Tuesday, 15 September 2026

Steffen Moddrow: Schlagwerktheater

 GASTBEITRAG von SIMON STEINER:


Musik mit allen Mitteln

 

Steffen Moddrows fulminantes Schlagwerktheater im Stromraum Stuttgart


Foto: E. Oppelt





Steffen Moddrow studierte Schlagwerk an der Musikakademie Kassel. Seine Wurzeln liegen in der musikalischen Performance mit eigener Klang-Materialsprache, dem „Moddrow Schlagwerktheater" und Improvisation. Steffen Moddrow ist nicht nur Solo-Performancekünstler sondern auch Drummer in verschiedenen Bands, Schlagzeuglehrer und Theaterkomponist.


Seit den 1990er Jahren entwickelt er eine eigene Klang- und Materialsprache aus Alltagsgegenständen, Objekten und elektronischen Spielsachen, z.B. Bierdosen, Stühle, Thermoskannen. „Ich bespiele, bearbeite, suche die Resonanzräume dieser Materialien, präpariere meine Trommeln mit Klebebändern, und auch manchmal mit Teigwaren, wie Spaghetti.“ Moddrow verwendet Tonkonserven, zerkratztes Vinyl, alte Tapes oder Produkte der Billigindustrie, wie digitales Kinderspielzeug. Diese Klangmaterialien werden zerlegt und zu Kompositionen wieder zusammengefügt.

 

Am 27. August 2026 trat er solo im gut besuchten Stuttgart-Bad Cannstatter Stromraum auf. Eckhart Holzboog, der Inhaber des Stromraums wünschte sich seinen Freund Steffen, mit dem er einst auf die Stuttgarter Merz-Schule ging als Solist, kein Duo, keine Band, es sollte unbedingt ein Soloauftritt sein, eben das Schlagwerktheater, „das am ehesten dem Konzept des Stromraums entspricht, nämlich Experiment und Improvisation und das ist aufgegangen“, so Holzboog. Andere Konzerte wählt er mit seinen Stromraumfreunden aus, die ihn auch tatkräftig bei Equipment, Bühnenaufbau und Kasse unterstützen. Überhaupt, der Stromraum ist eine gute Adresse für „aktuelle Musik in Grenzbereichen“ und sorgt für Vergnügen und Begegnungen und Smalltalk, im Sommer wird auch mal im Hof gegrillt und im Winter gibt’s Suppe.

 

Ich sah Steffen vor Jahren bei einem Gig im Theater tri-bühne Stuttgart, veranstaltet von Klaus Pfeiffer, herumtoben, herumfuhrwerken, voller Elan aber auch sehr präzise, etwas clownesk oder witzig. Aber die Geräusche und raschen Bewegungen führten zu einem Orkan und Steffen riss alle mit, ein wahres Spektakel – unvergessen.

 

Steffen tauchte ab und zu auf, einfach so, als wir mit unserer New Wave/NDW Band 1981 im Proberaum in der Maybachstraße Stuttgart übten. Und bei unserem Punkprojekt „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ war er auch dabei, weil ich mich als Autor an seine alten Bands und die derben Fotos von Graphic Sensibility und Die Flüchtlinge erinnerte. Während Corona kreierte er in Kassel in kollektiver Arbeit eine Papp-Box, bestehend aus einem Dokumentarfilm von Ulf Staeger zu Steffens Arbeiten, in diesem Fall mit „Perkussiven Performance Ritualen" u.a. an Orten, wo zu früheren Zeiten Subkultur gelebt wurde. Teilweise waren die Häuser abgerissen, oder Steffen performte in „Lost Places“, wo einst Konzerte stattfanden. Diese Box, die mich persönlich über mehrere Monate auf Eckharts Tisch anstarrte, enthält einen Memory-Stick mitsamt einem Archiv mit Konzertmitschnitten seines Schlagwerktheaters, dazu noch eine Broschüre, in der der Musikwissenschaftler Wolfgang Boder die Geschichte des Punks in Kassel erzählt. Jetzt war er wieder in Stuttgart. Ich habe das Gefühl, da sind schon noch derbe Wurzeln aus seiner Punk-Ära spürbar. 


Foto: E. Oppelt



Woher kommt deine Liebe für die Performance Schlagwerktheater? Welche Einflüsse und persönlichen Lebenswege haben dich dazu motiviert?

 

Steffen Moddrow: Liebe ist tatsächlich die antreibende Kraft für meine Arbeit mit Objekten, die ich mit passendem Werkzeug, mit Drumsticks, Malletschlegel, Jazzbesen oder Gummiklöppel bearbeite. Alles begann mit einer Tüte leerer Bierdosen, die in einem Proberaum in den 1980er Jahren umfiel und ein tolles Soundspektakel auf dem Steinboden auslöste.


Wenn dann auch noch Objekte, wie z.B. Klebebänder auf Trommelfellen mit den Kesseln als Resonanzräume zusammen reagieren, ist ein gesamtes neues Instrument geboren. Diese Grundidee ist nicht neu, wenn man an die Stücke von John Cage für „präpariertes Klavier" denkt. Auch im Free Jazz oder in manchen Kompositionen der Neuen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist bekannt, dass Bürsten, Schleifpapier, Dildos oder Eierschneider das Schlagwerk – Klangspektrum erweitern.


1970 spielte ich als 10-Jähriger zum ersten Mal live als Gast in einer alpenländischen Polkaband, später etwas Tanzmusik, Blues und Rock'n Roll, New Wave, Punk, Ska, Reggae, Rock Jazz, traditionellen Jazz, Free Jazz und freie improvisierte Musik. Als 13 Jähriger erhielt ich in Stuttgart-Bad Cannstatt Schlagzeugunterricht bei dem legendären Schlagzeuger, Perkussionist und Weltmusik-Genie Gert Kilian von der Gruppe Orexis. Auch Literatur möchte ich erwähnen, auch eigene Texte, die Eingang in mein Schlagwerktheater finden: von surrealistischer Literatur über Existentialismus, Mystik bis zur Beat-Literatur. Schließlich wurden im deutschen Beat-Verlag "Stadtlichterpresse" einige meiner Texte in Anthologien veröffentlicht.


Foto: E. Oppelt



Welche Resonanz möchtest du beim Publikum auslösen? Was sind deine Erwartungen und wie sind die Reaktionen?

 

SM: Meine Auftritte leben von der positiven Resonanz des Publikums – und von einem Phänomen, das mich immer wieder fasziniert: Meine Bewegungen, Gesten und Impulse werden unmittelbar als Teil des Klangereignisses wahrgenommen. Wenn ich mich selbst durch neue Akzentuierungen, überraschende Beats oder frische Klangfarben aus dem Konzept bringe, reagiert das Publikum oft genauso spontan und freudvoll wie ich. Meine Stücke sind strukturell angelegt, aber ich lasse bewusst Raum für Flow, Intuition und Entscheidungen im Moment. Idealerweise entsteht eine Synchronität zwischen Gefühl, Aktion und dem Umgang mit dem Instrument. Ich genieße diese Momente des Unvorhergesehenen – kleine Zufälle, klangliche Wendungen, daraus entsteht Humor. 

Oft entwickeln sich Verläufe wie von selbst, und ich lasse mich treiben. Dann entstehen jene Augenblicke, in denen Timing, Dynamik, Pausen, Klangfarben und Grooves sich wie selbstverständlich fügen. Die Reaktionen des Publikums sind in solchen Situationen überwältigend. Besonders intensiv war das Konzert am 27. August im Stromraum in Stuttgart-Bad Cannstatt. Das Publikum war an diesem Abend außergewöhnlich fokussiert, aufmerksam und präsent. Für diese Konzentration und Offenheit bin ich sehr dankbar.

Einige Live Mitschnitte aus seinem Stromraumkonzert sind auf facebook und instagram zu sehen.

https://www.facebook.com/steffen.moddrow

https://www.instagram.com/craterentertainment/

https://stromraum.de/

https://www.youtube.com/watch?si=LhRpSEErVyFK0Bv1&v=CudL6o2oa08&feature=youtu.be

 

 

Tuesday, 8 September 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 67: Claudia Solal / Benoit Delbecq

LIEDGEDICHTE

Claudia Solal / Benoit Delbecq: Honour Oxygen!

Bureau De Son / dStream





Benoit Delbecq zählt zu den interessantesten Jazzpianisten der Gegenwart. Der 60 Jahre alte Franzose hat das Spiel auf den 88 Tasten revolutioniert, indem er John Cages Idee des präparierten Klaviers optimiert und perfektioniert hat. Diese Technik gibt ihm eine enorme Palette von Klangfarben an die Hand, die sich während des Spiels verändern lassen und sich wie ein afrikanisches Ballaphon anhören können oder als ob Regen auf ein Blechdach tropft. In einem Duo mit der Vokalistin Claudia Solal knüpft Delbecq an das Urstück des „prepared pianos“ – John Cages „Sonatas and Interludes“ – improvisatorisch an, indem er dem Gesang die wundersamsten Töne und Klänge unterlegt.


Die französische Vokalistin Claudia Solal ist die Tochter des Jazzpianisten Martial Solal und steht in der Tradition des modernen Jazzgesangs einer Norma Winston, Lauren Newton oder Jeanne Lee. Sie singt keine Songs mit Strophen und Refrain, sondern präsentiert neun Liedgedichte, die behutsam Worte und Sätze in Bewegung setzen, um spezielle Atmosphären und Stimmungen zu erzeugen. Dabei benutzt sie keine Guturallaute, sondern bliebt im Bereich der Sprache, wobei sie so reibungs- und übergangslos von englisch zu französisch übergeht wie Delbecq von den manipulierten Tönen zum konventionellen Pianoklang. Mit Honour Oxygen! ist den beiden ein bemerkenswertes Album gelungen, das voller Emotionen und Überraschungen steckt. 


Hörprobe:





Thursday, 3 September 2026

SCHEIBENERICHT Nr. 66: Schmid's Huhn

Cooljazz von heute

Schmid’s Huhn

Hindemith Abstractions



Als eine Übung in Zurückhaltung, könnte man das Konzept des Jazzensembles Schmid’s Huhn beschreiben. Die Musik von Stefan Karl Schmid (Tenorsaxofon) und Leonhard Huhn (Altsaxofon klingt abgeklärt, kontrolliert und zurückgenommen, um sich nur gelegentlich expressiv zu entladen. Disziplin und Präzision haben oberste Priorität. Manchmal schweben die Töne fast schwerelos im Raum und klingen dann wie eine zeitgenössische Version des Cool Jazz’ von Lee Konitz und Warne Marsh aus den 1950er Jahren.


Im Mittelpunkt des Albums stehen fünf Stücke namens „Reflections on Hindemith“, die sich in abstrakter Weise auf ein Stück des Komponisten beziehen, das dieser Anfang der 1930er Jahre erdacht hatte. Paul Hindemith gab ihm den heute drollig anmutenden Titel „Des kleinen Elektromusikers Lieblinge“. Mit den „Lieblingen“ waren drei Trautonium-Instrumente gemeint, frühe Exemplare eines der ersten elektronischen Klangerzeuger der Welt. 



Nach einer Suite von vier Stücken unter dem Titel „The Little Jazz Musician’s Favorites“, die einen kühnen Bogen vom kammermusikalischen Jazz bis zur freien Improvisation schlagen, dabei aber durchgehend im gedämpften Modus bleiben, werden die auf Hindemith bezogenen Titel von den beiden Saxofonisten eloquent in Szene gesetzt, so geschmeidig und einfühlsam gespielt, wie sie von Stefan Schönegg am Baß und Fabian Arends am Schlagzeug begleitet werden. Eine äußerst gelungene Einspielung. 


Hörprobe:

https://schmidshuhn.bandcamp.com/album/hindemith-abstractions

Monday, 31 August 2026

Enthüllungen – Coverart Nr. 2: Capability Brown – Voice

Klappcover / Gatefold: 

Capability Brown - Voice

Capability Brown war ein berühmter britischer Landschaftsarchitekt des 18. Jahrhunderts. Anfang der 1970er Jahre hat sich eine englische Prog-Rock-Band nach ihm benannt. Die sechsköpfige Gruppe spielte einen auf Songs basierenden Rock, bei dem der mehrstimmige Gesang im Mittelpunkt stand. Jeder Instrumentalist war auch Vokalist. Das 1973 veröffentlichte, zweite  Album der Band heisst dann auch "Voice". Es ist weniger wegen der Stimmen bemerkenswert, sondern wegen des Designs des Covers. Es ist ein Klappcover, das wohl aus Vorder- und Rückseite besteht. Jedoch bilden die Vorder- und Rückseite, wenn man die Hülle wie ein Buch auffaltet, zusammen wieder ein geschlossenes Bild, ein originelles Design, das nicht sehr häufig ist. Das Cover wurde von der bekannten Londoner Grafik-Design-Agentur Hipgnosis gestaltet, die für viele berühmte Albumhüllen verantwortlich zeichnete und gelegentlich diese Designkniff anwandten. Pink Floyd und Led Zeppelin zählten zur ihren Klienten. Capability Brown löste sich nach ihrem zweiten Album auf.





Sunday, 30 August 2026

Enthüllungen – Coverart Nr. 1: THE REAL CALYPSO

Bo Diddley paraphrasiert:


"You can't judge a daughter by looking at the mother

You can't judge a record by looking at the cover" – oder doch????





Gestern bin ich wieder einmal auf Schallplattenjagd gewesen und konnte ein paar bemerkenswerte LPs preisgünstig erwerben. Was mir auffiel, als ich mich zweieinhalb Stunden lang durch Kisten von Vinyl wühlte, waren ein paar LPs mit wirklich sehr ansprechend gestalteten Covers, deren Erwerb sich schon allein wegen des Covers gelohnt hätte – ich kaufte sie trotzdem nicht. 

Dabei stieß ich auch auf ein Album des amerikanischen Labels RBF, ein Unterlabel von Moses Asch's Folkways Records. Das Album war von Sam Charters 1966 herausgegeben worden und erhielt wohl anlehnend an Charters Erfolg-LP "The Real Bahamas" den Titel "The Real Calypso". Es ist ein Sampler verschiedener Calypso-Titel unterschiedlicher Künstler aus Trinidad, mit Aufnahmen, die zwischen 1927-1946 entstanden sind, also sogenannten "early recordings", sprich: Schellack-Platten. Wunderbar entspannte Musik aus der Karibik im typischen Calypso-Format! Die LP enthielt noch das wichtige Din A4 Informationsheft mit den Texten und einer Einführung, verfasst von Sam Charters. 

Ein Song von The Atilla & The Lion kommentiert den epochalen Boxkampf zwischen Max Schmeling und Joe Louis von 1936, den der Deutsche überraschend gegen den "Bomber" in der 12. Runder gewann, was als Kräftemessen zwischen Hitler-Deutschland und den USA angesehen wurde, also zwischen Diktatur und Demokratie. Den Rückkampf 1938 entschied Louis in der ersten Runde durch KO-Schlag für sich. Unnötig festzustellen, auf wessen Seite die Sympathien der Calypso-Musiker lagen, die den Afroamerikaner Joe Louis natürlich als einen der ihren verehrten. 

Ich habe Samuel "Sam" Charters 2012 bei einem Aufenthalt in New York getroffen und mit ihm ein langes Interview geführt, in welchem er über seine Feldforschungen sowohl im amerikanischen Süden als auch darüber hinaus erzählte. Das Interview ist in meinem aktuellen Buch "Freak-Sound – Musik abseits der Norm" (edition neue zeitschrift für musik, 2025) enthalten. 

https://christophwagnermusic.blogspot.com/2025/10/buchneuerscheinung-freak-sounds-musik.html

Folkways-Grafiker Roland Clyne
  

Das Design des Covers stammt von RONALD CLYNE und ist in seiner plakativen Kühnheit absolut merkenswert: äußerst reduziert und modern in der Form, klar in der Typografie, beschränkt auf vier Farben. Wie bei den Plattenhüllen von Folkways üblich, wurde auf eine dicke schwarze Kartonhülle, das Blatt mit dem Design geklebt (Heimarbeit!), weswegen Folkways-Platten auch sofort identifizierbar sind. 

RONALD CLYNE war der Hausdesigner von Folkways und hat mehr als 500 Covers für das Label entworfen. Er begann 1948 für Folkways zu arbeiten, wobei ihm Moe Asch den Auftrag gab, eine Formensprache zu entwickeln, die sich von anderen Plattenlabels unterschied und sofort erkennbar sein sollte, was ihm auf exzellente Weise gelungen ist.

Tuesday, 25 August 2026

Zum Tod von Patrick Gleeson (1934-2026)

Interview aus dem Buch:

Christoph Wagner: Geistertöne – Gespräche über Musik jenseits der Genre-Grenzen (edition neue zeitschrift für musik, 2021)

SYNTHESIZER-PIONIER

Dr. Patrick Gleeson über erste Gehversuche mit der neuen Klangmaschine und seine Erfahrungen mit der Elektronik in der Band von Herbie Hancock Anfang der 1970er Jahre 




Dr. Patrick Gleeson (Jahrgang 1934) war ein junger Dozent für englische Literatur an der San Francisco State University. Der langhaarige Hippie kam einigen seiner patriotischen Kollegen verdächtig vor, die ihm mehr und mehr zusetzten und sogar einen Privatdeketiv auf ihn ansetzten. Gleeson hatte keine Lust sich mit ihren absurden Bezichtigungen auseinanderzusetzen und schmiß 1967 seine Dozentur hin. «Die beste Entscheidung, die ich je getroffen haben,» meint er im Rückblick. Schon damals fröhnte Gleeson einer geheimen Leidenschaft: Er war vollkommen dem Synthesizer verfallen. In San Francisco gründete er bald das Different Fur-Studio, das viel mit Synthesizern arbeitete. So kam Gleeson in Kontakt mit dem Jazzstar Herbie Hancock, der ihn in sein Mwandishi-Ensemble holte, nicht unbedingt zur Freude der anderen Bandmitglieder. Gleeson war der einzige Weiße in dieser Band von Afroamerikanern. Als Synthesizer-Pionier tourte er ausgiebig 1972/73 mit Hancock und gab mit seinen elektronischen Sounds den Alben Crossings und Sextant ein noch stärkeres afro-futuristisches Gepräge. Gleeson spezialisierte sich später auf Filmmusik und war an Soundtracks u.a. von Apocalypse now beteiligt. 


Wie entstand Ihr Interesse am Synthesizer?


Patrick Gleeson: Die Schallplatte Switched on Bach von 1968 von Walter Carlos, die sich später Wendy Carlos nannte, hat mich begeistert. Nach neun Jahren Klavierunterricht kannte ich viele der Stücke, die auf dieser Langspielplatte mit dem Synthesizer interpretiert wurden. Es war aufregend, diese Kompositionen klanglich ganz neu zu hören. Daneben faszinierten mich Schallplatten elektronischer Musik, sogenannte musique concrète, weil sie neue Klänge enthielten. Da ich Schönheit mochte, war ich nicht so angetan von den elektronischen Werken von Karlheinz Stockhausen, die Schönheit in Frage stellten. Carlos’ Switched on Bach lag mir viel näher, weil die Intention war, eine wunderschöne elektronische Klanglandschaft zu kreieren.


Wie kamen Sie zu ihrem ersten eigenen Synthesizer?


PG: Das war nicht leicht. Man konnte nicht einfach in einen Laden gehen und einen kaufen. In San Francisco gab es Mitte der 1960er Jahre eine Gruppe junger Avantgarde-Komponisten, die mit einem Buchla-Synthesizer experimentierten, der zeitweise im San Francisco Dancers’ Workshop von Anna Halprin stand und später ins Tape Music Centre am Mills College in Berkeley kam. Mit diesem Synthesizer habe ich meine ersten Fingerübungen gemacht, was die Arbeit mit Klängen zu einer Obsession werden ließ. Ich bastelte an musique concrète-Kompositionen für Theaterstücke der Diggers und anderer radikaler Straßentheatergruppen, die in San Francisco die Artists Liberation Front bildeten. Gleichzeitig vertiefte ich mich mehr und mehr in den Buchla-Synthesizer. Der Direktor des Tape Music Centres billigte mir pro Woche eine Nacht von sechs Uhr abends bis zum nächsten Morgen an dem Instrument zu. Ich fuhr abends mit meinen Motorrad hin, spielte die ganze Nacht auf dem Synthesizer, um morgens mein Seminar an der Francisco State University zu halten. 


Welche Möglichkeiten besaß der Buchla-Synthesizer?


PG: Der Erfinder Don Buchla wollte die Musik aus der Zwangsjacke des temperierten Systems befreien, weshalb er ein konventionelles Keyboard ablehnte. Als sich mir die Chance bot, mit Herbie Hancock auf Tour zu gehen, ging ich die verschiedenen Synthesizer-Hersteller durch – ich brauchte ein Instrument. Zuerst besuchte ich Don Buchla, dem ich von der Tour mit Herbie Hancock erzählte, was kein guter Start war, denn für Buchla war Hancock ein kommerzielle Musiker – igitt! Als ich dann sagte, dass ich gerne ein Instrument mit Klaviertastatur hätte, war das Gespräch beendet. Später fand ich heraus, dass der Buchla-Synthesizer auch mit Keyboard nicht stabil genug gewesen wäre, tonale Musik zu machen. Das wohltemperierte System war einfach nicht die Sache von Don Buchla. Ich versuchte dann einen Moog zu erwerben, der jedoch viel zu teuer war. Dadurch kam ich in San Francisco in Kontakt mit John Vieira, der einen kleinen Moog besaß. Aus der Begegnung mit Vieira entwickelte sich eine Freundschaft, die zur Gründung des Different Fur Studios in San Francisco führte, wo Taj Mahal und Van Morrison aufnahmen und der Soundtrack für Francis Ford Coppolas Film Apocalypse Now entstand. Meine Jagd nach einem Synthesizer war dann doch erfolgreich: Alan R. Pearlman von der Firma ARP Instruments war hoch erfreut, mir einen ARP Synthesizer 2600 zu verkaufen, mit dem ich arbeiten konnte. 


Wie haben Sie das elektronische Monster gezähmt?


PG: Ich empfand den ARP 2600 nicht als Monster, sondern als eine liebenswerte Maschine, der ich mit viel Zuneigung begegnete und die ich mehr und mehr zu erkunden begann. Ich hätte sie küssen können. Ich hatte in meinem frühen Leben ein bisschen Ingenieurwissenschaften studiert, was half. Dazu kamen die unendlichen Möglichkeiten, die diese Maschine bot. Es war absolut aufregend. Es gab keine Grenzen. Ich experimentierte einfach drauf los ohne Furcht, sonst wäre ich nicht Mitglied in der Band von Herbie Hancock geworden.


Hatten Sie davor den Synthesizer bereits in anderen Gruppen eingesetzt?


PG: Nicht live im Konzert, nur im Studio. Ich hatte mit Jefferson Airplane und Jefferson Starship gearbeitet, auch mit Patti LaBelle. Doch war das nie in Konzerten, sondern reine Studioarbeit – over-dubbing! Allerdings traten wir in den Pausen bei psychedelischen Rockkonzerten etwa im Avalon Ballroom in San Francisco auf. Wir bauten die Maschine auf und setzten sie in Gang. Das Publikum war derart high, dass sie auf alles abfuhren.


Kein schlechter Start einer Musikerkarriere, gleich in der Gruppe von Herbie Hancock zu beginnen, die damals als eine der besten, wenn nicht als die beste Jazzcombo der Welt galt. Wie kamen Sie in die Band?


PG: Ein Produzent, für den ich arbeitete, erzählte Herbie Hancock von mir. Hancock bewegte sich seit Miles Davis immer mehr in Richtung Electric Jazz. Er spielte Fender-Rhodes-Piano mit einer Echobox und war stark am Synthesizer interessiert. Zuerst war nur vorgesehen, dass ich für Herbie die Synthesizer-Einstellungen machen sollte. Mit dem Mwandashi-Sextett nahm er damals gerade das Album Crossings auf. Ich traf mich mit Herbie in meinem Studio, wir redeten und er hatte das Tonband dabei mit dem Titel Quasar. Ich führte ihm vor, was ich zu machen in der Lage wäre. Er gab mir daraufhin den Auftrag, ein paar Aufnahmen von Crossings mit dem Synthesizer zu bearbeiten. 

  

Wie gingen Sie an die Sache heran?


PG: Ich nutzte den Synthesizer zur Orchestrierung, als Maschine, die Klangfarben hervorbringen konnte und damit einen Kontrast schuf zu anderen Instrumenten. Wenn Bennie Maupins Saxofonobertöne mit dem Klang von Herbie Hancocks Fender-Rhodes-Piano verschmolzen, versuchte ich diesen Sound nachzuempfinden, um ihn dann noch mit mehr Obertönen zu erweitern oder undeutlicher zu machen. Es ging darum, sich einzublenden und sich in das Klanggeschehen einzufügen, um letztlich als Gruppe zu einer Klangeinheit zu verschmelzen. Die Musik war auf konventionelle Weise strukturiert, und die Melodie und die Begleitakkorden lose notiert: Jedes Stück hatte ein Thema, dann gab es Solos und bestimmte Übergänge, die die Komposition in andere Gefilde führte.  



Patrick Gleeson und Herbie Hancock, 1973.


Worin bestanden die Schwierigkeiten, mit dem Synthesizer auf Tour mit Herbie Hancock zu gehen?


PG: Es war eine zweifache Herausforderung. Der Synthesizer war ein feinfühliges elektronisches Instrument und wurde von einem Roadie betreut, der mich nicht unbedingt in der Band haben wollte und jetzt noch mehr zu schleppen hatte. Am letzten Tag der Tournee fiel der Synthesizer dann auch «aus Versehen» eine 3m hohe Laderampe hinunter. Wir spielten ununterbrochen: drei Sets pro Abend und das sechs Tage die Woche, manchmal noch sonntags eine Matinee. Und obwohl wir ein beachtliches Repertoire hatten, spielt man bei so vielen Auftritten zwangsläufig immer wieder dieselben Stücke, was mir bei der Orientierung half und mich sicherer machte. Wenn man kreativ ist, fängt man dann zu variieren an und verändert, was man tut. Sogar die Leitmelodie eines Stücks bot Variationsmöglichkeiten und entwickelte sich im Laufe der Zeit. Es war wunderbar in dieser Band zu spielen, und Herbie Hancock war der beste Bandleader, den man sich denken kann. 


Wie schwierig war das Interagieren mit den anderen Instrumentalisten?


PG: Wir befinden uns in der Anfangsphase des Synthesizers, als Programmieren noch nicht möglich war. Ich stöpselte also mit Kabeln die Sounds zusammen. Ich hatte zusätzlich zwei Oszillatoren angeschlossen, benutzte ein Wah-Wah-Pedal und ein Echogerät. Man hatte also all diese Möglichkeiten. Die Schwierigkeit war, sie schneller als schnell anzuwenden. Wenn man auch nur kurz innehielt und überlegte, welcher Sound jetzt passen würde, war es schon zu spät. Die Musik war schon weiter, der Augenblick verflogen. Deswegen war Geschwindigkeit alles. Zögerlichkeit führt ins Desaster mit Musikern dieses Kalibers. Ich musste bei den Improvisationen intuitiv reagieren. Nicht denken – machen! Ich leerte meinen Geist und versuchte vollkommen im Augenblick zu sein. Ich übte jeden Nachmittag drei, vier Stunden mit dem Synthesizer, um vertrauter zu werden, was mit der Zeit auch geschah. Ich wusste genau, was ich machen musste, um diesen oder jenen Klangeffekt zu erzielen. Man muss die Maschine meistern, bevor man etwas damit anstellen kann. Das war der Schlüssel! Dabei handelte es sich um Fähigkeiten, die niemand jemals zuvor entwickelt hatte. Gleichzeitig musste man Risiken eingehen und nicht alles zu sehr kontrollieren. Allerdings war mir immer bewußt: Alles konnte jederzeit vollkommen daneben gehen. Ich musste furchtlos sein und machen, was zu machen war, auch auf die Gefahr hin, abzustürzen.


Wie reagierten die anderen Mitglieder von Hancocks Band auf das elektronische Instrument?


PG: Anfangs fanden sie es furchtbar – nicht nur musikalisch. Sie hatten das Gefühl, das mein Eintritt die Integrität der Band beschädigte. Es waren die frühen siebziger Jahre, die Ära von Black Power. Jeder in der Band war schwarz und hatte einen Name in Swahili – außer mir! Ich war der einzige Weiße. Meine Mitmusiker fühlten sich als Teil der afrikanischen Diaspora, Fremde in einem fremden Land, die sich als Gruppe von «Brothers» in einer feindlichen Umgebung durchschlugen. Und plötzlich war da ich, der Weiße, der die Einheit störte. Sie machten Witze über mich. Bei der ersten Probe fragte mich Buster Williams, der Bassist, wie mein Instrument heißen würde? «Synthesizer», sagte ich. «Das ist mir schon klar», erwiderte er. «Ich meinte: Was ist sein Markenname?» «ARP 2600,» antwortete ich. Er: «Hört sich wie ein Staubsauger an!» Mit der Zeit merkten sie, dass ich etwas Interessantes beizutragen hatte. Heute räumen Buster Williams oder Bennie Maupin ein, dass mein Beitrag die Art und Weise wie sie Musik machten und hörten, verändert hat. 


Wie war die Haltung von Herbie Hancock?


PG: Er stand total drauf – Punkt! Er hatte nie den geringsten Zweifel, dass die Richtung stimmte. Er gab mir alle Freiheiten und ließ mich einfach machen. Ich wohnte damals in diesem Kommune-Haus in San Francisco, wo wir im Erdgeschoß das Different Fur-Studio betrieben. Jeden Abend ging ich runter mit dem Album In a Silent Way von Miles Davis unterm Arm, und nahm mir einen Titel vor, dem ich Synthesizer-Sounds beimischte. Ich hatte also Übung in dieser Tätigkeit. Als Herbie mir den Auftrag gab, für Crossings das selbe zu machen, habe ich das komplett auf dem Moog-Synthesizer realisiert, der im Studio stand. Als ich mich mit Herbie Hancock vier Tagen später wieder traf, und er hörte, was ich gemacht hatte, war er mehr als angetan. 


Wie reagierte das Publikum?


PG: Nicht gerade positiv. Ich wurde beschimpft, gelegentlich recht unflätig. Die Stimmung war angespannt bis gereizt. Sie mochten Herbie, mich mochten sie nicht. Sie liebten Jazz, aber nicht mit Elektronik. Der typisch weiße Jazzkenner aus der gebildeten Mittelschicht lehnte die Elektronik im Jazz ab, auch Fans aus der afro-amerikanischen Community zeigten ihren Unmut wegen dieses Einbruchs in die schwarze Kultur. Nur die Jüngeren waren begeistert. Die Emotionen schlugen hoch. Bei der ersten Tour, und wir waren jedes halbe Jahr Wochen unterwegs, schlug mir eine Welle der Ablehnung entgegen. Zuhörer meinten: «Was will dieser Telefon-Umstecker in der Band?» Es brauchte Zeit, bis die Leute respektierten, was ich machte. 



Dann kam das Album ‘Sextant’….


PG: Sextant war anders. Anstelle des Moog-Synthesizers benutzte ich im Studio den ARP 2600 wie auf der Tour, wobei ich mit der Maschine inzwischen schon recht vertraut war. Das Album wurde fast vollständig live im Studio eingespielt, das meiste ist improvisiert, ohne viele Nachbearbeitungen oder Over-Dubs. Natürlich lernten wir die Stücke und die Melodien, und dann hing es von unserer Kreativität ab. Doch nach all den Auftritten waren wir ein blendend eingespieltes Team. 


‘Rain Dance’ ist das Eröffnungsstück der Platte, es beginnt mit zuckenden Synthesizertönen, ein Muster, das sich durch das ganze Stück zieht. Wie kam dieses Intro zustande?


PG: Die Einleitung von Rain Dance entstand mit Hilfe einer Effektbox. Jim Cooper war nach einem Konzert mit einem kleinen Effektgerät zu mir gekommen, führte es vor und fragte, ob ich es kaufen wolle. Es war ein Random Resonance Generator, der mir nützlich zu sein schien. Doch ich hatte die 300 Dollar nicht, was einem Wochenlohn bei Herbie Hancock gleichkam. Also hat Herbie bezahlt. Cooper war damals noch sehr jung und seine später berühmte Musikelektronikfirma JL Cooper Electonics, die auf Effektgeräte spezialisiert war, steckte noch in den Kinderschuhen. Ich habe später nie mehr eine solche Box gesehen. Sie muß in sehr kleinen Stückzahlen produziert worden sein.


Was denken Sie generell über den Gebrauch des Synthesizer im Jazz?


PG: Ich habe das Gefühl, das das Terrain für elektronische Klänge im Jazz noch zu 90% unerforscht ist. Man benutzt den Synthesizer vor allem als Keyboard-Instrument. Aber es gibt noch Welten da draußen, die wir in den frühen 1970er Jahren mit unseren beschränkten Mittel höchstens angekratzt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass der Synthesizer noch viel stärker das zentrale Herzstück eines Jazzensembles bilden könnte mit seinen klanglich nahezu unbegrenzten Möglichkeiten.


aus: 

Christoph Wagner: Geistertöne – Gespräche über Musik jenseits der Genre-Grenzen (edition neue zeitschrift für musik, 2021)