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Friday, 13 September 2024

Ausstellung "BEYOND THE BEAT": Merseybeat in Liverpool

DIE SZENE, AUS DER DIE BEATLES HERVORGINGEN

Im "Museum of Liverpool" habe ich gestern eine kleine Ausstellung über die Merseybeat-Szene der frühen 1960er Jahre gesehen. Sie weckte deshalb mein Interesse, weil ich vor Jahren einmal eine Radiosendung für den SWR zu genau diesem Thema gemacht hatte und aus diesem Umfeld einst die Beatles hervorgingen. Die Ausstellung "BEYOND THE BEAT" zeigt Fotographien von Bill Connoll und Les Chadwick, die diese für die Peter Kaye Fotoagentur machten. Die Fotodokumentation war vom Beatles-Manager Brian Epstein in Auftrag gegeben worden, um die Szene um den Cavern Club in der Matthew Street zu dokumentieren, vor allem auch die tourenden Bands aus London und Manchester, die hier auftraten, nebst amerikanischen Bluessängern wie John Lee Hooker und Sonny Boy Williamson. 

Menschenschlange vor dem Cavern Club in der Matthew Street wartet auf Einlaß zu einem Konzert.


Der Cavern Club war ein riesiger Gewölbekeller-Club in der Matthew Street, wo sich bei Auftritten das Publikum drängte. Hier die Gruppe THE REMO FOUR, die 1967 George Harrison auf seinem Album 'Wonderwall' begleiteten. Manche lokale Bands traten dutzende Male im Cavern auf. Selbst in der Mittagspause gab es 'Live'-Musik, dazu billiges Essen.



Die Gruppe THE CLAYTON SQUARES, die vom Cavern-Club-Betreiber Bob Wooler gemanagt wurde, bei einem Fotoshoot für eine Promo-Aufnahme irgendwo in einer Seitenstraße im Zentrum von Liverpool




Die Yardbirds mit einem jungen Eric Clapton (ganz links). Das Foto wurde im Januar 1964 gemacht beim ersten Auftritt der Band im Cavern Club, die insgesamt viermal hier auftraten.



Die Band von Alexis Korner namens 'Blues Incorporated' bei ihrem ersten Auftritt (von insgesamt zehn) im Cavern im November 1963. Damals begleiteten sie den amerikanischen Bluessänger Herbie Goins. Alexis Korner in der Mitte an der Gitarre – mit seiner karrierten Hose und dem Hütchen hat er sich  offentichtlich ganz besonders für den Auftritt zurecht gemacht.




John Mayall & The Bluesbreakers im Cavern Club: Mayall am E-Piano (links) und Hughie Flint am Schlagzeug. Später wurde Der Drummer mit der Gruppe McGuinness Flint durch ihren Hit "When I'm dead and gone" bekannt. An der Kellerwand hinter der Bühne haben sich die Musiker verewigt, die hier aufgetreten sind.




Amerikanische Bluessänger traten regelmäßig im Cavern Club auf, hier John Lee Hooker im Juni 1964. Sie übten eine massiven Einfluß auf die lokale Szene aus. Hooker war das erste Mal 1962 mit dem 'American Folk Blues Festival' nach Europa gekommen, wobei bei dieser ersten Tour das reisende Bluesfestival allerdings nicht in Großbritannien gastierte.


 

Sunday, 19 January 2014

ROCK-ARCHÄOLOGIE: Multimedia in Liverpool in den 60ern

Liverpool Underground

Pop-Poetry, Rock und Performance-Art in den 60er Jahren

Ein Gastbeitrag von Benjamin Tyrs


„„Liverpool ist momentan das Bewusstseinszentrum des menschlichen Universums“, erklärte Allen Ginsberg 1965 bei einem Besuch der dortigen Avantgardeszene. Durch den Beatles-Hype in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerückt, erschien Liverpool in den frühen sechziger Jahren künstlerisch als Stadt der ungegrenzten Möglichkeiten. In vielen Clubs der Stadt wurde nach den wilden Rhythmen einer neuen Musik getanzt, die aus Amerika kam und Rock ’n’ Roll genannt wurde. In Liverpool entstand daraus der Merseybeat, in dem die Beatles ihre Wurzeln hatten. Ginsberg traf dort auf eine lose Gruppe von Poeten –  Adrian Henri, Roger McGough und Brian Patten –  die mit neuartigen Lyrikhappenings Furore machten und eine erfrischende Alternative zu den starren und traditionellen Formen der Dichtung darstellten. Sie trugen in Pubs ihre Gedichte vor, die mit Versatzstücken aus Alltagssprache, Slang, Collagetechniken der Avantgarde sowie Elementen der Trivialkultur ein neues Publukum ansprachen.

Die Verse der amerikanischen Beat-Poeten hatten das Feld bereitet. Angeregt durch die Jazz-and-Poetry Veranstaltungen von San Francisco, wurden  in der Liverpooler Streate’s Coffee Bar ähnliche Abende organisiert. Auf der Suche nach Eigenständigkeit wurden die Ideen der Beats weiterentwickelt. Lyriklesungen avancierten nun zu multimedialen Spektakeln, bei denen Dichtung, visuelle Kunst und Rock ’n’ Roll zu einem umfassenden Kunsterlebnis  verbunden wurden.  Zu den Sounds von Popgruppen wie den Roadrunners oder den Clayton Squares wurde nun eine etwas andere  Poesie gelesen, während abstrakte Gemälde und  riesige Poster den Veranstaltungsraum schmückten.
Diese  Events, eine Liverpooler Spielart des Happening, zogen ihre Inspiration aus Erfahrungen der Alltagswelt. Die Idee zur Veranstaltung  “Death of a Bird in the City“ war Henri auf dem Weg zum Manchester College of Art gekommen, als ihm eine Möwe gegen die Windschutzscheibe flog.

„Die Kellerbar hatte einen schwarzen Boden und abgedämpftes Licht. Eine Bühne gab es nicht, aber in der Mitte einen freien Platz, um den das Publikum saß. Alles war ungeprobt und nicht professionell, aber die Stimmung war großartig, und die Zuschauer klatschten an den richtigen Stellen, während die Bar weiter Bier ausschenkte und Chips verkaufte“, erinnerte sich Carol Rudd, die bei der Performance den Vogel mimte. Die Attraktivität der Liverpool Poets bestand darin, eine literarische Lesung zu einer Show auszubauen. „Unsere Performance war theatralischer, weil wir die Vorträge strukturierten und sie mit Klang- und Soundeffekten anreicherten und außerdem Musik einsetzten,“ betonte Patten. Dadurch wurden die Lesungen für ein neues Publikum interessant, das normalerweise nicht zu einer Literaturveranstaltung gegangen wäre.

Stilistisch war alles erlaubt, sofern es beim Publikum Reaktionen auslöste. Die Figur des maskierten Poeten, eine Batman ähnliche Gestalt, sorgte für Heiterkeit. Batman mischte sich unters Publikum, um es im Wettreimen zu besiegen. „Take me back to Gotham City - Batman / Take me where the girls are pretty – Batman,” skandierte Adrian Henry. “All those damsels in distress / Half-undressed or even less / The BatPill makes ‘em all say Yes – Batman.” .
Im Zuge des Beatlesboom, der Liverpool ab 1963 über Nacht zum Nabel der internationalen Pop-Szene gemacht hatte, durchforsteten die Medien nun die Hinterzimmer der Liverpooler Pubs  auf der Suche nach möglichen Superstars. Dabei stießen sie auf Henri, Patten und McGough, die gerade dabei waren, ihr multimediales Konzept der Poetry-Performances in das Format einer Rockband zu überführen.


Adrian Henri (ganz links) und seine Band 'The Liverpool Scene'

Adrian Henri wählte  einen radikalen Ansatz. Seine Formation The Liverpool Scene mischte die neuen Underground-Sounds, Jazz, Blues und experimentelle Klangerkundungen mit einem extremen Vortragsstil, der von extrovertiertem Wortgebrüll bis zu geflüsterten Beschwörungsformeln reichte. Durch den  Brückenschlag  zwischen Experiment und Verständlichkeit wurden die Auftritte zu Popkonzerten der neuen Art und die Dichter wie Popstars behandelt: „Unsere Gedichte wurden von den Jugendlichen nicht als ’Poetry’ mit einem großen P angesehen. Für sie war es moderne Unterhaltung, ein Bestandteil der Popbewegung.“