Friday, 3 April 2026

Ein Profi im Rockgeschäft

WARM DUST, BRIAN AUGER etc.

Nach langer Suche und intensiven Recherchen bin ich endlich auf einen damals Beteiligten gestoßen, der mir über die Aktivitäten der Progrock-Formation WARM DUST Auskunft geben konnte. Die sechsköpfige Band war Anfang der 1970er Jahre viel im Südwesten Deutschlands unterwegs, wo sie bei Konzerten und Festival (z. B. Konstanzer Open-Air 1970) beeindruckte. Ron Kilburn war einst Roadie von WARM DUST. Heute lebt er in Trawden, einer kleinen Ortschaft  im nordenglischen Lancashire.


Zeitungsvorankündigung für einen Auftritt von WARM DUST in Urach, 1971

                               


        WARM DUSTs Tourplan im April 1971 aus der englischen Musikzeitung Melody Maker


Nach WARM DUST war Kilburn für BRIAN AUGER'S OBLIVION EXPRESS als Roadie tätig, dann für  EMERSON, LAKE & PALMER, danach für DEEP PURPLE, alles Bands, die intensiv in Südwestdeutschland auftraten. Mit DEEP PURPLE war er auf drei US-Tourneen. Er ließ sich dann in den USA nieder, um weiter als Tourmanager für u.a. TOM PETTY & THE HEARTBREAKERS zu arbeiten. Bei Kilburn handelte es sich um einen wirklich erfahrenen Profi hinter den Kulissen im Rockgeschäfts. Ich war interessant, was er zu berichten hatte.




Wednesday, 1 April 2026

Als der PUNK nach Sindelfingen und Böblingen kam

Ein GASTBEITRAG von SIMON STEINER

Autor des Buchs "Wie der Punk nach Stuttgart kam (1977-1983)"


T R I O L O G – PUNK AUS SINDELFINGEN

Die Band TRIOLOG trat 1980 im Sindelfinger Jugendhaus auf. „Dort liefen nur Hippies herum, in lila Latzhosen und mit langen Haaren. Wir provozierten und schockierten die mit unsren kurzen Haaren und unserem rebellischen Verhalten aber insbesondere mit unserem Krach, laut und schnell! Und einfach, drei Akkorde, weil wir alle kaum spielen konnten. Wir wollten halt den Zeitgeist widerspiegeln: Kalter Krieg - düster, grau, kalt."  Mink, Schlagzeuger von TRIOLOG


Die Proben der Punks fanden in Böblingen in den Ami-Kaserne statt.
Die Bandplakate wurden im Jugendhaus im Siebdruckverfahren hergestellt, und auch die Evangelische Kirche in Maichingen unterstützte die Band mit Auftrittsmöglichkeiten. Punks waren zwar gegen alles aber die jungen Rebellen mussten Kompromisse machen: Das Jugendhaus, die Eltern, der Vertrauenslehrer der Schule, ein Verein oder ein Pfarrer, alle unterstützten die jungen Kerle.



DER AKTUELLE MÜLLEIMER

In Böblingen wurde das Fanzine Der Aktuelle Mülleimer produziert, ein Magazin von Fans für Fans der Punkszene. Thomas Ziegler, selbst Punk, schrieb an der Schreibmaschine seine Punk-Erlebnisse, kritzelte, fotografierte und zeichnete und erreichte schließlich die sagenhafte Auflage bis zu 600 Stück. Kopiert wurde das Ganze im Copy Shop. Ziegler berichtete über Fahrten ins Punk-Mekka nach London, wo sich die Punks mit Kassetten, Ansteckern - sogenannten Badges - und Schallplatten und mit verrückten Klamotten versorgten. Thomas war auch „Manager“ der Winnender Band Normahl, der er auf seinem hauseigenen Schallplatten Label Mülleimer Records Schallplattenveröffentlichungen ermöglichte. "Ich war aktiv und wollte etwas für die Szene tun, um Punk bekannter zu machen", berichtete er. Auf Konzerten verkaufte er seine Schallplatten, Kassetten und Fanzines selbst und bastelte für Schallplattenläden Aufsteller. Ziegler war das Do it yourself - das oberste Punkprinzip in Person!


F A K  IN DER KLOSTERSEEHALLE, SINDELFINGEN


"Wir waren 1982 Vorgruppe vor der beliebten Band Fehlfarben aus Düsseldorf, das waren für mich Stars, die Texte der Band kann ich noch heute auswendig. Nach dem Konzert kickten wir mit  Trompeterin Sylvia Schütze mit Bierdosen, als die Halle ausgefegt wurde“, erinnert sich Simon Steiner, der damals bei F A K sang und Saxophon spielte, "allerdings war da Punk der ersten Ära bereits in New Wave oder die kommerzielle Neue Deutsche Welle übergegangen".

FAK als Vorgruppe der FEHLFARBEN, 1982



DAS KROKODIL 

Im Krokodil am Böblinger Busbahnhof trafen sich die Punks. Punk Kalle Stille war 1984 mehrfach auf Konzerten, bei GBH, Youth Brigade, Rotting Carcass.
Und einen Plattenladen gab's auch, mit speziellen Punkscheiben.

Thursday, 26 March 2026

Avantgarde-Matinee mit Cecil Taylor

Freejazz bei "der Woche der leichten Musik" beim SDR 1966 

Beim Durchblättern alter Hefte der Zeitschrift JAZZPODIUM bin ich auf eine Kuriosität gestoßen – eine der radikalsten und wildesten Gruppen des Freejazz betreffend: die Cecil Taylor Unit von 1966.

JazzPodium, Oktober 1966



Wednesday, 25 March 2026

Pop-Archäologie Südwest

„Von Abba bis Zappa" in Stuttgart, Fasanenhof

Von den Jugendclubs auf dem Fasanenhof zu den Stars auf den Bühnen von Sindelfingen und Böblingen

„Der Fasanenhof – Hier leben wir e.V." und das Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof laden zu einem Abend ein, an dem die Verstärker der Erinnerung noch einmal aufgedreht werden: Im Fokus steht die Pop- und Rockkultur von Mitte der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre, als neue Klänge, laute Gitarren und gesellschaftlicher Aufbruch die Region Stuttgart gehörig in Bewegung brachten. Los geht's mit Christoph Wagner, der anhand seines Buches „Von Abba bis Zappa“ durch die musikalischen und gesellschaftlichen Strömungen jener Zeit führt und zeigt, wie im Südwesten aus ersten Initiativen ein echter Popkonzert-Betrieb entstand.

Birth Control war eine der Rockbands, die Anfang der 70er im Stuttgarter Jugendhaus Fasanenhof auftrat (Sammlung C. Wagner)


Daraus gingen auf dem Fasanenhof ab 1971 Clubs wie die IG Freizeit und bald darauf der Club Orion" und Con Spezial" hervor: Treffpunkte für alle, die für Rock, Pop und die neuen Sounds brannten. Zeitzeugen berichten, wie heiß die Clubabende waren, welche Konzerte niemand vergessen hat und wie sehr die Popkultur ihr Denken, Fühlen und Handeln geprägt hat. Vertreter der IG Freizeit und weiterer Clubs holen mit persönlichen Stories und Anekdoten das Lebensgefühl dieser Jahre zurück auf die Bühne und lassen nachspüren, wo das Lebensgefühl von damals heute noch auf dem Fasanenhof drinsteckt.

Hans-Peter Haag zeigt dabei, wie aus der engagierten IG Freizeit das Music Circus Concertbüro wurde – ein Veranstalter, der die Region Stuttgart mit regelmäßigen Pop- und Rock-Konzerten bespielte und Böblingen wie Sindelfingen fest auf die Live-Karten der Republik setzte. Persönliche Erlebnisse, Konzertgeschichten und der Blick auf die wachsende professionelle Szene machen deutlich: Diese Zeit hat die regionale Musikkultur nicht nur begleitet, sondern geprägt – laut, bunt und kompromisslos.


Die Rockkonzerte in Stuttgart-Feuerbach, veranstaltet von der SMV, dienten der Rockinitiative im Jugendhaus Fasanenhof als Vorbild (Sammlung C. Wagner)



Eingeladen sind alle, die damals dabei waren, alle, die es gerne gewesen wären, und alle, die wissen wollen, wie es klang, als Clubs, Hallen und Köpfe in der Region Stuttgart zum ersten Mal so richtig auf „laut“ stellten.

Samstag, den 18. April, Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof

Beginn: 19:30 Uhr (Einlass: 19:00 Uhr)

Eintritt frei



Wednesday, 18 March 2026

Scheibengericht Nr. 58: M Shanghai String Band

Aus der Luft


Es fängt mit einem grob gespielten Banjo an, so wie man es von Dock Boggs (1998-1971) und dessen Aufnahmen von 1927 kennt, darüber ein Gesang, nicht so rauh wie bei Boggs, aber in ähnlichem Duktus. Dann bricht auf einmal die ganze Band los. Der zweite Track "Anita Jean" ist ein Song mit einer rätselhaften Melodie, die wundersame Wege geht, keines der üblichen Klischees verwendet und sich trotzdem ins Gehör bohrt, vor allem dann, wenn die zweite Stimme in close-harmony dazukommt.

Das Album „From the Air“, das bereits 2007 erschienen ist, ist damals offenbar komplett an mir vorbeigerauscht. Ich habe die Band jetzt erst durch Zufall kennengelernt, die heute – glaube ich – gar nicht mehr besteht. Die M Shanghai String Band war oder ist ein Musikkollektiv aus Brooklyn, das so heisst, weil sie regelmäßig im Restaurant M Shanghai auftrat. 


Ihr Folk, etwas loser und freier angelegt als sonst, klingt naiv im besten Sinne, manchmal auch sentimental, aber gerade darin bringt er etwas zum Vorschein, was vielen professionellen Folksängern abgeht, die irgendwie zu professionell klingen, schon okay sind, aber nicht mit ihrer Musik in die Herzregion vordringen. Im Unterschied dazu die M Shanghai String Band, die mit Gusto musiziert und ihre ganze Seele in die Musik legt. Die Klänge sind nicht glattgebügelt, sondern naturbelassen. Hier wird mit einer Begeisterung Musik gemacht, die ansteckend wirkt, Fehler inbegriffen. Vor allem der mehrstimmige Gesang rührt einen an, wie hier mit Inbrunst und ohne Leitplanken gesungen wird, um das Wesen eines Songs hervortreten zu lassen. Und diese Lieder haben es in sich.


Hörprobe:


The M Shanghai String Band – No home in this world (youtube)




The M Shanghai String Band – Anita Jean (youtube)




The M Shanghai String Band – Another Day on the train (youtube)



Sunday, 15 March 2026

Neue Zeitschrift für Musik: "Freak-Sounds"-Besprechung von Andreas Schäfler

Von Hans-Joachim Irmler von der experimentellen Krautrock-Gruppe FAUST kam letzthin ein Schreiben: "wundervolles Buch – 'fetzig' hätte ich früher gesagt. Wirklich toll, wahnsinnig viel Unbekanntes oder Vergessenes."


Dazu hier jetzt die Besprechung aus der NEUE ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK,  Heft 1-26.





 
Hinweis:
Am Sonntag, 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr) findet im Theaterhaus Stuttgart ein Konzert unter dem Motto "Freak-Sounds – Musik abseits der Norm" mit Peter Pichler und dem Trautonium statt, einem der ersten elektronischen Musikinstrumente der Welt, dem in meinem Buch "Freak-Sounds" ein Kapitel gewidmet ist. Ich werde eine kurze Einführung geben.

Saturday, 14 March 2026

Ausstellungseröffnung in Sindelfingen – ein durchschlagender Erfolg

Massenandrang im Stadtmuseum

Es gab nahezu kein Durchkommen mehr, so groß war der Andrang im Stadtmuseum Sindelfingen zur Eröffnung der Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockte" am Samstagnachmittag (14. März 2026). Die Besucher drängten sich im Treppenhaus bei der Begrüßung durch Bürgermeister Christian Gangl, Museumsleiterin Illja Widmann und Kurator Christoph Wagner. Die musikalische Umrahmung übernahm das Duo Take 2 bestehend aus Joachim Pflieger (Piano) und Beatrice Nuber-Mathé (Gesang), die Jazzklassiker in äußerst gekonnter Manier offerierten. 

Für den musikalischen Rahmen sorgte das Duo Take 2; Fotos: C. Wagner

Danach gab es viele Begegnungen: Kumpels aus grauer Popvorzeit trafen sich zufällig in den Ausstellungsräumen wieder. Soviele Musiker – Profis und Amatuere – waren in Sindelfingen wohl noch nie bei einer Veranstaltungen zusammengekommen. Mit Neugierde nahmen die Besucher die Exponate in Augenschein, die von den Jahren (1970 – 1985) berichten, als Sindelfingen und Böblingen zum Mekka der Popkonzertszene in Südwestdeutschland aufstieg mit einer Vielzahl riesiger Konzerte, sprichwörtlich von Abba bis Zappa.

Vielerlei Erinnerungen wurden wachgerufen und ausgetauscht. Überall wurde erzählt und diskutiert. Jetzt besteht neun Monate lang (bis zum 10. Januar 2027) die Gelegenheit, die Ausstellung noch einmal in Ruhe zu besuchen. Öffnungszeiten des Sindelfinger Stadtmuseums: Dienstag bis Samstag (15-18 Uhr), sonntags 13-18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Simon Steiner (ex-Punkmusiker mit FAK und Autor des Buchs "Wie der Punk nach Stuttgart kam") im Gespräch mit Hans Schweizer, legendärer Betreiber des Stuttgarter Musikgeschäfts Sound of Music.(Foto: J. Schneider)