DIE VERWANDLUNG
Ficht Tanner: Musiker und Textilkünstler
Ich lernte Ficht Tanner (schon sein Name eines dieser Schweizer Unikate, die es sonst nirgends mehr gibt) Mitte der 1980er Jahren kennen, als er als Mitglied des Duos Appenzeller Space Schöttl die Schweizer Volkmusik durchschüttelte und damit einer Frischzellenkur unterzog. Ficht spielte die 'Baßgiige', während Tobi Töbler auf dem Hackbrett klöppelte. Es war diese Zeitperiode, als unter dem Einfluß amerikanischer Musiker wie Ry Cooder oder irischer Bands wie The Pogues, auch im Alpenraum Gruppen wie Attwenger (Linz), Roland Neuwirth's Extremschrammeln (Wien) oder Die Interpreten aus München anfingen, sich erstmals mit ihren eigenen Volksmusik-Traditionen auseinanderzusetzen – auf mehr oder minder experimentelle und fantsievolle Art und Weise.
Das Appenzeller Space Schöttl hatte mit radikal-freier Improvisation begonnen, sich dann aber immer mehr der traditionellen Musik im Appenzeller Land zugewandt und spielten damals einen wunderbaren Mix aus Tradition und Avantgarde. Ich habe sie einmal erlebt, als sie mit dem hochbetagten Geiger Hans Kegel auftraten, einem Urgestein der Appenzeller Streichmusik.
Ich besuchte die Space-Schöttl-Musiker mit ihrem Manager Yogi Birchler damals in Trogen im Appenzeller Land in ihrem großen Haus und machte sie auch mit meinen Freunden von der englischen Band Accordions Go Crazy bekannt, die auch einmal dort über Nacht unterkamen und mit ihnen jammten. Das Appenzeller Space Schöttl trat dann auch bei den 'Balinger Sommersprossen' 1991 in der kleinen Siechenkirche beim Kreiskrankenhaus auf, vom Balinger Kulturverein veranstaltet.
Eintrag im Gästebuch des Balinger Kulturvereins, Juli 1991:
Das Space Schöttl fiel irgendwann auseinander und ich verlor Ficht aus den Augen. Während sein Kollege Tobi Töbler sich in Richtung New-Age-Music bewegte, gab es Gerüchte, dass Tanner mittlerweile bildender Künstler geworden sei und Textilkunst machen würde: Stickereien, Textil-Patchwork-Arbeiten, solche Sachen. Es verwunderte mich zuerst, dann aber auch wieder nicht, weil seine Frau, Therese Hächler, ebenfalls Textilkünstlerin war, die mit Faden und Schere arbeitete.
Jetzt bin ich in einer wirklich absolut bemerkenswerten Ausstellung in Paris im Museé l'Art Brut in La Halle Saint Pierre plötzlich vor textilen Arbeiten von Ficht Tanner gestanden – absolut erstaunlichen Werken! Ich war ziemlich perplex. Aber kein Zweifel: Es muß der selbe Ficht Tanner sein, den jemand, mit so einem Namen gibt es nicht zweimal.
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