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Wednesday, 2 April 2025

Mehr oder weniger Ellington: Takase & Erdmann in concert

Ellington wagen

 

Das Duo von Aki Takase und Daniel Erdmann beim Jazzclub Singen in der Gems


Fotos: C. Wagner

 

 

Neben Louis Armstrong und Miles Davis ist Duke Ellington (1899–1974) eine der Gallionsfiguren des Jazz. Der amerikanische Pianist, Komponist und Bandleader wird von Traditionalisten wie Avantgardisten gleichermaßen geschätzt. Ehrerbietungen an den Meister gibt es viele. Eine stammt von der Pianistin Aki Takase, die 2012 Ellington ein Album widmete und jetzt mit dem Saxofonisten Daniel Erdmann dem Jazzheiligen abermals huldigte. 

 

Eigentlich gelten Takase und Erdmann als Modernisten, aber wie werden sie Stücke angehen, die noch aus einer Zeit stammen, als Jazz Tanzmusik war? Mit Respekt vor den Originalen, ohne vor Ehrfurcht zu erstarren, lautete die Antwort, die sie im Konzert beim Jazzclub Singen in der Gems vor gutgefüllter Kulisse gaben. Ellington wurde nicht zerhackstückelt oder musikalisch massakriert, sondern als „Remix“ mit akustischen Instrumenten neu belebt, wobei es Takase und Erdmann mit Witz und Charme gelang, neue Funken aus den alten Kompositionen zu schlagen. 

 

Den Werken von Ellington sowie einer Referenz an den Meister von Charles Mingus (Titel: „Duke Ellington’s Sound of Love“) stellten Takase und Erdmann ihre eigenen Stücke gegenüber, die oft allerneusten Datums waren und sich manchmal mehr, manchmal weniger und manchmal überhaupt nicht auf Ellington bezogen. Solche Eigenkompositionen fielen um einiges radikaler aus und tummelten sich nicht selten in atonalen Gefilden, wobei Takase dann die Tasten des Flügels mit den Fäusten oder dem Ellbogen traktierte, während Erdmann Spalttöne produzierte und sich in Überblastechnik erging. Mit Heftigkeit und ungestümer Kraft wurden die Klänge herausgeschleudert, doch uferten solche freien Improvisationen nie aus, sondern fanden immer wieder zielgenau zum Wesenskern des jeweiligen Stücks zurück.



Einer der bekanntesten Titel von Duke Ellington ist „Caravan“ auf dem Jahr 1936, eine der meist gecoverten Jazznummern überhaupt, den Takase und Erdmann in Passagen fast schon ruppig angingen. Dem gegenüber traten ruhigere Stücke, die balladenhaft eine melancholisch-versonnene Atmosphäre verbreiteten. Mit solchen Stimmungswechseln sorgten die beiden für ein fein ausbalanciertes Konzert zwischen den Polen sanft und ungestüm. Als Zugabe brachte der Ragtime „I Let A Song Go Out Of My Heart“ aus dem Jahr 1938 zusätzlich noch eine Portion Humor ins Spiel. Der Ellington-Song veranlaßte Takase und Erdmann, sich untergehakt, ausgelassen und singend im Tanzschritt über die Bühne zu bewegen, was vom Publikum mit stürmischem Applaus quittiert wurde.


Takase & Erdmann spielen „I Let A Song Go Out Of My Heart“ / youtube




Tuesday, 5 September 2023

SCHEIBENGERICHT 21: Carlos Bica huldigt Beethoven

KLASSIK JAZZMÄßIG VERDREHT

Der portugiesische Bassist Carlos Bica huldigt Ludwig van Beethoven 


3 1/2 von 5 Sternen

 

cw. Im gleichen Jahr wie Hegel und Hölderlin 1770 geboren, fielen die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven 2020 der Pandemie zum Opfer. Das sollte jedoch kein Grund sein, sich nicht weiterhin mit dem Komponistengott zu befassen, dafür sind seine Werke viel zu epochal. Man denke nur an die späten Streichquartette, diese verstörend unorthodoxen Rätselstücke, die wie verschlungene Fantasiegespinste nahezu undurchdringlich und kaum fassbar erscheinen.  

Der portugiesische Kontrabassist Carlos Bica hat eine engere Beziehung zu Beethoven. Jahre lang hat er in klassischen Orchestern dessen Musik gespielt. Diese Klänge im Hinterkopf hat der heutige Jazzmusiker nun ein Projekt ausgebrütet, das sich mit der Musik des Meisters auf kreative Weise befasst, was bedeutet: Das Quartett mit Daniel Erdmann (Saxofone), João Barradas (Akkordeon) und DJ Illvibe an den Turntables spielt keine Werke Beethovens, sondern Stücke, die überwiegend von Bica stammen, aber genau das machen, was der Albumtitel verspricht: Sie spielen mit Beethoven. 

Die Kompositionen nähern sich dem Meister auf äußerst (respekt-)lose Art und Weise, nehmen die Essenz eines Werks, ob „Leonore", „Ritterballett" oder „Liebeslied", paraphrasieren, verfremden, dekonstruieren, kontrastieren und zerstückeln es und setzen es dann assoziativ und collagenhaft, mit Jazzimprovisationen, frühen Schallplatteneinblendungen, elektronischen Sounds und Folkloreklängen garniertt, wieder zusammen, wobei manchmal nicht mehr viel van Beethoven übrig bleibt. Dieser wilde Mix-Up hätte dem einstigen Pianisten und Improvisator möblicherweise sogar gefallen. Wer weiß?

Carlos Bica: Playing with Beethoven (youtube)


In „Liebeslied“, das als Schlußakkord des Albums fungiert, fängt es bedächtig mit zwei sich abwechselnden Tönen auf dem Akkordeon an, dem gesellt sich das Saxofon und die Sounds der Turntables hinzu. Die Interaktion der Instrumente steigert sich langsam zu einem mächtigen Furioso, wobei am Ende – nach dem großen Blow-Out – der Beethoven-Gassenhauer „Für Elise“ (den jeder im Ohr hat) einmal kurz – ganz ungeschützt und unbegleitet – von der Quetsche angespielt wird. 

So gesehen dient Beethoven Bica vor allem als Sprungbrett, um der Fantasie auf die Sprünge zu helfen, wobei der Komponistenkoloss sicher nicht die schlechteste Inspirationsquelle ist. Natürlich reichen Bicas Stücke nicht annährend an die Werke Beethovens heran. Dafür gerät die Auseinandersetzung mit der Klassikikone ein bisschen zu vordergründig. Beethoven, einst Schüler Joseph Haydns, dessen Tonsprache manche Zeitgenossen als „bizarr“ empfanden, spielt in einer ganz anderen Liga.

 


Carlos Bica: Playing with Beethoven (Clean Feed)

Tuesday, 24 May 2022

Daniel Erdmanns samtene Revolution

Musik wie auf Wolken 

Daniel Erdmann‘s Velvet Revolution mit schwebenden Klängen beim Jazzclub in Singen 


Fotos: christoph wagner

 



 

cw. Es gibt Kammermusik, und es gibt Jazz – aber gibt es auch kammermusikalischen Jazz? Normalerweise ist mit der Bezeichnung eine Spielart der improvisierten Musik gemeint, die leiser, dezenter und intimer auftritt und aufs Schlagzeug verzichtet. 

 

Daniel Erdmann und sein Ensemble „Velvet Revolution“ fällt in diese Kategorie. Das Trio besteht aus dem deutschen Bandleader, der Tenorsaxofon spielt, sowie dem Engländer Jim Hart am Vibrafon und dem französischen Geiger Théo Ceccaldi – eine wahrhaft internationale Besetzung also! Beim Jazzclub Singen gab das Ensemble am Freitagabend vor beachtlicher Kulisse in der „Gems“ eine überzeugende Vorstellung, die trotz des fehlende Schlagzeugs alle Kriterien erfüllte, die zeitgenössischen Jazz so spannend macht.

 

Nur drei Musiker – das ist nicht viel, da gilt es mit den begrenzten musikalischen Möglichkeiten in optimaler Weise umzugehen, sonst könnte es schnell eintönig und langweilig werden. Erdmann und seine Mannen ziehen daraus den Schluß, dass jeder sowohl als Solist als auch als Begleiter in Erscheinung tritt, und außerdem als Komponist Stücke zum Repertoire der Gruppe beisteuert.

 

Dazu kommt: Auch das Klangspektrum der Instrumente wird erweitert, wobei die Geige häufig anstatt gestrichen, pizzicato wie eine Rhythmusgitarre gezupft wird. Ähnlich das Vibrafon: Es wird nicht nur virtuos mit vier Klöppeln angeschlagen, sondern auch mit zwei Bögen aus Roßhaar gestrichen, wobei ein wunderbar flirrender Klang entsteht, der an die Glasharmonika erinnert, jenem obskuren Instrument aus der Vergangenheit, bei dem Weingläser mit angefeuchteten Fingern gerieben werden.  



  

 

Die drei Musiker haben interessante Kompositionen zum Programm beigesteuert, die in ihrer Art recht unterschiedlich ausfallen, aber am überzeugensten sind, wenn sie sich in die Sphäre der schwebenden Klänge begeben. Dann segelt die Musik wie auf Wolken dahin und entfaltet auf wunderbare Weise ihr poetisch-träumerisches Potential. 

 

Daniel Erdmann reißt die Zuhörer mit aufgerauhtem Ton aus den Schwelgereien. Er macht bei den großen Saxofonisten der Jazztradition Anleihen (etwa bei Ben Webster) und bläst einfache singbare Melodien mit viel hörbarer Luft. Verwoben mit den Klängen von Vibrafon und Violine entfalten sich eine Musik, die so stimmig, intensiv und atmosphärisch ist, dass man das Schlagzeug keine Sekunde lang vermißt. Kammermusikalischer Jazz in vollendeter Form! 

 

Die Konzertkritik erschien zuerst im SÜDKURIER (suedkurier.de)

Tuesday, 18 August 2020

Jazztrends: Jazz mit DJ-Sounds

Neustart im Jazz

Die japanische Pianistin Aki Takase und ihr „Japanic“-Quintett in Singen


Langsam erwacht die Jazzszene wieder. Nach Corona-bedingter Abstinenz unternehmen Clubs und Veranstalter zum ersten Mal wieder tastende Versuche, Konzerte durchzuführen, wobei offen bleibt, wann die Pandemie so weit abgeklungen ist, dass auch amerikanischen Jazzer wieder für Auftritte über den Atlantik kommen können. Bis auf weiteres sind alle Tourneepläne von Musikern aus dem Mutterland des Jazz auf Eis gelegt oder mit einem großen Fragezeichen versehen. Beruhigend, dass es seit längerem auch in Europa hochkarätige Ensembles gibt, die den Amerikanern problemlos das Wasser reichen können.

Der Jazzclub Singen, einer der profiliersten Konzertveranstalter im Südwesten, der schon mehrmals mit dem Applaus-Preis der Bundeskulturministerin ausgezeichnet wurde, wird deshalb in der nahen Zukunft vor allem europäische Jazzgrößen und Talente präsentieren, wobei ein besonderes Augenmerk auf der bundesdeutschen Szene liegt. Zum Neustart der Konzertreihe, die traditionsgemäß im Singener Kulturzentrum Gems über die Bühne geht, wird am Donnerstag, den 27. August (Beginn: 20:30), das „Japanic“-Quintett der japanischen Pianistin Aki Takase zu hören sein. 

Takase lebt seit vielen Jahren in Berlin, wo sie mit dem Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach verheiratet ist. Schlippenbachs Sohn Vincent, der unter dem Künstlername DJ Illvibe auftritt, ist Teil des „Japanic“-Quintetts und webt mit zwei Turntables (=Schallplattenspielern) und anderen Effektgeräten elektronische Clubsounds, verfremdete Sprachfetzen und Geräusche in den moderne Jazz der Gruppe ein, wobei er Vinylschallplatten als Klangmaterial benutzt, denen er mit virtuoser „scratching“-Technik die wildesten Klänge entlockt. DJ Illvibe läßt es blubbern, knistern, fetzen und krachen.

 
Da das Ensemble ansonsten mit Klavier, Saxofon, Baß und Schlagzeug im Stile einer klassischen Jazzcombo recht konventionell besetzt ist, sind es diese elektronischen Zwischentöne und Klangballungen, die aufhorchen lassen und Takases Gruppe vom Gros moderner Jazzensembles unterscheidet.

Zudem verfügt die Formation über Instrumentalisten, die alles andere als Durchschnittsbegabungen sind. Neben der Bandleaderin, die ein eruptives, manchmal fast ruppiges Pianospiel pflegt, in dem die ganze Jazztradition von Fats Waller über Thelonious Monk bis zu Cecil Taylor aufleuchtet, ragt vor allem Saxofonist Daniel Erdmann hervor, der sich mit einem individuellen Ton und fantasiereichen Improvisationen in den letzten Jahren einen ausgezeichneten Ruf erspielt hat. Für seine eigenen Produktionen wurde der Saxofonist, der im französischen Reims lebt, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Berliner Rhythmusgruppe mit Johannes Fink am Baß und dem norwegischen Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen sorgt für Dynamik, federnden Swing und vorwärtsstürmenden Drive.

Die Musik von Japanic schlägt einen weiten Bogen. Die Kompositionen, die hauptsächlich von der Bandleaderin stammen, reichen von melancholisch bis avantgardistisch und von zart-romantisch bis wuchtig-brachial, wobei Eindringlichkeit und Vehemenz die vorherrschenden Merkmale sind. Lauheit und Unbestimmtheit waren Aki Takase schon immer fremd.