Tuesday, 21 January 2020

Shake Stew in Tübingen

Senkrechtstarter

In Tübingen präsentierte sich die österreichische Formation Shake Stew als eine der momentan heißesten Jazzcombos Europas 


Im Jazz kommt den Bassisten meist nur eine Nebenrolle zu. Während Trompeter, Pianisten und Saxofonisten im Rampenlicht stehen, führt der Musiker mit dem großen Saiteninstrument normalerweise ein Schattendasein. Ihm fällt die Aufgabe zu, im Hintergrund unauffällig für eine soliden Begleitung zu sorgen. Dafür erntet er selten Lorbeeren. 

Der junge österreichische Bassist Lukas Kranzelbinder (Jahrgang 1988) stellt diese Regel auf den Kopf. Bei seiner Gruppe Shake Stew ist er die unbestrittene Hauptperson: Instrumentalist, Komponist und Bandleader in einer Person. Nicht dass er sich fortwährend in den Vordergrund drängeln würde – im Gegenteil: Eher überzeugt er durch seine Präsenz auf der Bühne, wobei klar ist, dass bei ihm alle Fäden zusammenlaufen. Egal ob es groovt, brodelt oder auf der Bühne brennt, immer hält Kranzelbinder die Zügel fest in der Hand. Er hat seine Gruppe Shake Stew in den letzten vier Jahren zu einer der aufregendsten Formationen des europäischen Jazz bemacht. Und das Publikum dankt es dem Senkrechtstarter: der große Saal im Tübingen Sudhaus war mit mehreren hundert Zuhörern voll besetzt, was für eine österreichischen Jazzgruppe eine Leistung ist. 

 
Der Emanzipation des Bassisten ist nicht das einzige eherne Jazzgesetz, das Kranzelbinder über den Haufen wirft. In Zeiten, in denen eher kleine Gruppen die Szene bestimmen (weil Trios billiger und ökonomisch leichter zu unterhalten sind), hat der Österreicher eine kleinere Bigband aus der Taufe gehoben. Shake Stew umfasst sieben Mitglieder, wobei sich Kranzelbinder den Luxus leistet, die Position des Schlagzeugers und Bassisten, doppelt zu besetzen, was für eine ungeheuer dichte, mitreißende und dynamische Basis sorgt. Dabei spielen die beiden Bassisten und Drummer nicht einfach wild drauf los, sondern folgen einer genauen Choreographie, die sie manchmal synchron zusammenführt, dann wieder zu kontrapunktischen Gegenbewegungen animiert.

Über diesem Rhythmusteppich brennen die Melodiestimmen aus Altsaxofon, Trompete und Tenorsaxofon ein wahres Feuerwerk an Melodien und Improvisationen ab. Dabei entpuppt sich Trompeter Mario Rom als der eher sensible Lyriker, während Clemens Salesny (Altsaxofon) und der Schwede Otis Sandsjö (Tenorsax) weit ruppiger und impulsiver agieren.

Während des zweistündigen Auftritts von Shake Stew dekliniert Komponist Lukas Kranzelbinder in zumeist langen, suitenhaften Stücken alle Stile und Formen des Jazz durch: von poetisch verträumten Balladen bis zu ekstatischen Freejazz-Eruptionen, von groovenden Beats bis zu swingenden Ryhthmen und von kammermusikalischen Sensibilitäten bis zu knackigen Bigband-Sounds – alles wird hier in durchdachten Manier und stimmigen Arrangements geboten. Die Zuhörer nahmen es mit Begeisterung auf und trotzen der Band eine lange Zugabe ab. Nur in einem Punkt erweist sich Shake Stew als stockkonservativ und von gestern: Dass eine Jazzband heute noch als reine „Boy Band“ ausschließlich aus Männern besteht, ist eigentlich ein Anachronismus. Auch im Jazz ist die Welt nicht stehen geblieben.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Baden-Württemberg

Tuesday, 14 January 2020

Radio Radio Radio: Soul im Südwesten

SWR2 Musikpassagen, SWR2
Sonntag, 19. 1. 2020; 23:03 Uhr 


Soul im Südwesten
Als James Brown nach Stuttgart kam
von Christoph Wagner


In den 1960er-Jahren wurde Soulmusik zur populärsten schwarzen Musik in den USA. 1967 kam die Soulmusik erstmals nach Westdeutschland: Im April traten in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst Ray Charles und ein halbes Jahr später James Brown auf. Im November folgte ein Konzert unter dem Motto "Soul Time", das ein Künstlerpaket präsentierte, dem Percy Sledge und Sam & Dave angehörten. Soul war nun in aller Munde - der allerneuste Schrei der Popindustrie!
Sonntag, 19.1.2020; 23:03 Uhr, SWR2 Musikpassagen, SWR2

Kann eine Woche lang noch übers Internet gehört werden: 

https://www.swr.de/swr2/musik-jazz-und-pop/SWR2-Musikpassagen-Soul-im-Suedwesten,swr2-musikpassagen-2020-01-19-100.html 

Sunday, 12 January 2020

Sylvester-Chläuse in Appenzell

Sylvester-Chläuse im Appenzell
Dokumentation des BR

Fotos: C. Wagner
Ein Hinweis auf eine sehr schöne Dokumentation von dem Treiben der Sylvester-Chläuse im Schweizerischen Appenzell. Wir hatte ja die Schwarzbären-Schuppel beim letzten LAUTyodeln-Festival zu Gast:

https://www.br.de/mediathek/video/doku-ueber-silvesterklausen-ein-winterbrauch-im-appenzellerland-av:5a3ca7b1c365c30017a9e6d9

Thursday, 9 January 2020

KRETSCHMANN beim SWR

KRETSCHMANNS LIEBLINGSMUSIK 

Vor der Sendung: Der MP und Kollegin Anette Sidhu-Ingenhoff (Foto: C. Wagner)




























Heute habe ich beim Südwestrundfunk in Stuttgart eine 'Musikpassagen'-Sendung für SWR2 mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann produziert. Titel: 'KRETSCHMANNS LIEBLINGSMUSIK'. Die Gesamtmoderation lag in den Händen der SWR2-Musikredakteurin Anette Sidhu-Ingenhoff, die Kretschmann über seine Klassik- und Opern-Vorlieben befragte, während mir die Bereiche Jazz, Rock und Polit-Musik zufielen. Der Ministerpräsident erwies sich als inspirierter Gesprächspartner und echter Opern-Kenner, wobei sich der Bogen der Musik von Jazz mit Kid Ory und Dave Brubeck über Beat von den Beatles und der Riedlinger Gruppe Powerplay bis zu Jacques Loussier ('Play Bach'), Georg Friedrich Händel und diversen Opern-Arien (Mozart, Monteverdi) spannte. Selbst über Blasmusik hatte „Kretsche“ Interessantes zu sagen.

Die Sendung läuft auf SWR2 unter dem Titel 'Kretschmanns Lieblingsmusik' in den 'Musikpassagen' am 16. Februar 2020 von 23:03 - 24:00. 
Und danach 7 Tage im Internet (www.swr.de/swr2). 

Sunday, 29 December 2019

Best of 2019: Film/Musik/Theater

MEINE BILANZ für 2019:

THEATER: 

1. 1927: Roots (Manchester, Home Theatre)

Ugly Duckling
2. Sherman Theatre, Cardiff: Ugly Duckling















FILM:
1. Jacques Audiard: The Sisters Brothers 

Buster Scruggs
2. Coen Brothers: The Ballad of Buster Scruggs 

3.Tamara Kotevska, Ljubo Stefanov: Honeyland







LIVE:
Dom Flemons
1. Schwarzbären Schuppel und Dom Flemons (LAUTyodeln Vol. 2, München)









2. Jeffrey Lewis & The Voltage (Bürokonzert bei Wagnerchic, Stuttgart)

3. Matthew Halsall & The Gondwana Orchestra (Yes, Manchester) 

4. Kraan (Dieselstraße, Esslingen)

5. Peter Pichler: Trautonium (Alter Schlachthof, Sigmaringen)


ALBEN:
Veretski Pass & Joel Rubin
1. Veretski Pass & Joel Rubin: The Magid Chronicles (Golden Horn Records)









2. Holzapfel & Rehling: Neues von früher / Klangbuch (Mandelbaum)

3. Brthr – A Different Kind of Light (Backseat)

4. Charles Rumback & Ryley Walker: Little Common Twist (Thrill Jockey)

5. Reid Anderson, Dave King, Craig Taborn: Golden Valley Is Now (Intakt)

6. Pram: Across The Meridian (Domino) 

Friday, 20 December 2019

BaBa ZuLa: Turkish Psychedelia

Istanbuler Underground

Die türkische Rockgruppe BaBa ZuLa im Kulturzentrum Franz K in Reutlingen

                                                                                                                                               Fotos: C. Wagner

cw. Ende der 1960er Jahre war San Francisco überall. Die psychedelische Rockmusik, die 1967 in der Welthauptstadt der Hippies entstanden war, erfasste nicht nur die gesamte westliche Hemisphäre, auch hinter dem „eisernen Vorhang“ in Osteuropa sowie in Afrika, Asien und dem Orient spitzten junge Leute die Ohren. Musiker verbanden die flirrenden elektrischen Sounds von der amerikanischen Westküste mit ihren eigenen Traditionen, was interessante Stilmischungen ergab. In der Türkei griff vor 25 Jahren die Rockgruppe BaBa ZuLa aus Istanbul dieses musikalisches Erbe wieder auf und schuf einen Mix, der heute als „Turkish Psychedelia“ gilt. 
 
Um solch einen orientalischen Rock zu spielen, haben die beiden Saitenmusiker von BaBa ZuLa traditionelle Instrumente wie die Laute Oud, die Langhalslaute Saz und die winzige „Baglama“-Mandoline umgebaut und elektrifiziert, dazu noch ein Riesenarsenal an Fußpedalen angeschlossen, um mit Wah-Wah-Geräten, Echo-Effekten und anderen Verzerrern die traditionellen Melodien in kosmische Umlaufbahnen zu schicken. Die dickbauchige Baßtrommel Davul sorgt für einen knüppelharten Beat, der sich oft in ungeraden Taktzahlen bewegt. Bei anderen Stücken kommt die Handtrommel Darbuka zum Einsatz, wobei die Finger nur so auf das Trommelfell prasseln. Mit diversen Metallbecken akzentuiertein zweiter Perkussionist die komplexen Rhythmusfiguren und speist gleichzeitig mit dem Sampler vorprogrammierte Sounds ins musikalische Geschehen ein.

Der Blick auf die Bühne gleicht einer Reise in die Vergangenheit. Hier stapeln sich die heute legendären Orange-Verstärkertürme, Schwaden von Trockeneisnebel schweben durch den Raum und eine flackernde Lightshow sorgt für Atmosphäre. Die Musiker bewegen sich in fantasievollen Kostüme auf der Bühne und sehen aus wie Märchenfiguren aus „Tausendundeiner Nacht“. 

Die Musik gehorcht nicht dem 3-Minuten-Takt des Pop: Während ihres zweistündigen Auftritts spielten BaBa ZuLa gerademal ein halbes Dutzend Stücke, die sich alle durch lange kreischende Soli auf den Saiteninstrumenten zu großformatigen Epen auswuchsen. Dazwischen unternahmen die Musiker Ausflüge ins Auditorium, um das Publikum zu lebhaften Rundtänzen zu animieren. 

Nicht nur die zahlreichen türkischen Fans nahmen den orientalischen Rock von BaBa ZuLa dankbar auf, offenbart sich in ihm doch eine andere, weltoffenere Türkei, die im krassen Gegensatz zu dem derzeitig autoritären Staat steht, welcher durch sein repressives Gebaren die Jugend immer mehr abstößt.