Sunday, 8 March 2026

Ausstellung "Von Abba bis Zappa"

Das POPKONZERT-TAGEBUCH von HANSJÖRG KNORR

Mein dritter Ausflug, um Exponate für die Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten" abzuholen, führte mich nach Bietigheim-Bissingen zum Arzt Dr. Hansjörg Knorr. "Hanse" war damals und ist wohl bis heute ein begeisterter Rockfan, der ab August 1970 ein Popkonzert-Tagebuch führte, in das er akribisch jeden Auftritt eintrug, den er besuchte mit Kategorien für Gruppe, Besetzung, Ort, Zeit, Spieldauer, Herkunft und Eintrittspreis, also: welche Band in welcher Besetzung wo und wann auftrat; wo die Band her kam, wie lange sie spielte und wie hoch der Eintrittspreis war. Und Hanse war ein überaus eifriger Popkonzertbesucher. Hier sind bis in die 1990er Jahre hunderte von Konzerten eingetragen.

Foto: C. Wagner

Das ist ein unglaubliches Kompendium der Rockkonzertszene im Südwesten, für den Pophistoriker eine unschätzbare Quelle, wobei Hanse Knorr natürlich auch öfters zu Konzerten nach Sindelfingen und Böblingen fuhr. Zudem kommentierte er die Konzerte mit Kürzeln wie z. B. einem großen S für Sturm, bedeutete, das kein Eintritt bezahlt wurde, sondern die Halle bei dem jeweiligen Konzert gestürmt wurde, was Anfang der 1970er Jahre  – wie man an seinen Unterlagen sieht – häufig vorkam. Das Popkonzert-Tagebuch wird morgen mit nach Sindelfingen genommen, wo wir die Ausstellung aufbauen. Die Eröffnung ist am Samstag, 14. März 2026 um 17:00 Uhr. Eintritt frei!!!!!  


Saturday, 7 March 2026

Die FUSSMASCHINE von KRAAN für die Popausstellung in Sindelfingen

Ausstellungsstücke 

Jan Fride-Wolbrandt, der Schlagzeuger der deutschen Rockgruppe KRAAN, wohnt nicht nur in Wald (einer Gemeinde in Oberschwaben), sondern sprichwörtlich im Wald auf einem abgelegenen Bauerhaus. Nach Jochen Irmler im Faust-Studio, galt ihm mein nächster Besuch. Es war nicht ganz einfach den Ort zu finden, weil mein Navi ihn nicht orten konnte, so versteckt liegt der Hof. Ich musste mich dann notgedrungen – auf die alte Art und Weise – durchfragen. Hat aber am Ende doch geklappt.

Jan hatte mir für die Ausstellung in Sindelfingen "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten" eine Schlagzeugfußmaschine versprochen, die in der Vitrine Platz finden wird, die die Entwicklung des Bandequipments in den 60er und 70er Jahre dokumentiert. 


Es ist die originale Rogers-Fußmaschine, die Jan – wie er erzählte – bei KRAAN von den Anfängen 1971 bis ca. 1975 spielte, also ein für die Pophistorie in Deutschland nicht gerade unwichtiges Teil. Es ist also genau die Fußmaschine, die Jan benutzte, als er mit KRAAN am 27. April 1972 in der Sindelfinger Ausstellungshalle spielte, ein Dreifachkonzert mit Message, den damaligen Lokalmatadoren, und der Mänchner Band Out of Focus. 

Foto: C. Wagner

Die Popgeschichts-Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten" wird am Samstag, den 14. März 2026 um 17:00 Uhr im Stadtmuseum in Sindelfingen eröffnet (Eintritt frei!!!) und ist dann bis am 10. Januar 2027 zu sehen. Die KRAAN-Fußmaschine wird dort in einer Vitrine zu bewundern sein. 

Kresizeitung Böblinger Bote, 2.5.1972



Hörprobe: 
KRAAN, live 1972 (Youtube)


Friday, 6 March 2026

Pawel Romańczuk und FREAK-SOUNDS

TOY PIANO MADNESS

Pawel Romańczuk ist ein experimenteller Musiker, Komponist und Sammler obskurer Musikinstrumente aus Polen. Er leitet ein Ensemble, das Male Instrumenty heisst (=kleine Instrumente). Die Gruppe hat vor einiger Zeit ein Album aufgenommen, dass ihrem Landsmann Frédéric Chopin gewidmet ist und seine Kompositionen auf drei Toypianos spielt – absolut fantastisch. Romańczuk ist mit Male Instrumenty natürlich im Kapitel meines Buchs "Freak-Sounds" vertreten, das sich der Geschichte des Toypianos widmet, das ja seine Urspünge in Göppingen hat, wo der Erfinder Albert Schoenhut herkommt, der das Kinderklavier nach seiner Auswanderung 1872 in Philadelphia erfand.

Jetzt hat ein Exemplar des "Freak Sounds"-Buchs Pawel Romańczuk in Polen erreicht. Am Sonntag, den 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr) gibt es eine Buchtaufe im Rahmen eines Konzerts mit dem Trautonium-Spieler Peter Pichler im Theaterhaus in Stuttgart.

Karten unter:

https://www.theaterhaus.com/de/programm-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248

Hörprobe:
Male Instrumenty spielen Chopin auf drei Toypianos (Youtube)




DIE BLECHTROMMEL für Sindelfingen

AUSSTELLUNGSSTÜCKE von FAUST

Ich war heute Nachmittag bei Hans-Joachim Irmler im Faust-Studio in Scheer an der Donau, um Trommelteile für die Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten" abzuholen. Jochen hat in einem Nebenraum seines geräumigen Tonstudios ein riesiges Lager, wo sich über die Jahre allerlei altes Rock-Equipment angesammelt hat. Aus einer Kiste zog er zwei originale Trommeln und ein Crash-Becken heraus, das die experimentelle Rockgruppe Faust schon in ihrem Domizil in Wümme (zwischen Hamburg und Bremen gelegen) im Einsatz hatte. Die drei Teile werden in der Ausstellungsvitrine, die sich den technischen Veränderungen in der Beat- und Rockmusik der 60er und 70er Jahre widmet, einen Ehrenplatz erhalten. Die Eröffnung der Ausstellung ist am Samstag, den 14. März 2026 um 17:00 Uhr im Stadtmuseum in Sindelfingen. Der Eintritt ist frei.

Foto: C. Wagner


  

Wednesday, 4 March 2026

James Brandon Lewis in Singen

Elektrischer Funkjazz


Der neue Jazzstar James Brandon Lewis in Singen vor vollen Rängen


Fotos: C. Wagner


James Brandon Lewis ist der neue Star im Jazz. 2025 krönte ihn Down Beat, das führende Jazzmagazin in den USA, sowohl zum Saxofonisten als auch zum Musiker des Jahres. In Singen ist Brandon Lewis schon länger kein Unbekannter mehr. Mit einem guten Riecher für aufkeimende Talente hat ihn der Jazzclub Singen bereits zwei Mal im Konzert präsentiert: im Herbst 2023 und 2024, damals mit verschiedenen akustischen Ensembles. 


Jetzt stellte sich Brandon Lewis im Kulturzentrum Gems mit seinem neuen Trio vor, das aus dem Schlagzeuger Warren 'Trae' Crudup und Josh Werner besteht, der nicht Kontrabass, sondern Baßgitarre spielt. Dieser scheinbar kleine, aber doch signifikante Unterschied macht deutlich, dass hier nicht akustischer Jazz geboten wird, sondern ein elektrischer Funkjazz, der ursprünglich auf Herbie Hancock’s Headhunters zurückgeht und dem Motto folgt: Jazz Is the Teacher, Funk Is the Preacher!



Offenbar will Brandon Lewis kreativ nicht auf der Stelle treten, sondern frische Konzepte erproben. Dafür läßt er sich von Jazzgrößen wie Ornette Coleman und Don Cherry inspirieren und macht deren Ideen für die Gegenwart fruchtbar.


Nicht nur die Baßgitarre ist für das Trio stilprägend. Auch das „funky“ Schlagzeug trägt seinen Teil dazu bei, dass die Rhythmusgruppe wie ein eng verzahntes Räderwerk funktioniert. Über dem „Funk“ dieser gutgeölten Groove-Maschine bläst Brandon Lewis seine klaren, erdigen Melodien, die danach in Improvisationen voller Inbrunst und Leidenschaft münden und sich manchmal fast bis zur Ekstase steigern. Zwischen die aufbrausenden Stücke schiebt der Bandleader immer wieder ruhigere Kompositionen, die über einem freien Rhythmus eine hymnische Kraft entfalten. Die Zugabe widmete er seinem Vater, der seit ein paar Jahren gesundheitlich angegriffen ist. Hoffentlich hilft ihm die Power des Saxofonspiels seines Sohns, wieder auf die Beine zu kommen.  


 

SCHEIBENGERICHT Nr. 57: Eve Rissers Folkore imaginaire

Ensemble Ensemble

Live at Atelier du Plateau


BMC Records



Das Ensemble Ensemble ist ein Quintett, das von Eve Risser ins Leben gerufen wurde. Die Pianistin, die in Colmar aufwuchs, hat sich dazu die Vokalistin und Elektronikerin Mari Kvien Brunvoll und den Gitarristen Kim Myhr, beide aus Norwegen, ins Boot geholt, plus den rumänischen Violinisten George Dumitriu sowie ihren französischen Landsmann Toma Gouband, ein Spezialist für Schlagwerk aus Stein und anderen Naturstoffen. 


Eine wahrlich multinationale Gruppe hat sich hier zusammengefunden, die darauf abzielt, Konzepte der improvisierenden Avantgarde mit Elementen der Volksmusik aus Norwegen und dem Elsaß zu verschmelzen, Musik, die aus dem Fundus der Tradition schöpft, diese aber auf experimentelle Weise verarbeitet.



Beim Auftritt im Atelier du Plateau in Paris im Juni 2018 kreierten die fünf Musikerinnen und Musiker in fünf Stücken äußerst delikate Klangtexturen, die sich – fein verwoben – in gemächlichem Schritt bewegten, sehr lose zusammengesetzt und äußerst transparent waren, wobei die Musik immer wieder eine Atempause einlegte, die von elektronischen Drones ausgefüllt wurde. Das kollektive Spiel ist fein austariert und perfekt aufeinander abgestimmt. Ego-Trips kommen nicht vor. Das Ensemble Ensemble begreift sich als Gruppe, bei der der Gruppenklang im Zentrum steht, nicht die Soli von Solisten. 


Während Brunvoll norwegisches Volksliedmelodien intoniert und sie gelegentlich mit dem Sampler einfängt, verdoppelt und wieder einspeist, läßt Risser ihr präpariertes Klavier wie ein afrikanisches Ballafon oder ein Gamelan aus Java klingen. Dumitriu spielt auf der Geige zumeist Pizzicato oder bordunartige Langtöne, während Myhr hallige Gitarrenakkorde einstreut und Gouband auf Felzstücken steinzeitliche Morsesignale klopft. Zusammen ergibt das eine tief in sich versunkene Meditation in Klang – Musik von traumartiger Imagination. 


Hörprobe:

Ensemble Ensemble in Rezé (youtube)





 

Tuesday, 3 March 2026

1560: VOLKSFEST UM EINEN BAUM HERUM

Ich bin heute beim Besuch des Museums Carnavalet in Paris auf ein Wandgemälde gestoßen, das eine Festtagsszene in der französischen Hauptstadt um 1560 zeigt, späte Renaissance. Das Bild trägt den Titel: Fete populaire autour d'un arbre – Volksfest um einen Baum herum.


Es zeigt Volksbelustigungen und Spiele (kegeln und Kreisel schlagen). Sich an Tücher haltend und so miteiander verbunden, wird ein Rundtanz getanzt zur Musik einer vierköpfigen Kapelle, die sich in der Baumkrone befindet: ein Musikant spielt Einhandflöte und Trommel, zwei spielen Dulcian und einer Posaune. Die Musikanten tragen eine Art Uniform, was sie vielleicht als Stadtmusikanten ausweist, die in großen Städten in einer Innung (oder Zunft) organisiert waren, wie andere Handwerker auch. Sie bezogen ein festes Gehalt, hatten dafür aber für die Musik bei offiziellen Anlässen zu sorgen, was sie von fahrenden Musikanten unterschied. Im Hintergrund ist außerdem ein einsamer Geiger zu sehen, der einer Dame aufspielt. Möglicherweise handelt es sich bei ihm um einen fahrenden Musikanten. Zwei Beteiligte sind karnevalistisch als Harlekins gekleidet.