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Tuesday, 22 July 2025

Jazz-Archäologie: Amateur-Jazz-Festivals

Amateur-Jazz-Festivals wirkten einst als Sprungbrett in eine Profikarriere

In den 1950er Jahre erhielt der Jazz einen Schub durch die Amateur-Jazz-Festivals, die bald jährlich in Wien, Zürich oder Düsseldorf stattfanden. Es waren Bandwettbewerbe, bei denen an die auftretenden Bands am Ende Auszeichnungen verliehen wurden: erste, zweite und dritte Preise. Viele der Musiker, die sich bald als Profis auf der Jazzszene einen Namen machten, konnten sich bei diesen Amateurfestivals erstmals einem größeren Publikum vorstellen – es waren Sprungbretter in eine Musikerkarriere. Die Beatband-Wettbewerbe Anfang der 1960er Jahren haben sich hier wohl ihre Inspiration geholt. (https://christophwagnermusic.blogspot.com/2024/03/zum-tod-von-jurgen-heinz-elsasser-1947.html)



Manche dieser Festivals schnitten das Programm mit, um es danach als LP zu veröffentlichen. Es gibt Alben vom 12. Amateur-Jazz-Festival Zürich 1962 und vom 4. Österreichischen Amateur Jazz Festival 1964, mit dabei beide Male das Iréne Schweizer Trio aus Zürich mit Mani Neumeier, dr und Uli Trepte, b, die bald darauf zum elektrischen Rock konvertierten und Guru Guru (Groove) gründeten. (vergleiche: https://christophwagnermusic.blogspot.com/2021/06/irene-schweizer80.html)


Volker Kriegel (1943-2003), bekannter Gitarrist zwischen Jazz und Rock, begann seine musikalische Laufbahn auf einer derartigen Veranstaltung. In einem Essay, den er 1983 für den (extrem schlechten) Sammelband 'JAZZROCK – Tendenzen einer modernen Musik' verfasste (Hg. Burghard König), beschreibt er den Event – seinen Auftritt auf dem 9. Deutschen Amateur-Jazz-Festival Düsseldorf: "1963 geht das Volker Kriegel Trio (mit Helmut Kampe, b und Dieter Matschoß, dr) als Sieger aus der Vorentscheidung zum Düsseldorfer Amateur Jazz Festival hervor und spielt bald mit klopfendem Herzen und zittrigen Fingern vor dem fachkundigen Großstadtpublikum und der gestrengen Jury im Düsseldorfer Schumann-Saal. (Auf einem Zeitungsfoto sehe ich einen ordentlich gekämmten Neunzehnjährigen mit dunklem Anzug und Schlips, der – tief über eine riesige Gitarre gebeugt – auf einem Stuhl sitzt und sich heftig auf die Unterlippe beißt.) Wir spielen "Django" (von John Lewis), irgendeinen Blues und sogar ein eigenes Stück namens "Funny Piece". Wir landen auf Anhieb, totaler Wahnsinn, auf dem zweiten Platz, und ich werde zum "besten Solisten" gekürt."

Wie Volker Kriegel mit seinem Trio 1963 als Neunzehnjähriger geklungen hat, kann man auf der Live-Aufnahme vom 9. Deutschen Amateur-Jazz-Festival Düsseldorf hören. Und das ist doch schon recht beachtlich – von wegen "zittrige Finger"! Das Stück "Django" beginnt bei 23:56 min. 



Friday, 23 March 2018

Rock-Archäologie: LORD'S FAMILY aus Bayern

LORD'S FAMILY (1970 - 1974)

Eine sehenswerte Filmdokumentation über eine spirituelle Kommune und Rockgruppe aus Bayern 

Fotos: Lord's Family

Lord's Family ist 1970 in Nürnberg entstanden und lebte größtenteils bis 1974 in einem „Schlössl“ in Beilngries im Altmühltal. Geprägt haben sie (außer Woodstock und der „Underground"-Musik und -Literatur) die Begegnung mit Mitgliedern der Hog-Farm Family in Nürnberg und die gemeinsamen psychedelischen Erfahrungen, die zum Abbruch der Studien und Arbeitsverhältnisse und Gründung einer spirituellen Gemeinschaft führten. 
Ihr Metier war vor allem die freie Erschließung neuer Klangräume in der (oft sehr langen) Improvisation, aber auch erste deutschsprachige Songs mit einer Botschaft, auch bayuvarisch-kosmischer Klangschöpfung, Music for Meditation, auch in Kirchen. Als Landkommune unternahmen Mitglieder der Lord’s Family erste ökologische Experimente mit Gartenbau und Tierhaltung. Zu ihrem Projekt gehörten Film, eine Zeitung „Family-Press“, Kunstschaffen.

Befreundet war die Rockkommune z.B. mit den Leuten von „Bröselmaschine“, (Peter Bursch erinnert sich sicher noch, wir haben auch gemeinsam musiziert), „Guru Guru Groove", „Ihre Kinder" aus Nürnberg. Jonas Porst weilte gelegentlich im Schössl und hatte Lust die „Family“ zu produzieren, wozu es aber nicht kam. In Heidelberg organisierte Werner Pieper („Grüner Zweig“) Konzerte mit der Gruppe und war des öfteren Gast im Schlössl.

Medial ist Lord's Family erstmals – außer in der Lokalpresse – im Bremer Fernsehen erschienen, in einer Sendung über Jugendreligionen, als Beispiel für eine Gruppe mit eigenständiger Spiritualität. Dort gab es auch Musikaufnahmen im Beatclub-Studio. Leider nicht mehr vorhanden. Der Bayerische Rundfunk brachte Fernsehen- und Hörfunkfeatures, u.a. vom Filmemacher und Journalisten Wolf Gaudlitz ("Taxi Lisboa", "Sahara Salaam“), der selbst eine Zeit lang zur Family gehörte.

Die Gruppe trat in vielen deutschen Klein- und Großstädten auf, auch in München, Nürnberg und Berlin, bei mehreren Open Air Festivals.

Aus vielen noch vorhandenen Film-, Ton-, Text- und Fotodokumenten hat Sepp Kuffer – von Anfang an dabei – einen einstündigen Film geschnitten, er nennt es einen „Remix“. Die originalen Filmaufnahmen stammen vor allem aus dem Archiv der Bremer Journalisten Anna Dünnebier (später Frau von Paczensky) und Uli Zippel sowie von den Super-8-Filmen des Family-Mitbegründers Alfons Schmid. Eine äußerst sehenswerte Dokumentation über eine vergessene Gruppe des deutschen Rock-Undergrounds aus den frühen 70er Jahren – gleichzeitig ein eindrucksvolles Zeitportrait.

Hier der link:

https://youtu.be/VKKJoJhm5Rk