Friday, 30 October 2026

Boxen nach Noten: Champion Jack Dupree.

1976 zog der Bluessänger und Barrelhouse-Pinaist Champion Jack Dupree nach Hannover, der in einem früheren Leben einmal Profiboxer gewesen war. In seiner Wahlheimat nahm er an einer Wohltätigkeitsveranstaltung teil, die von der Neuen Hannoverschen Zeitung initiiert worden war, um den Ankauf einer seltenen, kunstvoll bemalten ägyptischen Mumien-Hülle des Hori zu finanzieren, die einst Bestandteil eines Sarkophags gewesen war. Bei der recht eigenartigen Veranstaltung nahmen (wohl) auch in Schaukämpfen die Boxer der BSV-Meisterstaffel (BSV=Box Sport Verein e.V.) teil.



Tuesday, 27 October 2026

Scheibengericht Nr. 67: Gefundene Sounds und freie Improvisation

Jens Düppe Quartett / Gregor Schwellenbach

Time Place Action


Galerie




Das Album stellt eine Begegnung von Naturklang und Elektronik dar. Gregor Schwellenbach liefert mit Feldaufnahmen, Ambient Sounds und Musique Concrète die elektronischen Klanglandschaften, die die Musiker des Jens Düppe Quartetts mit ihren akustischen Instrumenten als Folie für Improvisationen nutzen. Neben Düppe (dr) sind das Frederik Köster (tp), Lars Duppler (p) und Christian Ramond (Kontrabass).


Meistens beginnt ein Stück mit atmosphärischen Klängen und Geräuschen, die Schwellenbach bearbeitet, verfremdet, verdichtet und manchmal auch geloopt hat, ob sie nun vom Bahnhof der Stadt Schwäbisch Gmünd, vom Gebimmel einer Schafherde oder vom plätschernden Wasser des Edersees stammen. 


Auf diese von einer „soundscape“ vorgegebenen Stimmung versucht die Gruppe  behutsam und tastend ebenso atmosphärisch zu antworten, was ihr durchweg gelingt. Dabei formt sich eine recht lose Improvisationsmusik voller Poesie, die manchmal von den Zuspielgeräuschen und Sounds leicht aus der Bahn geworfen wird, was einen Impuls darstellt, die Richtung zu ändern. Da kommt es vor, dass ein Moped durch eine Jazzimprovisation rattert, ein Stapel Teller auf einer laufenden Waschmaschine klappert oder ein Kind auf einem Londoner Bahnhof ein Lied trällert, das die Jazzkapelle in einer ebenso amüsanten wie herzerwärmenden Antwort aufnimmt. Ein überaus geglückter Versuch, das Konzept freie Improvisation neu und anders zu denken. 


Zum Reinhören:

https://gregorschwellenbach.bandcamp.com/album/time-place-action?ui_context=results_grid

Friday, 23 October 2026

FAUST in Scheer und Stuttgart

 FAUST – die Rückkehr der Krautrock-Pioniere



Neben Kraftwerk, Can und Tangerine Dream gilt FAUST als eine der einflussreichsten Gruppen des Krautrock. 1971 gegründet, war FAUST die erste Formation, die Virgin Records unter Vertrag nahm. Der Band gelang es, mit einer Rockmusik die britischen Charts zu stürmen, die so vielfältig wie experimentell war. „Ohne FAUST wären wir nicht das, was wir heute sind,” so Thom Yorke von Radiohead. 1975 löste sich FAUST auf, kehrte aber immer wieder sporadisch auf die Rockszene zurück. Jetzt startet FAUST erneut durch in einer All-Star-Besetzung, die es in sich hat: Neben Urmitglied Hans Joachim Irmler (Keyboards) sind Kraan-Drummer Jan Fride, Elektroniker Robert Lippok (To Rococo Rot) sowie Michael Stoll (Bass, Querflöte) von Mandala Movie mit von der Partie. Die Vier machen unmissverständlich klar: FAUST is back, und das mit Wucht.


Im November wird Faust zwei rare Konzerte in Südwestdeutschland geben: Am Donnerstag, den 12. November 2026 in Scheer an der Donau, wo Irmler seit über 20 Jahren in der ehemaligen Papierfabrik das Faust-Studio betreibt (Karten reservieren: info@faust-studio.de), und am Freitag den 13. November im Stuttgarter Theaterhaus (https://www.theaterhaus.com/en/program-tickets/die-ruckkehr-der-krautrock-pioniere/1355).


Am 17. Oktober 2026 spielte FAUST in Dresden im Zentralwerk. Hier ein clip vom Auftritt:


 https://drive.google.com/file/d/1l2hbT0v2VIQBxRj36dek5YyLRdMJOfSo/view?usp=sharing

Tuesday, 20 October 2026

Mittelalterliche Musik beim Popfestival

Renaissance goes Pop

Early Music Quartet 1973 auf dem "Sound of Britain"-Popfestival

Bei meinen fortwährenden Erkundungen der Popszene der frühen 1970er Jahre, bin ich auf ein Festivalplakat gestoßen, das mich dann doch verwundert hat. Mir war bewußt, dass die Popfestivals damals stilistisch um einiges vielfältiger waren als heute. So spielten etwa 1972 auf dem berühmten 2. British Rock Meeting unweit von Germersheim neben Pink Floyd, Family und dem Buddy Miles Express nicht nur das Freejazz-Quartett des Frankfurter Posuanisten Albert Mangelsdorff, sondern auch der Folksänger Tom Paxton. 

Das Festival "The Sound of Britain", das am Mittwoch, den 17. Januar 1973 in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Hoechst stattfand, ging noch einen Schritt weiter. Es präsentierte neben Gentle Giant, Steeleye Span und Amazing Blondel nicht nur die "PIPES & DRUMS of the First Bataillion QUEEN'S OWN HIGHLÄNDERS", also eine schottische Dudelsack-Trommel-Militärkapelle, sondern auch das EARLY MUSIC QUARTET unter der Leitung von Thomas Bingley, bei dem es sich um niemand anderes als das STUDIO DER FRÜHEN MUSIK handelte, ein Ensemble, spezialisiert auf Mittelalter- und Renaissance-Musik, das damals gerade ein Album herausbracht hatte, das mit "Pop Ago" betitelt war und wohl auf ein junges Publikum zielte. Was allerdings doch merkwürdig erscheint: Was hat ein Ensemble für mittelalterliche Musik, das in München beheimatet war und von einem Amerikaner, Thomas Binkley, geleitet wurde, bei einem Festival unter dem Motto "The Sound of Britain" verloren?


Mehr dazu: In meinem Buch "Freak-Sounds – Musik abseits der Norm" (edition neue zeitschrift für musik/Schott 2025) ist ein längeres Kapitel über das STUDIO DER FRÜHEN MUSIK enthalten, ein für die Early-Music-Bewegung wegweisendes Ensemble.

Thursday, 8 October 2026

AUSSTELLUNG in BRADFORD – RADICAL JOY

RADICAL JOY

Surreales Straßentheater und freier Jazz

IOU-Theatre


In Nordengland gab es in der Vergangenheit eine sehr vitale experimentelle Straßentheaterszene, die in der Künstlergruppe WELFARE STATE ihren Ursprung hatte – 1968 in Leeds gegründet. Wegen Meinungsverschiedenheiten über die künstlerische Ausrichtung spaltete sich 1976 Mitglieder von THE WELFARE STATE ab und gründeten das IOU-THEATRE. Dazu kamen später weitere Gruppen wie AVANTI DISPLAY oder THE WHALLEY RANGE ALL STARS, die ähnliche Konzepte surrealistischen Straßentheaters verfolgten. 

Avanti Display


THE WELFARE STATE arbeitete schon früh mit Musikern aus der experimentellen und freien Musikszene zusammen, wobei es ein Album des englischen Saxofonisten Lol Coxhill gibt, das 1975 bei Virgin erschien und die Zusammenarbeit mit THE WELFARE STATE dokumentierte (u.a. ist auch Phil Minton mit von der Partie). Schon 1970 hatte der Bandleader Mike Westbrook mit der Theatergruppe kooperiert. 

Die Tradition der Zusammenarbeit von Theaterleute und freien Jazzmusikern wurde von den anderen Gruppen weitergepflegt, wobei Musiker wie Colin Wood (cello), Lou Glandfield (Gitarre), Clive Bell (asiatische Blasinstrumente), Chris Weaver (drums) und der Posaunist und Thereminspieler Harry Dawes von der Gruppe PRAM mit dem IOU-THEATRE und seinem musikalischen Leiter Dave Humpage arbeiteten.

Jetzt ist in Bradford (West-Yorkshire) im Kulturzentrum The Loading Bay unter dem Titel "Radical Joy" eine Ausstellung zu sehen, die die Geschichte dieser experimentellen Straßentheaterszene dokumentiert, welche in den 1990er Jahren auch stark beim jährlichen Bradford-Festival präsent war.

Die Ausstellung "RADICAL JOY" ist bis 20. Dezember 2026 zu sehen.

Info:https://bradfordculture.co.uk/event/radical-joy/