Sunday, 8 September 2019

Jeffrey Lewis & The Voltage in Stuttgart

Tränen gelacht, neben tiefer Melancholie 

Fotos: Manuel Wagner


Am Freitag, 9. September 2019, gab es das Auftaktkonzert der Europa-Tournee von Jeffrey Lewis & The Voltage, die am 26. September 2019 in Cardiff (Wales) zu Ende gehen wird. Ort des Gigs: die Büroräume von Manuel Wagner (Wagnerchic) & David Spaeth in Stuttgart. Jeff und seine zwei Mitmusiker waren in Topform und boten ein Programm, das so abwechslungsreich, witzig und voller Drive war, das es am Schluß 'standing ovations' gab. Traurige Songs, fröhliche Lieder, seine unvergleichlichen Comix-Vorträge in gereimter Form, etliche Klassiker wie „The last time I took acid I went insane“ oder ”Roll, bus roll“, dann noch als Zugabe ein Cover von Shellac's 'Prayer to God', das es in sich hatte, das alles zusammen machte den Abend zu einem eindrücklichen Erlebnis.




Selten habe ich bei einem Konzert so gelacht. Das war feinster, subtiler Humor, der keine Sekunde ins Kalauern abrutschte. Zudem sind seine Songtexte von einer Präzision und Realitätsnähe, die einen Staunen macht. Einer der skurrilsten Momente des Abends war, als Jeff seinen linken Socken während des Austritts auszog, um ihn übers Mikrofon zu stülpen, um einen Dämpfeffekt zu erzielen. (Wie ich nachher erfuhr, war es eine Gegenmaßnahme: Er hatte einen Stromschlag vom Mikro erhalten)





Vielleicht lag es an den Räumlichkeiten, die eine intime und doch gemütliche Atmosphäre zuließen, dass der Auftritt so außerordentlich gut lief. Was dabei ganz klar zutage trat: Jeffrey Lewis ist einer der unterschätzsteten Singer-Songwriter im internationalen Popbereich. Wenn es dort auch nur einigemaßen mit rechten Dingen zugehen würde, müsste ein Songpoet seines Kalibers eigentlich weltbekannt sein und riesige Zuschauermassen ziehen. Wir sind natürlich 'happy‘, dass wir ihn noch in einem solch kleinen Rahmen erleben konnten. Fantastisch! Mein Konzert des Jahres so far.



Friday, 30 August 2019

Der Sound von New Orleans

Lebensfreude und lockere Sitten

Eine CD-Box feiert die musikalische Vielfalt der Stadt am Mississippi

Professor Longhair 1971 (Foto: John Messina)
 

cw. Nirgendwo sonst wird die Klarinette mit so viel Vibrato gespielt wie in New Orleans, dem Ort, wo um 1900 der „Jass“ erfunden wurde. Kein Wunder, dass Sidney Bechet, der später aufs Sopransaxofon umstieg, aus der Stadt am Mississippi kam. Zusammen mit Louis Armstrong und King Oliver machte Bechet die „hot music“ zuerst in den USA und dann auf der ganzen Welt bekannt. 

Doch New Orleans steht nicht allein für Jazz. Eine Vielzahl anderer Musikstile sorgt für Ausgelassenheit bei Straßenfesten, kirchlichen Prozessionen und beim Karneval. Blaskapellen, Gospelchöre, Barrelhouse-Pianisten und Blues-Troubadoure, dazu die buntdekorierten Mardi Gras-Indianer mit ihren Ruf-Antwort-Gesängen – sie alle prägen das Klangbild der Stadt, in welchem auch Rhythm & Blues, Rock ‘n’ Roll, Soul und Funk eine wichtige Rolle spielen. 

Als katholische Enklave im puritanischen Amerika war New Orleans einst für seine Lebensfreude, Festkultur und lockeren Sitten bekannt, die ideale Brutstätte für eine Musik ganz dicht am Puls der Zeit, wie sie in Kaschemmen und Tavernen, bei Hochzeiten und Beerdigungen, beim Karneval und bei Hausparties gebraucht wurde. Dazu kam der Einfluß französischer Kultur und Lebensart. In „Nouvelle Orlèans“ wurde französisch gesprochen, es gab mehrere Theater und Opernhäuser, was die „Crescent City“ zur europäischsten Stadt in den USA machte. Die schwärzeste war sie ohnehin. Nirgendwo sonst lebten soviele „people of color“, manche als Freie, andere als Sklaven, von denen etliche sich nach der Revolution von Haiti (1791-1804) hier in Sicherheit brachten. 

Einer, der die verschiedenen Traditionslinien auf geniale Weise verband, war der Pianist Professor Longhair, in dessen Musik europäische Tastenartistik mit den Rhythmen der Karibik (Rhumba, Mambo, Habanera) und den „Blue Notes“ der Bluestradition zu einem einzigartigen Personalstil verschmolz, dem seinHeulgesang noch die Krone aufsetzte. Henry Byrd, so sein bürgerlicher Name, den alle „Fess“ nannten, galt als „Piano God of New Orleans“. Bis heute ahmen Pianisten seine polyrhythmische Spielweise nach. Longhair war Teil einer städtischen Kultur, in der das Klavier einen hohen Stellenwert besaß. In New Orleans, so hieß es, stünde in jedem Haushalt ein Piano. 

Neben dem Jazz und der speziellen Art des Bluespianospiels hat auch der Funk in New Orleans seinen Ursprung. In den 1960er Jahren entwickelte die Gruppe The Meters eine betont rhythmische Spielweise, bei der Baßgitarre, Schlagzeug und die Akkorde von Gitarre, Orgel und Clavinet mit der Präzision eines Uhrwerks ineinander griffen. Art Neville war der Organist der Meters, der später mit seinen Brüdern, den Neville Brothers, die Technik noch perfektionierte. Inzwischen wird in New Orleans jeder Stil „funky“ gespielt. Selbst die religiöse Gospelmusik klingt „schmutzig“ und arbeitet mit trockenem Schlagzeugbeat und den Synkopen der schnappenden Baßseiten. 

Als alljährliches Aushängeschild für die musikalische Aktivitäten der Stadt fungiert das New Orleans Jazz & Heritage Festival, das dieses Jahr zum 50. Mal stattfand. Jedes Jahr Ende April bietet das „Jazz Fest“ eine Bühne für all jene Stile, die bis heute im Leben der „Crescent City“ eine Rolle spielen. Dazu kommt die Cajun- und Zydeco-Musik aus den Sümpfen von Louisiana, gespielt mit Akkordeon und Waschbrett, die hier inzwischen auch Wurzeln geschlagen hat. Eine Box von fünf CDs mit einem dickleibigen Booklet bietet ‘Live’-Aufnahmen aus einem halben Jahrhundert, wobei alle bedeutenden Strömungen und deren Hauptprotagonisten vertreten sind.

Immer wieder wird in Songs direkt auf die qualvollen Erfahrungen nach den Verwüstungen von „Hurricane Katrina“ eingegangen, eine Katastrophe, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Hafenstadt eingebrannt hat, wobei das „Jazz Fest“ vielleicht einen kleinen Beitrag leisten kann, das Trauma zu bewältigen. 

Jazz Fest – The New Orleans Jazz & Heritage Festival (Smithsonian Folkways Recordings)

Wednesday, 21 August 2019

JODELMANIA im Deutschlandfunk


JODEL-AUSSTELLUNG IM DEUTSCHLANDFUNK

Im Deutschlandfunk hat Andi Hörmann die Ausstellung und das Buch „Jodelmania“ besprochen:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/audio-archiv.517.de.html?drau:broadcast_id=281

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Oktober 2019 im Valentin-Karlstadt-Musäum in München zu sehen.


Tuesday, 20 August 2019

PRAM in Hebden Bridge

Traumpop von PRAM

Letzte Woche kamen Pram (auf kleiner Tour durch England) zu einem ihrer seltenen Auftritte in den Trades Club nach Hebden Bridge. Ein schönes Wiedersehen mit der Band, die zweimal beim Klangbad-Festival in Scheer und einmal beim Schlachtfest in Sigmaringen zu Gast war. Ihr träumerischer Pop, der immer noch sehr stark nach Filmmusik klingt, hat nichts von seiner Faszination verloren. Die acht Köpfe starke Crew kam zu einem späten Lunch vorbei und fuhren noch in der Nacht wieder nach Birmingham zurück.

Foto: Jane Revitt

Sunday, 18 August 2019

Jodel-Film-Matinee: Sonntag den 22.09.2019 (Beginn: 11:00)

KiM-Kino, Einsteinstraße 42, München-Haidhausen
Sonntag den 22.09.2019 
Beginn: 11 Uhr


JODELMANIA – DIE GLOBALE FASZINATION DES JODELNS

Jodel-Film-Matinee

Einführung:
Christoph Wagner, der Kurator der Ausstellung JODELMANIA im Valentin-Karlstadt-Musäum, erzählt in einem 30-minütigen Vortrag mit vielen Filmbeispielen über den Siegeszug des Jodelns vom Alpenraum über ganz Europa bis in die USA, wo es in Cowboy-Songs und Countrymusic Einzug hielt. 

Danach läuft der Film
Heimatklänge
von Stefan Schwietert

Ein Porträt von drei außergewöhnlichen Stimmkünstlern vor der atemberaubenden Kulisse der Schweizer Berge. Noldi Alder, Erika Stucky und Christian Zehnder beschreiten unterschiedliche und gleichermaßen interessante Wege der Weiterentwicklung der traditionellen alpenländischen Musik in die Moderne. „Wunderbar und außergewöhnlich.“ (AZ München) 

Sonntag, den 22. September 2019 
Beginn: 11 Uhr (bis 13 Uhr)
KiM-Kino, Einsteinstraße 42, München-Haidhausen

Begrenzte Teilnehmerzahl – Anmeldungen erbeten: rudolf@hartbrunner.de

Wednesday, 7 August 2019

NEUES von Erwin Rehling

NEUES VON FRÜHER  - DORFGESCHICHTEN UND WIDERSPENSTIGE MUSIK

Erwin Rehling kenne ich schon 100 Jahre. Früher war er Drummer der Interpreten, einem Trio mit Andy Koll, das traditionelle bayerische Musik Albert Ayler-mäßig anging. Wir haben mit ihnen in der Balinger Siechenkirche in den 1980ern einmal ein Konzert veranstaltet. Danach war Erwin immer wieder in andere Projekte involviert, Hammerling hieß eines davon. Dann machte er auch Theater- und Filmmusik. Seit einiger Zeit ist er außerdem schreibend tätig, wobei er in tiefbayerischem Dialekt kleine Geschichten verfasst. Jetzt ist mir sein allerneustes Produkt in die Hände gefallen, ein Hörbuch mit dem Titel 'Neues von früher'. Es enthält Dorfgeschichten von vor 50 Jahren, vom Autor himself gelesen, dazwischen werden kleine Musikminiaturen eingestreut, wobei Erwin mit dem Posaunisten und Gitarristen Pit Holzapfel zusammenspielt. Ihre Improvisationen schreiben die bayerischen Short-Stories vom Land auf wunderbare Weise klanglich fort. Das Hörbuch ist im Januar 2019 beim Mandelbaum-Verlag erschienen – kann ich nur jedem wärmstens ans Herz legen!!!!! Meine Lieblingsgeschichte ist die von Lurchi und seiner Bande, dem Maskottchen der Schuhmarke 'Salamander'. Immer wenn man in den frühen Sechzigern ein Paar Salamander-Schuhe kaufte, bekam man ein Lurchi-Heft geschenkt. Ich hab irgendwann einen Lurchi-Sammelband erworben, der inzwischen sehr ramponiert ist und aus dem ich öfters meiner Tochter vorlas, als sie noch klein war. Sie kennt deshalb ebenfalls den Lurchi.




Monday, 5 August 2019

SÖLLNER in Tübingen

Der Menschenfreund

Liedermacher Hans Söllner vor ausverkaufter Kulisse in Tübingen

Fotos: C. Wagner
 





















cw. „In Bayern sind alle Anarchisten und die wählenzu 60 Prozent  die CSU," hat der Schriftsteller und Filmemacher Herbert Achternbusch vor einiger Zeit einmal gesagt. Einer von diesen Zeitgenossen, die die Herrschaftslosigkeit propagieren und auch zu leben versuchen, ist der Sänger und Liedermacher Hans Söllner, von dem man allerdings sicher sein kann, dass er nicht CSU wählt, wenn er überhaupt zum Wählen geht, was man bezweifeln kann. 

Denn seit über dreißig Jahren – so lange dauert seine Karriere schon – wird der Widerspenstige aus Bad Reichenhall von der bayerischen Staatsmacht verfolgt, die ihn schon zigmal vor Gericht gebracht hat wegen Beleidigung von Politikern oder Drogenbesitzes, denn Söllner ist ein überzeugter Kiffer: „Aus religiösen Gründen“, wie er sagt, da er sich der jamaikanischen Glaubensrichtung Rastafari zugehörig fühlt. 

Konsequent tritt der Politsänger deshalb für die Legalisierung von Mariuhana ein, was die Staatsmacht regelmäßig auf den Plan ruft, die glaubt mit Razzien, Personenkontrollen und Hausdurchsuchungen ihrer polizeilichen Aufgabenpflicht nachkommen zu müssen. Kein Wunder, dass sich Söllner schikaniert und drangsaliert fühlt. Auch beim Konzert in Tübingen war die Polizei in voller Stärke präsent, hatte die Bundesstraße 27 abgesperrt, um verdächtig aussehende Fans genauer unter die Lupe zu nehmen, wobei man sich fragen kann, ob da noch die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt blieb. 

Diese Scharmützel mit dem Staat, die sich schon über Jahre hinziehen, bestimmten thematisch auch in großen Teilen den Auftritt von Söllner im Freilicht-Ambiente des Tübinger Sudhauses, das schon seit Wochen restlos ausverkauft war, denn Söllner hat eine treue Fangemeinde, die seine Ansichten und Glaubensbekenntnisse teilt und auch von weit her zu seinen Auftritten pilgert. Beim Song „Edeltraud“ („du hast a sauguats Gras anbaut“) oder „Mei Vodda“ („Mein Vater hat einen Mariuhana-Baum“) sang das Publikum aus vollen Kehlen mit, wobei sich beinahe eine alternative Schunkelstimmung breitmachte.

Söllner tritt beim Konzert als Geschichtenerzähler, Argumentierer, Provokateur und Räsonierer auf, der mit seinen Anhängern in ein zweistündiges Gespräch eintritt. Im Plauderton breitet er seine Ansichten aus, kommentiert aktuelle politische Ereignisse und beklagt die Weltlage, wobei er immer wieder einmal ein Lied einstreut, begleitet von seiner gut eingespielten Band, dem Bayaman Sissdem, ein Quartett, das unauffällig, aber effektiv dem Liedermacher in jeden Winkel seines musikalischen Universums folgt. Und natürlich singt und redet Söllner ganz selbstverständlich im breitesten bayerischen Dialekt, was im Schwäbischen noch zu verstehen ist, aber einem Norddeutschen ziemlich Schwierigkeiten bereiten könnte.

Natürlich nimmt der Liedermacher die Mächtigen ins Visier, wobei ein Politiker wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für den Impfgegner inzwischen zu einem roten Tuch geworden ist, den er kritisiert und attacktiert. Aber auch der ehemalige grüne Außenminister Joschka Fischer bekommt sein Fett ab, dem der aufrechte Linke vorwirft, seine Ideale verraten zu haben. Söllner appelliert an Solidarität und Mitgefühl, ruft seine Fans auf, sich wieder öfters in die Augen zu sehen, wobei der Vegetarier fordert, den Versuch zu wagen, sich ein Jahr lang ohne Hühnerfleisch zu ernähren. Daneben kommt auch das große Thema der Liebe nicht zu kurz, die Söllner vom Zustands des Verliebtseins unterscheidet. Trotz seiner Meinungstärke kommt Söllner nicht als verbiesterter Fanatiker daher, sondern trägt seine Einsichten lässig und mit viel Ironie und Witz garniert vor. Hier wundert sich einfach jemand über die Welt und den Wahnsinn, der um ihn herum stattfindet.

„Freiheit muß wehtun“, proklamiert der Radikalindividualist, der sich von keinem und niemanden irgend etwas sagen lassen will, weil er glaubt, dass er am besten selber weiß, was für ihn gut ist. Damit stellt sich Söllner in eine Reihe von bajuwarischen Querschädeln und Nonkonformisten, die vom Schriftsteller Oskar Maria Graf über den Schauspieler Sepp Bierbichler bis zum Filmemacher Herbert Achternbusch reicht und die es in dieser Form nur im weißblauen Bundesland gibt. Es lohnt sich dem predigenden Rastamann zuzuhören, auch wenn man nicht jede seiner Ansichten und rigorosen Urteile teilt, zu ernsthaft trägt er seine Überzeugungen vor. Der Menschenfreund sorgt sich um die Menschheit (was auch alle anderen Kreaturen einschließt) und die Menschlichkeit, die in unseren turbulenten Zeiten sehr leicht unter die Räder kommen kann, wogegen sich Hans Söllner in vehementer Weise wehrt. „Wenn wir nicht aufstehen, wirds niemand tun!“ lautet die Aufforderung an seine Fans.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Baden-Württemberg

Friday, 2 August 2019

Neuerscheinung im Herbst: DER SÜDEN DREHT AUF – Rockgeschichte Südwest Vol. 2

DER SÜDEN DREHT AUF – Rockgeschichte Südwest, Vol. 2

Im Herbst erscheint mein neues Buch 'DER SÜDEN DREHT AUF – DIE POPREVOLTE DER 60ER und 70ER JAHRE IN BILDERN' beim Silberburg-Verlag. Es ist ein Fotobuch mit vielen bisher unveröffentlichten Bildern von namhaften Fotografen wie Manfred Grohe, Manfred Rinderspacher, Rupert Leser und Jörg Becker, die die Poprevolte der 60er und 70er Jahre im Südwesten veranschaulichen. Es geht um Jazz-Existentialisten und Pop-Protestler, um Revoluzzer, Gammler und Ausgeflippte. Ein Kapitel beleuchtet Kellerclubs und Jugendzentren, ein anderes widmet sich den ersten Open-Air-Festivals unter dem Stichwort: 'Pilgerstädten der Gegenkultur'. Auch wichtige Musiker und Bands aus Baden-Württemberg wie Eulenspygel, exmagma, Wolfgang Dauner, Puppenhaus usw. sehen sich in einem eigenen Kapitel portraitiert.


Tuesday, 30 July 2019

CHARLES LLOYD in Rottenburg

Jazz im Regenponcho

Charles Lloyd und sein Quartett kämpfen gegen Gewittergüsse beim Openair auf dem Rottenburger Marktplatz

                                                                                                           Fotos: C. Wagner 

 cw. Miles Davis, Ornette Coleman, zuletzt Cecil Taylor – fast alle Pioniere des modernen Jazz spielen inzwischen für die Götter. Doch einer lebt noch und macht putzmunter weiter: der amerikanische Saxofonist Charles Lloyd. Der Bandleader (Jahrgang 1938) war einer der ersten, der Mitte der 1960er Jahre Popelemente in den Jazz einführte und ihn dadurch auf die Höhe der Zeit hob. Bei dem Saxofonisten sind zukünftige Stars wie Keith Jarrett und Tony Williams in die Lehre gegangen, die dann alle von Miles Davis abgeworben wurden und in dessen Band groß herauszukamen. Der heute 81jährige Lloyd und seine Gruppe waren damals so gefragt, dass sie gemeinsam mit berühmten Rockacts wie The Grateful Dead oder Jefferson Airplane in riesigen Konzerten im Fillmore West in San Francisco auftraten. Der Saxofonist gehörte der psychedelischen „West Coast“-Szene an und arbeitete viel mit den Beach Boys zusammen. 

Lloyds Karierre spannt sich nunmehr über sechs Jahrzehnte, wobei er in letzter Zeit ein paar Alben bei der Nobelmarke ECM veröffentlichte, die von der Kritik euphorisch aufgenommen wurden. Aus Lloyds Afro-Frisur sind inzwischen strähnige, graue Haare geworden, wogegen sein Saxofonspiel alles andere als gealtert wirkt – höchstens reifer ist es geworden. Wie schon in den Sechzigern hat sich der Bandleader mit einer Truppe junger Talente umgeben, die den Altmeister routieniert begleiten, aber auch mit einigen gekonnten Exkursionen eigene Akzente setzen. Dabei hat in seinem aktuellen Quartett die elektrische Gitarre den Part des Klaviers übernommen und anstatt eines Kontrabasses spielt eine Baßgitarre. 

Wie zu Beginn seiner Karriere greift Lloyd gelegentlich zur Querflöte, um ihr in langen Improvisationen mit Überblaseffekten die kühnsten Töne zu entlocken, was seine Mitmusiker gleichfalls zu solistischen Höchstleistungen ansport. Nach der Vorstellung des Themas und Lloyds Improvisationen, übernimmt meistens Gitarrist Marvin Sewell den Staffelstab, um seine technische Brillanz unter Beweis zu stellen, danach kommen dann Bassist Reuben Rogers und Drummer Eric Harland zum Zuge.

Nach der Bruthitze des Tages hätte das Konzert in der warmen Sommernacht auf dem Rottenburger Marktplatz so zwei Stunden weitergehen können, doch der Wettergott hatte andere Pläne. Kaum war die Band durch das dritte Stück hindurch, öffnete der Himmel seine Schleusen, was den Veranstalter binnen Minuten zur Unterbrechung des Konzerts zwang. In Scharen floh das Publikum ins nahe Rathaus, um sich vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Da konnten auch die kostenlos verteilten Regenponchos keine echte Entlastung bieten. 

Nach zwanzig Minuten setzte Lloyd das Konzert fort, obwohl es immer noch wie aus Kübeln schüttete. Das stark dezimierte Publikum stand jetzt um die Band auf der großen überdachten Bühne herum, mit dem eisernen Willen sich von dem Unwetter nicht den Abend verderben zu lassen, und das Quartett spielte wacker weiter. Lloyd holte einen Titel nach dem anderen aus dem riesigen Repertoire seiner langen Karriere hervor, wobei seine Vorliebe für verträumte Balladen zum Vorschein kam. Aber auch in eher rockigen Nummern stand der Veteran seinen Mann. Das war flüssiger, moderner Jazz, gekonnt gespielt, dem allerdings mittlerweile das innovative Feuer fehlt. Charles Lloyd schaut heute nicht mehr nach vorne, sondern zurück und fährt die musikalischen Ernte eines bewegten Jazzlebens ein. 

JODELMANIA in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG (FAZ)

Hier der link:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/mit-diesem-buch-kann-man-das-jodeldiplom-erhalten-16308352.html

Tuesday, 23 July 2019

JODELMANIA in München

JODELMANIA-Ausstellung im Valentin-Karlstadt-Musäum in München

Die 'Jodelmania'-Ausstellung im Valentin-Karlstadt-Musäum in München ist jetzt eröffnet. Sie zeichnet mit Dutzenden von Originaldokumenten die Verbreitung des Jodelns zuerst in ganz Europa, dann in den USA nach. Zu sehen sind: Phonowalzen mit Jodelsongs, historische Bildpostkarten und Fotos, Plakate, Konzertprogramme, Schellackplatten, Notenblätter und Songbooks. Dazu gibt es zwei Hörstationen mit 'Hillbilly Yodelling' sowie 'Jodeln gestern und heute'.











Adresse: Im Tal 50, 80331 München (Das Musäum befindet sich in den Isartürmen (S-Bahn-Station: Isartor)

Öffnungszeiten: 
Montag, Dienstag und Donnerstag  11:01–17:29 Uhr
Freitag und Samstag 11:01–17:59 Uhr
Sonntag 10:01–17:59 Uhr
Am Mittwoch ist das Musäum geschlossen

Eintritt:
Erwachsene: 2,99 Euro
Kinder, Schüler, Studenten: 1,99 Euro

Immer einen Besuch wert.


 

Wednesday, 17 July 2019

Fritz Ostermayer bespricht 'Jodelmania'

FRITZ OSTERMAYER über 'JODELMANIA'

Die Rainers in England in den 1830er Jahren


Der legendäre österreichische Radio-DJ, Schriftsteller und Musiker Fritz Ostermayer, so etwas wie der John Peel Österreichs, hat in seiner ORF fm4-Sendung „Sumpf“ das 'Jodelmania'-Buch mit ein paar lobenden Worten bedacht. Hier O-Ton Ostermayer: "Der Prachtband, reich illustriert und auch von der edlen Aufmachung her jeden Buch-Schönheitspreis wert, heißt 'Jodelmania'. Der Autor: Christoph Wagner, Kultur- und Musikjournalist. Der Verlag: Kunstmann. Alle Beteiligten seien gepriesen für diese historische Großtat." 

Tuesday, 16 July 2019

Ausstellung-Eröffnung: JODELMANIA – von den Alpen nach Amerika

JODELMANIA-Ausstellung im VALENTIN-KARLSTADT-MUSÄUM in München


































JODELMANIA hat jetzt auch im Münchner Valentin-Karlstadt-Musäum Einzug gehalten. Nach einer Woche intensiver Arbeit hängen nun alle Exponate – die Ausstellung steht! Zu sehen sind viele rare Dokumente wie alte Notenblätter, Liederdrucke, Fotografien, Phonowalzen, Schellackplatten etc., die die Verbreitung des Jodelns zuerst in Europa, dann in Amerika nachzeichnen und von denen die meisten noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Die Ausstellung basiert auf meinem Buch gleichen Namens, das gerade im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist.



Am Donnerstag, den 18. Juli 2019 (Beginn: 19:00) findet die Eröffnung der Ausstellung statt im Rahmen des Sommerfest des Valentin-Karlstadt-Musäums im Innenhof des Isarturms in München. Es gibt Musik (die fantastische Maria Hafner mit Band), Kabarett und vieles mehr. Alle sind eingeladen. Der Eintritt ist frei. Kommet zuhauf!!!!

https://www.valentin-musaeum.de/de/veranstaltungen/veranstaltungen.php?oid=329

Die Ausstellung ist bis zum 15. Oktober 2019 zu sehen.

Monday, 8 July 2019

Tuesday, 2 July 2019

REBECCA TRESCHER ENSEMBLE 11 in Singen

Neuer Jazz kommt an

Voller Saal trotz hochsommerlicher Temperaturen – Rebecca Trescher überzeugt mit dem Ensemble 11 beim Jazzclub Singen in der „Gems“

Fotos: C. Wagner

cw. Dem Jazzclub Singen ist abermals ein Wunder gelungen: Trotz Hitzewelle und unbekannter Nachwuchsband strömte das Publikum in Scharen zum Konzert am Freitagabend in die „Gems“. Angekündigt war Rebecca Trescher mit ihrem Ensemble 11, einer jungen Gruppe aus Nürnberg, die sich bereits ein paar Meriten verdient hat, den großen Durchbruch aber erst noch schaffen muß. Der Auftritt in Singen kann als weiterer Sprosse auf der Erfolgsleiter verbucht werden.

Die exzellente Besucherresonanz ist wohl der jahrelangen, zähen Aufbauarbeit des Jazzclub-Vorsitzenden Rudolf Kolmstetter und seinem Team zu verdanken, die Singen zur ersten Adresse für Jazz in der südwestlichen Ecke von Baden-Württemberg gemacht haben. Seit 30 Jahren hat sich der Club mit einem exzellenten Programm ein Stammpublikum geschaffen, das sich kein Konzert entgehen läßt und auch lange Anfahrtswege bei hochsommerlichen Temperaturen nicht scheut, um Gruppen zu hören, die man sonst selten präsentiert bekommt.

Dennoch forderte die Hitze ihr Tribut: Eine Viertelstunde vor Konzertbeginn musste der Harfinist sein Instrument nachstimmen, so sehr zerrte die Hitze an den Saiten des klassischen Klangerzeugers, dem man ja im Jazz nicht allzu oft begegnet. 

Allerdings ist das Ensemble 11 von Rebecca Trescher auch keine konventionelle Jazzformation, was allein schon die Größe andeutet. Wo sonst Trios und Quartette die Szenerie bestimmen, hat  Trescher ihr Ensemble opulent mit elf Musikern besetzt. Sie bringen ein überaus reichhaltiges Instrumentarium ein, bei dem neben Harfe und diverse Querflöten, auch Cello, Vibrafon und etliche Klarinetten zum Einsatz kommen. Angetrieben von einer Rhythmusgruppe aus Schlagzeug, Kontrabaß und Klavier, kreiert die junge Komponistin, Arrangeurin und Klarinettistin einen höchst individuellen, warmen Ensembleklang, den sie auf fantasievolle und oft überraschende Weise zu nutzen weiß.

Alle Stücke hat die 33jährige Musikerin aus Nürnberg, die in Tübingen aufgewachsen ist, selbst komponiert, wobei keiner der Titel dem üblichen Schema folgen. Klischees versucht Trescher zu umgehen, ausgereizte Formeln zu vermeiden. Im gesamten ersten Teil des Konzerts wurde ein einziges Werk aufgeführt, das als fünfteilige Suite konzipiert war und das Publikum durch abenteuerliche Klanglandschaften führte. Zwischen die manchmal hochkomplexen Tonkonstellationen, die durch den textlosen Scat-Gesang der Vokalistin Agnes Lepp eine schwebend-ätherische Qualität erhielten, wurde Soli eingestreut, bei denen die Mitglieder des Ensembles ihre Meisterschaft unter Beweis stellten. Neben der Bandleaderin an der Klarinette stachen dabei vor allem Altsaxofonist Markus Harm und Pianist Andreas Feith durch große Originalität heraus.

Wenn von den Brennpunkten des deutschen Jazz die Rede ist, wird normalerweise auf Berlin und Köln verwiesen. Vielleicht sollte man sich einmal in Nürnberg genauer umhören.

Wednesday, 26 June 2019

Nachruf von Simon Steiner auf Stelios Vamvakaris - Rembetiko-Star

REMBETIKO

GASTBEITRAG VON SIMON STEINER:

Nachruf auf Stelios Vamvakaris - in den Fußstapfen von Markos

Mitte Juni überschlug sich die griechische Medienlandschaft. Auf allen Kanälen und Diskussions-Foren herrschte gleichzeitig Trauer und Verehrung: Stelios Vamvakaris ist tot. Die Rembetiko-Community und das griechische Bürgertum weinte. Bouzouki-Spieler, Komponist und Sänger Stelios Vamvakaris, geboren am 2. März 1947 in Piräus, Sohn des sogenanntem Rembetiko-Patriarchen Markos Vamvakaris war ein Star im Rembetiko-Kosmos. Die Königin der Rembetiko-Instrumente, die einst verruchte und verbotene Bouzouki war für Stelios Herz, Leib und Seele. Der große Mann mit dem weißen Pferdeschwanz starb am 17. Juni in Athen an Herzversagen. Leider, so heißt es, war er dem hedonistischen Rembeten-Lifestyle aus Alkohol und Drogen erlegen. "Wasserpfeife, Wein und Bier, grüß dich Markos aus Syros!" sang Stelios mit ähnlich tiefer und rauher Stimme wie sein Vater.

Stelios' Stil war Blues - und Rock betont. Die Melancholie des Rembetiko drückte Stelios kraftvoll aus, bewusst langsam und schwer. In Markos' Μόρτισσα Χασικλού, Mortissa Chasiklou, einer bluesigen Nummer, ähnlich der Bluestonleiter, wie wir sie von "Sunshine of your love" von CREAM kennen, lässt er die tief gestimmte Saite stets mitschwingen und, ganz untypisch für Rembetiko, auch schleifen, er zieht an den Tönen seines Vaters, als wolle er ihn zum Leben erwecken und verpasst ihnen einen neuen, dirty Sound. Jeder Ton ist eine Wucht. Eine Hymne auf die verrauchte Kneipenwelt der leichten Mädchen und die Herumtreiber in Athen und Piräus, der Macker, der Magkes der 30er Jahre.

Louisiana Red & Stelios


So war es nicht verwunderlich, dass Stelios mit John Lee Hooker and Louisiana Red zusammen spielte. 
1977 startete Stelios mit seiner Debut LP. Mit seinem Bruder Domenikos wirkte er bei George Dalaras' Live DCD "A tribute to Markos Vamvakaris - Afieroma ston Marko" mit. Stelios begleitete Alex Kapranos von der Band FRANZ FERDINAND bei dem Rembetiko-Klassiker "Ta Matoklada Sou Lampoun" von Markos im Barbican Centre 2015. Stelios spielte mit großen Rembetiko Musikern, komponierte Filmmusik und begleitete griechische Pop-Größen. Stelios war mit Maria Tol verheiratet, der Schwester des niederländischen Palingsound-Duos TOL&TOL. 
Stelios' taximi, die Improvisationen, sind spirituelle Reisen in Geschichte und Gegenwart des REMBETIKO.
Kalo taxidi Stelios! Gute Reise!

Anspieltipp:

Μόρτισσα Χασικλού, Mortissa Chasiklou


Tuesday, 18 June 2019

JODELMANIA im BR Fernsehen

JODELMANIA in 'Capriccio' / BR Fernsehen
Beitrag von Henning Biedermann

Gestern Abend lief in BR Fernsehen in der Kultursendung 'Capriccio' ein 6-minütiger Beitrag über das 'Jodelmania'-Buch von Henning Biedermann.
Hier der link:



































CHRISTOPH WAGNER: JODELMANIA – VON DEN ALPEN NACH AMERIKA UND DARÜBER HINAUS

320 Seiten mit vielen raren historischen Abbildungen und Fotografien, z.T. in Farbe.
Verlag Antje Kunstmann; Euro 22.-

Wednesday, 12 June 2019

Zwei für die Ewigkeit: Lautyodeln 1 + American Yodeling

Zwei neue Vinylscheiben von Trikont sind bei mir eingetroffen:

Das LAUTyodeln Vol. 1. – fern - nah - weit (Trikont)



Auch gibts die legendäre 'American Yodeling' jetzt auch als Vinyl-LP - juuuuppppiiiii!
Die liner-notes für das Albums waren 1998 der Ausgangspunkt für meine jetzt mehr als 20 Jahre langen Jodelrecherchen. Auf diesem Album befindet sich auch der erste Re-Issue-Track der DeZurik Sisters (die auch auf dem Cover zu sehen sind), der die Schwestern seither zu einem Geheimtipp für Kenner und zu einem kleineren Underground-Hit machte.

American Yodeling 1928 - 1946 (Trikont)

Tuesday, 11 June 2019

Jazz, Mento, Merengue & Rhumba

Wurzeln des Reggae

Ein Sampler widmet sich der populären Musik von Jamaika vor Bob Marley 




















cw. “Meine Großeltern erinnerten sich noch an die Sklaverei. Sie erzählten, dass auf den Zuckerrohrplantagen Mento-Lieder gesungen wurden, wenn die Sklaven müde und erschöpft waren,” wußte Albert Minott (Jahrgang 1938) zu berichten. Bis zu seinem Tod im Jahr 2017 war Minott Sänger der Jolly Boys gewesen, einer Combo, die so etwas wie der Buena Vista Social Club von Jamaika war – seit 1955 im Geschäft. Die Jolly Boys standen für Mento, die traditionelle Folkmusik Jamaikas, und hatten all die Höhenflüge und Niedergänge des rustikalen Stils miterlebt. Mento war bis in die 1960er Jahre die populärste Musikform auf der Karibikinsel gewesen und gilt als Wurzel von Blue Beat, Dub und Reggae. 

Der traditionelle Stil war, wie all die anderen kreolischen Musikrichtungen der Karibik, aus dem Zusammenprall zweier Musikkulturen hervorgegangen: Afrika und Europa. Noch im frühen 19. Jahrhundert war es den afrikanischen Sklaven verboten, überhaupt Musik zu machen und sich zum Tanzen zu treffen. Aus Angst vor Aufständen wurde jede Zusammenkunft als Bedrohung der kolonialen Ordnung empfunden. Haiti wirkte für die Skalvenhalter als abschreckendes Beispiel: dort war es 1791 zur einer erfolgreichen Sklavenrevolte gekommen. Sklaven spielten deshalb ihre Musik lange im Geheimen, wobei sie afrikanische Rhythmen und Lieder mit den Tanzweisen und Melodien vermischten, die sie als Zaungäste bei den Festbällen ihrer weißen Herren aus Europa aufgeschnappt hatten. Mit der Zeit entwickelte sich daraus Mento, was sowohl ein Tanz als auch eine Musikform war. 

In neuerer Zeit wurde Mento von sogenannten “Scratch-Bands” gespielt, die es überall in der Karibik gab. Solche Gruppen musizierten aus Geldmangel häufig auf Instrumenten der Marke Eigenbau wie einem Besenstielbaß, einer Bambusklarinette und ein paar Maracas, die aus Dosen und Kieselsteinen gebastelt worden waren. Dazu kam die „Rhumba-Box“ für den Baß, was eine Holzkiste mit flachgehämmerten Metall-Lamellen war, und vielleicht noch eine Mundharmonika oder ein verbeultes Banjo.

Laufend nahm die Musik neue Einflüsse auf. Wanderarbeiter brachten Latin-Rhythmen aus Kuba ins Land. Amerikanischer Jazz und populäre Schlager standen hoch im Kurs. 1956 schlug der „Banana Boat Song” von Harry Belafonte alle Rekorde. Obwohl die Nummer als „Calypso” vermarktet wurde, handelte es sich bei dem Lied um einen traditionellen Mento-Song, den Belafonte kurzerhand von einer älteren Aufnahme abgekupfert hatte.

Auf Jamaika reagierten die Musiker prompt auf den von Belafonte ausgelösten „Calypso”-Boom. „Bis vor kurzem hieß unsere Musik noch Mento,” gab der Bandleader Lord Flea 1957 zu Protokoll. „Heute sagt man ‘Calypso’ dazu, wie zu vielen anderen Musikstilen aus der Karibik. Das hat kommerzielle Gründe, wirkt verkaufsfördernd. Wenn die Touristen ‘Calypso’ wollen, bekommen sie ‘Calypso’ – kein Problem!” 

Gruppen wie Count Owen & His Calypsonians fanden in den großen Touristen-Hotels in der Hauptstadt Kingston oder an der Nordküste Arbeit, wo sie ihre Musik mit den neusten Modetänzen verbanden und den „Calypso Cha-Cha”, den „Rhumbina“ oder den „Mango Walk“ erfanden. Mento nahm eine auf Hotelgäste und Kreuzfahrt-Touristen zugeschnittene Form an, geglättet und weichgespült.

In den 1950er und 1960er Jahren erlebte das jamaikanische Musikgeschäft einen Boom. Die „Insel in der Sonne” avancierte zu einem Magneten für die amerikanische „High Society”. Filmstars wie Noel Coward und Ian Fleming lebten hier, Millionäre ankerten mit ihren Jachten vor der Küste, Elisabeth Taylor und Richard Burton machten Urlaub auf der Karibikinsel, und in den Hotelbars, Nightclubs und Tavernen brauste das Leben. Für die Musiker war das ein Segen: Auftrittsmöglichkeiten gab es in Hülle und Fülle. Wegen der vielen Amerikaner war Jazz hochgefragt, aber nicht der nervöse expressive Bebop aus New York, sondern eine gezähmte Version, die eher nach Barmusik klang und zu der man tanzen konnte. Exzellente Musiker wie der Gitarrist Ernest Ranglin, der Vibrafonist Lennie Hibbert und der Pianist George Moxey gewannen diesem „Easy Listening Jazz“ dennoch Erstaunliches ab. 

Viele der Musiker, die in der jamaikanischen Musik in den 1950er und 1960er Jahren den Ton angaben ob der Saxofonist Bertie King, der Trompeter Alphonso Reece oder die Brüder Wilton und Bobby Gaynair, hatten ihr Handwerkszeug auf der Alpha Boy School in Kingston gelernt, einer Lehranstalt für gefährdete Jugendliche, das von katholischen Nonnen geführt wurde und für seine Disziplin und seine exzellente Blasmusikkapelle bekannt war.

Federführend in dieser Phase der Musikgeschichte Jamaikas war das Schallplattenlabel Federal Records, das von Ken Khouri (1917-2003) geleitet wurde. Khouri betrieb das erste Tonstudio in Jamaika überhaupt. Als findiger Geschäftsmann und rühriger Unternehmer deckte er das ganze Spektrum karibischer Musik ab. Ob Mento oder Latin, ob Afro-Cuban oder Lounge Jazz, Rhumba oder Merengue – alles fand sich im Katalog des Labels wieder, das wegweisend für Rocksteady, Dub und Reggae wurde. Kein Wunder, dass Bob Marley 1981 Federal Records aufkaufte und seinem Label Tuff Gong Recordseinverleibte. 

Seit einiger Zeit hat sich das japanische Label Dub Store Records an die Wiederveröffentlichung der Schätze aus dem Tresor von Federal Records gemacht. Nach mehreren Alben, die einzelnen Musikern wie Ernest Ranglin oder gewidmet waren, ist jetzt ein Sampler erschienen, der einen Überblick über die jamaikanische Musiklandschaft von 1960 bis 1968 gibt. Das ist nicht alles Gold, was hier erklingt, doch sind die 20 Titel hilfreich, um die Genese der jamaikanischen Musik besser zu verstehen.

Jamaica Jazz From Federal Records – Carib Roots, 1960 – 1968 (Dub Store Records) 

Wednesday, 5 June 2019

Stucky mit HENDRIX in Ulm und Reutlingen

Blumen für Hendrix
Die Schweizer Vokalistin Erika Stucky ehrt mit einer hochkarätigen Band das Gitarrengenie

















cw. Im September nächsten Jahres jährt sich der Todestag von Jimi Hendrix zum 50sten Mal. Am 18. September 1970 war der 27jährige Musiker in einem Londoner Hotelzimmer tot aufgefunden worden. Als Hendrix 1966 in London seine ersten Auftritte absolvierte, ging ein Raunen durch die Szene, und Gitarrenkollegen wie Eric Clapton oder Pete Townsend wuden blaß. Der Wundergitarrist aus Amerika steckte sie alle in die Tasche, Sein Spiel auf der elektrischen Gitarre ist bis heute unerreicht. Auch der Schweizer Schlagzeuger Fredy Studer wurde von Hendrix wie vom Blitz getroffen. Danach war die Welt nicht mehr wie zuvor. ”Bei einer Reise nach London 1967 erlebte ich einen musikalischen Quantensprung: Ich hörte und sah The Jimi Hendrix Experience im Marquee Club,“ erzählt Studer. ”Für mich gibt es die Zeit vor Hendrix und nach Hendrix.“
Fredy Studer (Promo)
Studers Begeisterung für den amerikanischen Gitarristen ist bis heute nicht abgeklungen. Bereits Anfang der 1990er Jahre rief er mit dem Gitarristen Christy Doran eine Band ins Leben, die sich kreativ mit den Songs des Gitarrengenies auseinandersetzte. In einer zweiten Auflage kam die Sängerin Erika Stucky ins Boot, was den Hendrix-Songs durch die weibliche Stimme eine noch eigentümlichere Färbung gab. 

Die amerikanische Schweizerin Erika Stucky – sie hat doppelte Staatsbürgerschaft – wuchs in San Francisco in der psychedelischen Ära nach Woodstock auf, was einen nachhaltigen Einfluß auf ihren musikalischen Geschmack hatte. Jimi Hendrix steht auch bei der Vokalistin ganz oben auf der Liste der musikalischen Helden. „Meine Babysitter hatten LPs von Jimi Hendrix,“ erinnert sich die Zürcherin an ihre Kindheit in den USA. „Als dann die Anfrage von Christy Doran und Fredy Studer kam, hatte ich zuerst Hemmungen: ‘Ich kann doch nicht die Texte von Hendrix singen!’ Langsam ist es eingesickert. Seine Poesie hat sich bei mir eingegraben. Was ich als Kind so fantastisch fand: Den Titel „Fly on my dragonfly“. Den finde ich heute immer noch bezaubernd. Wer möchte nicht auf einer Libelle davonfliegen?“ 

Am Freitag, den 7. Juni im „Roxy“ in Ulm und am Samstag, den 8. Juni im Kulturzentrum Franz K. in Reutlingen werden Stucky-Doran-Studer-Jordiihre Hendrix-Show abbrennen, die eigentlich kein Cover-Programm ist, sondern eine Verneigung vor der erstaunlichen Kreativität des verstorbenen Rockgiganten. Denn Hendrix kann man eigentlich gar nicht nachahmen ohne den Kürzeren zu ziehen. Deswegen haben die vier ihre ganze Erfahrung mit ausgefallenen Klängen in die Waagschale geworfen und ein absolut exzentrisches Tribute-Konzept entwickelt.

Stucky und ihre Mannen gehen die Hendrix-Titel mit viel Fantasie und ausgefallenen Ideen an. Nicht nur den Nummern „Machine Gun“, „Angel“ oder „Foxy Lady“ gewinnen sie ganz neue Seiten ab, auch eine so bekannte Nummer wie „Hey Joe“ ist durch den sanften Bargesang am Anfang des Lieds kaum wiederzuerkennen. Doch dann setzt Christy Doran zu einem heulenden Gitarrensoli an und plötzlich meint man den Geist von Jimi Hendrix in die Saiten greifen zu hören.