Monday, 16 July 2018

Publikation: ALEX BARROW - THE SQUEEZE BOOK

THE SQUEEZE BOOK


Der Künstler und Cartoonzeichner ALEX BARROW hat gerade ein neues Buch mit dem Titel „The Squeeze Book“ (der Titel ist eine Anlehnung an 'The Squeeze Box', wie das Akkordeon in England genannt wird) veröffentlicht, bei dem ich ihm ein wenig mit Rat und Tat zur Seite stand. Herausgekommen ist eine wunderbar illustrierte Geschichte des Akkordeons in ihren verschiedensten Ausprägungen von French Musette, Cajun, Cumbia etc.

Erschienen ist das Buch bei DESIGN FOR TODAY, einem kleinen Verlag in London, der besondere Bücher (in besonderem Design) herausgibt. In diesem Fall it das Buch aufziehbar wie eine Concertina und in der gleichen 8eckigen Form gehalten.

Zusätzlich zum Buch ist ein kleines Booklet erschienen mit einigen historischen Fotos aus meiner Sammlung, das etwas Background-Information zur Geschichte der verschiedenen Akkordeon-Stile liefert.

Das Buch ist in einer opulenten 'Special Edition'-Luxus-Version zu haben, aber auch als normales Paperback.
http://designfortoday.co.uk/shop/the-squeeze-book-by-alex-barrow-the-limited-edition-with-screenprinted-plywood-cover-available-to-pre-order

Thursday, 28 June 2018

Bluesforschung: Die Historiker Lynn Abbott & Doug Seroff

Seufzer aus schallendem Gelächter 

Neue Forschungen korrigieren den Mythos von der Entstehung des Blues


cw. Bob Dylan und das Folkrevival prägen das Bild des Blues bis heute. Ab den späten 1950er Jahren durchstreiften jungen Bluesfans den amerikanischen Süden, um schwarze Bluessänger aufzustöbern, die sie nur von alten Schellackplatten kannten und nicht einmal wussten, ob sie überhaupt noch am Leben waren. „Found Lightnin’!” stand auf einer Postkarte, die der junge Bluesenthusiast Samuel Charters seinem Freund Chris Strachwitz 1959 von einer Reise aus Texas schickte. Er hatte den Gitarristen Lightnin’ Hopkins ausfindig gemacht, der damals in einer schäbigen Kneipe in Houston sein Gnadenbrot verdiente und später durch das Folkrevival zu einem der Archetypen des Genres stilisiert wurde.                                                                                       Chris Strachwitz mit Mance Lipscomb
 
Was die jungen Bluesenthusiasten nicht ahnen konnten, war, dass sie nicht – wie sie fälschlich meinten – einen der Erfinder des gesamten Genres aufgespürt hatten, sondern einen Sänger der zweiten Generation. Wie nun neuere Forschungen zeigen, hatte es den Blues schon lange gegeben, bevor 1920 die erste Bluesschellack in der Kategorie „race records“ erschienen war. 

Eine Filmsequenz bleibt im Gedächtnis haften: An einer Straßenkreuzung irgendwo in der weiten Landschaft des amerikanischen Südens nehmen drei entlaufene Sträflinge mit ihrem Auto einen schwarzen Anhalter mit, der als fahrenden Bluessänger mit seinem Gitarrenkasten von einem Auftritt zum nächsten reist. 

Szenen wie diese aus dem Film „O Brother, Where Art Thou?“ der Brüder Joel und Ethan Coen aus dem Jahr 2000, dazu Musikerbiografien über Blind Willie McTell oder Robert Johnson sowie unzählige Plattenveröffentlichungen, verfestigten das Bild von der Genese des Blues, als einer Musik schwarzer Hobos mit Gitarre, die in der Zwischenkriegszeit von den Baumwollfeldern des Mississippi-Deltas durch den amerikanischen Süden vagabundierten, um mit klagenden Liedern an Straßenecken ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Bluesmusiker im amerikanischen Süden (Sammlung: C. Wagner)
Diesem Entstehungsmythos hatten schon die Bluesforscher der ersten Generation – allen voran Samuel Charters (USA) und Paul Oliver (England) – ein vielfältigeres Bild entgegengestellt. In ihrer musikalischen Landschaft tummelten sich Country-Blues-Sänger, neben Waschbrettgruppen, Boogie-Woogie-Pianisten und Vokalistinnen mit Begleitensembles. Dazu kamen Sträflingskolonnen, die zum Takt der Schläge ihrer Spitzhacken beim Ausheben von Straßengräben oder beim Eisenbahnbau einen heulenden Gesang anstimmten. 

Neuere Forschungen haben nun dieses Szenarium noch einmal weiter ausdifferenziert, wobei vor allem das Autorengespann von Lynn Abbott und Doug Seroff mit einer Serie von spektakulären Veröffentlichungen ganze Arbeit leistete. In einem auf drei Bände angelegten Werk hatten sie in der Publikation „Out of Sight“ von 2003 Blechblaskapellen und religiöse Erweckungssänger genauer unter die Lupe genommen, danach sich in „Ragged but Right“ von 2007 den „Black Travelling Shows“ zugewandt. Dadurch war ein viel konkreteres und plastischeres Bild von den vielfältigen musikalischen Stilformen, Musikgruppen und Auftrittsorten entstanden, in deren Umfeld sich Ende des 19. Jahrhunderts der Blues entwickelte.

In ihrer aktuellen Veröffentlichung mit dem Titel „ – The Emergence of the Blues in African American Vaudeville“, der gleichzeitig der letzten Band der Reihe ist, entwerfen die beiden Sozialhistoriker eine spannendes Panorama, das die schwarzen Vaudeville-Theater mit ihren Variety-Shows vom Anfang des 20. Jahrhunderts ins Zentrum ihrer Erzählung rückt und als wirkmächtige Bühnen für die Genese des Blues identifiziert und beschreibt.
                                                     Jubilee Singers, 1870 (Sammlung: C. Wagner) 
In solchen Shows, die von der schwarzen Bevölkerung in Massen frequentiert wurden, traten neben Stimmimitatoren, Bauchrednern, Akrobaten und exzentrischen Tänzern, auch sogenannte „Coon Shouters“ auf. Ihre Lieder waren in humoristische Sketche eingebaut, die vor parodistischen Einlagen und schlüpfrigen Doppeldeutigkeiten nur so strotzten. Aus solchen Szenen ging unter dem schallenden Gelächter eines Publikums, das mit einem Heißhunger auf dröhnende Unterhaltung in die Vaudeville-Theater strömte, ein Musikstil hervor, der als „Blues“ bezeichnet wurde. Der Terminus taucht 1909 zum ersten Mal auf.

Auf 420 Seiten beschreiben Abbott und Seroff zuerst den Kreis der Vaudeville-Theater unter der Regie schwarzer Impressarios: Sie schufen den nötigen Freiraum und boten die ökonomische Grundlage, um jenseits des Einflußes der weißen Mehrheitsgesellschaft einem originär afro-amerikanischen Musikstil zur Entstehung zu verhelfen. 

Daran schließt sich eine Reihe detaillierter Portraits der bedeutensten Musiker aus der Urphase des Blues an. Butler „String Beans“ May war einer dieser heute völlig vergessenen Stars. Der virtuose Pianist, Sänger, Tänzer und Entertainer versetzte mit seinen „Pianologues“ das Publikum geradewegs in Verzückung. Solche Nummern bestanden aus ein paar Klavierstücken, die mit Witzen, Parodien und Sketchen zusammengebunden wurden. Gespiekt mit deftigen sexuellen Andeutungen war sein „Act“ für die weißen Presseleute in den größeren Städten eine Zielscheibe der Kritik: String Beans wurde als zu vulgär und nicht „sauber“ genug gebrandmarkt, was wohl der Grund war, dass ihn das schwarze Vaudeville-Publikum geradezu vergötterte. Er musste nur den kleinen Finger heben und schon brach der Saal in ein donnerndes Gelächter aus bei Pointen, die „nicht für jeden Pfarrers Sohn geeignet waren“.

Neben String Beans tauchte der Name von Charles Anderson immer wieder auf. Der afro-amerikanische Entertainer machte als formidabler „Yodeler Blues’ Singer“ von sich reden, indem er den alpinen Überschlaggesang mit den Versen seiner Blues-Nummern koppelte. Anderson hatte die alpine Gesangstechnik wohl den zahlreichen Folkloregruppen aus Tirol oder der Schweiz abgelauscht, die im 19. Jahrhundert als „Novelty Acts“ mit Zelt- und Medicine-Shows durch den amerikanischen Süden zogen. Ab und zu trat Anderson im gleichen Variety-Programm wie Bessie Smith auf, weshalb es nicht verwundert, dass die berühmte Blues- und Jazzsängerin gelegentlich ebenfalls in einen Jodel ausbrach.

Neben Bessie Smith gehörte auch Ma Rainey zur Reihe der „Blues Queens“, von denen allerdings nur diese beiden heute noch bekannt sind, was sicher mit ihrer gut dokumentierten Aufnahmetätigkeit für diverse Schallplattenlabels zu tun hat. Andere Vokalistinnen wie etwa Virginia Liston, die es zu keiner Schallplattenaufnahme brachten, sind dagegen völlig in Vergessenheit geraten.

Während die ersten Blueshistoriker noch Interviews mit der Gründergeneration von Musikern führen konnten, ist Abbott und Seroff der Zugang durch die sogenannte „oral history“ inzwischen versperrt. Sie haben dagegen eine Vielzahl von historischen Zeitungsberichten und –notizen aus der afro-amerikanischen Presse ausgewertet und zum Sprechen gebracht, was härtere Fakten zu Tage fördert als die oft recht vagen Erinnerungen. 

Doch die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen hatte ihren Preis: Jahrelang unterwarf sich Abbott einer eisernen Disziplin, wenn er früh morgens um 5 Uhr seine Zeitungslektüre auf Mikrofilm mit hundert Jahre alten Journalen begann, bevor er dann um 8 Uhr seinen Dienst im Jazzarchiv der Tulane Universität in New Orleans antrat.

Doch die Mühen haben sich gelohnt. Abbott und Seroff haben neue faszinierende Seiten der frühen schwarzen Musikkultur ans Tageslicht gefördert, von denen bisher kaum jemand etwas wusste. Sie haben damit das Verständnis von der Genese des Blues entscheidend korrigiert, einem Musikstil, aus dem von Rock bis Rap nahezu alles hervorgegangen ist, was heute die Popmusik prägt.   

Von Lynn Abbott & Doug Seroff sind erschienen:

- The Original Blues – The Emergence of the Blues in African American Vaudeville (University Press of Mississippi)
Out of Sight – The Rise of African American Popular Music 1889-1895 (University Press of Mississippi)
Ragged but Right – Black Traveling Shows, „Coon Songs“ & the Dark Pathway to Blues and Jazz (University Press of Mississippi)

Der Text erschien in einer längeren Fassung zuerst in der Neuen Zeitschrift für Musik http://www.musikderzeit.de/de_DE/index.php

Wednesday, 20 June 2018

Schlachthof-Festival Sigmaringen, 21. Juli: Vorverkauf hat begonnen

Krautrock und kosmischer Blues beim Schlachthof-Festival in Sigmaringen am 21. Juli

Vorverkauf hat begonnen – ermäßigte Karten: 16 Euro (Buchhandlung Rabe Sigmaringen)

Embryo - Live (Foto: Manuel Wagner)

Nachdem die Bluesgiganten Muddy Waters und John Lee Hooker schon länger von der Szene verschwunden sind, gibt dort inzwischen die nächste Generation den Ton an: Musiker, die noch mit den Großen zusammengespielt haben und heute ihre Erbe pflegen. Zu dieser Gruppe gehört Jim Kahr. Der Mann aus Chicago war Mitte der 1970er Jahre Leadgitarrist in der Band von John Lee Hooker und hat ihn auf etlichen Tourneen durch Europa und Amerika begleitet. Auch von Plattenaufnahme mit dem Bluessänger kann Kahr berichten, bei denen auch Joe Cocker im Studio war. 

Jim Kahr ist einer der Stars, die beim diesjährigen Schlachthof-Festival in Sigmaringen auftreten werden, das wie immer in den Ateliers des alten Schlachthofs in Sigmaringen (Oberschwaben/Upper-Swabia) über die Bühne geht. Termin ist der 21. Juli, Beginn: 16 Uhr. Dabei wird der Bluesgitarrist aus Chicago seine verblüffende Fingerfertigkeit auf der Slide-Gitarre demonstrieren, mit der er Titel wie „Little Red Rooster“ eindrucksvoll in Szene zu setzen vermag. Natürlich darf der „John Lee Hooker“-Boogie nicht fehlen, den Kahr noch aus ersten Hand vom Altmeister gelernt hat.  

Die andere Headliner-Band ist Embryo, mittlerweile schon eine Krautrock-Legende und seit fast 50 Jahren aktiv. Bei Embryo hat vor drei Jahren ein Generationswechsel stattgefunden, bei dem die Gründergeneration den jungen Mitgliedern den Staffelstab übergab. Heute leitet die Multi-Instrumentalistin Marja Burchard die Formation. Sie ist die Tochter von Embryo-Gründer Christian Burchard und hat schon seit über zehn Jahren mit der Gruppe gespielt. Die Posaunistin und Keyboard-Spielerin hat eine schlagkräftige Gruppe zusammengestellt, die mit einem kompakten Sound aufwartet, der auf mitreißende Weise psychedelische Klänge, Jazz, Krautrock und Weltmusik vereint. Mitglied von Embryo ist mittlerweile auch Gitarrist Jan Weißenfeldt alias JJ Whitefield, der vor Jahren mit den Poets of Rhythm das globale Funk-Revival losgetreten hat. Bevor Jim Kahr und Embryo die Bühne betreten, wird in den Ateliers am Nachmittag ein vielfältiges Musikprogramm geboten, das von Ausdruckstanz über Synthi-Sounds bis zu avantgardistischen Experimenten reicht. 

Wie immer beim Schlachtfest ist für das leibliche Wohl blendend gesorgt: Es gibt schwäbischen Flammkuchen vom Lehmofen, ein Bistro-Café bäckt Muffins, und auch Smoothies und schokolierte Fruchtspieße stehen auf der Speisekarte. Auch für die Unterhaltung der Kleinen ist gesorgt: Sie wird das Puppentheater „Kübel wie Eimer“ übernehmen. Inzwischen hat der Vorverkauf für den Event am 21. Juli begonnen. Karten gibt es zum ermäßtigten Preis von 16 Euro in der Sigmaringer Buchhandlung Rabe.

Tuesday, 29 May 2018

Die Frédéric Rabold Crew wird fünfzig

Von höchster Qualität

Eine der besten Jazzgruppen im Südwesten feiert Geburtstag: die Frédéric Rabold Crew wird fünfzig


cw. Mit einem Konzert vor großem Auditorium feierte die Frédéric Rabold Crew unlängst Geburtstagsparty im Theaterhaus in Stuttgart: Seit genau 50 Jahren gibt es die Formation, die als eine der profiliertesten Jazzgruppen Südwestdeutschlands gilt. 1968 gegründet, haben in der „Crew“ über die Jahre etliche der bekanntesten Jazzmusiker Baden-Württembergs gespielt, ob Eberhard Weber (Baß), Herbert Joos (Flügelhorn) oder die amerikanische Sängerin Lauren Newton. 

Für sein Ensemble schreibt Bandleader Rabold bis heute unermüdlich neue Kompositionen, deren Zahl inzwischen in die Hunderte geht. Zum 50. Jubiläum ist ein neues Album der Gruppe mit dem Titel „Northern Lights“ (Nytingale Records) erschienen. Es enthält sieben längere Stücke, die alle von Rabold stammen.

Das Jazz-Handwerk erlernte der Trompeter und Flügelhornspieler in der Band seines Vaters, mit der er schon in jungen Jahren in den “Ami-Clubs” um Heidelberg und Karlsruhe auftrat. “Schwarze GIs wollte Jazz hören,“ erinnert sich Rabold, „und den konnten wir bieten.“ Nach einem klassischen Trompetenstudium und zwei Jahren Dienst beim Bundeswehr-Musikcorps in Bad Cannstadt, rief er 1968 die FrédéricRabold Crew ins Leben, eine mittelgroße Formation aus acht bis zehn Mitgliedern, die einen eigenen Weg im modernen Jazz einschlug. Die Crew verband buntschillernde Arrangements und freie Improvisationen mit groovenden Rockrhythmen und elektrische Sounds von E-Piano und E-Gitarre. 

In den 1970er Jahren hatte die Band ihre ganz große Zeit. Mit hochkarätigen Talenten wie dem Schlagzeuger Manfred Kniel, dem Pianisten Uli Bühl, dem Saxofonisten und dem Bassisten Fritz Heieck machte die Gruppe in ganz Deutschland Furore. „Mal swingte die Musik, mal war sie ‘funky’. Es gab Balladen und dann wieder total freie Sequenzen,“ erinnert sich Rabold. „Diese Mischung machte uns interessant. Die Kompositionen bildeten den Rahmen, in dem dann viel improvisiert wurde.“

Wenn es rund lief, absolvierte die Band 25 Konzerte im Monat – von Kellerclubs bis zu großen Festivals. „In Stuttgart haben wir manchmal unser Equipment nach einem Konzert gleich in den nächsten Club getragen, wo wir am nächsten Tag gebucht waren, so voll war unser Terminkalender,“ erzählt Bassist Fritz Heieck. „Jazzpapst“ Joachim Ernst Berendt produzierte eine Schallplatte der Crew und sorgte für Rundfunkauftritte, auch für eine Veröffentlichung beim renommierten MPS-Label in Villingen. 1974 stieß die amerikanische Vokalistin Lauren Newton zur Gruppe und sorgte mit ihrer exaltierten Vokalistik für frische Impulse. „Wir spielten Musik zwischen Jazz und Rock und waren eine der wenigen Bands damals, die stark in diese Richtung gingen,“ erinnert sich Newton, die heute Jazzgesang an einer Schweizer Hochschule unterrrichtet. „Ausgangspunkt waren immer relativ einfache Themen mit viel Raum für Improvisation.“ 
                                     Foto: Martin Wagner
Doch obwohl es damals richtig rund lief, blieb das große Geld aus, weil die Gagen immer durch 8 bis 10 Mitglieder geteilt werden mussten. „Das war nicht so schlimm,“ meint Newton. „Wichtig war, daß wir spielen konnten und so unsere Musik zu den Leuten brachten.“ Manchmal stiegen “Guest-Stars” wie Albert Mangelsdorff oder Manfred Schoof ein. 

Nach 15 Jahren war der kreative Aku leergelaufen. Rabold legte eine längere Verschnaufspause ein, um danach mit verjüngter Besetzung wieder auf die Szene zurückzukehren. Neben dem Bandleader ist heute von der ursprünglichen Formation nur noch Bassist Fritz Heieck mit von der Partie, wobei es die Gruppe geschafft hat, nahtlos an die Klasse und Qualität von früher anzuknüpfen. Immer noch steht die Crew für einen modernen Jazz, der es in sich hat und mit Drive und Dynamik sowie ausgefeilten Arrangements und exzellenten Soli das Publikum in Begeisterung versetzt, wie der Geburtstagsauftritt im Stuttgarter Theaterhaus zeigte.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Boten, große Tageszeitung im Südwesten

Friday, 18 May 2018

Neues Album von HISS: Südsee, Sehnsucht & Skorbut

Von Sansibar nach Santa Fee

Auf ihrem neuen Album präsentieren sich Hiss als Abenteurer der Meere

 
cw. Nachdem sich Schwoißfuaß schon lange und Grachmusikoff zum Jahreswechsel in den Ruhestand verabschiedet haben, ist die Stuttgarter „Rootsmusic“-Band Hiss die letzte der legendären Gruppen aus dem Südwesten, die noch nicht das Handtuch geworfen hat. Natürlich wird das Leben als hartarbeitender Musiker nicht leichter mit zunehmendem Alter: die Kräfte schwinden, Gicht kriecht in die Finger, und das Rückgrat schmerzt vom schweren Schifferklavier. Trotzdem denken die fünf Mannen von Hiss noch nicht daran, die Segel zu streichen. Im Gegenteil: Gegründet vor fast 25 Jahren tingelt die Band um Sänger, Liederschreiber und Akkordeonspieler Stefan Hiss weiterhin unermüdlich durch die Clubs, Kellerbars und Musikkneipen der Republik. Zu ihren besten Zeiten absolvierten sie mehr als 120 Auftritte pro Jahr – von Kiel bis Konstanz, rauf und runter die Autobahn. Heute sind es ein paar weniger. Hiss hat einen Gang zurückgeschaltet – das Alter fordert sein Tribut.

Doch ihre Kreativität ist ungebrochen. Gerade haben die fünf Musiker mit ihrer achten CD „Südsee, Sehnsucht & Skorbut“ erneut ein Meisterwerk vorgelegt, das diesmal in zwölf Songs von Abenteuern auf hoher See erzählt – ein Seemanns- und Piratenalbum also, auf dem selbstverständlich reichlich Seemannsgarn gesponnen wird. Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ und Johnny Depps „Fluch der Karibik“ lassen grüßen, auch Hans Albers und Freddy Quinn. Quinns Evergreen „Die Gitarre und das Meer“ aus dem Jahr 1959 ist dann auch einer der wenigen Songs auf dem Album, die nicht von den Bandmitgliedern selber stammen, wobei Hiss es schaffen, dem ollen Gassenhauer ganz neue Seiten abzugewinnen.

Wie immer schlüpfen die Musiker in die Rollen von Geschichtenerzählern und entführen mit ihren Liedern die Zuhörer in ferne Weltgegenden – von „Sansibar nach Santa Fee“ wie einer der Titel heißt. Die Songs berichten vom aufregenden Leben der Weltenbummler und Draufgänger jenseits unserer blassen Vollkasko-Smartphone-Existenz. Nicht ohne ein Augenzwinkern bedienen Hiss Sehnsüchte nach Abenteuer und Fernweh, von denen die gesamte Urlaubsbranche lebt. 

Allerdings geht es bei Hiss verwegener zu. Ihre Exkursionen sind auch Fahrten in die Vergangenheit, als noch Seeräuber, Freibeuter und Meeresungeheuer die Ozeane beherrschten und die schwarze Totenkopfflagge am Mast baumelte. Sie lassen die Welt von Herman Melvilles „Moby-Dick“ und Jack Londons „Seewolf“ wieder auferstehen, als es noch harte, verwegene Männer gab und verführerische Frauen, wobei in jedem Vers eine gehörige Portion Ironie mitschwingt. Hiss führen die Zuhörer in gefährliche Hafenkneipen irgendwo in der Fremde, in denen der Rum in Strömen fließt und durchtriebene Halunken und leichte Mädchen nach dem Geld und Leben der Matrosen trachten. So bietet die CD ein wildes imaginäres Reiseerlebnis für Süßwassermatrosen im Ohrensessel daheim.

Musikalisch präsentiert sich die Truppe geschlossener denn je. Ihre Musik klingt einmal nach Polka, dann wieder nach Blues oder Cumbia. Bei den irischen Jigs fühlt man sich unweigerlich an die Pogues erinnert. „Hafenstädte waren immer Schmelztiegel, in denen unterschiedliche Einflüsse zusammenkamen: Tango, Reggae, Ska, südamerikanische Rhythmen,“ erklärt Stefan Hiss. „Wir waren schon immer auf der ganzen Welt unterwegs.“

Die „Sea Shanties“ von Hiss sind abgehangene Titel ohne Firlefanz, in originelle Arrangments verpackt und mit brillanten Soli garniert. Einmal mehr offeriert die Band Rootsrock der Extraklasse, gereift durch Tausende von Auftritten in den letzten Jahrzehnten. Je älter die Musiker werden, umso abgeklärter klingt ihre Musik. Noch geht die Mannschaft nicht von Bord.