Showing posts with label Black Patti. Show all posts
Showing posts with label Black Patti. Show all posts

Tuesday, 20 December 2016

Neue CD 'LAUTyodeln': Von den Alpen bis in den afrikanischen Regenwald

Stimmentgrenzung

Eine CD stellt das Jodeln in seiner weltweiten Vielfalt vor 



Christian Zehnder
cw. Wer glaubt, dass das Jodeln eine rein alpenländische Angelegenheit ist, muß sich eines besseren belehren lassen: Das “unartikulierte Singen aus der Gurgel”, wie es einst beschrieben wurde, ist ein nahezu weltweites Phänomen! Es reicht von traditionellen Gesängen aus dem afrikanischen Regenwald über “American Yodeling” im Bluegrass-Stil bis zu experimenteller Stimmakrobatik avantgardistischer Prägung. Eine neue CD mit dem Titel “LAUTyodeln – fern, nah, weit”, die beim Münchner Trikont-Label erschienen ist, spürt dem Jodeln in seiner universalen Vielfalt nach. Es sind die besten Aufnahmen eines Jodel-Festivals, das im Juni 2016 vom Kulturreferat der Stadt München, Abteilung: Volkskultur, veranstaltet worden ist.
Schon Ende des 18. Jahrhunderts griff das Jodeln über die Alpen hinaus: Es wurde zum Exportschlager. Sängergruppen aus Tirol brachen damals bereits zu Tournee auf, um überall in Europa Jodelkonzerte zu geben. Die Auftritte der “Nationalsänger” waren so spektakulär, dass sie bald von Adligen eingeladen wurden, um ihre “wilden unnachahmlichen Lieder” bei Hofkonzerten darzubieten. Selbst vor Königin Victoria von England präsentierten sie ihre Stimmkunst.


                                                                                                        Tyrolese minstrels aka The Rainer family
Danach setzten die “tyrolese minstrels” nach Amerika über. Mit ihren Liedern im “mountain style” hatten sie überwältigenden Erfolg. Zuerst griffen amerikanische Sängergruppen den Gesangstil auf, dann singende Komiker in sogenannten “Minstrel Shows”. Danach hielt das Jodeln durch schwarze Entertainer in Variety-Shows Einzug. Anfang der 1920er Jahre wurde auch die frühe Countrymusik infiziert. Im Zuge der Popularität von Jimmie Rodgers jodelte bald jede Hillbilly-Band. Rodgers “Blue Yodels” waren so allgegenwärtig, dass eine Firma für ihre Schallplatten mit dem Aufdruck warb: “Guaranteed – no yodelling!"
An diese Tradition knüpft heute die Berliner Gruppe Yellow Bird an. Die Sängerinnen Manon Kahle aus den USA und die Schweizerin Lucia Kodatsch, vormals bei der Gruppe Schneeweiss & Rosenrot, sorgen für gefühlsstarken Harmoniegesang mit kräftigem Stimmüberschlag.
Infiziert durch den Jodel-Boom griffen zwischen den Weltkriegen auch schwarze Bluessänger den populären Gesangstil auf und bauten Jodelrefrains anstelle kurzer Gitarrenläufe in das zwölftaktige Bluesschema ein. Das Münchner Blues-Duo Black Patti hat ein paar dieser Bluesnummern im Repertoire.

Baka Beyond


Im afrikanischen Regenwald hat das Jodeln heute noch eine ähnliche Funktion wie einst in den Alpen - als Medium der Kommunikation über weite Entfernungen. Beim Volk der Baka in Kamerun wird es bei der Jagd eingesetzt. Mit den “Yelli” locken die Jäger die Tiere an. Gleichzeitig wird das Jodeln aber auch zu rituellen Zwecke benutzt, um mit den Vorfahren in Verbindung zu treten. Möglicherweise war das für die Filmemacher von “Tarzan” die Anregung, den Tarzanruf (engl. ”Tarzan Yell”) an Jodelrufen aus dem afrikanischen Regenwald auszurichten. Johnny Weißmüller machte den Schrei mit Stimmüberschlag ab 1932 in zahlreichen Filmen weltbekannt.

Heute wird der Jodelgesang aus dem afrikanischen Regenwald von der englischen Gruppe Baka Beyond bekannt gemacht. Die beiden Leiter der Band, Martin Cradick und Su Hart, verbringen jedes Jahr ein paar Monate beim Volk der Baka in Kamerun. Die kulturellen und musikalischen Erfahrungen, die sie dort gesammelt haben, fließen in ihr Bandprojekt ein. Die “Yelli”-Gesänge werden mit keltischem Folkrock und Afro-Beat zu einem aufregenden Weltmusik-Mix verbunden.

Monika Drasch
Kreative Stimmkünstler haben sich längst der exaltierten Gesangstechnik angenommen, wobei Monika Drasch (ex-Bairisch-Diatonischer Jodelwahnsinn) die “Ari” aus ihrer niederbayerischen Heimat in moderne Klangwelten überführt. Solch ernsthafte Traditionspflege grenzt sich scharf von der populären “Volksmusik”-Szene ab, in der das Jodeln seit Jahrzehnten Triumphe feiert. Lange dominierte dort der Münchner “Jodel-König” Franzl Lang die Szenerie, in der auch jodelnde Japaner mit Lederhosen und Tirolerhüten für Aufsehen sorgten. Unlängst landete Andrea Wittmann aus dem Chiemgau in den Schlagzeilen: Mit 15 Stunden und 11 Sekunden brach sie den Weltrekord im Dauerjodeln.

Mit den kreativen Jodelexperimenten, wie man sie von Erika Stucky kennt, hat das wenig zu tun. Die Schweizer Vokalistin ist eine Unangepasste und Grenzgängerin, die sich leichtfüßig zwischen den unterschiedlichsten Musikstilen bewegt, sie zerlegt, durcheinanderwirbelt und auf verblüffende Weise wieder zusammensetzt. Wilde Jodelsongs sind Teil ihres Soloprogramms, in welchem ihr gesangliches Talent und ihre schauspielerische Exzentrik voll zur Geltung kommen.

Für kreative Stimmentgrenzung steht auch Christian Zehnder aus Basel. Er sorgt mit einer Palette archaischer Singtechniken für Furore. „Das Jodeln führt direkt in schamanistische, rituelle Techniken hinein”, sagt Zehnder. “Da besteht zwischen einem Jodel aus dem Muotatal und den Rufen der Pygmäen im afrikanischen Regenwald kein großer Unterschied mehr.“

CD:
Erika Stucky, Christian Zehnder, Yellow Bird, Baka Beyond, Black Patti, Monika Drasch & Freinds, Natur Pur u.a.: LAUTyodeln – fern, nah, weit (Trikont)

Wednesday, 24 February 2016

FESTIVAL LAUTyodeln in München 3. bis 12. Juni 2016

LAUTyodeln - Festival für sich überschlagende Gesänge

Jodeln (engl. Yodeling) wird nomalerweise mit den Alpen verortet. Dort ist das “unartikulierte Singen aus der Gurgel”, wie es in einem Reisebericht von 1810 genannt wurde, seit Urzeiten bekannt. Sprachgeschichtlich ist das Wort “jodeln” eine Ableitung vom Mittelhochdeutschen “johlen”, das im freudigen Ausruf “io” seinen Ursprung hat. Aufsehen erregte dieser spezielle Gesangsstil Ende des 18. Jahrhunderts, als die ersten Touristen in die Alpen kamen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Alpengesang mehr und mehr zur Touristenattraktion. Bei seinem “Bummel durch Europa” begegnete Mark Twain den “Tiroler Trällern” 1878 – wie er schreibt – “auf freier Wildbahn”.
Ursprünglich war das Jodeln ein archaisches Verständigungsmittel. Es war LAUT, durch den Stimmumschlag weit LAUTER als der normale Gesang, und deshalb gut geeignet, kurze Botschaften und Signale über größere Entfernungen zu übermitteln. Dazu kommt eine magische Komponente. Wo ein kraftvoller Ruf die Luft erfüllt, finden Dämonen keinen Platz.
                                                                                                                      Erika Stucky - Stimmexzentrik

Allerdings ist das Jodeln keine alpenländische Besonderheit. Auch in anderen Gegenden auf dem Globus wird gejodelt, wenn auch in anderer Manier. Ob in Südosteuropa, in Afrika, in den USA oder der Südsee – überall wird das Singen mit sich überschlagender Stimme mit dem charakteristischen Registerwechsel von Brust- und Kopfstimme in unterschiedlichsten Formen und verschiedensten Bezeichnungen praktiziert.
                         Baka Beyond 


Vom 3. bis 12. Juni 2016 steht München ganz im Zeichen des globalen Yodelns und verbindet die elementaren Gesangs- und Körpertechniken, die weltweit höchst unterschiedlich eingesetzt und in den letzten Jahren auch zunehmend experimentell musikalisch verarbeitet werden.LAUTyodeln bietet einen Einblick mit Konzerten, Workshops und Vorträgen in die gesamte Bandbreite dieser archaischen Form des Ausdrucks in ihren unterschiedlichsten und neu interpretierten Facetten.
Mit dabei: Yellow Bird, Christian Zehnder, Erika Stucky, Baka Beyond, Black Patti, Natur Pur, Monika Drasch, Maria Reiter & Friends, Robert Morgenthaler's Windbone & Weisenbläser und viele mehr.
Mehr:

Saturday, 23 May 2015

Delta-Blues von der Isar: BLACK PATTI

Musikalische Recycling-Kunst

Nicht aus dem Mississippi-Delta, sondern aus München kommt das Bluesduo Black Patti – jetzt haben sie in Calw ein erstaunliches Album eingespielt


cw. Die Popszene gleicht einem Eisberg: nur die Stars an der Spitze sind sichtbar. Der Rest, der sich in zahllose Strömungen und Stilrichtungen unterteilt, blüht für Außenstehende meist im Verborgenen, wobei die Bandbreite von Rap und Reggae über Heavy Metal und Hardcore bis zu Funk und Soul reicht. Für viele dieser Subkulturen ist die englische Vokabel “vintage” (= altehrwürdig) das Schlüsselwort. Sie träumen sich musikalisch in die Vergangenheit zurück. Stile der fünfziger Jahre (und früher) wie Western Swing, Rock ‘n’ Roll oder Bluegrass werden zu neuem Leben erweckt.

Das Münchner Bluesduo Black Patti hat es in dieser Recycling-Kunst zu wahrer Meisterschaft gebracht. Peter Krause ist der erfahrenere der beiden und schon seit Jahren im Geschäft. 2005 erhielt der Sänger und Gitarrist, der auch Mundharmonika spielt, den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Ferdinand Krämer ist der Neuling des Gespanns und erst seit kurzem Profi. Auch er singt und spielt Gitarre, doch auf der Mandoline entfaltet er seine größte Virtuosität.

Zusammen steigen die beiden tief in die Vergangenheit hinab und pflegen einen archaischen Bluesstil, wie er im tiefen Süden der USA vor dem 2. Weltkrieg in Mode war. Damals zogen schwarze Sänger wie Robert Johnson, Charley Patton und die Mississippi Sheiks mit ihren Gitarren durchs Land, um an belebten Straßenecken, nach Feierabend vor Fabriktoren oder bei Gartenfesten und Hausparties ihre Lieder und Tanznummern zum Besten zu geben. Diese Klänge lassen Black Patti wieder auferstehen – mit viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen.

Black Patti spielen den Delta-Blues mit großer Überzeugungskraft. Da wimmern die Gitarren, da heult die Mundharmonika und winzelt die Mandoline, und ein zweistimmiger Gesang setzt ausdrucksvolle Akzente. Der Hörer fühlt sich in die Ära der Schellack-Platten zurückversetzt, was ins Bild passt, ist der Name der Band doch von einem obskuren amerikanischen Plattenlabel entlehnt, das in den zwanziger Jahren ein paar Platten veröffentlichte und dann wieder von der Bildfläche verschwand.

Wer glaubt, dass solche Klänge nur am Mississippi entstehen können, liegt falsch: Die Aufnahmen für das Debutalbum wurden in Calw gemacht. Dort betreiben Stephan Brodbeck und Ray Baziany das Black Shack Recording Studio, das auf “vintage sounds” spezialisiert ist. Das Equipment haben sie über Jahren zusammengetragen. Anstatt mit Computer und Digitaltechnologie zu arbeiten, wird dort mit alten RCA-Mikrofonen, Tonbandmaschinen und Röhrenverstärkern aufgenommen.

Kein Wunder, dass mit Rhythm Bomb Records aus London ein großes internationales Indie-Label anbiß. Dort erscheint “No Milk No Sugar” als CD und Vinyl-LP. Dann stehen für den Rest des Jahres noch zahlreiche Auftritte an. Black Patti tritt in Kneipen, Kulturzentren und bei Straßenfestivals auf – bis zu 120 Mal im Jahr. Für die Band von der Isar hat der Blues-Boom gerade erst begonnen.

BLACK PATTI:  No Milk No Sugar (Rhythm Bomb Records)