Sunday, 21 December 2025

Die Tradition lokaler 'christmas carols' in Sheffield

Weihnachtssingen im Pub

In Nordengland wird in der Weihnachtszeit eine widerständige Gesangstradition gepflegt


Foto: C.Wagner



Jeden Donnerstagsabend im Advent ist im “The Greyhound”-Pub in Ecclesfield, einem Vorort von Sheffield, viel Betrieb. In einem Nebenraum sitzen abends drei Dutzend Gäste an kleinen Tischchen, reden und trinken Bier. Die Stimmung ist gelöst. Es wird gelacht und Neuankömmlinge herzlich begrüßt, bis jemand einen Titel in die Runde ruft, woraufhin alle in den mitgebrachten Notenbüchern blättern. Ist das Lied gefunden, hebt der Vorsänger mit kräftiger Stimme an – und alle stimmen ein. Doch es ertönt kein angeheitertes Sauflied, sondern ein feingedrechseltes “Christmas Carol” (= Weihnachtslied) in einer vom sonoren Baß bis zum hellen Diskant recht anspruchsvollen Zweistimmigkeit, dazu Worte, die von “süßen Glocken” und dem “Holy Christmas Day” handeln. 


Im Norden von England, in Süd-Yorkshire sowie einigen Gemeinden im Peak District von Derbyshire und in Nottinghamshire wird eine Singtradition gepflegt, die nur um die Weihnachtszeit zum Vorschein kommt. Dann treffen sich Leute in den Wirtschaften ihrer Ortschaften, um ganz spezielle Christmas-Carols zu singen, lokale Weihnachtslieder, die es sonst nirgends gibt. Die Pubsänger sind stolz auf dieses Stück lokaler Eigenheit, weil solches Brauchtum in Großbritannien einst nahezu ausgestorben war, in den letzten Jahren aber ein Revival erlebt.


Das “Carol”-Singen im Pub ist öffentlich. Jeder kann mitmachen. Man muss nicht Mitglied irgendeines Clubs oder Chors sein. Eine Aufnahmeprüfung gibt es nicht. Wer Lust hat, kommt einfach dazu und steigt ein. Man braucht nur in die Melodie einzustimmen, und wenn man die Texte nicht auswendig kann, erwirbt man ein fotokopiertes Liederbuch für £ 2.


Aber oft helfen Noten gar nicht weiter, weil die Carols in jedem Dorf etwas anders klingen. Manche der lokalen Weihnachtslieder sind in etlichen Versionen im Umlauf. Die Texte können variieren, Melodie und Stimmführung weichen von einander ab. Überwiegend wird ohne Instrumenalbegleitung gesungen. Allerdings steht im “Royal Hotel” in Dungworth (Süd-Yorkshire) eine Orgel, die die Sänger unterstützt, wodurch sich im Zwischenspiel die Chance bietet, kurz mal wieder am Bier zu nippen.


Deckblatt eines Liederbuchs (Sammlung C. Wagner)



Früher war das “Carolling” eine Aktivität, die von losen Gesangsgruppen ausgeübt wurde. Wie die Sternsinger in Deutschland, zogen einst lose Gruppen im Advent durch Matsch und Schnee, mit Geige, Klarinette oder Concertina unterm Arm, um auf öffentlichen Plätzen, in Häusern und Farmen Weihnachtslieder zum Besten zu geben. Als Belohnung gab es etwas Trinkgeld und ein paar “Mince Pies” (eine Art Süßgebäck). 


Die örtlichen Carols wurden wie ein Schatz gehütet. In der Chronik von Warroll in Süd-Yorkshire findet sich ein Fall versuchten Diebstahls geistigen Dorfeigentums vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Sänger- und Musikantengruppe “The Big Set” musizierte in der Vorweihnachtszeit im Dorf und auf den umliegenden Höfen. Eines Tages sollen sie bei einem ihrer Rundgänge von einer Person aus dem nahen Stannington beschattet worden sein, die die Lieder mitnotierte. Um dem “Spion” das Leben schwer zu machen, wurde jede Wiederholung der Melodien vermieden und jede Strophe in einer anderen Version gespielt.


Die Rivalitäten leben bis heute fort. Jedes Dorf hält seine Liedversionen für die einzig richtigen. Das Tempo kann ein Streitpunkt sein. Die Sänger in Ecclesfield können dem eher gemächlichen Stil des “Blue Ball”-Pubs in Warroll wenig abgewinnen. "Klingt wie ein Trauermarsch”, ist die generelle Meinung. "Da schläft man ja ein.” Dagegen schwören die "Caroler” aus Warroll auf ihren getragenen Gesangsstil, der Orgelbegleitung einschließt – für die Pubsänger aus Ecclesfield ein Unding. Hier ist man stolz darauf, dass man auch ohne die Stütze eines Instruments die richtigen Noten trifft.


Carolers von 'The Big Set' unterwegs in den Vororten von Sheffield, 1906




Die Liedtradition reicht mehr als 200 Jahre zurück. Angeregt vom Barockkomponisten Georg Friedrich Händel schrieben Ende des 18. Jahrhunderts Laienkomponisten Kirchenlieder im volksbarocken Stil, die schwungvoll und mehrstimmig waren, sowie eingängige Refrains besaßen. Niemand störte sich daran, dass dieselben Dorfmusikanten, die Samstagabend zum Tanz aufspielten, am nächsten Morgen in der Kirche diese Lieder begleiteten – in ähnlich schmissiger Manier.


Den Reformern des viktorianischen Zeitalters war soviel pralles Leben ein Dorn im Auge – zumal im Gottesdienst. Sie zogen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus, den Unterklassen ihre vermeintlich schlechten Sitten auszutreiben und sie zu braven Untertanen zu erziehen. Das kirchliche Liedgut wurde mit einem Bann belegt und gegen unverfänglichere Melodien ausgetauscht. Das liebliche Weihnachtslied “Stille Nacht”, das ursprünglich aus Österreich stammt, wurde damals ins Englische übertragen und ertönte bald darauf in den Kirchen der Insel. 


Das ging den Autoritäten allerdings noch nicht weit genug. In Ecclesfield wurde 1826 der Musikkapelle die Tür gewiesen. Ein Harmonium trat an ihre Stelle. Später wurde der Chor aus der Kirche verbannt und durch Chorknaben mit weißen Gewändern und hochgestellten Kragen ersetzt, die diskret ihre Gesangsbücher hielten und ganz vornehm und fein intonierten. 


Doch still und leise gingen diese “Reformen” nicht über die Bühne! Nicht nur in Ecclesfield schlugen die Emotionen hoch. In zahlreichen Dörfern gab es Protest. Es kam zu Sabotageakten. Kirchen blieben leer, oder die Gemeinde saß Woche für Woche mit geschlossenen Lippen da. Die alten Carols, nun geächtet und heimatlos, wurden weiterhin im Dorf gespielt und gesungen, bis sie in den Pubs eine permanente Zufluchtsstätte fanden.


Die Entwicklung steht nicht still. War das Carol-Singen im Pub früher eine reine Männersache, so nehmen inzwischen genauso viele Frauen daran teil. Auch hat die Kirche gelernt, gelassener mit dem "Problem” umzugehen. Allerdings kann der Zwist sofort wieder aufflammen, wenn sich ein neuer Pfarrer allzu puritisch gibt und sich gegen die Carols sperrt, weil er durch sie die Reinheit des Ritus in Gefahr sieht. Damit macht man sich in Sheffield und Umgebung keine Freunde.


Mittlerweile hat auch die englische Folkszene die Christmas Carols entdeckt. Etliche Folksänger haben das eine oder andere lokale Lied ins Repertoire genommen. In den 1970er Jahren war die Vokalgruppe The Watersons aus Robin Hood’s Bay in Nord-Yorkshire vorgeprescht, indem sie ein ganzes Album mit alten religiöse Hymnen und Carols aufnahm. Heute greifen Sängerinnen wie Kate Rusby oder das Gesangstrio Coope Boyes & Simpson die Tradition wieder auf und interpretieren die Carols auf neue Weise. Und im Sheffield Crucible Theatre spielt gerade Dickens' Theaterstück "Christmas Coral" in einer Version, die zum ersten Mal die lokalen Carols verwendet – unbegleitet gesungen. Das verhilft den Carols zu steigender Popularität und trägt dazu bei, dass sie auch in Zukunft nicht in Vergessenheit geraten werden. 


Zum Reinhören:

Hark Hark What News - Black Bull, Ecclesfield, Thursday 19th December 2019 (youtube)


Die lokalen Weihnachtslieder vom Crucible Theatre in Sheffield 2025 für Dickens' Theaterstück 'christmas carol' adoptiert

Jetzt hat auch die ARD das Thema aufgegriffen. Ein Beitrag aus der Mediathek:




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