AUS DER ZEITSCHRIFT:
SCHWÄBISCHE HEIMAT 2026-2
Spielart des Minimalismus
Matt Gold & Dustin Laurenzi
Devotional Fade
We Jazz Records
Töne aus Strom
Peter Pichler und das Trautonium im Stuttgarter Theaterhaus
Unter dem Motto "Freak-Sounds – Musik abseits der Norm", dem Titel meiner aktuellen Buchpublikation, stand am Sonntagabend, den 26. April 2026, das Konzert von Peter Pichler im Stuttgarter Theaterhaus. Der Münchner Experte für elektronische Musik stellte dabei das TRAUTONIUM vor, eines der ersten elektronischen Musikinstrumente überhaupt, erfunden in Berlin vor knapp hundert Jahren.
Foto: Michael Maschke
Pichler sah sich in der Konzertpause von zahlreichen Wißbegierdigen umringt, die noch mehr über das Innenleben und die Wirkweisen des Trautoniums erfahren wollten, wobei er tapfer Rede und Antwort stand.
Der Elektroniker demonstrierte dann im 2. Konzertteil die ungeheuren Klangmöglichkeiten, die in der "Wundermaschine" stecken, die von einer sehr einfachen, ja fast primitiven Version immer mehr zu einem komplexen Mixtur-Trautonium ausgebaut wurde, das nun polyphon gespielt werden konnte und auch Akkorde ermöglichte.
Foto: J. Revitt
Wegen des großen Interesses erwägt das Theaterhaus in Stuttgart, Pichler mit seinem Trautonium im Herbst noch einmal in die Landeshauptstadt einzuladen.
Die Pop-Revolution der Siebziger
Zeitzeugen berichteten – Schretzmeier, Dannemann und Kümmel gaben Auskunft
Christoph Wagner im Gespräch mit Werner Schretzmeier (Foto: J. Schneider)
Im zweiten Gesprächsteil berichtete Gitarrist Werner Dannemann, ein Urgestein der südwestdeutschen Rockszene, über Konzerterlebnisse in Böblingen und Sindelfingen, die seine musikalische Laufbahn prägten, wobei er vor allen anderen die Gruppen Genesis und Jethro Tull erwähnte. Dabei nannte er das Spiel auf der akustischen Gitarre von Tull-Bandleader Ian Anderson als nachhaltigen Einfluß. Das war recht überraschend, da Anderson ja sonst vor allem als Flötist (auf einem Bein) bekannt ist.
Museumsleiterin Illja Widmann im Gespräch mit Fotograf und Zeitzeuge Harald Kümmel (Foto: J. Schneider)
Werner Dannemann singt JJ Cale (Foto:C. Wagner)
Musik von verblüffender Eigenheit
Nicolas Leirtrø’s Action Now!
Aus dem hohen Norden, aus Trondheim, kommt der junge norwegische Kontrabassist Nicolas Leirtrø – in unseren Breiten noch kaum bekannt. Um so mehr überrascht das Album Entrance seines Quartetts Action Now!, das eine Musik von erstaunlicher Eigenart bietet.
Acht Kompositionen offenbaren ein Geflecht vielfältiger Referenzen. Leirtrø verbindet den hymnischen Jazz einer Alice Coltrane mit der Hitze der Fire Music der 1960er Jahre. Dazu kommt der Drive des No-Wave der frühen 1980er Jahre von Bands wie Rip Rig & Panic plus die schillernden Sounds des progressiven Rock, ob von Egg oder Soft Machine (ca. 1975 mit Carl Jenkins am Baritonsax). Aus diesem Gemisch an Einflüssen formt Action Now! einen genuinen Stil, der absolut auf der Höhe der Zeit ist.
Die Musik von Leirtrøs Gruppe kommt in wilden Blow-Outs mit berstender Intensität daher, in Riffs wuchtig und voll erdige Kraft. Sie kann aber auch leise klingen, sanft und in sich versunken. Zwischen diesen Extremen changiert die Musik. An der Hammond erweist sich Kit Downes als der wahre Joker der Gruppe, der in bester Larry-Young-Manier seine elektronischen Orgelsounds schimmern und funkeln läßt. Mats Gustafsson spielt Baritonsaxofon und Querflöte voller Druck und Vitalität, während am Schlagzeug die junge Norwegerin Veslemøy Narvesen eine exzellente Figur macht. Aber nicht nur als Solisten finden die Musiker zu einem individuellen Ausdruck, auch das Zusammenspiel funktioniert auf perfekte Weise. Entrance ist ein hervorragendes Album, in Teilen fulminant.
Nicolas Leirtrø’s Action Now!: Entrance (Sauajazz SAU011)
Hörprobe:
Von Birth Control über Wallenstein bis zu Can
Wie kleine Initiativen die Rockszene im Südwesten prägten
Plakate: Sammlung Hans-Peter Haag
Foto: Joachim Schneider
Und hier kam jetzt Hans-Peter Haag ins Spiel, der als Jugendlicher mit einer Initiative namens IG Freizeit, die aus der katholischen Jugend hervorging, begann, in der Turn- und Versammlungshalle Stuttgart-Fasanenhof Rockkonzerte zu veranstalten: 1972 fing es mit Birth Control an, dann ging es weiter mit Gruppen wie Man, Embryo, Missus Beastly, Wallenstein, Eulenspygel und Can. Dabei gingen die Jugendlichen kein unbeträchtliches Risiko ein. Wären die Konzerte Flops geworden, hätte der Abmangel aus der eigenen Tasche beglichen werden müssen. Es ging aber alles gut: Die Konzerte zogen Hunderte von Fans an, was die IG Freizeit wiederum veranlasste, in größere Hallen zu gehen wie das Gustav-Siegle-Haus.
Haag machte aus seinem anfänglichen Hobby einen Beruf und wurde professioneller Rockkonzertveranstalter mit dem Stuttgarter Konzertbüro Music Circus, das seit 1977 bis heute Popkonzerte in der Region ausrichtet, vor allem dann auch zahlreiche in Sindelfingen und Böblingen. Haag plauderte aus dem Nähkästchen und erzählte von eindrücklichen Erlebnissen als Popkonzertveranstalter mit Gruppen wie Queen, Genesis oder AC/DC. Als Haag und die IG Freizeit abtraten, übernahmen jüngere Leute den Staffelstab, die als Club Orion und Con Spezial in Stuttgart-Fasanenhof weiterhin Discos und Partys veranstalteten.
Konzentrierte Andacht
Der amerikanische Trompeter Ralph Alessi und sein Escalation Quartet in Singen
Fotos: C. Wagner
Der Pianist Matt Mitchell, Ches Smith am Schlagzeug und der Bassist John Hébert bilden seine Band, die allesamt zum Spitzenpersonal der New Yorker Jazzszene gehören, das immer noch führend auf der Welt ist, wenn ihm auch Berlin allmählich den Rang abläuft.
Makellose Spieltechnik und große Virtuosität, dazu viel Fantasie und Originalität sind die Qualitäten, die heute einen hervorragenden Jazzmusiker ausmachen, und Alessi und seine drei Mitstreiter verfügen über jede dieser Tugenden.
Alessi bringt diese Fähigkeiten von sich und seinen Mitstreitern in Kompositionen zur Entfaltung, die oft vertrakt wirken, kontrapunktisch verschachtelt sind und mit überraschenden Stopps und Akzenten arbeiten, obwohl er auch lyrische Balladen im Repertoire hat, die das Quartett zart und träumerisch in Szene setzen. Die Stücke bieten jedem der Musiker die Möglichkeit, in langen Improvisationen ihr ganzes Können und ihre Kreativität unter Beweis zu stellen. Im Laufe des Konzerts gelang es dem Ensemble, die Zuhörer mehr und mehr in den Bann zu ziehen und eine Stimmung zu erzeugen, die hoch konzentriert und ergriffen eher einer Andacht glich.