie mit den Schultern und meinten lapidar: 'Es gibt schon genug Plastik in der Welt'. Wenn ich mich nicht täusche, kam dann aber doch irgendwann eine CD heraus.

Ich besuchte die Space-Schöttl-Musiker mit ihrem Manager Yogi Birchler damals in Trogen im Appenzeller Land in ihrem großen Haus und machte sie auch mit meinen Freunden von der englischen Band Accordions Go Crazy bekannt, die auch einmal dort über Nacht unterkamen und mit ihnen jammten. Das Appenzeller Space Schöttl trat dann auch bei den 'Balinger Sommersprossen' 1991 in der kleinen Siechenkirche beim Kreiskrankenhaus auf, vom Balinger Kulturverein veranstaltet.

Eintrag im Gästebuch des Balinger Kulturvereins, Juli 1991:



Das Space Schöttl fiel irgendwann auseinander und ich verlor Ficht aus den Augen. Während sein Kollege Tobi Töbler sich in Richtung New-Age-Music bewegte, gab es Gerüchte, dass Tanner mittlerweile bildender Künstler geworden sei und Textilkunst machen würde: Stickereien, Textil-Patchwork-Arbeiten, solche Sachen. Es verwunderte mich zuerst, dann aber auch wieder nicht, weil seine Frau, Therese Hächler, ebenfalls Textilkünstlerin war, die mit Faden und Schere arbeitete.


Jetzt bin ich in einer wirklich absolut bemerkenswerten Ausstellung in Paris im Museé l'Art Brut in La Halle Saint Pierre plötzlich vor textilen Arbeiten von Ficht Tanner gestanden –  absolut erstaunlichen Werken! Ich war ziemlich perplex. Aber kein Zweifel: Es muß der selbe Ficht Tanner sein, den jemand, mit so einem Namen gibt es nicht zweimal. 

Eines seiner Motive schmückt sogar  das Plakat der Ausstellung, die den schönen Titel trägt: 'Der Stoff der Träume'. Es ist doch ziemlich erstaunlich, welche sonderbaren Wege Biographien manchmal nehmen können. Und, by the way: Musik macht Ficht noch immer – ganz allein, nur mit Kontabass und Gesang.


Tuesday, 24 February 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 56: PIERRE FAVRE – Perkussion total

Pierre Favre & Sergio Armaroli, Andrea Centazzo, Francesca Gemmo 

The Art Of Sound(s) 

Hat Hut Records / NRW

Wenn das Klavier – wie Cecil Taylor meinte – ein Instrument mit 88 gestimmten Trommeln ist und auch für das Vibraphon diese Charakterisierung gilt, könnte man die Gruppe, die Pierre Favre für diese Aufnahmesession um sich scharte, durchaus als Perkussionsensemble bezeichnen, was nicht sein erstes wäre. Der Schlagwerker Andrea Centazzo, der Vibraphonist Sergio Armaroli und die Pianistin Francesca Gemmo bilden neben dem Schweizer Altmeister – er wird nächstes Jahr neunzig – die Formation, die eine Musik macht, welche für die sanftere Spielart der freien Improvisation in Europa steht. 



In einer Suite aus acht Sätzen werden fein ziselierte und pointillistische Improvisationen in Szene gesetzt, bei denen es manchmal vor Tönen nur so wuselt, die durcheinander purzeln und prasseln und sich zu musikalischen Wimmelbildern verdichten. 


Hölzerne Tempelblocks und eine Vielzahl an Metallbecken, Gongs und Trommeln werden mit unterschiedlichen Stöcken, Klöppeln und Besen zum Klingen gebracht. Sie verbinden sich mit den Akkorden, Intervallen und kleinen Melodien von Piano und Vibraphon zu polymorphen Gebilden. Bei anderen Stücken geben die beiden Melodieinstrumente die Richtung vor und lassen subtile Klänge behutsam durch den Raum schweben, auf die die Schlagzeuger mit Fingerspitzengefühl antworten. 


Zum Reinhören:

https://first-archive-visit.bandcamp.com/album/the-art-of-sound-s