Sunday, 18 January 2026

Von Abba bis Zappa 2026 – die 2. Veranstaltungsstaffel

Gerade ist der Flyer zu unserer Veranstalungsreihe zur Buchveröffentlichung 'Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten' eingetroffen:  



Saturday, 10 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 54: Christian Marien Quartett

Christian Marien Quartett

Beyond The Fingertips

MarMade Records




Christian Marien schwimmt gegen den Strom. Obwohl seit einiger Zeit im Jazz die Post-Production en vogue ist und für solche Nachbearbeitungen von Plattenaufnahmen viel Zeit und Sorgfalt aufgewendet wird, hat der Berliner Schlagzeuger sein aktuelles Quartett-Album im Direct-To-Disc-Verfahren eingespielt, die Musik also direkt in den Lack geritzt, jeweils ein Vinylseite von 18 Minuten – mehr geht nicht. Hellwach und ganz im Augenblick zu sein, war deshalb das Gebot der Stunde, denn Nachbessern konnte man nicht. Wenn die Aufnahme einmal im Kasten war, konnte man daran nichts mehr verändern.


Mariens Ensemble ist mit Tobias Delius (ts, cl), Jasper Stadhouders (g) und Antonio Borghini (b) hochkarätig besetzt, vier Musiker, die zur Creme der Berliner Improvisationszene zählen. Das Quartett entwirft einen zeitgenössischen Jazz, der die höchst originellen Kompositionsideen von Marien als Leitplanken für improvisatorische Eskapaden nutzt. Meistens bestimmen die Melodieinstrumente den Ton, während Baß und Schlagzeug für optimale Rahmung sorgen. 




Abwechselnd werden die unterschiedlichsten Stimmungen evoziert, von dunkel-romantisch bis aufschäumend-wild, wobei die atmosphärischen Umschwünge oft ziemlich überraschend, aber dennoch organisch erfolgen. Von einer soliden rhythmisch-harmonischen Basis aus geht es gelegentlich in freies Terrain – improvisieren ohne Geländer. Die Gitarre spinnt feinnervige Tonfäden voll nervöser Energie, während Saxofon und Klarinette mit überraschenden Intonationen aufwarten. Zusammen mit der agilen Rhythmusgruppe kommt so ein ganz eigener, kollektiver Gruppenklang zur Aufführung, der kontinuierlich seine Gestalt verändert. Klangalchemie pur!


Hörprobe:

https://christianmarien.bandcamp.com/album/beyond-the-fingertips


"Von Abba bis Zappa" – der Weihnachtsbestseller


 

Das Buch hat sich so gut verkauft, dass es im Januar 2026 ein 2. Auflage gibt 


Friday, 9 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 53: Jazzsaxofonist Roland Kirk – Seher und Visionär

Musik wie ein Traum

Die Visionen des Roland Kirk

Foto: Jutta Vialon


Er war ein blinder Jazzmusiker, der seine Musik aus Träumen zog. 1970 hatte er einen Traum, in welchem ihm ein neuer Name gegben wurde. Seither nannte er sich Rahsaan Roland Kirk. Ungefähr zu dieser Zeit, am 26. Februar 1970, trat der Bandleader, der bis zu drei Saxofone gleichzeitig mit ungeheurer Ausdruckskraft spielte, im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle auf mit seiner damaligen Band, The Vibration Society, zu der u.a. Rahn Burton am Klavier und Jerome Cooper am Schlagzeug gehörten. (mehr über Jerome Cooper: https://christophwagnermusic.blogspot.com/2015/05/nachruf-jazzdrummer-jerome-cooper.html)

Sieben Jahre zuvor war Kirk bereits auf Tournee in Westdeutschland gewesen. In Verlauf der 1963er-Konzertreise trat er live in den Fernsehstudios von Radio Bremen auf (den gleichen Räumen, wo der "Beat-Club" aufgezeichnet wurde), damals mit einer europäischen Rhythmusgruppe, die aus den beiden Schweizern George Gruntz (p) und Daniel Humair (dr), sowie dem französischen Bassisten Guy Pedersen bestand. 

Die drei Europäer stellten sich ausgezeichnet auf den Afroamerikaner ein und absolvierten zusammen ein herausragendes Konzert. Humair elastisch und virtuos, wie man ihn kennt, mit viel Swing. George Gruntz mit perlenden Läufen, agil und hellwach. Pedersen grundsolide. Es war für die jungen, europäischen Jazzmusiker sicher eine große Ehre, den amerikanischen Jazzstar begleiten zu dürfen, weshalb sie sich von der besten Seite zeigten und mächtig anstrengten. Dass ihr Konzert vom Fernsehen aufgezeichnet wurde, dürfte noch zusätzlich Ansporn gewesen sein. 

Der Mitschnitt des Konzerts ist jetzt unter dem Titel "Domino – Live at Radio Bremen TV-Studios 1963" auf CD plus DVD erschienen.


In meinem aktuellen Buch "FREAK-SOUNDS – MUSIK ABSEITS DER NORM" (edition neue zeitschrift für Musik, 2025) habe ich Rahsaan Roland Kirk ein Kapitel gewidmet – der blinde Jazzmusiker, wie in der Antike, als Seher und Visionär. Das Cover des Buchs ziert ein Foto von Jörg Becker, das Kirk bei seinem Stuttgarter Auftritt 1970 zeigt, nicht mehr in Anzug und weißem Hemd, sondern mit Wollmütze und T-Shirt. Die Lockerungsübungen der Hippie-Bewegung, was die Kleidung betraf, waren offenbar auch in der Jazzszene angekommen.


Friday, 2 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr.52: Brad Henkel Quartet

Brad Henkel Quartet

Overstory

Trouble in the East Records



Seine Kompositionen enden abrupt, reißen häufig einfach ab: zack – aus! Allerdings ist, was davor geschieht, oft ebenso unversehens. Die Musik von Brad Henkel schlägt Haken, steckt voller Überraschungen und geht von einer unkonventionellen Klangtextur in die nächste über, manchmal organisch, manchmal jäh. 


Der amerikanische Trompeter und Komponist, der seit Jahren in Berlin lebt, meidet die ausgetretenen Pfade und sucht mit seinem Ensemble nach neuen Wegen. Sein aktuelles Album, das erste mit einem Quartett in klassischer Jazzbesetzung eingespielt, fängt mit wundersamen Tönen und Geräusche an, die Henkel seinem Horn entlockt. Danach kommen seine exzellenten Mitstreiter dazu, zuerst Drummer Samuel Hall, dann die Pianistin Rieko Okuda und die Bassistin Isabel Rößler. Zusammen erzeugen die vier einen lava-artigen Klangstrom, der immer weiter aufschäumt, bis er ganz unvermutet abbricht und einer zarten Folge von gedämpften Trompetentönen und Tastentupfern Platz macht. 



Das Eröffnungsstück setzt den Ton für das ganze Album, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine Unvorhersehbarkeit ist. Henkel unterläuft jede Erwartung. Diese Maxime läßt seine Musik frisch, manchmal verwegen, doch immer originell klingen. Alle Beteiligten strahlen eine große Souveränität aus, als hätten sie schon immer auf so selbstverständliche Weise einen derart individuellen Jazz gespielt.


Zum Reinhören:

https://troubleintheeastrecords.bandcamp.com/album/overstory