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Thursday, 23 April 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 58: Nicolas Leirtrø’s Action Now! – Entrance

Musik von verblüffender Eigenheit

Nicolas Leirtrø’s Action Now!


Aus dem hohen Norden, aus Trondheim, kommt der junge norwegische Kontrabassist Nicolas Leirtrø – in unseren Breiten noch kaum bekannt. Um so mehr überrascht das Album Entrance seines Quartetts Action Now!, das eine Musik von erstaunlicher Eigenart bietet.  


Acht Kompositionen offenbaren ein Geflecht vielfältiger Referenzen. Leirtrø verbindet den hymnischen Jazz einer Alice Coltrane mit der Hitze der Fire Music der 1960er Jahre. Dazu kommt der Drive des No-Wave der frühen 1980er Jahre von Bands wie Rip Rig & Panic plus die schillernden Sounds des progressiven Rock, ob von Egg oder Soft Machine (ca. 1975 mit Carl Jenkins am Baritonsax). Aus diesem Gemisch an Einflüssen formt Action Now! einen genuinen Stil, der absolut auf der Höhe der Zeit ist. 



Die Musik von Leirtrøs Gruppe kommt in wilden Blow-Outs mit berstender Intensität daher, in Riffs wuchtig und voll erdige Kraft. Sie kann aber auch leise klingen, sanft und in sich versunken. Zwischen diesen Extremen changiert die Musik. An der Hammond erweist sich Kit Downes als der wahre Joker der Gruppe, der in bester Larry-Young-Manier seine elektronischen Orgelsounds schimmern und funkeln läßt. Mats Gustafsson spielt Baritonsaxofon und Querflöte voller Druck und Vitalität, während am Schlagzeug die junge Norwegerin Veslemøy Narvesen eine exzellente Figur macht. Aber nicht nur als Solisten finden die Musiker zu einem individuellen Ausdruck, auch das Zusammenspiel funktioniert auf perfekte Weise. Entrance ist ein hervorragendes Album, in Teilen fulminant.


Nicolas Leirtrø’s Action Now!: Entrance (Sauajazz SAU011)


Hörprobe:

https://nicolasleirtro.bandcamp.com/album/entrance 

Monday, 12 May 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 42: Daniel Erdmann’s Orgeltrio

Organic Soulfood für die Ohren 

Die Orgel ist ein fülliges Instrument. Mit ihrem runden voluminösen Klang kann sie musikalische Räume ausfüllen, nicht nur in der Barockmusik, wo sie im Basso Continuo hervorragende Dienste leistet. Auch im Jazz der 1950 Jahre hat im damalig populären Orgeltrio die Hammond B-3 eine herausragende Rolle gespielt.


Allerdings: Was in den 1950er Jahren als letzter Schrei galt, hört sich heute oft weniger aufregend an. Das Orgeljazztrio, wie es Jimmy Smith und andere verkörperten, ist ein solches Bandformat, das schlecht gealtert ist und über die Jahre rapide an Attraktivität verloren hat. 


Bandleader und Saxofonist Daniel Erdmann hat sich vorgenommen, das mit seinem Organic Soulfood-Trio zu ändern. Er knüpft dabei an Entwicklungen an, wie sie Larry Young (alias Khalid Yasin) von der Tony Williams Lifetime, aber auch progressive Rockgruppen wie Egg, in den Siebzigern unternahmen, um den Sound des Orgeltrios auf die Höhe der Zeit zu bringen, woran Medeski Martin & Wood später anknüpften.


Mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Gegenwart kreiert Erdmann’s Organic Soulfood eine Musik, die sich ihrer Souljazz-Herkunft bewußt ist und doch darauf abzielt, neue Funken aus diesem klassischen Jazzformat zu schlagen. 


Jede der acht Kompositionen ist genau durchdacht, wobei jeweils ein anderer Ton angeschlagen wird, der Elemente aus Jazz, Rock, Latin und Funk auf unterschiedliche Weise und in verschiedenen Dosierungen mischt. 



Erdmann brilliert auf dem Tenor- und Sopransaxofon mit klaren Phrasen und sprudelnder Energie, während Drummer Jim Hart im Groove-Spiel die größte Wirkung entfaltet, aber auch in gedämpften Passagen mit den Besen umzugehen weiß. Die Orgel von Antonin Rayon, der auch Synthesizer spielt, sorgt für einen vollen Sound und wartet in den Improvisationen mit bunt schillernden oder funkelnden Tönen auf. Das klingt aufregend und frisch und haucht einem scheinbar antiquierten Bandformat neues Leben ein.


Daniel Erdmann’s Organic Soulfood: Into The Sweet Unknown (BMC Records)