Friday, 4 April 2025

Michael Hurley (1941–2025)

Der letzte seiner Art

Zum Tod des einzigartigen Singer-Songwriters Michael Hurley

Foto: Patrick Bunch/Promo

 

 

cw. Hinter dem Schnauzbart, den ausgebleichten Haaren und dem verwitterten Gesicht verbarg sich ein schüchternes Wesen: der amerikanische Folksänger Michael Hurley war ein Eigenbrötler mit sanftem Gemüt. Reden tat er nicht viel und machte kein großes Aufhebens um seine Person. Lieber schraubte er daheim auf dem Land in Oregon an verbeulten PKWs 

herum, als sich im Applaus der großen Bühnen zu sonnen. Am 1. April 2025 ist Michael Hurley im Alter vom 83 Jahren verstorben. 

 

Der Rückzug ins Private fiel Hurley immer schwerer, seit ihn eine junge Generation von Folk- und Rockmusikern entdeckt hatte: Cat Power, Hiss Golden Messenger und Yo La Tengo – sie alle haben Songs von ihm gecovert, Devendra Banhart und Will Oldham haben sich als Fans geoutet und die Folk-Chanteuse Josephine Foster sang sogar auf seinem letzten Album mit.

 

Es ist fast 60 Jahre her, als Hurley zum ersten Mal mit seiner Gitarre in den Folkclubs von New York auftrat, wo er mit den Holy Modal Rounders jammte, den Erfindern des psychedelischen Folk. Er lernte weitere Instrumente: Mandoline, Banjo und Fidel. “Mir gefällt alles, was Saiten und einen Resonanzkörper hat,” sagte er mir in einem Unterview. In den siebziger Jahren nahm er für Warner Brothers zwei Alben auf – ein kurzer Flirt mit der großen Plattenindustrie. Immer wieder nahm er Brotjobs an, ob als Kinoputzer, Bretzelverkäufer oder Automechaniker, um sich nicht als Popmusiker verkaufen zu müssen. 


Michael Hurley – Oh my stars (youtube)  





Vom neuerlichen Rummel um seine Person blieb seine Musik völlig unberührt. Sie klang immer noch so hausgemacht wie vieles in seinem Leben: Hurley braute sein Bier und seinen Most selber, baute sein eigenes organisches Gemüse an samt Hanf und malte, wenn er Zeit und Lust hatte, verschrobene Karikaturen oder skurrile Aquarelle, die auch die Cover seiner Alben schmückten.


Seine Musik war die uneitelste, die man sich denken kann. Vollgesogen mit Blues, Cajun- und Hillbilly-Melodien war sein Stil ein wunderbarer Mix aus den verschiedenen Folktraditionen des alten Amerika: verhalten, locker gespielt, und unprätentiös kam sie daher: Hurley spuckte keine großen Töne! Seine Lieder wirkten so gemächlich wie das Leben, das er führte, während sich die Texte um Dinge drehten, die einem die Welt gelegentlich als einen etwas freundlicheren Ort erscheinen ließen, was einen Sinn für die Tiefen der Existenz nicht ausschloß. Ernsthaftigkeit und Charme prägten die Songs, auch ein verschmitzter Humor blitzte manchmal auf: Michael Hurley eben – der letzte seiner Art.

Wednesday, 2 April 2025

Mehr oder weniger Ellington: Takase & Erdmann in concert

Ellington wagen

 

Das Duo von Aki Takase und Daniel Erdmann beim Jazzclub Singen in der Gems


Fotos: C. Wagner

 

 

Neben Louis Armstrong und Miles Davis ist Duke Ellington (1899–1974) eine der Gallionsfiguren des Jazz. Der amerikanische Pianist, Komponist und Bandleader wird von Traditionalisten wie Avantgardisten gleichermaßen geschätzt. Ehrerbietungen an den Meister gibt es viele. Eine stammt von der Pianistin Aki Takase, die 2012 Ellington ein Album widmete und jetzt mit dem Saxofonisten Daniel Erdmann dem Jazzheiligen abermals huldigte. 

 

Eigentlich gelten Takase und Erdmann als Modernisten, aber wie werden sie Stücke angehen, die noch aus einer Zeit stammen, als Jazz Tanzmusik war? Mit Respekt vor den Originalen, ohne vor Ehrfurcht zu erstarren, lautete die Antwort, die sie im Konzert beim Jazzclub Singen in der Gems vor gutgefüllter Kulisse gaben. Ellington wurde nicht zerhackstückelt oder musikalisch massakriert, sondern als „Remix“ mit akustischen Instrumenten neu belebt, wobei es Takase und Erdmann mit Witz und Charme gelang, neue Funken aus den alten Kompositionen zu schlagen. 

 

Den Werken von Ellington sowie einer Referenz an den Meister von Charles Mingus (Titel: „Duke Ellington’s Sound of Love“) stellten Takase und Erdmann ihre eigenen Stücke gegenüber, die oft allerneusten Datums waren und sich manchmal mehr, manchmal weniger und manchmal überhaupt nicht auf Ellington bezogen. Solche Eigenkompositionen fielen um einiges radikaler aus und tummelten sich nicht selten in atonalen Gefilden, wobei Takase dann die Tasten des Flügels mit den Fäusten oder dem Ellbogen traktierte, während Erdmann Spalttöne produzierte und sich in Überblastechnik erging. Mit Heftigkeit und ungestümer Kraft wurden die Klänge herausgeschleudert, doch uferten solche freien Improvisationen nie aus, sondern fanden immer wieder zielgenau zum Wesenskern des jeweiligen Stücks zurück.



Einer der bekanntesten Titel von Duke Ellington ist „Caravan“ auf dem Jahr 1936, eine der meist gecoverten Jazznummern überhaupt, den Takase und Erdmann in Passagen fast schon ruppig angingen. Dem gegenüber traten ruhigere Stücke, die balladenhaft eine melancholisch-versonnene Atmosphäre verbreiteten. Mit solchen Stimmungswechseln sorgten die beiden für ein fein ausbalanciertes Konzert zwischen den Polen sanft und ungestüm. Als Zugabe brachte der Ragtime „I Let A Song Go Out Of My Heart“ aus dem Jahr 1938 zusätzlich noch eine Portion Humor ins Spiel. Der Ellington-Song veranlaßte Takase und Erdmann, sich untergehakt, ausgelassen und singend im Tanzschritt über die Bühne zu bewegen, was vom Publikum mit stürmischem Applaus quittiert wurde.


Takase & Erdmann spielen I Let A Song Go Out Of My Heart“ / youtube