Friday, 27 February 2026

Vom Musiker zum Textilkünstler: Ficht Tanner ehemals Appenzeller Space Schöttl

DIE VERWANDLUNG

Ficht Tanner: Musiker und Textilkünstler

Ich lernte Ficht Tanner (schon sein Name eines dieser Schweizer Unikate, die es sonst nirgends mehr gibt) Mitte der 1980er Jahren kennen, als er als Mitglied des Duos Appenzeller Space Schöttl die Schweizer Volkmusik durchschüttelte und damit einer Frischzellenkur unterzog. Ficht spielte die 'Baßgiige', während Tobi Töbler auf dem Hackbrett klöppelte. Es war diese Zeitperiode, als unter dem Einfluß  amerikanischer Musiker wie Ry Cooder oder irischer Bands wie The Pogues, auch im Alpenraum Gruppen wie Attwenger (Linz), Roland Neuwirth's Extremschrammeln  (Wien) oder Die Interpreten aus München anfingen, sich erstmals mit ihren eigenen Volksmusik-Traditionen auseinanderzusetzen – auf mehr oder minder  experimentelle und fantsievolle Art und Weise.

Das Appenzeller Space Schöttl hatte mit radikal-freier Improvisation begonnen, sich dann aber immer mehr der traditionellen Musik im Appenzeller Land zugewandt und spielten damals einen wunderbaren Mix aus Tradition und Avantgarde. Ich habe sie einmal erlebt, als sie mit dem hochbetagten Geiger Hans Kegel auftraten, einem Urgestein der Appenzeller Streichmusik.


Eine Schallplatte hatten die beiden noch mit ihren freien Improvisationen herausgebracht. Wenn man sie fragte, warum sie nicht auch ihre Volksmusikbearbeitungen auf einem Album verewigen wollten, zuckten sie mit den Schultern und meinten lapidar: 'Es gibt schon genug Plastik in der Welt'. Wenn ich mich nicht täusche, kam dann aber doch irgendwann eine CD heraus.

Ich besuchte die Space-Schöttl-Musiker mit ihrem Manager Yogi Birchler damals in Trogen im Appenzeller Land in ihrem großen Haus und machte sie auch mit meinen Freunden von der englischen Band Accordions Go Crazy bekannt, die auch einmal dort über Nacht unterkamen und mit ihnen jammten. Das Appenzeller Space Schöttl trat dann auch bei den 'Balinger Sommersprossen' 1991 in der kleinen Siechenkirche beim Kreiskrankenhaus auf, vom Balinger Kulturverein veranstaltet.

Eintrag im Gästebuch des Balinger Kulturvereins, Juli 1991:



Das Space Schöttl fiel irgendwann auseinander und ich verlor Ficht aus den Augen. Während sein Kollege Tobi Töbler sich in Richtung New-Age-Music bewegte, gab es Gerüchte, dass Tanner mittlerweile bildender Künstler geworden sei und Textilkunst machen würde: Stickereien, Textil-Patchwork-Arbeiten, solche Sachen. Es verwunderte mich zuerst, dann aber auch wieder nicht, weil seine Frau, Therese Hächler, ebenfalls Textilkünstlerin war, die mit Faden und Schere arbeitete.


Jetzt bin ich in einer wirklich absolut bemerkenswerten Ausstellung in Paris im Museé l'Art Brut in La Halle Saint Pierre plötzlich vor textilen Arbeiten von Ficht Tanner gestanden –  absolut erstaunlichen Werken! Ich war ziemlich perplex. Aber kein Zweifel: Es muß der selbe Ficht Tanner sein, den jemand, mit so einem Namen gibt es nicht zweimal. 

Eines seiner Motive schmückt sogar  das Plakat der Ausstellung, die den schönen Titel trägt: 'Der Stoff der Träume'. Es ist doch ziemlich erstaunlich, welche sonderbaren Wege Biographien manchmal nehmen können. Und, by the way: Musik macht Ficht noch immer – ganz allein, nur mit Kontabass und Gesang.


Tuesday, 24 February 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 56: PIERRE FAVRE – Perkussion total

Pierre Favre & Sergio Armaroli, Andrea Centazzo, Francesca Gemmo 

The Art Of Sound(s) 

Hat Hut Records / NRW

Wenn das Klavier – wie Cecil Taylor meinte – ein Instrument mit 88 gestimmten Trommeln ist und auch für das Vibraphon diese Charakterisierung gilt, könnte man die Gruppe, die Pierre Favre für diese Aufnahmesession um sich scharte, durchaus als Perkussionsensemble bezeichnen, was nicht sein erstes wäre. Der Schlagwerker Andrea Centazzo, der Vibraphonist Sergio Armaroli und die Pianistin Francesca Gemmo bilden neben dem Schweizer Altmeister – er wird nächstes Jahr neunzig – die Formation, die eine Musik macht, welche für die sanftere Spielart der freien Improvisation in Europa steht. 



In einer Suite aus acht Sätzen werden fein ziselierte und pointillistische Improvisationen in Szene gesetzt, bei denen es manchmal vor Tönen nur so wuselt, die durcheinander purzeln und prasseln und sich zu musikalischen Wimmelbildern verdichten. 


Hölzerne Tempelblocks und eine Vielzahl an Metallbecken, Gongs und Trommeln werden mit unterschiedlichen Stöcken, Klöppeln und Besen zum Klingen gebracht. Sie verbinden sich mit den Akkorden, Intervallen und kleinen Melodien von Piano und Vibraphon zu polymorphen Gebilden. Bei anderen Stücken geben die beiden Melodieinstrumente die Richtung vor und lassen subtile Klänge behutsam durch den Raum schweben, auf die die Schlagzeuger mit Fingerspitzengefühl antworten. 


Zum Reinhören:

https://first-archive-visit.bandcamp.com/album/the-art-of-sound-s



Sunday, 8 February 2026

Das TRAUTONIUM – Urmutter des Synthesizers

 Rares Konzert: PETER PICHLER spielt TRAUTONIUM


Sonntag, 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr)

Theaterhaus Stuttgart, Halle T3




Neben dem russischen Theremin und dem französischen Ondes Martenot bildete es eines der ersten elektronischen Musikinstrumente überhaupt: Das Trautonium wurden 1930 in Berlin vom Ingenieur Friedrich Trautwein erfunden unter entscheidender Mitwirkung des Komponisten Paul Hindemith, der auch die ersten Stücke für das Instrument schrieb. Bei öffentlichen Veranstaltungen wurde die Wundermaschine vorgestellt und erregte mächtig Aufsehen. Oscar Sala, der als junger Musikstudent in die Entwicklung des Trautoniums involviert war, nahm sich dem Instrument an und wurde für lange Zeit sein Hauptprotagonist. Sala unternahm Konzertreisen und vertonte Werbefilme für die Industrie. 1963 gelang ihm sein größter Coup, als er für Hitchcocks Film ‘Die Vögel’ den Soundtrack lieferte. Der Megaerfolg holte das Instrument schlagartig aus seinem Nischendasein hervor und machte es zu einem Klangerzeuger, der Neugierde hervorrief und allgemeines Interesse weckte, was aber nicht von Dauer war.


Nach dem Tod von Oskar Sala 2002 nahm sich Peter Pichler aus München dieser Großmutter des Synthesizers an. Pichler hatte zuvor in Indie-Bands gespielt, auch den bayerischen Barden Hans Söllner begleitet, um sich jetzt voll dem Trautonium zu widmen. Er gab Kompositionen in Auftrag, wirkte bei Theaterproduktionen mit und gab Alben mit Trautonium-Musik heraus. Heute ist Pichler der Hauptvertreter dieses rätselhaften Klangapparats aus der Urzeit der elektronischen Musik, wobei er es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Trautonium auf die Höhe der Zeit zu bringen und es zu einem Klangerzeuger aktueller Musik zu machen.



In dem multimedialen Konzert im Theaterhaus Stuttgart am Sonntag, den 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr), das von Christoph Wagner unter dem Motto seiner neuen Buchveröffentlichung „Freak-Sounds – Musik abseits der Norm“ (edition neue zeitschrift für musik, 2025) präsentiert wird, stellt Pichler das Trautonium in allen möglichen musikalischen Facetten vor – von den Anfängen in die Gegenwart und darüber hinaus. Der Auftritt ist eine rare Gelegenheiten dieses Urinstrument elektronischer Musik in einem aktuellen Programm zu erleben, eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


Tickets im Vorverkauf: 

https://www.theaterhaus.com/de/programm-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248

Bono schreibt an Captain Beefheart


 Captain Beefheart & The Magic Band: Abba Zaba (Youtube)


 Captain Beefheart & The Magic Band



Friday, 30 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 55: Betamax vs Sylvia Hallett

Buntschillernde Klänge über hypnotischen Beats

Betamax vs Sylvia Hallett (Picot)


Betamax, alias Max Hallett, war der Drummer der Postjazz-Gruppe The Comet is Coming. Seine Mutter ist die Multiinstrumentalistin Sylvia Hallett, die Violine, Piano, Harmonium, Akkordeon, Posaune, Sarangi und manchmal auch Fahrradspeichen spielt und dazu singt und seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der freien Improvisationszene von London ist.

Da The Comet is Coming seit Ende 2023 dormant ist, tut sich Betamax inzwischen mehr und mehr als Produzent hervor. Die Einspielung mit seiner Mutter trägt deutlich seine Züge, die sich in groovenden Schlagzeugbeats und schweren Baßlinien äußern. Über dieses rhythmische und klangliche Fundament legt Sylvia Hallett ihre sphärischen Sounds, die im Studio noch eine deutliche Nachbearbeitung erfahren haben, oft attraktiv verfremdet bis zu Unkenntlichkeit.



Ziemlich ausgeklügelt klingt das Ganze. Buntschillernde Sounds werden zu Klangcollagen verdichtet und über repetitiv-betörende Drumrhythmen gespielt, wobei Betamax für jedes Stück ein anderes Schlagmuster wählt, das er dann über dessen ganze Länge durchhält. 


Sounds schwellen an und wieder ab, das Schlagzeug tritt hervor und wieder in den Hintergrund, Tonfetzen unbekannter Provenienz wehen heran und vorbei. Stimmen werden vernehmbar und verklingen. Immer wieder ändert sich das Panorama der Klänge und gibt den Blick auf eine andere Klanglandschaften frei. Im letzten Stück des Albums schweben Langtöne von der Geige, kontrapunktisch verdoppelt und dann noch einmal multipliziert, durch den Raum und erzeugen über einem dicken Schlagzeugteppich eine Sphärenmusik von hypnotischem Zauber. Eine erstaunliche Einspielung! 

English Translation:
Vibrant sounds over hypnotic beats – Betamax vs Sylvia Hallett (Picot)
Betamax, aka Max Hallett, was the drummer of the post-jazz group The Comet is Coming. His mother is the multi-instrumentalist Sylvia Hallett, who plays violin, piano, harmonium, accordion, trombone, sarangi, and sometimes even bicycle spokes, and also sings. She has been a fixture of London's free improvisation scene for decades. Since The Comet is Coming went dormant at the end of 2023, Betamax has increasingly made a name for himself as a producer. The recording with his mother clearly bears his signature, evident in the groovy drum beats and heavy bass lines. Over this rhythmic and sonic foundation, Sylvia Hallett lays her atmospheric sounds, which underwent significant post-production in the studio, often attractively distorted to the point of being unrecognizable. The whole thing sounds quite sophisticated. Vibrant, iridescent sounds are condensed into sonic collages and layered over repetitively captivating drum rhythms, with Betamax choosing a different drum pattern for each track, which he then maintains throughout. Sounds swell and recede, the drums emerge and then fade into the background, fragments of sound from unknown sources drift in and out. Voices become audible and then fade away. The sonic panorama constantly shifts, revealing yet another sonic landscape. In the album's final track, long violin notes, contrapuntally doubled and then multiplied once more, float through the space, creating a hypnotic, ethereal soundscape over a thick carpet of interlocked rhythms.