Thursday, 16 April 2026

Ralph Alessi beim Jazzclub Singen

Konzentrierte Andacht

Der amerikanische Trompeter Ralph Alessi und sein Escalation Quartet in Singen


Fotos: C. Wagner


Neben Dave Douglas, Kirk Knuffke und Taylor Ho-Bynum, die alle schon beim Jazzclub Singen zu Gast waren, gilt Ralph Alessi als einer der besten Blechbläser der aktuellen amerikanischen Jazzszene: Jetzt machte der Trompeter mit seinem Escalation Quartet auf seiner Europatournee einen Abstecher aus Italien nach Singen in die Gems, um zu demonstrieren, was es heisst, modernen Jazz auf höchstem Niveau zu spielen. 

Der Pianist Matt Mitchell, Ches Smith am Schlagzeug und der Bassist John Hébert bilden seine Band, die allesamt zum Spitzenpersonal der New Yorker Jazzszene gehören, das immer noch führend auf der Welt ist, wenn ihm auch Berlin allmählich den Rang abläuft.


Makellose Spieltechnik und große Virtuosität, dazu viel Fantasie und Originalität sind die Qualitäten, die heute einen hervorragenden Jazzmusiker ausmachen, und Alessi und seine drei Mitstreiter verfügen über jede dieser Tugenden.



Impulsiv geht Schlagzeuger Ches Smith zur Sache, der seine Lehrjahre in konventionellen Jazzbands sowie beinharten Rockgruppen verbrachte, was man seinem dynamischen Spiel anmerkt. Pianist Matt Mitchell läßt die Töne nur so aus der Tasten perlen, während John Héberts zupackende Basslinien für klare Konturen und feste Erdung sorgen. Mit einer Reihe von Dämpfern variiert der Bandleader den Klang seiner Trompete und sorgt so für klangliche Vielfalt.


Alessi bringt diese Fähigkeiten von sich und seinen Mitstreitern in Kompositionen zur Entfaltung, die oft vertrakt wirken, kontrapunktisch verschachtelt sind und mit überraschenden Stopps und Akzenten arbeiten, obwohl er auch lyrische Balladen im Repertoire hat, die das Quartett zart und träumerisch in Szene setzen. Die Stücke bieten jedem der Musiker die Möglichkeit, in langen Improvisationen ihr ganzes Können und ihre Kreativität unter Beweis zu stellen. Im Laufe des Konzerts gelang es dem Ensemble, die Zuhörer mehr und mehr in den Bann zu ziehen und eine Stimmung zu erzeugen, die hoch konzentriert und ergriffen eher einer Andacht glich.




Monday, 13 April 2026

Zum Tod des englischen Jazzmusikers MIKE WESTBROOK (1936–2026)

Auf dem Seil zwischen U und E


Mike Westbrook über sein eindrucksvolles Lebenswerk, das sich über mehr als ein halbes Jahrhundert spannt und bis heute hohe Kunst mit großer Unterhaltung zu verbinden sucht 
 






















Interview von Christoph Wagner

Sein ebenso umfangreiches wie originelles Werk machte Mike Westbrook (Jahrgang 1936) zu einem Giganten der britischen Jazzszene. Nie folgte der Komponist und Pianist den allerneusten Moden, sondern ging unbeirrt seinen eigenen Weg, der ihn so manch ungewöhnliche Abzweigung nehmen ließ – meistens Hand in Hand mit seiner Frau, der Vokalistin Kate Westbrook. Westbrooks Gruppen nahmen über die Jahre verschiedene Inkarnationen an: Jazzcombo, Bigband, Rockjazzgruppe, Blas-, Straßen- und Dorfkapelle, Film- und Theater-Ensemble, Tanzkapelle, Zirkusband und Orchester. Dazu kamen Soloauftritte, die Maßstäbe setzten und oft den Geist von Duke Ellington atmeten, eines seiner großen Vorbilder.

Förderte ihr familiäres Umfeld das Interesse an Musik?

Mike Westbrook: Alle in meiner Familie waren an den Künsten interessiert. Sie waren sehr musikalisch. Meine Mutter war eine diplomierte Klavierlehrerin, die an der Royal Academy studiert hatte. Meine Großmutter hielt einen Doktorgrad in Musik und arbeitete mit Chören. Aber meine Mutter konnte ihre musikalischen Ambitionen nie in der Weise folgen, wie sie es vielleicht gerne getan hätte, weil die familären Pflichten sie zu sehr in Anspruch nahmen. Sie hatte zwei Kinder im Krieg zu versorgen. Es ging hauptsächlich darum, über die Runden zu kommen.

Wo wuchsen Sie auf?

MW: In High Wycombe, im Umland von London. In den Vororten von London verbrachte ich meine Kindheit, bevor wir nach Südwest-England ans Meer zogen, nach Torquai in Devon. Neben der Musik spielte Theater eine große Rolle in meiner Familie. Meine Eltern waren beide leidenschaftliche Amateur-Schauspieler. Wenn die Zeiten anders gewesen wären, wären sie vielleicht professionelle Schauspieler geworden. Aber damals war es wichtig, einen richtigen Beruf zu haben. 

Was arbeitete ihr Vater?

MW: Er war bei einer Bank. Aber seine echte Liebe galt dem Theater. Er verwendete seine ganz Freizeit darauf, Theaterstücke auf die Bühne zu bringen. Er führte Regie und gründete ein Amateurtheater. Er war sehr ambitioniert. Zwischen all diesen Aktivitäten wuchs ich auf. Mein Vater mochte Jazz und verwendete oft Jazznummern in seinen Theaterinszenierungen. Ein Stück von Duke Ellington bei einer Aufführung wurde für mich zum Schlüsselerlebnis. Mir fiel die Aufgabe zu, bei dieser Produktion die Musik zu liefern. Ich wurde hinter der Bühne mit zwei Plattenspielern positioniert und legte die entsprechenden Schellacks auf.

Sie begannen ihre musikalische Karriere also als DJ?

MW: So könnte man sagen. Eine der Scheiben war ‘Black and Tan Fantasy’ von Duke Ellington, was mich richtig begeistert hat. Mein Vater befeuerte mein Interesse, indem er mir ein Album kaufte, das die Ellington-Klassiker aus den 1940er Jahren enthielt. Die Schallplatte habe ich noch immer. Sie ist vom vielen Spielen inzwischen ziemlich zerkratzt und abgewetzt. Das war für lange Zeit die einzige LP, die ich besaß. Danach fing ich mit Musikmachen an. In dem Internat, das ich besuchte, gab es eine Musikabteilung. Mir wurde eine Trompete ausgehändigt. Aber – was man sich heute kaum vorstellen kann – Jazz war an dieser Schule verboten, was mir schon früh etwas über die subversive Natur des Jazz mitteilte, der von Teilen der Gesellschaft als Bedrohung betrachtet wurde. Es ist die Angst vor der Freiheit. Selbst heute noch gibt es diese Ressentiments, weil Jazz die Konventionen herausfordert. Ich spielte dann Trompete auf eine recht einfache Art und Weise. Erst als ich die Schule verließ, bekam ich ein paar Trompetenstunden.

Traten Sie einem Blasorchester bei?

MW: Nein, ich spielte nie in einer Band mit Ausnahme meiner eigenen Gruppen. Von da an war es ein langer Kampf, mir die Grundlagen des Trompetenspiels zu erarbeiten. Zudem hatten wir einen Flügel daheim, den ich immer noch habe. Auf dem versuchte ich mir das Klavierspiel beizubringen, das Notenlesen und das Improvisieren. Nach Jahren zeitigten meine Versuche Früchte. Aber ich hatte nie die Absicht professioneller Musiker zu werden. Ich machte verschiedene Jobs, dann den Wehrdienst, besuchte danach die Universität für ein Jahr, um anschließend auf die Kunsthochschule zu wechseln, was das Beste für mich war.
                              
Sie gehören also zu jener englischen Spezies von Musikern, die Kunst studiert haben?
                                                                         Westbrooks frühes Sextett
MW: Das war nicht unüblich in den 1950er und 1960er Jahren. An der Kunstakademie in Plymouth gründete ich meine erste Band. Wir waren eine Art Skiffle-Gruppe, in der ich auch Gitarre spielte und den Blues sang. Wir hatten einen sehr guten Posaunisten, und mit meiner Trompete und einer wechselnden Ryhthmusgruppe machte das damals unsere Gruppe aus. Dann kam ein Saxofonist dazu, und noch einer, der John Surman hieß. Auch unser Gitarrist Keith Rowe war ein Kommilitone. Wir spielte regelmäßig im Keller des Kunstzentrums von Plymouth, was der Ausgangspunkt für alle späteren Entwicklungen war. Wir hatten eine vierköpfige Bläsergruppe, was mich anregte, Arrangements zu schreiben, die ich am Klavier ausarbeitete. Ich entdeckte, dass ich Talent dafür besaß. Wir spielten nicht Dixieland, sondern modernen Mainstream-Jazz. Nach fünf Jahren war ich so versiert, dass ich für eine Band mittlerer Größe die Arrangements schrieb. Die Möglichkeiten einer Bigband inspirierten mich, wobei Ellington das große Vorbild war. Wir zogen dann nach London. Musiker wie der Saxofonist Mike Osborne kamen dazu. Ich war damals noch kein professioneller Musiker, aber die Band wurde ein ernsthafteres Unterfangen: Wir fingen an, Gigs zu spielen, dann Radiokonzerte. Allerdings war es nahezu unmöglich, eine 12-köpfige Band am Leben zu erhalten, weil man vom Enthusiasmus der Musiker abhängig war. Wir schrumpften dann auf Sextett-Größe, was meine erste professionelle Gruppe war. Wir traten beim Montreux Jazzfestival auf und wurden eine Art Hausband im Jazzclub von Ronnie Scott. Am Samstag spielten wir die ganze Nacht durch bis zum Sonnenaufgang. Über Jahre war diese Gruppe der Kern meiner Aktivitäten. Durch die Hinzunahme von Bläsern wurde daraus die Concert Band, mit der ich dann erste Schallplattenaufnahmen machte. Ich gab dann meinen Brotjob auf und konzentrierte mich vollkommen aufs Musikmachen, war dabei in die verschiedensten Projekte involviert.

Theatermusik war eines davon?

MW: Ich leitete mit dem Theatermacher John Fox ein paar Jahre eine Musiktheatergruppe, die The Cosmic Circus hieß. Das war Straßen- und Aktionstheater mit Zirkusnummern. Wir traten damit bei großen Ereignissen auf. Das war eine Zeit lang sehr wichtig. Daneben schrieb ich Musik für ein Musical im Londoner Westend nach Texten von William Blake. Damals entwickelte sich meine Karriere in alle möglichen Richtungen. Aber ich hatte weiterhin eine Band, deren Besetzung sich natürlich veränderte. Meine Rockjazzgruppe Solid Gold Cadillac ging daraus hervor, und dann änderte sich alles relativ abrupt und wir machten Straßenmusik. Wir distanzierten uns von der Bigbandmusik, vom Jazz. Wir fingen noch einmal von vorne an und fragten uns: „Was können wir als Musiker machen, wenn wir hier auf der Straße stehen?“

Westbrooks Brassband
 
Was war die Idee dahinter? Wollten Sie den Elfenbeinturm der Kunst verlassen?

MW: Das würde bedeuten, wir hätten irgendwann eine bewußte Entscheidung getroffen. Das war aber nicht so! Wir machten immer nur dort weiter, wo sich eine Tür öffnete. Unsere Einstellung änderte sich durch die Arbeit als experimentelles Straßentheater. Wir fanden Musiker und Musikerinnen wie Phil Minton und meine Frau Kate Westbrook, die vielleicht politisch bewußter waren und denen der Elitismus des Jazz nicht behagte. Sie waren auf der Suche nach etwas Neuem: der Posaunist Paul Rutherford kam dazu sowie der Saxofonist Lol Coxhill, ein anderer freier Kopf, der sich gerne in neue Situation begab. Unsere Philosopie war, dass wir alles spielen würde, was jemand in der Band für würdig erachtete und wir würden überall auftreten, wo man uns haben wollte. Es war so einfach und doch so revolutionär! Wir traten in den verrücktesten Situation auf, ein paar Mal sogar bei riesigen Rockfestivals, wo wir eine Art Guerilla-Auftritt absolvierten, bevor die Hauptband auf die Bühne kam. Da wir akustisch spielten, waren wir mobil und flexibel. Wir spielten in Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen, auch in Gefängnissen oder auf der Straße. Das war ungeheuer befreiend und wir spielten alle Arten von Musik: populäre Lieder, Hymnen, alles, was den Leuten gefällt, dazu kamen viele Improvisationen.

Waren die Straßenkapellen von New Orleans ein Vorbild?

MW: Klar, und wir spielten sogar ein paar Stücke aus dem New Orleans Repertoire. Die Idee von „Music in the Community“, also einer Musik vor Ort, in der lokalen Gemeinde, daran glaube ich bis heute und ein Element davon ist in allem, was ich mache. Über die Jahre habe ich den Jazz auch so begriffen: eine kreative Musik, die für eine bestimmte „community“ von Bedeutung ist. Als Jazz noch Unterhaltung war, hatte er einen zentralen Platz im Leben vieler Leute. Es war Musik für religiöse Zwecke. Er wurde bei sozialen Zusammenkünften gespielt, bei Beerdigungen – der Jazz hatte also eine wichtige Funktion im sozialen Leben, was mir als seine wahre Aufgabe erscheint. Aber die Musik sollte immer kreativ sein, offen, nicht immer nach dem gleichen Muster gestrickt. Es sollte kreative, experimentelle und neue Musik sein, aber im öffentlichen Raum und nicht nur in Konzertsälen präsentiert werden. Warum keine Avantgarde-Musik an der Straßenecke? In den frühen 1970er Jahren war das völlig außergewöhnlich. Heute wird es viel häufiger praktiziert. Damals entfremdeten wir uns ziemlich von der Jazzwelt. Wir spielten kaum noch in Jazzclubs, dafür traten wir an allen möglichen anderen Orten auf. Die Jazzwelt vergaß uns. Aber wir entdeckten, dass es etwa in Frankreich, Italien oder der Schweiz ein Publikum für unsere Experimente mit Straßenmusik gab. Die Blaskapelle schaffte den Durchbruch beim Jazzfestival in Willisau 1977, wo wir täglich um die Mittagszeit in einem Zelt spielten so lange wir wollten. Das war ideal für unseren Ansatz.

Unser William Blake-Projekt besaß die größten Anknüpfungspunkte zur politischen Bewegung. Wir spielten das Blake-Programm 1978 beim Festival „Rote Lieder“ in Ostberlin in der DDR, wo Musiker aus Kuba und Südafrika anwesend waren. Aus der Arbeit mit der Blaskapelle entwickelte sich die Vision einer größeren Komposition, die das alles reflektieren sollte und die den Titel „The Cortège“ erhielt. Das war die Rückkehr zu einer größeren Formation.

Sie arbeiten oft thematisch…

MW: Richtig. Wir haben eine ganze Reihe thematischer Stücke realisiert, wenn wir allerdings „live“ auftreten, ist das meistens mit einer kleineren Band, wobei wir dann die Stücke spielen, die uns gerade interessieren. Das können Jazzstandards sein oder Songs oder auch unsere eigenen Kompostionen. So betrachtet, arbeiten wir wie jede andere Band. 

Wenn es zu thematischen Kompositionen kommt, hat das oft mit einem Kompositionsauftrag für einen besonderen Anlaß zu tun, wie unser Rossini-Programm, das für die Stadt Lausanne für ein „Wilhelm Tell“-Festival entstand. Unser „Off Abbey Road“-Programm entstand, weil wir in Italien an einem Festival teilnahmen, das der Musik der Beatles gewidmet war. Für eine Jazzband ist das eine Herausforderung. Ich hörte mir alles von den Beatles an und entschied dann, das „Abbey Road“-Album neu zu interpretieren. 

Duke Ellington scheint gleichfalls eine wichtige Inspiration zu sein…

MW: Bei ihm kommt alles zusammen: Jazz als hohe Kunst, die gleichzeitig große Unterhaltung ist. Jazz war ja Tanzmusik bis in die 1950er Jahre. Wo immer Leute sind, sollte auch Jazz sein! Natürlich ist es Showbusiness, aber es ist kreatives Showbusiness. Jazz gibt dem Publikum nicht nur, was es bereits kennt, sondern geht darüber hinaus. Natürlich ist es wunderbare Tanzmusik, aber gleichzeitig interessant und innovativ. Duke Ellington tanzte gekonnt auf dem Seil zwischen U und E. Er konnte beide Spähren zusammenbringen. Als er auf Tournee in England war, spielte er nicht in den großen Konzerthallen, sondern in Kinos und Varietés, also an Orten der Unterhaltung. Ein ähnlicher Schlüsselmoment war Sgt. Pepper 1967 für mich, als die Beatles Popmusik mit Avantgarde-Klängen verbanden. Das war ein Wendepunkt. Danach kam Abbey Road, das ebenso viele musikalische Elemente verarbeitete, die man nicht unbedingt der Popmusik zurechnet. Als wir mit dem Material von Abbey Road arbeiteten, damit experimentierten und darüber improvisierten, hatten wir das Gefühl, das wir es weiterspinnen würden, allerdings mit enormen Respekt vor dem Original. Man holt das Publikum da ab, wo es ist, und führt es an Plätze, wo es noch nie war, ohne dass man es verliert. Das ist die Herausforderung, um die es geht. 

Veröffentlichungen:
The Mike Westbrook Concert Band: The Last Night At The Old Place (Cadillac Records)
Mike Westbrook: Starcross Bridge (Hathut Records) 
Mike Westbrook Orchestra: Catania (Westbrook Records)
Mike Westbrook: In Memory of Lou Gare (Westbrook Records)

Tuesday, 7 April 2026

Jamie Muir – Musiker und Künstler

In The Court of the Crimson King

Wie King-Crimson-Perkussionist Jamie Muir (1945–2025) zum Buddhisten, dann zum bildenden Künstler wurde

1973 hätte er mit King Crimson zum Konzert nach Sindelfingen kommen sollen. Sein Name  stand auf dem Plakat. Doch kurz bevor die Band zur Europatournee aufbrach, stieg Jamie Muir aus. Er zog sich in ein buddhistisches Kloster in Schottland zurück und entsagte der Welt der Popmusik und des Shwobusiness'. 


Jamie Muir war ein begabter Trommler und Perkussionist, wie auf dem Album "Larks' Tongues in Aspic" von King Crimson zu hören ist. Er brachte ein anarchisches Element in die sonst so kompakte, rationale und logisch-durchorganisierte Musik von Robert Fripp ein. 


Auf Youtube ist King Crimson mit Jamie Muir zu sehen bei einem Auftritt 1973 im Beat-Club von Radio Bremen mit dem Titelstück ihres damals aktuellen Albums "Larks' Tongues in Aspic":

Muir kehrte später für kurze Zeit in die Welt der Musik zurück. Er nahm ein hörenswertes frei-improvisiertes Album mit Derek Bailey (Gitarre) auf: 


Danach widmete er sich nahezu vollständig nur noch der bildenden Kunst, wobei seine Werke ein breites Spektrum an Stilen abdecken. Letztes Jahr ist Muir im Alter von fast 80 Jahren gestorben. Jetzt waren seine Werke in zwei Ausstellungen in England zu sehen.  







Ausstellungskatalog:

Jamie Muir (1945-2025) Carry me Gently home. (www.jamiemuirart.com)

Sunday, 5 April 2026

Abenteuer im Vinyl-Land: The Incredible String Band

Robin Williamson und die Incredible String Band


Heute fiel mir auf einer Secondhand-Schallplatten-Börse die LP "Myrrh" von Robin Williamson (von der Incredible String Band) in die Hände, 1971 auf Island erschienen. In der Schallplattenhülle fand sich ein Werbeblatt für Williamsons damals neu erschienen Gedichtsband "Home Thoughs From Abroad", der 1972 herauskam. 


Auf der Rückseite dieses Blatts befanden sich Autogramme der Mitglieder der Incredible String Band, von ca. 1972-74, adressiert an einen gewissen Graham & Pauline. Es waren die Unterschriften der beiden Urmitgliedern der Incredible String Band, Robin Williamson und Mike Heron, sowie Jack Ingram (Schlagzeug) und Malcolm LeMaistre (Bass). What an incredible find!!!!


Hörprobe: 


Saturday, 4 April 2026

Die Rolling Stones 1964

Die Rolling Stones 1964 auf US-Tournee

Vor ein paar Tagen ist mir in einem Secondhand-Plattenladen eine sehr frühe EP von den Rolling Stones in die Hände gefallen. In der Größe einer Single enthält die Schallplatten anstatt nur zwei Nummer fünf Titel. Wie auf der Rückseite des Covers zu lesen ist, wurde sie während der ersten Amerika-Tour der Stones 1964 in Chicago aufgenommen. Die Tour war Teil der sogenannten "British Invasion". Chicago war die Stadt, wo die Helden der Stones wohnten, sozusagen ihre spirituelle musikalische Heimat: Muddy Waters und Howlin Wolf lebten dort, die alten Bluesbarden, die jetzt elektrischen Rhythm & Blues spielten. Kein Wunder, dass die Stones dort ins Studio wollten. Fünf Titel enthält die EP, zwei von den Rolling Stones, die anderen von Wilson Pickett, Jay McShann und Chuck Berry. Ein gewisser Mike Jagger wird als Harmonikaspieler aufgeführt, bei dem es sich natürlich um Mick Jagger handelt, der auch als Sänger genannt ist. 


Hörprobe: 


Friday, 3 April 2026

Roadmanager – ein Job im Rockgeschäft

WARM DUST, BRIAN AUGER, DEEP PURPLE etc.

Ron Kilburn über 40 Jahre als Roadie im Popgeschäft

Nach langer Suche und intensiven Recherchen bin ich endlich auf einen damals Beteiligten gestoßen, der mir über die Aktivitäten der Progrock-Formation WARM DUST Auskunft geben konnte. Die sechsköpfige Band war Anfang der 1970er Jahre viel im Südwesten Deutschlands unterwegs, wo sie bei Konzerten und Festivals (z. B. dem Konstanzer Open-Air 1970) überzeugten. Ich habe sie damals im Museumsaal in Hechingen gehört und war sowas von beeindruckt. Ron Kilburn war einst der Roadie von WARM DUST. Heute lebt er in Trawden, einer kleinen Ortschaft  im nordenglischen Lancashire.

Ron Kilburn zeigt seinen Backstage-Pass (mit versilbertem Totenkopf), extra angefertigt für eine Tour mit Keith Richards 


Zeitungsankündigung für einen Auftritt von WARM DUST in Urach, 1971

                               


        WARM DUSTs Tourplan im April 1971 aus der englischen Musikzeitung Melody Maker


Nach WARM DUST war Ron Kilburn für BRIAN AUGER'S OBLIVION EXPRESS als Roadie tätig, dann für  EMERSON, LAKE & PALMER, danach für DEEP PURPLE, alles Bands, die intensiv in Südwestdeutschland auftraten. Durch seine  Freundschaft mit Paul Carrack (Keyboarder von WARM DUST) landete er bei ACE. Mit DEEP PURPLE war er auf etlichen US-Tourneen. Er ließ sich dann in den USA nieder, um weiter als Tourmanager für TOM PETTY & THE HEARTBREAKERS und andere zu arbeiten. 

Bei Kilburn handelte es sich um einen echt erfahrenen Profi hinter den Kulissen im Rockgeschäft. Es war absolut faszinierend, was er zu berichten hatte, z.B. was für ein exzellenter und fairer Bandleader BRIAN AUGER war, wieviel Spaß er mit WARM DUST hatte, die in einem Haus in London als Bandkommune zusammen wohnten und viel auf dem europäischen Festland unterwegs waren. An das Konstanzer Open-Air 1970 konnte er sich noch erinnern, vor allem wegen des Dauerregens.

 Er zögerte zuerst, den Roadie-Job bei DEEP PURPLE anzunehmen, weil RITCHIE BLACKMORE eine denkbar schlechte Reputation hatte (er galt als launisch und konnte zornig werden), mit dem Kilburn dann aber sehr gut auskam, im Gegensatz zu CARL PALMER, dessen persönlicher Schlagzeug-Roadie er länger war. PALMER sei ein Perfektionist und deswegen sehr schwierig im Umgang.

Ein Kiste von Backstage-Pässen erzählt von einem Leben als Rock-Roadie

Hörprobe:

Warm Dust – Indian Rope Man (youtube)



Wednesday, 1 April 2026

Als der PUNK nach Sindelfingen und Böblingen kam

Ein GASTBEITRAG von SIMON STEINER

Autor des Buchs "Wie der Punk nach Stuttgart kam (1977-1983)"


T R I O L O G – PUNK AUS SINDELFINGEN

Die Band TRIOLOG trat 1980 im Sindelfinger Jugendhaus auf. „Dort liefen nur Hippies herum, in lila Latzhosen und mit langen Haaren. Wir provozierten und schockierten die mit unsren kurzen Haaren und unserem rebellischen Verhalten aber insbesondere mit unserem Krach, laut und schnell! Und einfach, drei Akkorde, weil wir alle kaum spielen konnten. Wir wollten halt den Zeitgeist widerspiegeln: Kalter Krieg - düster, grau, kalt."  Mink, Schlagzeuger von TRIOLOG


Die Proben der Punks fanden in Böblingen in der Ami-Kaserne statt.
Die Bandplakate wurden im Jugendhaus im Siebdruckverfahren hergestellt, und auch die Evangelische Kirche in Maichingen unterstützte die Band mit Auftrittsmöglichkeiten. Punks waren zwar gegen alles aber die jungen Rebellen mussten Kompromisse machen: Das Jugendhaus, die Eltern, der Vertrauenslehrer der Schule, ein Verein oder ein Pfarrer, alle unterstützten die jungen Kerle.



DER AKTUELLE MÜLLEIMER

In Böblingen wurde das Fanzine Der Aktuelle Mülleimer produziert, ein Magazin von Fans für Fans der Punkszene. Thomas Ziegler, selbst Punk, schrieb an der Schreibmaschine seine Punk-Erlebnisse, kritzelte, fotografierte und zeichnete und erreichte schließlich die sagenhafte Auflage bis zu 600 Stück. Kopiert wurde das Ganze im Copy Shop. Ziegler berichtete über Fahrten ins Punk-Mekka nach London, wo sich die Punks mit Kassetten, Ansteckern - sogenannten Badges - und Schallplatten und mit verrückten Klamotten versorgten. Thomas war auch „Manager“ der Winnender Band Normahl, der er auf seinem hauseigenen Schallplatten Label Mülleimer Records Schallplattenveröffentlichungen ermöglichte. "Ich war aktiv und wollte etwas für die Szene tun, um Punk bekannter zu machen", berichtete er. Auf Konzerten verkaufte er seine Schallplatten, Kassetten und Fanzines selbst und bastelte für Schallplattenläden Aufsteller. Ziegler war das Do it yourself - das oberste Punkprinzip in Person!


F A K  IN DER KLOSTERSEEHALLE, SINDELFINGEN


"Wir waren 1982 Vorgruppe vor der beliebten Band Fehlfarben aus Düsseldorf, das waren für mich Stars, die Texte der Band kann ich noch heute auswendig. Nach dem Konzert kickten wir mit  Trompeterin Sylvia Schütze mit Bierdosen, als die Halle ausgefegt wurde“, erinnert sich Simon Steiner, der damals bei F A K sang und Saxophon spielte, "allerdings war da Punk der ersten Ära bereits in New Wave oder die kommerzielle Neue Deutsche Welle übergegangen".

FAK als Vorgruppe der FEHLFARBEN, 1982



DAS KROKODIL 

Im Krokodil am Böblinger Busbahnhof trafen sich die Punks. Punk Kalle Stille war 1984 mehrfach auf Konzerten, bei GBH, Youth Brigade, Rotting Carcass.
Und einen Plattenladen gab's auch, mit speziellen Punkscheiben.