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Wednesday, 15 July 2026

SCHEIBENGERICHT Nr 64: DoYeon Kim – Wellspring

Improvisationen auf der Wölbbrettzither

DoYeon Kims neues Album in Topbesetzung


„Gayageum“ heißt die koreanische Wölbbrettzither, die es 12saitig und 25saitig gibt. In der  zeitgenössischen Improvisationsmusik ist sie nahezu unbekannt, obwohl die Chinesin Xu Fengxia seit langem zeigt, wie effektvoll die Wölbbrettzither in Improvisationen eingesetzt werden kann. Jetzt tut es ihr DoYeon Kim gleich.

Die Koreanerin hat die Gayageum auf traditionelle Weise gelernt. Als DoYeon Kim dann vor ein paar Jahren zum Musikstudium in die USA kam, fing sie an, das Zupfinstrument in der zeitgenössischen Musik zu verwenden und mit ungewöhnlichen Spieltechniken zu experimentieren. 



Inzwischen in Brooklyn lebend, hat DoYeon Kim mit der Topbesetzung von Mat Maneri (Bratsche), Tyshawn Sorey (Drums) und Henry Fraser (Baß) ihr aktuelles Album eingespielt. Vier Kompositionen sind ausnotiert und werden präzise und detailgenau entlang der Partitur ausgeführt, wobei sich die Zitherspielerin auch als dynamische Vokalistin erweist. Drei andere Titel sind Kollektivimprovisationen, bei denen sich jeweils eine andere Klangwelt auftut. Während ein Stück sich nahezu monochrom aus gestrichenen Saitenklängen entwickelt, besteht ein anderes aus prasselnden Gayageum-Noten, die manchmal als Gleittöne, dann wieder mit viel Vibrato in Szene gesetzt werden. Bei diesem Stück nehmen sich die anderen Instrumente zurück und helfen so den erdig-hölzernen Saitenklänge zur vollen Entfaltung. 


DoYeon Kim: Wellspring (Tao Forms)


Hörprobe:

https://doyeonkim.bandcamp.com/album/wellspring

Thursday, 9 July 2026

Scheibengericht Nr. 63: Thomas Maos – Ikarus vom Lautertal

Thomas Maos läßt die Töne fliegen 


Thomas Maos ist ein umtriebiger Geist im Bereich der experimentellen Gitarrenmusik. Der Tübinger macht immer wieder durch neue Einspielungen von sich reden, die den Rahmen der musikalischen Möglichkeiten noch ein Stück weiter hinausschieben. 

Für ein Theaterstück mit dem Titel „Ikarus vom Lautertal“ über Gustav Mesmer (1903-1994), der abenteuerliche Flugmaschinen konstruierte sowie Gitarren-Instrumente mit zwei Hälsen bastelte, hat Maos einen Soundtrack entworfen, den er als eine Art „Kopfkino“ verstanden haben will. 18 Instrumentalstücke illustrieren die Lebensgeschichte dieses zwischenzeitlich zur Legende gewordenen Künstlers der Outsider-Art, der Jahre in psychiatrischen Kliniken wegen „Schizophrenie“ und „Erfinderwahn“ zubrachte, um dort, wie auch nach seiner Entlassung, seinem Traum von Fliegen nachzuhängen und ihm mit selbstgebauten Flugapparaten  nachzugehen. 



Ry Cooder mit seiner Filmmusik für „Paris, Texas“, aber auch John Fahey in seiner letzten elektrischen Lebensphase oder die verhangenen Soundgemälde des amerikanischen Gitarristen Steve Tibbetts können als Referenzpunkte gelten, doch geht Maos einen ganz eigenen Weg. Oft haben seine Stücke einen Puls, über den er dann fantasievoll Klänge, Töne und Geräusche schichtet. Manchmal läßt er aber auch die akustische Slide-Gitarre wimmern, oder er zeichnet elegische Klanglandschaften in freier Rubato-Manier, über denen ruhige Melodien aus langen Noten ihre Kreise ziehen. Dann wieder zirpt es oder es klingt nach indischer Sitar, wenn er nicht die Saiten im Finger-Picking-Stil zum Klingen bringt. Maos' Stücke klingen manchmal wie reinste Avantegarde-Musik, sie können aber auch recht eingängig sein. Das Ergebnis ist ein vielfältiges Album, das auf abstrakt-musikalische Weise Mesmers Träumen nachspürt. Thomas Maos läßt die Töne fliegen.

Album:

Thomas Maos: Ikarus vom Lautertal (Wayout Records)


Thomas Maos (Gitarre) im Theaterstück "Ikarus vom Lautertal(youtube)




Thursday, 2 July 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 62: Gerry Hemingway – Live At The Bau 4

Gerry Hemingway – der Jazzmusiker als Freigeist

Gerry Hemingway ist ein musikalischer Freigeist, der sowohl im Freejazz als auch in den harmonisch und rhythmisch gebundenen Spielarten des modernen Jazz zuhause ist. Jahrelang hat der Drummer mit eigenen Gruppen gearbeitet, war Mitglied im Trio BassDrumBone und im Quartett von Anthony Braxton, was sein musikalisches Credo maßgeblich geprägt hat.


Mit einem hochkarärtigen Ensemble aus Izumi Kimura (Piano), Frank Gratkowski (Holzblasinstrumente) und Christian Weber (Kontrabass) verknüpft der Schlagzeuger und Komponist diese biographische Stränge zu einer Musik, die anfangs nach freier Improvisation klingt, danach allerdings mit vielfältigen Kompositions- und Strukturelementen sowie dynamischen Bewegungen arbeitet, die ins Extreme ausschlagen können.

Hemingways Musik ist ein komplexes Konstrukt aus Spontanität und Disziplin, vielschichtig und mehrdimensional. Das verlangt den Beteiligten einiges ab. Sie müssen hellwach, hochvirtuos und mit leichter Hand selbst die diffizilsten Stellen meistern, und das mit einem Höchstmaß an Musikalität. Dabei durchläuft die Musik die unterschiedlichsten Stimmungslagen, wird durch kompositorische Wegmarken in immer neue Klangsphären transportiert, wobei sie ab und zu mit überraschenden Wendungen aufwartet. Ein scat-singender Drummer – wo hat es das seit Robert Wyatt schon gegeben? 


Gerry Hemingway (with Izumi Kimura, Frank Gratkowski, Christian Weber)

Live At The Bau 4

ezz-thetics / HatHut Records


Hörprobe:

https://now-ezz-thetics.bandcamp.com/album/live-at-bau-4-with-izumi-kimura-frank-gratkowski-christian-weber


Wednesday, 24 June 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 61: Jason Moran / Blankfor.ms / Marcus Gilmore – Shards

Laptop-Jazz aus Brooklyn 

Die Jazzmusiker Jason Moran und Marcus Gilmore kooperieren mit dem Elektroniker Blankfor.ms


Als die Elektronik vor Jahrzehnten mit Ambient, Techno und Acid-House die Popmusik revolutionierte, reagierte die Jazzszene eher verhalten auf den Umbruch. Gelegentlich zog ein Ensemble einen Laptop-Musiker hinzu, um ihrem Jazz eine elektronische Glasur zu geben. Seither haben Jazzmusiker dieses Konzept auf den Kopf gestellt und die Elektronik zum Zentrum ihrer Musik gemacht. Aus „Jazz plus Elektronik“ wurde „Elektronik plus Jazz“.    

Das Trio von Jason Moran (Piano), dem Elektroniker Blankfor.ms (bürgerlich: Tyler Gilmore) und Marcus Gilmore am Schlagzeug macht auf seinem zweiten Album – dem Nachfolger von „Refract“ von 2022 – beides. Oft setzen die elektronischen Sounds den Ton, worauf Schlagzeug und Klavier improvisatorisch reagieren. Allerdings geht es auch anders herum, wenn ein hymnisch anmutender Choral von elektronischen Sounds unterlegt wird. Manchmal läßt sich Drummer Marcus Gilmore von den Tape-Loops zu repetitivem Trommelspiel oder einem Groove animieren, dessen Zwischenräume Moran für dezente Einwürfe nutzt.


Im weitesten Sinne als experimentell könnte man den Ansatz des Trios bezeichnen, wobei der Bogen der Möglichkeiten weit gespannt wird. Von furiosen avantgardistischen Ausbrüchen bis hin zu sachten, besinnlichen Klangmalereien reicht das Spektrum, was in seiner Gegensätzlichkeit nicht immer schlüssig erscheint und signalisiert: Die Gruppe hat noch nicht zu einer wirklich eigenen Identität gefunden. 


Jason Moran / Blankfor.ms / Marcus Gilmore: Shards

Red Hook Records / Galileo

Hörprobe: 

SHARDS by Jason Moran - BlankFor.ms - Marcus Gilmore (youtube)



Monday, 8 June 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 60: Erwin Rehling – Sang Klang Gschicht

Wundersames Hinterland

Der Dialekt- und Klangerkunder Erwin Rehling leuchtet die Provinz aus


Die einen nennen es Mundart und wollen sie pflegen, die anderen nennen es Dialekt und sprechen ihn einfach ohne viel Aufhebens davon zu machen. (1) Erwin Rehling gehört zur zweiten Kategorie. Der Oberbayer, der schon Jahrzehnte lang musikalisch aktiv ist, ganz zu Anfang mit dem Volksmusik-Punk-Trio DIE INTERPRETEN, schreibt seit Jahren feine, kleine Texte und Aphorismen, die er im Dialekt vorträgt und mit kurzen Intermezzi auf seinem vielfältigen Perkussionsinstrumentarium musikalisch umrahmt, dabei erstaunliche Klangphänomene zu Tage fördert. Für seine Sprach- und Klangkunst, die wirklich nichts Vergleichbares kennt, hat er 2024 den Bayerischen Kulturpreis erhalten.   


Jetzt ist Rehlings drittes Album erschienen, das er diesmal in Eigenregie produziert und herausgegeben hat und das nur bei seinen Auftritten und über seine Website erwin-rehling.de zu beziehen ist. Das Album enthält 48 Titel, die alle so um eine Minute lang sind, der kürzeste ist 11 Sekunden, der längste dauert 1:45 min. 


Dabei führt uns Rehling wieder zurück in die Vergangenheit, die Zeit seiner Jugend, wobei er herausarbeitet, wie merkwürdig und verschroben ihm die Welt damals zuweilen auf dem Dorf vorkam. Es sind die sechziger und siebziger Jahre in Soyen, einer kleinen Gemeinde bei Wasserburg am Inn, wo der Autor aufgewachsen ist. Nach einem Ausflug von ein paar Jahren nach München lebt er heute wieder in der Gegend. Damals kam der erste Supermarkt ins Dorf, auch die Drogen der Hippie-Rebellion. 


Dazu kommen Geschichten und Schrullen aus der Gegenwart, wunderliche Erlebnisse und Ereignisse, kleine Beobachtungen aus dem zuweilen schroffen Alltag, Schlaglichter auf die Kauzigkeit seiner Zeitgenossen, die manchmal witzig daherkommen, aber auch echt ans Herz gehen können („Bei da Oma“). Erwin Rehling ist als Künstler ein Solitär, wie es nicht viele gibt und wie sie vielleicht nur im tiefsten Bayern gedeihen können (siehe Achternbusch, Polt, Bierbichler, Ringsgwandl usw.). 


(1) Wie der Dialekt von einigen vermeintlichen Literaturwächtern und Personen aus dem höheren Feuilleton immer noch gesehen wird, hat neulich Elke Heidereich in ihre Schmähkritik des Literaturkritikers Denis Scheck deutlich gemacht (weil er eines ihrer Bücher in die Tonne geworfen hat), indem sie dem Schwaben nicht nur vorhielt, dass er von Literatur null Ahnung habe, sondern noch schlimmer: Er könne ja nicht einmal richtig hochdeutsch. Ein Satz, der tief blicken läßt und klar macht, wo die Debilität und das wahre Provinzlertum heute zuhause sind.  


Hörprobe:

Erwin Rehling – eine Landjugend (youtube)



Monday, 27 April 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 59: Matt Gold & Dustin Laurenzi

Spielart des Minimalismus

Matt Gold & Dustin Laurenzi

Devotional Fade

We Jazz Records



Multiinstrumentalist Matt Gold (mit der Gitarre als Hauptinstrument) und Saxofonist Dustin Laurenzi sind auf der Chicagoer Szene aktiv, wo sie in einem stilistischen Spektrum zwischen Jazz, Folk und Rock mit so unterschiedlichen Musiker und Musikerinnen wie Jeff Parker, Makaya McCraven, Bill Callahan und Natalie Merchant gearbeitet habe. Die Musik, die die beiden zusammen in Szene setzen, kann als eine Spielart des Minimalismus’ beschrieben werden, allerdings improvisiert. Das Duo arbeiten mit Repetition, viel Hall und Elektronik sowie Langtönen, wobei Stücke entstehen, deren unterschiedliche Stimmen wie die Räder eines Uhrwerks in einander greifen. Bei manchen Nummern kommt außerdem eine Rhythmusmaschine ins Spiel.



Matt Gold ist für das Fundament verantwortlich, das manchmal elegisch klingt, ein andermal rhythmisch nach Dub-Reggae oder den Sounds der New Romantics. Über diesen Klangteppich legt Laurenzi ausgesprochen sparsam seine Töne, wobei er das Saxofon elektronisch manipuliert, bis die Klänge stark verfremdet von ganz weit aus der Ferne herüberhallen. Das Tempo ist meistens gemächlich, die Stimmung unaufgeregt bis entspannt, was allerdings nicht verhindern kann, dass das Konzept auf Dauer Gefahr läuft, sich abzunützen, wobei im letzten Stück namens „End Of The Horn“ die konzeptionellen Zügel gelockert werden und sich plötzlich eine ganz neue Perspektive auftut.

Hörprobe: Matt Gold & Dustin Laurenzi – Devotional Fade (youtube)



Thursday, 23 April 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 58: Nicolas Leirtrø’s Action Now! – Entrance

Musik von verblüffender Eigenheit

Nicolas Leirtrø’s Action Now!


Aus dem hohen Norden, aus Trondheim, kommt der junge norwegische Kontrabassist Nicolas Leirtrø – in unseren Breiten noch kaum bekannt. Um so mehr überrascht das Album Entrance seines Quartetts Action Now!, das eine Musik von erstaunlicher Eigenart bietet.  


Acht Kompositionen offenbaren ein Geflecht vielfältiger Referenzen. Leirtrø verbindet den hymnischen Jazz einer Alice Coltrane mit der Hitze der Fire Music der 1960er Jahre. Dazu kommt der Drive des No-Wave der frühen 1980er Jahre von Bands wie Rip Rig & Panic plus die schillernden Sounds des progressiven Rock, ob von Egg oder Soft Machine (ca. 1975 mit Carl Jenkins am Baritonsax). Aus diesem Gemisch an Einflüssen formt Action Now! einen genuinen Stil, der absolut auf der Höhe der Zeit ist. 



Die Musik von Leirtrøs Gruppe kommt in wilden Blow-Outs mit berstender Intensität daher, in Riffs wuchtig und voll erdige Kraft. Sie kann aber auch leise klingen, sanft und in sich versunken. Zwischen diesen Extremen changiert die Musik. An der Hammond erweist sich Kit Downes als der wahre Joker der Gruppe, der in bester Larry-Young-Manier seine elektronischen Orgelsounds schimmern und funkeln läßt. Mats Gustafsson spielt Baritonsaxofon und Querflöte voller Druck und Vitalität, während am Schlagzeug die junge Norwegerin Veslemøy Narvesen eine exzellente Figur macht. Aber nicht nur als Solisten finden die Musiker zu einem individuellen Ausdruck, auch das Zusammenspiel funktioniert auf perfekte Weise. Entrance ist ein hervorragendes Album, in Teilen fulminant.


Nicolas Leirtrø’s Action Now!: Entrance (Sauajazz SAU011)


Hörprobe:

https://nicolasleirtro.bandcamp.com/album/entrance 

Wednesday, 4 March 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 57: Eve Rissers Folkore imaginaire

Ensemble Ensemble

Live at Atelier du Plateau


BMC Records



Das Ensemble Ensemble ist ein Quintett, das von Eve Risser ins Leben gerufen wurde. Die Pianistin, die in Colmar aufwuchs, hat sich dazu die Vokalistin und Elektronikerin Mari Kvien Brunvoll und den Gitarristen Kim Myhr, beide aus Norwegen, ins Boot geholt, plus den rumänischen Violinisten George Dumitriu sowie ihren französischen Landsmann Toma Gouband, ein Spezialist für Schlagwerk aus Stein und anderen Naturstoffen. 


Eine wahrlich multinationale Gruppe hat sich hier zusammengefunden, die darauf abzielt, Konzepte der improvisierenden Avantgarde mit Elementen der Volksmusik aus Norwegen und dem Elsaß zu verschmelzen, Musik, die aus dem Fundus der Tradition schöpft, diese aber auf experimentelle Weise verarbeitet.



Beim Auftritt im Atelier du Plateau in Paris im Juni 2018 kreierten die fünf Musikerinnen und Musiker in fünf Stücken äußerst delikate Klangtexturen, die sich – fein verwoben – in gemächlichem Schritt bewegten, sehr lose zusammengesetzt und äußerst transparent waren, wobei die Musik immer wieder eine Atempause einlegte, die von elektronischen Drones ausgefüllt wurde. Das kollektive Spiel ist fein austariert und perfekt aufeinander abgestimmt. Ego-Trips kommen nicht vor. Das Ensemble Ensemble begreift sich als Gruppe, bei der der Gruppenklang im Zentrum steht, nicht die Soli von Solisten. 


Während Brunvoll norwegisches Volksliedmelodien intoniert und sie gelegentlich mit dem Sampler einfängt, verdoppelt und wieder einspeist, läßt Risser ihr präpariertes Klavier wie ein afrikanisches Ballafon oder ein Gamelan aus Java klingen. Dumitriu spielt auf der Geige zumeist Pizzicato oder bordunartige Langtöne, während Myhr hallige Gitarrenakkorde einstreut und Gouband auf Felzstücken steinzeitliche Morsesignale klopft. Zusammen ergibt das eine tief in sich versunkene Meditation in Klang – Musik von traumartiger Imagination. 


Hörprobe:

Ensemble Ensemble in Rezé (youtube)





 

Tuesday, 24 February 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 56: PIERRE FAVRE – Perkussion total

Pierre Favre & Sergio Armaroli, Andrea Centazzo, Francesca Gemmo 

The Art Of Sound(s) 

Hat Hut Records / NRW

Wenn das Klavier – wie Cecil Taylor meinte – ein Instrument mit 88 gestimmten Trommeln ist und auch für das Vibraphon diese Charakterisierung gilt, könnte man die Gruppe, die Pierre Favre für diese Aufnahmesession um sich scharte, durchaus als Perkussionsensemble bezeichnen, was nicht sein erstes wäre. Der Schlagwerker Andrea Centazzo, der Vibraphonist Sergio Armaroli und die Pianistin Francesca Gemmo bilden neben dem Schweizer Altmeister – er wird nächstes Jahr neunzig – die Formation, die eine Musik macht, welche für die sanftere Spielart der freien Improvisation in Europa steht. 



In einer Suite aus acht Sätzen werden fein ziselierte und pointillistische Improvisationen in Szene gesetzt, bei denen es manchmal vor Tönen nur so wuselt, die durcheinander purzeln und prasseln und sich zu musikalischen Wimmelbildern verdichten. 


Hölzerne Tempelblocks und eine Vielzahl an Metallbecken, Gongs und Trommeln werden mit unterschiedlichen Stöcken, Klöppeln und Besen zum Klingen gebracht. Sie verbinden sich mit den Akkorden, Intervallen und kleinen Melodien von Piano und Vibraphon zu polymorphen Gebilden. Bei anderen Stücken geben die beiden Melodieinstrumente die Richtung vor und lassen subtile Klänge behutsam durch den Raum schweben, auf die die Schlagzeuger mit Fingerspitzengefühl antworten. 


Zum Reinhören:

https://first-archive-visit.bandcamp.com/album/the-art-of-sound-s



Friday, 30 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 55: Betamax vs Sylvia Hallett

Buntschillernde Klänge über hypnotischen Beats

Betamax vs Sylvia Hallett (Picot)


Betamax, alias Max Hallett, war der Drummer der Postjazz-Gruppe The Comet is Coming. Seine Mutter ist die Multiinstrumentalistin Sylvia Hallett, die Violine, Piano, Harmonium, Akkordeon, Posaune, Sarangi und manchmal auch Fahrradspeichen spielt und dazu singt und seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der freien Improvisationszene von London ist.

Da The Comet is Coming seit Ende 2023 dormant ist, tut sich Betamax inzwischen mehr und mehr als Produzent hervor. Die Einspielung mit seiner Mutter trägt deutlich seine Züge, die sich in groovenden Schlagzeugbeats und schweren Baßlinien äußern. Über dieses rhythmische und klangliche Fundament legt Sylvia Hallett ihre sphärischen Sounds, die im Studio noch eine deutliche Nachbearbeitung erfahren haben, oft attraktiv verfremdet bis zu Unkenntlichkeit.



Ziemlich ausgeklügelt klingt das Ganze. Buntschillernde Sounds werden zu Klangcollagen verdichtet und über repetitiv-betörende Drumrhythmen gespielt, wobei Betamax für jedes Stück ein anderes Schlagmuster wählt, das er dann über dessen ganze Länge durchhält. 


Sounds schwellen an und wieder ab, das Schlagzeug tritt hervor und wieder in den Hintergrund, Tonfetzen unbekannter Provenienz wehen heran und vorbei. Stimmen werden vernehmbar und verklingen. Immer wieder ändert sich das Panorama der Klänge und gibt den Blick auf eine andere Klanglandschaften frei. Im letzten Stück des Albums schweben Langtöne von der Geige, kontrapunktisch verdoppelt und dann noch einmal multipliziert, durch den Raum und erzeugen über einem dicken Schlagzeugteppich eine Sphärenmusik von hypnotischem Zauber. Eine erstaunliche Einspielung! 

English Translation:
Vibrant sounds over hypnotic beats – Betamax vs Sylvia Hallett (Picot)
Betamax, aka Max Hallett, was the drummer of the post-jazz group The Comet is Coming. His mother is the multi-instrumentalist Sylvia Hallett, who plays violin, piano, harmonium, accordion, trombone, sarangi, and sometimes even bicycle spokes, and also sings. She has been a fixture of London's free improvisation scene for decades. Since The Comet is Coming went dormant at the end of 2023, Betamax has increasingly made a name for himself as a producer. The recording with his mother clearly bears his signature, evident in the groovy drum beats and heavy bass lines. Over this rhythmic and sonic foundation, Sylvia Hallett lays her atmospheric sounds, which underwent significant post-production in the studio, often attractively distorted to the point of being unrecognizable. The whole thing sounds quite sophisticated. Vibrant, iridescent sounds are condensed into sonic collages and layered over repetitively captivating drum rhythms, with Betamax choosing a different drum pattern for each track, which he then maintains throughout. Sounds swell and recede, the drums emerge and then fade into the background, fragments of sound from unknown sources drift in and out. Voices become audible and then fade away. The sonic panorama constantly shifts, revealing yet another sonic landscape. In the album's final track, long violin notes, contrapuntally doubled and then multiplied once more, float through the space, creating a hypnotic, ethereal soundscape over a thick carpet of interlocked rhythms.

Saturday, 10 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 54: Christian Marien Quartett

Christian Marien Quartett

Beyond The Fingertips

MarMade Records




Christian Marien schwimmt gegen den Strom. Obwohl seit einiger Zeit im Jazz die Post-Production en vogue ist und für solche Nachbearbeitungen von Plattenaufnahmen viel Zeit und Sorgfalt aufgewendet wird, hat der Berliner Schlagzeuger sein aktuelles Quartett-Album im Direct-To-Disc-Verfahren eingespielt, die Musik also direkt in den Lack geritzt, jeweils ein Vinylseite von 18 Minuten – mehr geht nicht. Hellwach und ganz im Augenblick zu sein, war deshalb das Gebot der Stunde, denn Nachbessern konnte man nicht. Wenn die Aufnahme einmal im Kasten war, konnte man daran nichts mehr verändern.


Mariens Ensemble ist mit Tobias Delius (ts, cl), Jasper Stadhouders (g) und Antonio Borghini (b) hochkarätig besetzt, vier Musiker, die zur Creme der Berliner Improvisationszene zählen. Das Quartett entwirft einen zeitgenössischen Jazz, der die höchst originellen Kompositionsideen von Marien als Leitplanken für improvisatorische Eskapaden nutzt. Meistens bestimmen die Melodieinstrumente den Ton, während Baß und Schlagzeug für optimale Rahmung sorgen. 




Abwechselnd werden die unterschiedlichsten Stimmungen evoziert, von dunkel-romantisch bis aufschäumend-wild, wobei die atmosphärischen Umschwünge oft ziemlich überraschend, aber dennoch organisch erfolgen. Von einer soliden rhythmisch-harmonischen Basis aus geht es gelegentlich in freies Terrain – improvisieren ohne Geländer. Die Gitarre spinnt feinnervige Tonfäden voll nervöser Energie, während Saxofon und Klarinette mit überraschenden Intonationen aufwarten. Zusammen mit der agilen Rhythmusgruppe kommt so ein ganz eigener, kollektiver Gruppenklang zur Aufführung, der kontinuierlich seine Gestalt verändert. Klangalchemie pur!


Hörprobe:

https://christianmarien.bandcamp.com/album/beyond-the-fingertips


Friday, 9 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 53: Jazzsaxofonist Roland Kirk – Seher und Visionär

Musik wie ein Traum

Die Visionen des Roland Kirk

Foto: Jutta Vialon


Er war ein blinder Jazzmusiker, der seine Musik aus Träumen zog. 1970 hatte er einen Traum, in welchem ihm ein neuer Name gegben wurde. Seither nannte er sich Rahsaan Roland Kirk. Ungefähr zu dieser Zeit, am 26. Februar 1970, trat der Bandleader, der bis zu drei Saxofone gleichzeitig mit ungeheurer Ausdruckskraft spielte, im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle auf mit seiner damaligen Band, The Vibration Society, zu der u.a. Rahn Burton am Klavier und Jerome Cooper am Schlagzeug gehörten. (mehr über Jerome Cooper: https://christophwagnermusic.blogspot.com/2015/05/nachruf-jazzdrummer-jerome-cooper.html)

Sieben Jahre zuvor war Kirk bereits auf Tournee in Westdeutschland gewesen. In Verlauf der 1963er-Konzertreise trat er live in den Fernsehstudios von Radio Bremen auf (den gleichen Räumen, wo der "Beat-Club" aufgezeichnet wurde), damals mit einer europäischen Rhythmusgruppe, die aus den beiden Schweizern George Gruntz (p) und Daniel Humair (dr), sowie dem französischen Bassisten Guy Pedersen bestand. 

Die drei Europäer stellten sich ausgezeichnet auf den Afroamerikaner ein und absolvierten zusammen ein herausragendes Konzert. Humair elastisch und virtuos, wie man ihn kennt, mit viel Swing. George Gruntz mit perlenden Läufen, agil und hellwach. Pedersen grundsolide. Es war für die jungen, europäischen Jazzmusiker sicher eine große Ehre, den amerikanischen Jazzstar begleiten zu dürfen, weshalb sie sich von der besten Seite zeigten und mächtig anstrengten. Dass ihr Konzert vom Fernsehen aufgezeichnet wurde, dürfte noch zusätzlich Ansporn gewesen sein. 

Der Mitschnitt des Konzerts ist jetzt unter dem Titel "Domino – Live at Radio Bremen TV-Studios 1963" auf CD plus DVD erschienen.


In meinem aktuellen Buch "FREAK-SOUNDS – MUSIK ABSEITS DER NORM" (edition neue zeitschrift für Musik, 2025) habe ich Rahsaan Roland Kirk ein Kapitel gewidmet – der blinde Jazzmusiker, wie in der Antike, als Seher und Visionär. Das Cover des Buchs ziert ein Foto von Jörg Becker, das Kirk bei seinem Stuttgarter Auftritt 1970 zeigt, nicht mehr in Anzug und weißem Hemd, sondern mit Wollmütze und T-Shirt. Die Lockerungsübungen der Hippie-Bewegung, was die Kleidung betraf, waren offenbar auch in der Jazzszene angekommen.