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Thursday, 2 July 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 62: Gerry Hemingway – Live At The Bau 4

Gerry Hemingway – der Jazzmusiker als Freigeist

Gerry Hemingway ist ein musikalischer Freigeist, der sowohl im Freejazz als auch in den harmonisch und rhythmisch gebundenen Spielarten des modernen Jazz zuhause ist. Jahrelang hat der Drummer mit eigenen Gruppen gearbeitet, war Mitglied im Trio BassDrumBone und im Quartett von Anthony Braxton, was sein musikalisches Credo maßgeblich geprägt hat.


Mit einem hochkarärtigen Ensemble aus Izumi Kimura (Piano), Frank Gratkowski (Holzblasinstrumente) und Christian Weber (Kontrabass) verknüpft der Schlagzeuger und Komponist diese biographische Stränge zu einer Musik, die anfangs nach freier Improvisation klingt, danach allerdings mit vielfältigen Kompositions- und Strukturelementen sowie dynamischen Bewegungen arbeitet, die ins Extreme ausschlagen können.

Hemingways Musik ist ein komplexes Konstrukt aus Spontanität und Disziplin, vielschichtig und mehrdimensional. Das verlangt den Beteiligten einiges ab. Sie müssen hellwach, hochvirtuos und mit leichter Hand selbst die diffizilsten Stellen meistern, und das mit einem Höchstmaß an Musikalität. Dabei durchläuft die Musik die unterschiedlichsten Stimmungslagen, wird durch kompositorische Wegmarken in immer neue Klangsphären transportiert, wobei sie ab und zu mit überraschenden Wendungen aufwartet. Ein scat-singender Drummer – wo hat es das seit Robert Wyatt schon gegeben? 


Gerry Hemingway (with Izumi Kimura, Frank Gratkowski, Christian Weber)

Live At The Bau 4

ezz-thetics / HatHut Records


Hörprobe:

https://now-ezz-thetics.bandcamp.com/album/live-at-bau-4-with-izumi-kimura-frank-gratkowski-christian-weber


Wednesday, 20 November 2024

Scheibengericht Nr. 30: Gerry Hemingway – Schlagzeuger UND Singer-Songwriter

Die Verwandlung

Der Jazzschlagzeuger Gerry Hemingway wird zum Singer-Songwriter



Der Amerikaner Gerry Hemingway gilt als einer der versiertesten Schlagzeuger des modernen Jazz. Die Referenzliste der Musiker und Musikerinnen, mit denen er seit Mitte der 1970er Jahre gespielt hat, ist ellenlang und enthält ein paar der illustersten Namen des zeitgenössichen Jazz. In den 1990er Jahre war er oft mit seinem Quintet in Europa unterwegs, auch mit dem Trio BassDrumBone. In der Balinger Siechenkirche bleibt ein Soloauftritt von ihm in bleibender Erinnerung. Die letzten 20 Jahre lehrte Hemingway als Schlagzeugprofessor an der Musikhochschule in Luzern, gab aber weiterhin Konzerte, ob in Europa oder den USA.

 

Jetzt ist das Schlagzeug ein Instrument, mit dem sich schwer konkrete Emotionen und Gefühle ausdrücken lassen, was zu den Beschränkungen des Perkussionsinstruments zählt, auch wenn seine Kapazitäten weit über den einer bloßen Rhythmusmaschine hinausgehen, was niemand besser gezeigt hat als Gerry Hemingway. 




Gerry Hemingway hat dieses Manko offensichtlich gespürt und mehr und mehr als Einschränkung empfunden. Nun hat er 2022 ein Album veröffentlicht, das ihn als Singer-Songwriter präsentiert, auf dem er Schlagzeug spielt, aber auch singt. Und die Texte und Songs sind sowieso von ihm. Eine solche Konversion ist kein leichter Schritt, weil es gegen verbreitete festsitzende Vorurteile geht, die da lauten: Schuster bleib bei deinem Leisten! 

 

Und nun die Überraschung: „Afterlife“ (Auricle Records), so der Titel des Album, ist ein durchweg ausgeklügeltes Werk. Mit Sampler, Drums und der Hilfe einiger Gastmusiker hat Hemingway eine CD mit neun Songs geschaffen, die originell, musikalisch vielfältig, wunderbar arrangiert und von großer Sensibilität sind. Gelegentlich klingt es calypsohaft karibisch, manche Melodien offenbaren Ohrwurmcharakter, der Gesang ist einfühlsam und zurückhaltend und die Arrangements flimmern in den buntsten Farben. Ein rundum gelungenes Album. 


Auf Bandcamp kann man in die Platte reinhören:


https://auriclerecords.bandcamp.com/album/afterlife