Monday, 8 June 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 60: Erwin Rehling – Sang Klang Gschicht

Wundersames Hinterland

Der Dialekt- und Klangerkunder Erwin Rehling leuchtet die Provinz aus


Die einen nennen es Mundart und wollen sie pflegen, die anderen nennen es Dialekt und sprechen ihn einfach ohne viel Aufhebens davon zu machen. (1) Erwin Rehling gehört zur zweiten Kategorie. Der Oberbayer, der schon Jahrzehnte lang musikalisch aktiv ist, ganz zu Anfang mit dem Volksmusik-Punk-Trio DIE INTERPRETEN, schreibt seit Jahren feine, kleine Texte und Aphorismen, die er im Dialekt vorträgt und mit kurzen Intermezzi auf seinem vielfältigen Perkussionsinstrumentarium musikalisch umrahmt, dabei erstaunliche Klangphänomene zu Tage fördert. Für seine Sprach- und Klangkunst, die wirklich nichts Vergleichbares kennt, hat er 2024 den Bayerischen Kulturpreis erhalten.   


Jetzt ist Rehlings drittes Album erschienen, das er diesmal in Eigenregie produziert und herausgegeben hat und das nur bei seinen Auftritten und über seine Website erwin-rehling.de zu beziehen ist. Das Album enthält 48 Titel, die alle so um eine Minute lang sind, der kürzeste ist 11 Sekunden, der längste dauert 1:45 min. 


Dabei führt uns Rehling wieder zurück in die Vergangenheit, die Zeit seiner Jugend, wie sie sich ihm die Welt damals auf dem Dorf dargestellt hat. Es sind die sechziger und siebziger Jahre in Soyen, einer kleinen Gemeinde bei Wasserburg am Inn, wo der Autor aufgewachsen ist, der nach einem Ausflug von ein paar Jahren nach München heute wieder in der Gegend lebt. Damals kam der erste Supermarkt ins Dorf, auch die Drogen der Hippie-Rebellion. 


Dazu kommen Geschichten und Schrullen aus der Gegenwart, wunderliche Erlebnisse und Ereignisse, kleine Beobachtungen aus dem zuweilen schroffen Alltag, Schlaglichter auf die Kauzigkeit seiner Zeitgenossen, die manchmal witzig daherkommen, aber auch echt ans Herz gehen können („Bei da Oma“). Erwin Rehling ist als Künstler ein Solitär, wie es nicht viele gibt und wie sie vielleicht nur im tiefsten Bayern gedeihen können (siehe Achternbusch, Polt, Bierbichler, Ringsgwandl usw.). 


(1) Wie der Dialekt von einigen vermeintlichen Literaturwächtern und Personen aus dem höheren Feuilleton immer noch gesehen wird, hat neulich Elke Heidereich in ihre Schmähkritik des Literaturkritikers Denis Scheck deutlich gemacht (weil er eines ihrer Bücher in die Tonne geworfen hat), indem sie dem Schwaben nicht nur vorhielt, dass er von Literatur null Ahnung habe, sondern noch schlimmer: Er könne ja nicht einmal richtig hochdeutsch. Ein Satz, der tief blicken läßt und klar macht, wo die Debilität und das wahren Provinzlertum heute zuhause sind.  

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