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Wednesday, 13 May 2026

MILES DAVIS Biographie

Am Puls der Zeit

Der Musikjournalist Stefan Hentz zeichnet die Lebenslinien des Jazzstars Miles Davis nach


Foto: Hans Kumpf

  

Man begegnet ihm auf unzähligen Schallplatten, CDs und Re-Issues. Er ist Stoff von Spielfilmen, Fernseh-Dokus und Graphic Novels, ja selbst als kleine Komikfigur aus Plastik mit Trompete gibt es ihn: Miles Davis ist der bedeutendsten Jazzmusiker in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem afroamerikanischen Trompeter, Komponist und Bandleader gelang, was nur wenigen Künstlern glückt: Sich immer wieder neu zu erfinden und so über Jahrzehnte die musikalische Entwicklung im Jazz maßgeblich zu beeinflussen. 


Am 26. Mai 2026 wäre Miles Davis hundert Jahre alt geworden, was der Musikjournalist Stefan Hentz zum Anlaß genommen hat, ihm eine exzellent recherchierte Biographie zu widmen. Die Publikation zeichnet minutiös die lebensgeschichtlichen Etappen und musikalischen Entwicklungsschritte nach, die Miles Davis zum „größten Star im Jazzuniversum“ (Stefan Hentz) machte und grundiert sie mit zeitgeschichtlichem Kolorit, ob kultureller, sozialer oder politischer Art. Zudem versucht Hentz die Wesensart dieses wohl einzigen Jazzmusikers mit Popstar-Appeal zu ergründen, der immer eine ziemlich undurchschaubare Persönlichkeit geblieben ist und viele widersprüchliche Haltungen in sich vereinte. „Prince of Darkness“ nannten sie ihn.


Im Unterschied zur umfangreichen Miles Davis-Literatur, die sich häufig auf die Glanzpunkte seiner Karriere von den 1950er bis in die 1970er Jahren konzentriert, wählt Hentz die Endphase seiner Laufbahn als Einstieg. Damals lief der Trompeter zum groovenden Funkjazz über, und aus dem elektrischen Miles wurde ein elektronischer. 


Plakat: Günter Kieser



Nach etlichen Jahren Auszeit im Drogendelirium, von Depressionen geplagt und mit Krankheit geschlagen, hatte sich Davis in den 1980er Jahren mit Hilfe junger Musiker in die Jazzszene zurückgetastet. Ihm war wichtig, abermals eine Musik am Puls der Zeit zu machen, was bedeutete: den Sound des heraufziehenden digitalen Zeitalters einzufangen, wobei ihm Prince als Leitstern diente. 


Die Studioarbeit überließ er nunmehr jüngeren Musikern seines Vertrauens wie dem Bassisten Marcus Miller. Jetzt improvisierte keine Gruppe mehr im Studio, wie noch zehn Jahre zuvor. Vielmehr wurden mittels Overdubbing Instrumentalisten je nach Bedarf herangezogen, die Miles nie traf, weil er seinen Trompeten-Part erst am Ende über die vielschichtigen Arrangements legte. Diesen letzten Abschnitt im Leben von Miles Davis, der 1991 verstarb, stellt Hentz an den Anfang seines Buchs, um von dort die Lebenslinien nachzuzeichnen, die zu diesem Schlußakt führten. 


Promo-Foto


Aufgewachsen in einer wohlhabenden afroamerikanischen Familie in East St. Louis, wird für Miles Davis der Jazz und die Trompete früh zu seiner Leidenschaft. Der Teenager spielt in Bigbands und Tanzkapellen, hat Lehrer, die nichts durchgehen lassen. Als Aushilfe erhält er in der Band des Sängers Billy Eckstein seinen ersten professionellen Job. Dort begegnet er dem Trompeter Dizzy Gillespie und dem Altsaxofonisten Charlie Parker, die ihn ermuntern nach New York zu kommen, wo in Minton’s Playhouse in Harlem gerade eine musikalische Revolution stattfindet. Der Swing der Bigband-Ära wird vom hektischen Bebop herausgefordert. Der 18jährige wird Mitglied in der Band von Charlie Parker, mit der er erste Plattenaufnahmen macht. Sein Aufstieg ist rapide. Bald zählt Davis zum führenden Kreis dieses Stils




Doch den jungen Trompeter drängt es zu neuen Ufern. Als Gegenstück zum Bebop entwirft er mit dem Arrangeur Gil Evans einen abgeklärten, lyrisch-verhangenen Cooljazz, wobei der gestopfte, oft melancholische Trompetenton nun zu seinem Markenzeichen wird. Durch den Saxofonisten John Coltrane steigert sich die Intensität seines neuformierten Sextetts erneut, dem 1959 mit Kind of Blue ein Klassiker gelingt – mit fünf Millionen Exemplaren das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten. Mit einem neuen Quintett und dem quirligen 17jährigen Tony Williams am Schlagzeug wächst Miles Davis Mitte den 1960er Jahren auf dem Album E.S.P. über Cooljazz und Hardbop hinaus. 


Als die Rockmusik mit den psychedelischen Klanggewittern eines Jimi Hendrix Ende der 1960er Jahre zum Emblem der Zeit wird, öffnet sich Miles Davis den elektrischen Sounds. Er avanciert zu einem Pionier des Jazzrock, der seine Trompete mit Verzerrer und Wah-Wah-Pedal spielt und seine Alben aus den Studio-Sessions in nachhinein am Schneidetisch zusammenbastelt. Nun tritt er bei riesigen Rockfestivals vor Hunderttausenden junger Popfans auf, so auf der englischen Isle of Wight im Sommer 1970. Miles Davis ist im Zenit seiner Popularität angekommen.  


Umso krasser ist der Absturz. Drogen, Frauengeschichten und gesundheitliche Probleme lassen den kreativen Aku leerlaufen. Für den Biographen Stefan Hentz schließt sich hier der Kreis: Als Miles Davis aus diesem düsterer Lebensabschnitt wieder auftaucht, schlägt er mit dem elektronischen Funkjazz ein weiteres Kapitel seines kreativen Schaffens auf – das finale.


Stefan Hentz: Miles Davis – Sound eines Lebens. Reclam Verlag; 385 Seiten, 35 Abbildungen. Euro 32.-


Thursday, 16 April 2026

Ralph Alessi beim Jazzclub Singen

Konzentrierte Andacht

Der amerikanische Trompeter Ralph Alessi und sein Escalation Quartet in Singen


Fotos: C. Wagner


Neben Dave Douglas, Kirk Knuffke und Taylor Ho-Bynum, die alle schon beim Jazzclub Singen zu Gast waren, gilt Ralph Alessi als einer der besten Blechbläser der aktuellen amerikanischen Jazzszene: Jetzt machte der Trompeter mit seinem Escalation Quartet auf seiner Europatournee einen Abstecher aus Italien nach Singen in die Gems, um zu demonstrieren, was es heisst, modernen Jazz auf höchstem Niveau zu spielen. 

Der Pianist Matt Mitchell, Ches Smith am Schlagzeug und der Bassist John Hébert bilden seine Band, die allesamt zum Spitzenpersonal der New Yorker Jazzszene gehören, das immer noch führend auf der Welt ist, wenn ihm auch Berlin allmählich den Rang abläuft.


Makellose Spieltechnik und große Virtuosität, dazu viel Fantasie und Originalität sind die Qualitäten, die heute einen hervorragenden Jazzmusiker ausmachen, und Alessi und seine drei Mitstreiter verfügen über jede dieser Tugenden.



Impulsiv geht Schlagzeuger Ches Smith zur Sache, der seine Lehrjahre in konventionellen Jazzbands sowie beinharten Rockgruppen verbrachte, was man seinem dynamischen Spiel anmerkt. Pianist Matt Mitchell läßt die Töne nur so aus der Tasten perlen, während John Héberts zupackende Basslinien für klare Konturen und feste Erdung sorgen. Mit einer Reihe von Dämpfern variiert der Bandleader den Klang seiner Trompete und sorgt so für klangliche Vielfalt.


Alessi bringt diese Fähigkeiten von sich und seinen Mitstreitern in Kompositionen zur Entfaltung, die oft vertrakt wirken, kontrapunktisch verschachtelt sind und mit überraschenden Stopps und Akzenten arbeiten, obwohl er auch lyrische Balladen im Repertoire hat, die das Quartett zart und träumerisch in Szene setzen. Die Stücke bieten jedem der Musiker die Möglichkeit, in langen Improvisationen ihr ganzes Können und ihre Kreativität unter Beweis zu stellen. Im Laufe des Konzerts gelang es dem Ensemble, die Zuhörer mehr und mehr in den Bann zu ziehen und eine Stimmung zu erzeugen, die hoch konzentriert und ergriffen eher einer Andacht glich.




Saturday, 10 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 54: Christian Marien Quartett

Christian Marien Quartett

Beyond The Fingertips

MarMade Records




Christian Marien schwimmt gegen den Strom. Obwohl seit einiger Zeit im Jazz die Post-Production en vogue ist und für solche Nachbearbeitungen von Plattenaufnahmen viel Zeit und Sorgfalt aufgewendet wird, hat der Berliner Schlagzeuger sein aktuelles Quartett-Album im Direct-To-Disc-Verfahren eingespielt, die Musik also direkt in den Lack geritzt, jeweils ein Vinylseite von 18 Minuten – mehr geht nicht. Hellwach und ganz im Augenblick zu sein, war deshalb das Gebot der Stunde, denn Nachbessern konnte man nicht. Wenn die Aufnahme einmal im Kasten war, konnte man daran nichts mehr verändern.


Mariens Ensemble ist mit Tobias Delius (ts, cl), Jasper Stadhouders (g) und Antonio Borghini (b) hochkarätig besetzt, vier Musiker, die zur Creme der Berliner Improvisationszene zählen. Das Quartett entwirft einen zeitgenössischen Jazz, der die höchst originellen Kompositionsideen von Marien als Leitplanken für improvisatorische Eskapaden nutzt. Meistens bestimmen die Melodieinstrumente den Ton, während Baß und Schlagzeug für optimale Rahmung sorgen. 




Abwechselnd werden die unterschiedlichsten Stimmungen evoziert, von dunkel-romantisch bis aufschäumend-wild, wobei die atmosphärischen Umschwünge oft ziemlich überraschend, aber dennoch organisch erfolgen. Von einer soliden rhythmisch-harmonischen Basis aus geht es gelegentlich in freies Terrain – improvisieren ohne Geländer. Die Gitarre spinnt feinnervige Tonfäden voll nervöser Energie, während Saxofon und Klarinette mit überraschenden Intonationen aufwarten. Zusammen mit der agilen Rhythmusgruppe kommt so ein ganz eigener, kollektiver Gruppenklang zur Aufführung, der kontinuierlich seine Gestalt verändert. Klangalchemie pur!


Hörprobe:

https://christianmarien.bandcamp.com/album/beyond-the-fingertips


Friday, 2 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr.52: Brad Henkel Quartet

Brad Henkel Quartet

Overstory

Trouble in the East Records



Seine Kompositionen enden abrupt, reißen häufig einfach ab: zack – aus! Allerdings ist, was davor geschieht, oft ebenso unversehens. Die Musik von Brad Henkel schlägt Haken, steckt voller Überraschungen und geht von einer unkonventionellen Klangtextur in die nächste über, manchmal organisch, manchmal jäh. 


Der amerikanische Trompeter und Komponist, der seit Jahren in Berlin lebt, meidet die ausgetretenen Pfade und sucht mit seinem Ensemble nach neuen Wegen. Sein aktuelles Album, das erste mit einem Quartett in klassischer Jazzbesetzung eingespielt, fängt mit wundersamen Tönen und Geräusche an, die Henkel seinem Horn entlockt. Danach kommen seine exzellenten Mitstreiter dazu, zuerst Drummer Samuel Hall, dann die Pianistin Rieko Okuda und die Bassistin Isabel Rößler. Zusammen erzeugen die vier einen lava-artigen Klangstrom, der immer weiter aufschäumt, bis er ganz unvermutet abbricht und einer zarten Folge von gedämpften Trompetentönen und Tastentupfern Platz macht. 



Das Eröffnungsstück setzt den Ton für das ganze Album, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine Unvorhersehbarkeit ist. Henkel unterläuft jede Erwartung. Diese Maxime läßt seine Musik frisch, manchmal verwegen, doch immer originell klingen. Alle Beteiligten strahlen eine große Souveränität aus, als hätten sie schon immer auf so selbstverständliche Weise einen derart individuellen Jazz gespielt.


Zum Reinhören:

https://troubleintheeastrecords.bandcamp.com/album/overstory


Sunday, 14 December 2025

Eigenwilliger Klassiker des Jazz: der ewige Monk

Sonderling am Klavier

Thelonious Monk stand für Eigenständigkeit und Individualität im Jazz – ein Live-Auftritt in Bremen 1965 zeigt ihn in bester Form


Fotos: Jochen Mönch



Er trug einen zauseligen Kinnbart und hatte ein Faible für ausgefallene Kopfbedeckungen, ob Fez, Barett, Filzhut, Fell- oder Wollmütze. Am kleinen rechten Finger funkelte ein Gebirge von einem Brillant-Ring und gelegentlich steckte ein Salatblatt im Knopfloch seines Jackets. Mit zunehmendem Alter wurde Thelonious Monk (1917-1982) immer wunderlicher. Ähnlich schrullig und verschroben muß Zeitgenossen sein Klavierspiel vorgekommen sein. Er stolperte, ja torkelte geradewegs über die Tasten. Mit durchgedrückten Fingern schlug er die schrägsten Intervalle an, griff verquerte Akkorde und spielte durchgeknallte Läufe. In der Hitze eines Konzerts, konnte er schon mal aufspringen und wie ein Bär am Nasenring einen tapsigen Rundtanz vollführen, um für sein Solo wieder an den Flügel zu stürzen und mit dem Ellbogen ein paar Donnerschläge in die Tasten zu hauen oder den Rhythmus mit synkopischen Dissonanzen zu zerhackstückeln. "Mad Monk” stellte den Jazz auf den Kopf, indem er dessen Regeln über den Haufen warf. „He is crazy“, sagte er über sich selbst. Kein Wunder, dass sich die Ratlosigkeit der Kritiker in Ablehnung äußerte und Musikerkollegen wie Lennie Tristano mit Unverständnis reagierten.


Andere hörten genauer hin. Monks sperrige Kompositionen und sein eigenwilliges Klavierspiel faszinierten. So wie er hatte noch niemand Jazzpiano gespielt. Manche traf es wie ein Blitz. „1958 betrat ich eine richtige Spelunke auf der Bowery in Downtown Manhattan, und da spielte ein Pianist die verrückteste Fassung vom ‚Mecca Flat Blues’, die ich jemals gehört hatte,“ erzählte der Jazzhistoriker Samuel Charters über seine erste Begegnung mit Thelonious Monk. „Ich war völlig perplex. Ein Saxofon war dabei, ein Schlagzeuger und ein Bassist. Leute ging raus und rein – war nur eine Bar. Das Klavier war furchtbar. Ein Typ ging zu Monk hin, legte einen Fünf-Dollar-Schein aufs Klavier und sagte: „Spiel mal ‚Sweet Lorraine’!“ Doch Monk fuhr einfach mit dem Ellenbogen rüber und stieß den Geldschein auf den Boden.“ 


Thelonious Monk wußte genau, was er wollte, und Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack zu machen, gehörte nicht dazu. Beharrlich folgte er seiner Vision. Auch wenn Wertschätzung und Anerkennung ausblieben und seine Schallplatten sich schlecht verkauften, rückte der Non-Konformist keinen Millimeter von seinem musikalischen Credo ab. Was ihn allerdings ärgerte, war, dass seine ehemaligen Mitstreiter und Miterfinder des Bebop, Charlie Parker und Dizzy Gillespie, zu Stars geworden waren, während er sich immer noch um die Miete sorgen musste. 


Ende der 1950er Jahre begann seine Popularität zu wachsen. Nun feierten ihn die Kritiker als „Hohepriester des Bebop” und etliche seiner Kompositionen wie „Blue Monk“  oder „Straight, No Chaser“ stiegen in den Rang von Jazz-Klassikern auf. Am bekanntesten wurde „Round Midnight“ (auch „Round About Midnight“ genannt), das er bereits Anfang der 1940er Jahre komponiert hatte und das heute als die meist gespielte Jazzkomposition überhaupt gilt. Mehr als eintausend Aufnahmen soll es auf Platte geben, wobei die Version von Miles Davis wohl die berühmteste ist. 




Monks eigenwilliges Tastenspiel fand nun Bewunderer. „Wenige halten Thelonious Monk für einen Virtuosen,“ erklärte der Saxofonist Lee Konitz. „Doch wieviele Musiker können dem verdammten Klavier einen individuellen Klang entlocken?“ 1963 wurde er in die „Hall of Fame“ der amerikanischen Jazz-Zeitschrift Downbeat gewählt, in deren Jahres-Poll er 1965 den zweiten Platz belegte – hinter Oscar Peterson, doch vor Dave „Take Five“ Brubeck. 


„Monk hat eine völlig eigene Art des musikalischen Denkens. Niemand ist wie er,“ beschrieb Bill Evans seine Faszination. Der Pianokollege führte diese Individualität auf Monks musikalische Selbstbildung zurück, und dass er nicht die übliche Klavierliteratur studiert hatte. Randy Weston, ein anderer Jazzpianist, stufte seine Musik als „zeitlos“ ein: „Er gehört zu keiner Schule und passt in keine Schublade.“ Als sein einstiger Mitstreiter John Coltrane den jungen Pianisten Cecil Taylor Ende der fünfziger Jahre zu einer Plattensession heranzog, verteidigte er dessen „exzentrisches“ Spiel gegenüber den verärgerten Mitmusikern mit dem Argument: „Ein neuer Monk!“


Die Bewunderung reichte weiter. Manche sahen in ihm fast einen Heiligen. Als Robert Wyatt – selbst ein berühmter Eremit der britischen Popszene – in seiner Jugend nach einem Konzert für ein Autogramm anstand, strich Monk ihm sanft mit der Hand über den Kopf, was Wyatt später als eine Art Segnung empfand: Seither „glaube“ er an Jazz! 


„Für mich ist er ein ganz Großer der Jazzgeschichte“, stellt die japanische Pianistin Aki Takase fest, die vor allem Monks schroffen, ja manchmal fast ruppigen Tastenanschlag schätzt. Die Zürcher Pianistin Irène Schweizer teilt die Bewunderung, obwohl sie erst über den Umweg der freien Improvisation zu einem tieferen Verständnis von Monks Musik fand, während sie zuvor lange Zeit unter dem Einfluß des Freejazz-Berserkers Cecil Taylor stand. „Bei den Berliner Jazztage 1969 haben beide solo gespielt: Cecil Taylor und Monk. Da hat mich Monks Spiel viel mehr berührt,“ erinnert sich die Grande Dame des eidgenössischen Jazz. „Da ist der Groschen gefallen: Monk hatte keine Technik, aber musikalisch mehr zu sagen. Ein Augenöffner für mich.“ Wie Duke Ellington, Miles Davis oder John Coltrane, ist der Pianist heute zu einer Ikone des Jazz geworden, in dessen Musik sich die Essenz der improvisierten Musik krisallisiert. 


Auf vielen Aufnahmen mit Monk dabei: Tenorist Charlie Rose


Thelonious Sphere Monk wurde am 10. Oktober 1917 in Rocky Mount geboren, einer Stadt in North Carolina. Als er vier Jahre alt war, zog seine Mutter mit den drei Kindern nach Manhattan, wo sie im San Juan Hill-Distrikt an der Upper West Side eine Wohnung fand, einem Viertel, in dem vor allem Afroamerikaner und karibische Einwanderer wohnten und das zeitweise als „schlimmster Slum von New York“ galt. 


Monk brachte sich das Klavierspiel hauptsächlich autodidaktisch bei, indem er seiner Schwester beim Üben auf die Finger schaute und die Hymnen und Choräle kopierte, die seine Mutter spielte. Die Ragtime-, Charleston- und Foxtrot-Nummern des Stride-Pianisten James P. Johnson, der in der Nachbarschaft wohnte, übten einen großen Einfluß auf den jungen Pianisten aus. Schon früh trat er bei Hausparties auf, nahm an Klavierwettstreiten teil und half, wenn Not am Mann war, als Pianist in der Baptistenkirche aus, wo seine Mutter am Sonntag den Gottesdienst besuchte. Mit siebzehn trat er der Gruppe einer reisenden Evangelistin bei, mit der er zwei Jahre lang durch den Mittleren Westen tingelte, um mit Gebeten und Beschwörungen Kranke und Gebrechliche zu „heilen“. 


Nach seiner Rückkehr gründete der 19jährige in New York seine erste Combo. Er trat in kleinen Bars und Clubs auf, bevor er 1941 der Hauspianist in „Minton’s Playhouse“ wurde, dem Club im Erdgeschoß des Cecil Hotels in der 118. Straße in Harlem, wo sich bald eine Clique junger Jazzrebellen traf, die in Jam Sessions bis zum Morgengrauen einen neuen Stil entwickelten, der überdreht, hektisch und nervös daherkam und „Bebop“ genannt wurde. 


Saxofonist Coleman Hawkins war der erste, der Monks Talent erkannte und ihn 1944 in seine Band holte, mit welcher der Pianist im gleichen Jahr auch zum ersten Mal an einer Schallplattensession teilnahm. 1947 nahm er seine ersten Platten unter eigenem Namen auf, die auf Blue Note als Serie von Schellackplatten erschienen, wobei die zweite „Round About Midnight“ enthielt. 



Monks prekäre finanzielle Situation – er war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn – verschlimmerte sich beträchtlich, als ihm 1951 wegen vermeintlichen Drogenbesitzes die sogenannte „Cabaret card“ entzogen wurde. Doch er nahm lieber die Existenz bedrohende Strafe plus 60 Tage Haft in Kauf, als seinen Freund, den Pianisten Bud Powell, zu verraten. Allerdings war es ohne die Auftrittsgenehmigung, die für alle Orte galt, die Alkohol ausgeschenkten, nahezu unmöglich, in New York Arbeit als Musiker zu finden. Das bedeutete, dass Monk bis 1957 in seiner Heimatstadt weder in Bars oder Restaurants, noch in Nacht- und Jazzclubs auftreten konnte. Mit Konzerten außerhalb von New York und neuen Kompositionen hielt er sich über Wasser.


Im Unterschied zu Duke Ellington, der Hunderte Kompositionen hinterlassen hat, brachte es Monk gerade mal auf 70 Stücke. Sie bildeten sein Trainingsgelände, wobei er einige davon – wie Mantras – immer und immer wieder spielte, egal ob mit Combo oder allein. Nur die vollkommene Vertrautheit mit einer Komposition gab ihm die Sicherheit, immer freier darüber zu improvisieren, wobei er nie das traditionelle Jazzformat mit seiner 32-taktigen Songstruktur bzw. seinem 12-taktigen Bluesschema verließ. Monk ging es um die Freiheit in der Form, weshalb er der Freejazz-Revolution der sechziger Jahre wenig abgewinnen konnte. Mehr als „ein Haufen unzusammenhängender Noten“ konnte er darin nicht erkennen.


Monk war ein „Family man“, der in seiner Freizeit nicht in den Clubs herumhing, sondern daheim am Klavier an seinen Kompositionen feilte oder mit seinen Kindern spielte. In den 1960er Jahren wurde sein Benehmen immer erratischer. Beim Blindfold-Test des Downbeats 1966 ging er einfach ans Fenster und schaute hinaus, wenn ihm ein Titel nicht gefiel oder fragte nach dem Weg zur Toilette und verschwand dann auch tatsächlich für ein paar Minuten, um über eine Aufnahme von Oscar Peterson sein Mißfallen auszudrücken.  


Wie sein Sohn berichtete, litt er unter schweren Depressionen und bipolaren Störungen, wobei die Medikamente, die ihm verschrieben wurden, nicht halfen, sondern die Situation eher noch schlimmer machten. Nach einem Konzert 1976 zog er sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Thelonious Sphere Monk starb mit 64 Jahren am 17. Februar 1982 an einem Schlaganfall.


Jetzt sind die Aufnahmen eines Konzerts in Bremen von 1965 erschienen, die diesen Eigenbrötler des Jazz in bester Verfassung zeigen. Es war die zweite Welttournee, die Monk unternahm. Mit dabei sein jahrelanger, treuer Begleiter, Tenorsaxofonist Charlie Rouse, dazu eine Rhythmusgruppe, die aus dem Bassisten Larry Gales und dem Schlagzeuger Ben Riley bestand. Viele seiner Leib-und-Magen-Stücke kommen dabei zur Aufführung: Criss Cross, Well you needn't, Epistrophy oder Rhythm-a-ning. Der andere Teil des Konzerts sind Standards, aus denen Monk kontinuierlich den Honig der Insperation zog. Die Veröffentlichung bieten eine wunderbare Möglichkeit, in die labyrinthische Welt dieses verschrobenen Jazzsonderlings einzutauchen.


THELONIOUS MONK: BREMEN 1965 (Sunnyside / Galileo) 2 CD DIGI + Booklet




Friday, 5 September 2025

Von Don Cherry gelernt: Der schwedische Baßklarinettist Christer Bothén

Jazz als universale Weltmusik

Christer Bothén über seine Jahre mit Don Cherry und die neue Gruppe Cosmic Ear



Mit 84 Jahren gilt er als ein Großer des skandinavischen Jazz: Der Multiinstrumentalist Christer Bothén (Jg. 1941) aus Stockholm ist seit den 1960er Jahren ein Fixpunkt der dortigen Jazzszene. In den 1970er Jahren arbeitete er mit Don Cherry zusammen, als dieser für vier Jahre in Schweden lebte. Mit der Gruppe Cosmic Ear erweist Bothén jetzt Don Cherry seine Referenz.


Sie sind bildender Künstler und Jazzmusiker. Wie verlief Ihre Karriere?


Christer Bothén: Ich ging fünf Jahre lang auf die Kunstakademie in Gothenburg, um Malerei und Bildhauerei zu studieren. Ich spielte damals New-Orleans-Jazz. Mein Vorbild war Johnny Dodds. Danach kam Charlie Parker, dann Ornette Coleman, John Coltrane – ich wurde ein begeisterter Anhänger des neuen Jazz, nahm zur Klarinette, das Tenorsaxofon dazu. 1969 ganz Hippie, trampte ich per Autostop nach Marokko. Ornette Coleman war in Marokko gewesen, auch Jimi Hendrix – das machte es attraktiv. Dort begegnete ich der Gnawa-Musik. Der Klang der Gnawa-Instrumente verzauberte mich. Ich hatte noch nie solche Trance-Musik gehört, war von diesem Sound wie betört. Durch die Gnawa-Musik kam ich nach Mali. Dort lernte ich das Spiel auf dem Saiteninstrument Donso Ngoni, ein heiliges Instrument.


 In Schweden spielten sie mit Don Cherry. Wie kam es dazu? 


CB: Er klopfte eines Tages an meine Tür. Zuerst dachte ich, er hätte sich in der Adresse geirrt. Das Mißverständnis klärte sich schnell auf, da er mit mir Musik machen wollte. Ein Freund hatte ihm eine Donso Ngoni aus Mali geschickt und er wollte, dass ich ihn unterrichte. Wir fingen an, zusammen Musik zu machen. Wir tourten 1973 ausgiebig in Europa. Bald setzten wir die Donso Ngoni in Konzerten ein. Ich brachte ihm die Spieltechnik bei und er zeigte mir, wie er mit Ornette Coleman improvisiert hatte.


War das eine feste Gruppe?


CB: Wir hatte ein Trio mit dem Schlagzeuger Bengt Berger, Cherry und mir. Manchmal kamen andere Musiker dazu, etwa der Saxofonist Bernt Rosengren.


Sie kamen durch Cherry nach New York ….


CB: Er rief mich eines Tages an: Ich solle nach New York kommen. Also machte ich mich auf den Weg. Ich lernte die avantgardistische Jazzszene kennen, spielte mit dem Jazz Composer’s Orchestra. Wir nahmen den Soundtrack zu Alejandro Jodorowskys Film “Holy Mountain” auf und traten auf dem Newport Jazzfestival auf. Ich traf sie alle: Carla Bley, Mike Mantler und freundete mit dem Saxofonist Frank Lowe an. Wir spielten auf unsere Tenorsaxofonen bei Nacht im Central Park. Ich war damals ein junger Musiker und von diesen Begegnungen überwältigt. Ich wohnte bei Don Cherry, spielte mit Frank Lowe. Es war wie im Traum.


Sie haben jetzt ein Album zu Ehren von Don Cherry aufgenommen. Wie kam es dazu?


CB: Es war Mats Gustafssons und Goran Kajfeš’ Idee. Sie brachten die Band Cosmic Ear zusammen. Sie wollte mich dabei haben wegen meiner Verbindung zu Don Cherry. Wir musizieren auf die selbe Weise, mit ein paar kleinen Melodien, wobei die Form improvisiert ist.


Der Jazz wird dabei zur “Weltmusik” ganz im Geist von Don Cherry ….


CB: Dass wir kein konventionelles Schlagzeug haben, macht die Musik transparenter und führt sie in eine andere Richtung. Für mich ist es wunderbar mit jüngeren Musiker zu spielen, weil man sonst abgehängt wird. Allerdings: Wenn wir musizieren, spielt das Alter keine Rolle.


Cosmic Ear: Traces (We Jazz Records)