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Monday, 6 July 2026

The Return of FAUST

 "Ohne Faust wären wir nicht das, was wir heute sind!" (Thom Yorke, Radiohead)

Die Rückkehr von FAUST

Neustart der Krautrock-Pioniere 



FAUST gilt neben Kraftwerk, Can und Tangerine Dream als eine der wichtigsten Gruppen des Krautrock. Die Band hat weltweit Spuren hinterlassen. Unzählige Musiker auf dem Globus ließen sich von ihren experimentellen Sounds inspirieren.Ohne Faust wären wir nicht das, was wir heute sind!” räumt Radiohead-Sänger Thom Yorke unumwunden ein, und auch Wayne Coyne von den Flaming Lips outet sich als Faust-Fan.


Hans Joachim Irmler, seines Zeichens Keyboarder der Band, war von Anfang an dabei. 1970 gegründet, kam Faust zu Prominenz, als die Plattenfirma Polydor im Krautrock-Fieber Ausschau nach einer vielversprechenden einheimischen Rockgruppe hielt. Faust-Manager Uwe Nettelbeck konnte Polydor die völlig unbekannte Gruppe aus Hamburg schmackhaft machen. Hunderttausende Mark wurden in die Formation gesteckt in der Hoffnung, dass die Band sich als Sensation entpuppen und sich die Investition rentieren würde. Man hoffte auf die neuen Beatles.




Mit dem Vorschuss zogen die sechs Musiker in ein ehemaliges Schulhaus in Wümme bei Bremen und begannen mit Klangcollagen zu experimentieren. Im ehemaligen Klassenzimmer wurde ein Studio eingerichtet, wo sie Tonschleifen, elektronische Sounds, monotone Beats und Ohrwurm-Melodien zum FAUST-Sound verschmolzen.Wir haben versucht, etwas völlig Eigenständiges zu finden und wollten nicht die ollen Klischees der Rockmusik reproduzieren,” erinnert sich Urmitglied Irmler. „Alles, was z. B. mit Blues zu tun hatte, war verpönt."


Faust in Wümme (Sammlung HJ Irmler)



Faust produzierte zwei Alben, die wenig Aufsehen erregten. Ja, die Kritiken fielen eher negativ aus. Nur in England spitzte man die Ohren. Als der Durchbruch ausblieb, drehte Polydor den Geldhahn zu und stoppte das Experiment. In England, wo die beiden Alben der Band viel Beachtung gefunden hatten und etwa vom Star-DJ John Peel hoch gelobt wurden, bekamen Faust daraufhin beim neugegründeten Virgin-Label einen Vertrag – als erste Band überhaupt. 


Man zog für Wochen ins Manor House in Oxfordshire, wo Virgin Studioräume eingerichtet hatte, und bastelte an einem neuen Album, während zur gleichen Zeit Mike Oldfield im Studio nebenan sein Album „Tubular Bells" aufnahm. 


Und mit ihrer ersten Veröffentlichung auf Virgin Records – "The Faust Tapes" mit Namen  –kam der  Durchbruch. Als Werbegag verkaufte  das Label die LP zum Preis einer Single, was das Album voll experimentellen Avantgarde-Rocks bis auf Platz 9 der britischen LP-Charts katapultierte und Faust zu einem "household name" machte.


Allerdings waren auch in Großbritannien die Gesetze des Marktes nicht außer Kraft gesetzt. Virgin versuchte Faust, in eine kommerziellere Richtung zu drücken, was sich die Musiker nicht bieten ließen. Als die Band sich weigerte, gefälligere Musik zu machen, zog Virgin den Stecker, was die Gruppe nötigte, ebenfalls das Handtuch zu werfen. 


Die Musiker von Faust blieben in Kontakt. 1988 organisierten die beiden Faust-Mitglieder Hans Joachim Irmler (Keyboards) und Zappi Diermaier (Drums) in Braunschweig ein dadaistisches Happening namens „Klangbad", das zum Startschuß für eine sporadische Rückkehr von Faust auf die Rockszene wurde. Jetzt trat die Band wieder bei Konzerten und Festivals auf, nicht nur in Deutschland, sondern in der halben Welt, u.a. in Japan und der Londoner Royal Festival Hall, wo sie mit dem Minimalisten Tony Conrad hinter einem riesigen Leinwand agierten. 


Faust (Promofotos. M. Wagner)


Nach einer längeren Auszeit unternimmt Irmler jetzt abermals einen Neustart, wofür er eine All-Star-Besetzung um sich versammelt hat. Mit von der Partie sind Kraan-Drummer Jan Fride und Bassist Michael Stoll von Mandala Movie, die schon früher mit Irmlers Faust gearbeitet haben. Dazu kommt der renommierte Elektroniker Robert Lippok, bekannt durch das Elektro-Trio To Rococo Rot. Die Vier hauchen Faust neues Leben ein, indem sie das experimentelle Erbe der Krautrockpioniere auf die Höhe der Zeit bringen. 



–  Samstag, 17. Oktober 2026; Morphonic Lab XXV, Zentralwerk Dresden, Heidestr. 2 , 01127 Dresden

Info: https://morphoniclab.de/


– Donnerstag, 12. November 2026 (Beginn: 20:00)

 Faust-Studio, Scheer (Alte Papierfabrik, Fabrikstr. 34, 72516 Scheer)  Abendkasse


–  Freitag, 13. November 2026 (Beginn: 20:15)

Theaterhaus Stuttgart, Siemensstr. 11


Tickets:

https://www.theaterhaus.com/en/program-tickets/die-ruckkehr-der-krautrock-pioniere/1355

Tuesday, 6 July 2021

Das Echo des einstigen Klangbad-Festivals

Musikalische Abenteuerreise

 

Nach zehn Jahren gibt es wieder gewagte Sounds im oberschwäbischen Scheer – das Klangbad-Echo-Festival knüpft an glorreiche Zeiten an

 

FM Einheit & Hans Joachim Irmler (Promo)


 

cw. Es war eines der profiliertesten Festivals der bundesdeutschen Indie-Szene und brachte einen Hauch von Woodstock nach Oberschwaben. Von LaBrassBanda und den Mekons über zu Jimi Tenor und These New Puritans bis zu Mouse on Mars und den Goldenen Zitronen – alle spielten auf dem Klangbad-Festival. In seiner besten Zeit zog das „Klein-Woodstock an der Donau“ Tausende von Fans aus ganz Europa in die kleine Ortschaft Scheer bei Sigmaringen. Aus Mangel an staatlicher Unterstützung und ausgelaugt von ehrenamtlicher Plackerei warfen die Veranstalter jedoch vor zehn Jahren des Handtuch. Jetzt ist der Geist des Idealismus wieder erwacht: Vom 30. Juli bis zum 1. August wagen die Veranstalter einen Neustart, der wiederum in Scheer über die Bühne geht. Aus Pandemie-Gründen ist die Besucherzahl allerdings auf 200 pro Tag begrenzt. 

 

Sechzehn Bands, Musiker, Poeten und Performance-Künstler haben ihr Kommen zugesagt. Sie werden drei Tage lang auf dem Areal der ehemaligen Scheerer Papierfabrik auftreten. Unter den Künstlern sind etliche Namen, die man noch von den früheren Klangbad-Festivals kennt und die zum Bekanntenkreis des Elektronikers Hans Joachim Irmler gehören, der als Initiator des Ganzen auftritt und in der Scheerer Papierfabrik seit Jahren das Faust-Tonstudio betreibt. Von Kammermusik und Punk über die Musikcollagen diverser DJs bis zu Krautrock und experimentellen Klängen reicht das Spektrum der Stile, die das dreitägige Programm zu einer musikalischen Abenteuerreise machen.

 

Einige Namen ragen heraus: Da ist FM Einheit, der vor Jahren mit den Einstürzenden Neubauten zu Weltruhm kam und seither als Perkussionist mit riesigen Stahlfedern auftritt, auf denen er die abgefahresten Rhythmen trommelt. Ähnlich kompromißlos gibt sich auch das Ludwigsburger Gitarre-Schlagzeug-Duo Rocket Freudental, das mit ruppigem Indie-Rock und deutschen Texten punktet, wobei die Band kein Blatt vor den Mund nimmt. Pianist Jan Wagner schwelgt dagegen eher in sanften Ambient-Klängen. In Scheer wagt er eine Kollaboration mit dem martialischen Noise-Duo „Die Hunde“. Im Mittelpunkt des Festivals steht allerdings Hans Joachim Irmler, einst Mitglied der Krautrockformation Faust. Der Keyboarder ließ in den letzten Jahren immer wieder mit außergewöhnlichen Projekten von sich hören, wobei seine elektronischen Sounds zum Festivalfinale am Sonntagnachmittag auf die Töne eines Streichquartetts treffen. Den Rahmen für die Begegnung bildet die Komposition „Zarathustras Hymnos“ von Carl Friedrich Oesterhelt, die in Scheer  uraufgeführt wird.


Rocket Freudental (Promo)

 

Als Austragungsort für das Klangbad-Echo-Festival eignet sich die Scheerer Papierfabrik bestens. Das Gelände ist groß genug, sodass die Künstler am Nachmittag an verschiedenen Plätzen auftreten können, um dann gegen Abend auf die Hauptbühne in den Innenhof vor dem Faust-Studio zu ziehen. Ein Ausnahme macht nur die Uraufführung des kammermusikalischen Werks von Carl Friedrich Oesterhelt. Sie findet der besseren Akustik wegen nicht im Freien, sondern in Irmlers Studioräumen statt.

Tuesday, 22 January 2019

Neue Musikprojekte von Hans Joachim Irmler

Irmlers Klangreise 

Im Faust-Studio in Oberchwaben sind musikalische Experimente angesagt  


cw. Hans Joachim Irmler setzt seine Reise in die unbekannten Regionen der Musik fort. Der ehemalige Keyboarder der legendären Krautrock-Gruppe Faust betreibt seit Jahren in Scheer in Oberschwaben das Faust-Studio und sorgt dafür, dass ihm nicht langweilig wird. Von Zeit zu Zeit verwandelt er sein Tonstudio in ein Labor für außergewöhnliche Klänge. So hat Irmler mit lokalen Blasorchestern und überregionalen Streicherensembles gearbeitet. Er hat Legenden wie den Jazzsaxophonisten John Tchicai, den Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit und den Schlagwerker der Einstürzenden Neubauten F. M. Einheit aufgenommen und ganze Alben von Bernadette LaHengst, den englischen Post-Punkern The Nightingales oder der Dream-Pop-Gruppe Pram aus Birmingham produziert. Auch mit der amerikanischen HipHop-Band Dälek hat er vor Jahren ein Album eingespielt. Die alte Bekanntschaft mit Dälek frischte Irmler im Sommer 2018 wieder auf. Er setzte eine Session mit zwei Mitgliedern der Formation aus New Jersey an und zog noch zwei Musiker der skandinavischen Formation Fire! hinzu. 

Schon immer arbeitet Irmler intuitiv. Die Improvisation steht im Mittelpunkt seiner Klangerkundungen, wobei er sich von seinem Instinkt für neue Sounds leiten läßt. Die entlockt er einem Keyboard, das er 1971 als Mitglied der Gruppe Faust selbst konstruierte und zusammenbastelte. Das Instrument Marke Eigenbau wird ergänzt durch einen Synthesizer und die neusten elektronischen Apperaturen.

Nach der jeweiligen Aufnahmesession feilt Irmler dann an den Einspielungen so lange, bis sie seinen Vorstellungen entsprechen, die oft ziemlich kühner Natur sind. Irmler liebt Klang-Detonationen, Sound-Tornados und Wirbelstürme aus Tönen.

Für das Album „Anguish“ mit Dälek hat Irmler noch weitere gleichgesinnte Musiker hinzugezogen. Manchmal schweben über einem monotonen Beat dunkle Klangwolken durch den Raum, während Will Brooks von Dälek seine düsteren Verse flüstert, spricht oder schreit, die von der aktuellen amerikanischen Politik handeln und von gelegentlichen Ausbrüchen des Saxofons von Mats Gustafsson kommentiert werden. Nur selten gönnt sich die Gruppe eine Verschnaufspause. Dann gehen sie die Improvisationen etwas gemächlicher an.

Dort knüpft Viz Michael Kremietz an. Er ist ein Spezialist für ruhige Musik – Klangmeditationen! Mit ihm hat Irmler ebenfalls ein Album aufgenommen (Titel: Endorphonic), auf dem Kremietz die japanische Bambusflöte Shakuhachi und das australische Didgeridoo spielt. Die Einspielung ist ähnlich avantgardistisch geraten wie die „Anguish“-Produktion, kommt aber um einiges leiser daher. Während Irmler mit seinen Keyboards die typisch wehenden Klänge erzeugt, die man von ihm kennt, erklingt die Flöte manchmal von sehr weit her und macht ein Geräusch, als ob der Wind durch die Blätter der Bäume streicht. In Japan dient die Shakuhachi den buddhistischen Mönchen zur innere Versenkung: Irmler und Kremietz beschreiten den gleichen Weg, bis – wie aus heiterem Himmel – plötzlich ein Klangblitz die meditative Stimmung zerreißt.

Thursday, 27 July 2017

IRMLER und OESTERHELT: Studiokonzert mit Blaskapelle

Die Klangabenteuer

In zwei Uraufführungen treffen im Faust-Studio in Scheer elektronische Sounds, Streicherklänge und Blasmusik aufeinander
Foto: Claudio Hils 

cw. Hans Joachim Irmler ist ein ruheloser Geist. Kaum hat der Faust-Elektroniker und Studiobetreiber aus Scheer ein musikalisches Projekt beendet, wendet er sich auch schon dem nächsten zu. War eines seiner letzten Unterfangen eine kammermusikalische Zusammenarbeit unter dem Titel „Formen“ mit dem Münchner Komponisten Carl Oesterhelt gewesen, haben sich die beiden jetzt wieder getroffen und ein neuerliches Klangabenteuer ausgeheckt, diesmal zusammen mit der Stadtkapelle Scheer. In zwei Konzerte werden die Früchte ihrer Arbeit im Faust-Studio in Scheer (Fabrikstraße 32-40) am Samstag, den 29. Juli (20 Uhr) und am Sonntag, den 30. Juli (15 Uhr) erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, wobei elektronische Sounds, Streicher- und Bläserklänge aufeinander treffen.

Als Vehikel für ihre Kooperation haben die beiden Klangforscher ein Werk des französischen Dichters Lautréamont (Pseudonym für Isidore Lucien Ducasse ) ausgewählt, das 1874 
entstanden ist, aber erst 1890 erschien: „Die Gesänge des Maldoror“ gilt heute als ein 
wichtiges Werk der literarischen Moderne. Das Schlüsselwerk der „schwarzen Romantik“ 
übte einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung des Surrealismus aus und wurde von 
André Breton und André Gide gepriesen.
Ausgehend von der literarischen Vorlage, die von einer Sprechstimme rezitiert wird, kommt im Laufe der insgesamt „sechs Gesänge“ sowohl komponierte Kammermusik modernen Zuschnitts
 als auch osteuropäisch angehauchte Bläsertöne zur Geltung, durchmischt von freier Improvisation. Während Irmler seiner selbstgebauten Orgel die skurrilsten Sounds entlockt, steuert Carl 
Oesterhelt den Gang des musikalischen Geschehens vom Piano aus, um die Streichergruppe
das umfangreiche Schlagwerk und die Bläser der Scheerer Stadtkapelle in die vorgezeichneten kompositorischen Bahnen zu lenken. Elektronisch verfremdet durch Ringmodulatoren und 
Analog-Synthesizer entsteht eine futuristisch-psychedelische Klangwelt, die es so wohl noch 
nie zu hören gab. Man darf gespannt sein. 
Karten: reservierung@fauststudio.de

Tuesday, 4 July 2017

URAUFFÜHRUNG: KONZERT im Faust-Studio, Scheer

Hans Joachim Irmler (Faust) setzt seine Kooperation mit Carl Friedrich Oesterhelt (FSK, Tied & Tickled Trio) fort, diesmal dabei – nebst Streichquartett – auch die Stadtkapelle Scheer.

Monday, 23 January 2017

WIR TRAUERN UM JAKI LIEBEZEIT (1938 - 2017)

FREUND JAKI
                                                                                                                                                     Foto: C. Wagner

Im scheinbar immer dichter werdenden Getöse und Gebrabbel der Gegenwart sind sie selten geworden: Menschen mit einer unverkennbar eigenen Stimme, die in Literatur, Journalismus, Musik, Kunst oder Film etwas eigenes, unverwechselbares zu sagen haben, etwas, das Bedeutung hat und sich von allem anderen unterscheidet. Jaki Liebezeit war so eine Person. Sein Trommelspiel war einzigartig, auch wie er darüber (und über Musik überhaupt) dachte und sprach. Da wurde sofort klar: Hier macht sich jemand seine eigenen Gedanken.

Doch anders wäre es für ihn auch gar nicht möglich gewesen, ein Künstler zu sein. “Wenn Du Picasso gut findest und dann so malst wie Picasso, bist Du kein Künstler, sondern ein Imitator,” war sein Diktum. Sein ästhetisches Bewußtsein war glasklar und unbestechlich. Hans Joachim Irmler und Andreas Schmid (Tontechniker im Faust-Studio), die mit ihm in den letzten Jahren zwei Alben abgemischt haben, können davon ein Lied singen. Deshalb war es auch kaum begreifbar für ihn, dass es heute mehr Schlagzeuger gibt als je zuvor „und alle spielen gleich!“ Nicht Jaki Liebezeit. Wie er trommelte, so spielte sonst niemand Schlagzeug. Ein paar Mal in seinem Leben hat er sein Schlagzeugspiel komplett umgestellt und wieder ganz von vorne begonnen, weil er das Gefühl hatte, in einer Sackgasse gelandet zu sein.

„A true innovator”, mailte mir der englische Jazzdrummer Tom Skinner heute morgen. Laurence Hunt, der Schlagzeuger von Pram, sendet folgende Erinnerung: „Seeing and hearing him play at Klangbad festival with Burnt Friedman was one of, if not the most memorable, refined and considered drum performances I have seen. I literally stood right up to the stage barrier, what a thrill!“ Und Florian Egli von der Züricher Gruppe Weird Beard, die im Sommer im Vorprogramm von Liebezeit & Irmler beim Sigmaringer Schlachthof-Festival aufgetreten waren, schreibt: „Den Zauber von Jaki's unaufgeregtem Spiel, dass die Energie nicht in der Dichte und nicht in der Lautstärke sucht, sondern in den langen und sehr feinen Bögen, welche er über einen ganzen Song drüber gespannt hat, das haben wir mitgenommen von dem Abend im Schlachthof.“ 


Ich hatte Jaki Liebezeit 2009 kennengelernt, als er beim Klangbad-Festival in Scheer mit Burnt Friedman auftrat. Davor hatte ich ihn in Liverpool mit dem Turntable-Artisten Philip Jeck und Jah Wobble am Bass gehört. Ich, der in meinem ersten Leben selbst mal Schlagzeuger gewesen war, stand das ganzen Konzert hindurch wie gebannt vor der Bühne und habe Liebezeit die ganze Zeit genau auf die Finger geschaut – und nichts verstanden, nicht kapiert, was er macht. Wahrscheinlich waren es seine ungeraden Metren, die mich verwirrten. Darin war er ein Meister. Er spielte in einem 7/4- oder 11/8-Metrum so selbstverständlich wie in einen 4/4-Takt.

 2010 wollten wir ihn dann zusammen mit Jah Wobble für einen Auftritt beim „Klangbad“ mit Hans Joachim Irmler gewinnen. Wobble winkte ab und wir dachten, dann würde auch Jaki einen Rückzieher machen. Doch Pusteblume! „Ich brauche keinen Bassisten,” meinte er am Telefon. „Geht auch ohne! Auf was ich allerdings Wert lege, ist eine ausführliche Probe.” So kam es zum Auftritt von B.I.L.L. (Bell, Irmler, Liebezeit, Lippok) beim Klangbad-Festival im August 2010 – ein wunderbarer Gig! Das Album – äußerst hörenswert!

                                                                                                             Glasgow 2015  (Foto: C. Wagner)
Ich habe noch Anfang Januar mit Jaki telefoniert, um ihm ein „gutes neues Jahr“ zu wünschen. Da schien er noch in guter Form zu sein. “Nicht viel los im Moment!” sagte er, weil kaum Auftritte anstanden. Er wollte sobald der Schnee weg war nach Scheer fahren, um die Aufnahmen abzumischen, die nach dem Auftritt mit Hans Joachim Irmler beim Sigmaringer Schlachthof-Festival im Juli 2016 im Faust-Studio entstanden waren: 22 Stunden Musik hatten die beiden in ein paar Tagen eingespielt. Damals beim Gespräch am Kaffeetisch kamen wir auf das Thema „Arbeit“ zu sprechen, und da zog Jaki eine Art Lebensbilanz, die gar nicht so schlecht ausfiel: „Ich hab noch nie in meinem Leben gearbeitet,” meinte er. „Ich hab mein Hobby zum Beruf gemacht, musste also nie arbeiten.”

Jaki Liebezeit war ein äußerst netter Mensch: offen, klug, zurückhaltend, zuvorkommend, freundlich, ja fast sanft, interessiert, mit wachem Geist. Am Sonntag, den 22. Januar 2017 ist er in Köln an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er hatte schon seit längerem mit Herz- und Lungenproblemen zu kämpfen. Beim Schlachthof-Festival im Sommer 2016 schien er mir zum ersten Mal gealtert. Wir mussten ihm eine Zwischenstufe an die Bühne stellen, damit er leichter hinauf kam. Seinem Trommelspiel war allerdings absolut nichts anzumerken: Das war so präzise, makellos und federnd wie eh und je.

Mit Liebezeit ist eine eigenständige Stimme verstummt, die unsere Gegenwart so bitter nötig hätte. Wir werden ihn schwer vermissen. Wer wird nun die geheimen Rhythmen und magischen Beats trommeln?

Mehr zu Jaki Liebezeit:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2013/07/trommelmaschinenmensch-jaki-liebezeit.html

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2014/12/nachdenken-uber-musik-mit-jaki_29.html

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2014/12/nachdenken-uber-musik-mit-jaki_26.html

Friday, 28 October 2016

FRAKTUS: Die "Elektroschocker" kehren zurück

Fraktus wird Wirklichkeit

Der parodistische Kult-Film über die fiktive Popband erlebt eine Fortsetzung als Rock-Revue – im oberschwäbischen Scheer findet die bundesdeutsche Premiere statt

cw. Unter dem Namen “Spoof” (=Täuschung, Parodie) exitiert in der englischsprachigen Filmwelt eine Gattung, die als wirklichkeitsnahe Dokumentation daherkommt, in Wirklichkeit aber nichts anderes als eine clever gemachte Verballhornung mit viel Witz und Ironie ist. Ein derartiger “Lügenfilm” wird auch als “Mockumentary” bezeichnet, ein Kunstwort, das sich aus “to mock” (=verspotten) und “Documentary” (=Dokumentarfilm) zusammensetzt.

“This is Spinal Tap” lautete der Titel der berühmtesten “Music Mockumentary” von 1984, die sich über das Popgeschäft im allgemeinen und über die Aufgeblasenheit einer Heavy-Metal-Band im besonderen lustig macht.

“Fraktus” heißt das deutsche Äquivalent: Der Film von Lars Jessen aus dem Jahr 2012 erzählt von der Karriere der angeblich berühmten deutschen Popgruppe Fraktus, die als die “Urväter von Techno” beschrieben werden und sich als “Elektroschocker aus den Achzigern” nach 25 Jahren Trennung zu einer “Re-Union” entschließen. Glaubwürdigkeit erhält die fiktive Bandgeschichte im Film durch die Mitwirkung von Popstars wie Jan Delay, Dieter Meier (Yello) und Stephan Remmler (Trio), die in Interviews ihre Bewunderung für Fraktus erklären. Als ein Mitglied der Band, Bernd Wand (gespielt von Jacques Palminger), von einem Reporter nach seinen Träumen für die Zukunft befragt wird, meint er, dass er noch gerne einmal auf dem legendären Klangbad-Festival auftreten würde - “dem Underground-Open-Air-Ereignis für atonale Musik”.

Der Film ist inwischen Kult geworden mit einer festen Fangemeinde, die sich auf die fiktive Story eingelassen hat. Der Witz dabei ist, dass es das Klangbad-Festival ja wirklich gegeben hat. Es fand bis 2011 jedes Jahr im Sommer in Scheer in Oberschwaben statt. Veranstalter war Hans Joachim Irmler, der ehemalige Keyboarder der Krautrockgruppe Faust, der in dem Städtchen an der Donau ein Tonstudio betreibt.

Durch Zufall lernte Irmler auf einer Party den Fraktus-Darsteller Jacques Palminger kennen und man beschloß in feucht-fröhlicher Runde, die Fraktus-Story weiterzuspinnen. “Fraktus 2” war geboren, nicht als Film, sondern als eine Art Musical-Rocktheater-Revue. Dabei tritt Palminger gemeinsam mit seiner leicht verrückt-überdrehten Mutter auf, die wie schon im Film von Margit Laue gespielt wird. Man traf sich ein paar Mal im Faust-Studio in Scheer, um mit Irmler an neuen Songs zu basteln und sie zu einer kohärenten Show zusammenzufügen.
 
Daraus ist jetzt ein Album mit dem Titel “Optische Täuschung” geworden, das am 4. und 5. November (20 Uhr) im Faust-Studio in Scheer der Öffentlichkeit vorgestellt wird – als bundesdeutsche Premiere! Dabei wurde kein Aufwand gescheut, die ursprünglichen Requisiten, schrille Perücken und Kostüme aus den 1980er Jahren zu beschaffen sowie die originalen Synthesizer, um dem Elektro-Pop der Band den richtigen Sound zu geben. Zur Einstimmung läuft im Kino in Riedlingen am 29. Oktober nochmals der Film “Fraktus” in zwei Vorstellungen (18 + 20:30 Uhr), wobei Hauptdarsteller Jaques Palminger anwesend sein wird, um über die Entstehung des Streifens zu plaudern und sich eventuellen Fragen des Publikums zu stellen. Nähere Infos: https://www.klangbad.de/news

Saturday, 2 July 2016

SCHLACHThof FESTival SIGMARINGEN 23. Juli 2016



SCHLACHThof FESTival SIGMARINGEN mit Headliner: Jaki Liebezeit (Can) & Hans Joachim Irmler (Faust)

Am Samstag, den 23. Juli 2016 ab 17 Uhr setzen die Ateliers im Alten Schlachthof nach längerer Atempause die Reihe ihrer außergewöhnlichen SCHLACHThof-FESTivals fort: 

Das Fest mit international-hochkarätigen Interpreten der Künste für Augen und Ohren bleibt sich treu: Poetisch und extraordinär werden die Schlachthof-Räume gefüllt.

Am Nachmittag verwandeln sich die Atelierräume in ein Museum der vergessenen Klänge:

- mit zeitgenössischen Tönen aus Kinderklavieren von Isabel Ettenauer (Österreich),
- den ätherischen Klängen der Glasharmonika mit dem Augsburger Bruno Kliegl,
- Rembetika-Musik ("griechischer Blues") zu Baglama, Bouzouki und Klarinette, gespielt vom  Duo „Lefta“.

Am Abend dann auf der Hauptbühne:

-  Weird Beard um den jungem Saxofonisten Florian Egli aus Zürich mit jazzrockig- psychedelischer Wucht.

- Als Höhepunkt: 
Die Krautrocklegenden Hans Joachim Irmler und Jaki Liebezeit, spätestens seit der Gartenschau auch Schlachthoflegenden, werden mit Keyboard und Schlagzeug ihre vertrauten schillernd-reißenden Klangströme fließen lassen. Ein sommerliches Fest für alle Sinne!





Der Vorverkauf hat begonnen: 07571 3333 oder www.schlachthof-sigmaringen.de
Eintritt: 18 €, 13 -18 Jahre ermäßigt: 12 €, Kinder bis 12 Jahre: frei
Georg-Zimmerer-Straße 7, 72488 Sigmaringen

http://www.schlachthof-sigmaringen.de/Die-naechsten-Veranstaltungen/SCHLACHThofFESTival-Samstag-23.-Juli-2016-ab-17-Uhr