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Friday, 18 May 2018

Neues Album von HISS: Südsee, Sehnsucht & Skorbut

Von Sansibar nach Santa Fee

Auf ihrem neuen Album präsentieren sich Hiss als Abenteurer der Meere

 
cw. Nachdem sich Schwoißfuaß schon lange und Grachmusikoff zum Jahreswechsel in den Ruhestand verabschiedet haben, ist die Stuttgarter „Rootsmusic“-Band Hiss die letzte der legendären Gruppen aus dem Südwesten, die noch nicht das Handtuch geworfen hat. Natürlich wird das Leben als hartarbeitender Musiker nicht leichter mit zunehmendem Alter: die Kräfte schwinden, Gicht kriecht in die Finger, und das Rückgrat schmerzt vom schweren Schifferklavier. Trotzdem denken die fünf Mannen von Hiss noch nicht daran, die Segel zu streichen. Im Gegenteil: Gegründet vor fast 25 Jahren tingelt die Band um Sänger, Liederschreiber und Akkordeonspieler Stefan Hiss weiterhin unermüdlich durch die Clubs, Kellerbars und Musikkneipen der Republik. Zu ihren besten Zeiten absolvierten sie mehr als 120 Auftritte pro Jahr – von Kiel bis Konstanz, rauf und runter die Autobahn. Heute sind es ein paar weniger. Hiss hat einen Gang zurückgeschaltet – das Alter fordert sein Tribut.

Doch ihre Kreativität ist ungebrochen. Gerade haben die fünf Musiker mit ihrer achten CD „Südsee, Sehnsucht & Skorbut“ erneut ein Meisterwerk vorgelegt, das diesmal in zwölf Songs von Abenteuern auf hoher See erzählt – ein Seemanns- und Piratenalbum also, auf dem selbstverständlich reichlich Seemannsgarn gesponnen wird. Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ und Johnny Depps „Fluch der Karibik“ lassen grüßen, auch Hans Albers und Freddy Quinn. Quinns Evergreen „Die Gitarre und das Meer“ aus dem Jahr 1959 ist dann auch einer der wenigen Songs auf dem Album, die nicht von den Bandmitgliedern selber stammen, wobei Hiss es schaffen, dem ollen Gassenhauer ganz neue Seiten abzugewinnen.

Wie immer schlüpfen die Musiker in die Rollen von Geschichtenerzählern und entführen mit ihren Liedern die Zuhörer in ferne Weltgegenden – von „Sansibar nach Santa Fee“ wie einer der Titel heißt. Die Songs berichten vom aufregenden Leben der Weltenbummler und Draufgänger jenseits unserer blassen Vollkasko-Smartphone-Existenz. Nicht ohne ein Augenzwinkern bedienen Hiss Sehnsüchte nach Abenteuer und Fernweh, von denen die gesamte Urlaubsbranche lebt. 

Allerdings geht es bei Hiss verwegener zu. Ihre Exkursionen sind auch Fahrten in die Vergangenheit, als noch Seeräuber, Freibeuter und Meeresungeheuer die Ozeane beherrschten und die schwarze Totenkopfflagge am Mast baumelte. Sie lassen die Welt von Herman Melvilles „Moby-Dick“ und Jack Londons „Seewolf“ wieder auferstehen, als es noch harte, verwegene Männer gab und verführerische Frauen, wobei in jedem Vers eine gehörige Portion Ironie mitschwingt. Hiss führen die Zuhörer in gefährliche Hafenkneipen irgendwo in der Fremde, in denen der Rum in Strömen fließt und durchtriebene Halunken und leichte Mädchen nach dem Geld und Leben der Matrosen trachten. So bietet die CD ein wildes imaginäres Reiseerlebnis für Süßwassermatrosen im Ohrensessel daheim.

Musikalisch präsentiert sich die Truppe geschlossener denn je. Ihre Musik klingt einmal nach Polka, dann wieder nach Blues oder Cumbia. Bei den irischen Jigs fühlt man sich unweigerlich an die Pogues erinnert. „Hafenstädte waren immer Schmelztiegel, in denen unterschiedliche Einflüsse zusammenkamen: Tango, Reggae, Ska, südamerikanische Rhythmen,“ erklärt Stefan Hiss. „Wir waren schon immer auf der ganzen Welt unterwegs.“

Die „Sea Shanties“ von Hiss sind abgehangene Titel ohne Firlefanz, in originelle Arrangments verpackt und mit brillanten Soli garniert. Einmal mehr offeriert die Band Rootsrock der Extraklasse, gereift durch Tausende von Auftritten in den letzten Jahrzehnten. Je älter die Musiker werden, umso abgeklärter klingt ihre Musik. Noch geht die Mannschaft nicht von Bord.

Wednesday, 19 July 2017

Abenteuer und Amouren: HISS in Tübingen

Polkas in mondheller Nacht

Die Stuttgarter Polkabilly-Kapelle Hiss bei ihrem obligatorischen Sommerauftritt in Tübingen

Foto: C. Wagner


cw. Es ist fast schon Routine. Alle Jahre wieder – immer im Sommer – kommt die Stuttgarter Polkabilly-Band Hiss nach Tübingen. Dann lassen die Mannen um Stefan Hiss auf dem Sudhaus-Areal eine Party unter freiem Himmel steigen, die es in sich hat und Fans aus der ganzen Region anzieht. Denn eines ist klar: Bei Hiss kann man ein paar ausgelassene, humorvolle Stunden erleben, die einen aus dem grauen Alltag herauskatapultieren – hinaus in die weite Welt. „Von Sansibar nach Santa Fe“ heisst bezeichnenderweise das Programm.

Hiss lassen es mächtig fetzen: Mit professioneller Gewandtheit machen sich die fünf Musiker ans Werk. Sie spielen einen Evergreen nach dem anderen – eine Art „Best of“-Programm aus ihrer nunmehr schon über 20jährigen Bandgeschichte, die auf sieben Alben dokumentiert ist und die Zuhörer nach kurzer Zeit auf die Beine bringt.
                                                                                                                         Foto: C. Wagner
Die fünf Musiker inszenieren sich als windgegerbte Weltenbummler, die die Segel hissen, um einmal musikalisch um die Welt zu reisen und von ihren Abenteuern und Amouren als Freibeuter und Vagabunden „da draußen“ zu berichten. Dabei wird unablässig Seemanns-Garn gesponnen. Stefan Hiss erweist sich als Münchhausen des Rock ‘n’ Roll und begnadeter Entertainer. Mit der Schilderung hanebüchener Eskapaden und Episoden bringt er das Publikum zum Lachen, wobei er mit feiner Ironie sich selbst auch immer wieder auf den Arm nimmt. Selbst der Schunkel-Animation im Dreivierteltakt nimmt er durch seine spöttischen Einlassungen alles Dumpf-Spießige, ein rhetorisches Kunststück, über das man sich nur wundern kann.

Stilistisch ziehen Hiss alle Register der tanzbaren Weltmusik, wobei sie sich am liebsten in den heißeren Regionen des Planeten bewegen: im Süden der USA und Lateinamerika. Die schweißtreibenden Rhythmen aus dem Fundus der dortigen Traditionen erweisen sich als das Terrain, in welchem die Band sich am wohlsten fühlt und zur Hochform aufläuft! Ob Tex-Mex-Polka, Cumbia, Zydeco oder Rhythm & Blues, Hiss bewegt sich durch das Unterholz der traditionellen Musikstile in souveräner Manier und mit großer instrumentaler Meisterschaft. Wie Michael Roth die kleine Mundharmonika zu einem Rieseninstrument macht, ist nicht weniger als atemberaubend. Selbst die virtuosesten Läufe und ekstatischsten Trillern spielt er in absolut lässiger Manier. Dazu entwindet Stefan Hiss dem Schifferklavier große Gefühle, läßt es winseln, wimmern und jammern, während Thomas Grollmus der Mandoline glockenhelle Tremoli und der Gitarre heulende Töne und kreischende Klänge entlockt. Dahinter agiert eine abgeklärte Rhythmusgruppe, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, aber im entscheidenenden Moment auch mächtig aufs Gaspedal treten kann. Es war mal wieder schön! Nach einem überaus beschwingten Abend verabschiedeten Hiss sich mit ein paar „Polkas in mondheller Nacht“ von einem Publikum, das sich schon aufs nächste Mal freut.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Baden-Württemberg