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Tuesday, 12 March 2019

Selten in Europa: Larry Ochs

Wechselbad an Tönen

Ein rarer Auftritt des amerikanischen Spitzenjazzensembles Larry Ochs’ The Fictive Five in Schorndorf


cw. Der hochgeschossene, schlanke Mann mit schlohweißem Haar ist nicht mehr der Jüngste: Larry Ochs, der im Mai siebzig wird, ist seit mehr als 40 Jahren im Geschäft. In dieser Zeit hat sich der Saxofonist und Komponist das Renommé erworben, einer der kreativsten Jazzmusiker der Bay Area um San Fransisco zu sein. 1978 gründete er das Rova Saxophone Quartet, das bis heute besteht und Jazzgeschichte schrieb. Seither hat Ochs noch etliche andere Gruppen ins Leben gerufen, um immer erneut unbekannte Klangräume auszukundschaften. Das sieht er als seine Mission! Seine aktuelle Band The Fictive Five steht für die Kooperation mit ein paar der besten jüngeren Jazzimprovisatoren aus New York. Einer davon ist Kontrabassist Pascal Niggenkemper, der aus Singen am Hohentwiel stammt, aber seit Jahren in New York lebt. Dem Club Manufaktur gelang es, dieses hochkarätige Ensemble, das gerade seine erste Europa-Tournee absolviert, nach Schorndorf zu holen, ein rarer Auftritt, der Jazzfans selbst aus München anreisen ließ.  

Für sein Quintett hat Larry Ochs einen historischen Bezugspunkt gewählt: das Album „Ascension“, das der legendäre Saxofonist und Jazzgroßmeister John Coltrane 1965 mit einer Band jüngerer Musiker einspielte und das als Meilenstein des freien Jazz gilt, da es die Möglichkeiten gelenkter Improvisation erkundete. Ein Merkmal von Coltranes damaligem Ensemble war neben mehr als einem halben Dutzend Bläser zwei Kontrabassisten, ein Charakteristikum, das Ochs für sein Ensemble übernahm. Und zwei Bäße können einen massiven Klangraum erzeugen, vor allem wenn sie wie bei The Fictive Five noch mit elektronischen Verfremdungen arbeiten oder mit Gebrauchsgegenständen aus der Alltagswelt die Saiten traktieren. 

Über dieses Fundament legte Ochs seine Kompositionen strukturierter Improvisation, wobei er mit einfachen Hand- und Fingerzeichen blitzschnelle Klangwechsel herbeiführte, in Szene gesetzt von dauernd wechselnden Kombinationen der Instrumente. Da spielte gerade noch die Trompete mit dem Schlagzeug ein kurzes Duett, um schlagartig von einem Zwiegespräch zwischen Saxofon und Kontrabaß abgelöst zu werden. Die Kombinatorik von Klängen und Geräuschen kennt bei Larry Ochs keine Grenzen! Manchmal wogte ein Riesensound in machtvoller Weise hin und her, um ein paar Minuten später in ein leises Zirpen von Flageolett-Tönen überzugehen. Die musikalische Landschaft veränderte sich manchmal so rasch wie bei der Fahrt mit einem Hochgeschwindigkeitszug – ein permanentes Wechselbad an Tönen! 

Und Larry Ochs behielt das Lenkrad fest in der Hand. Ein Vokabular einfacher Gesten ermöglicht es ihm, die Improvisationen in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken, was ein spannendes Spiel von Überraschungen ergab, den Musikern aber auch ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit abverlangte. Das Ergebnis war eine Jazzmusik, wie man sie nicht jeden Tag zu hören bekommt und die von den zahlreichen Besuchern mit langem Beifall quittiert wurde.   

Sunday, 24 January 2016

LARRY OCHS - Post-Coltrane Jazz

Larry Ochs - The Fictive Five

 cw. Der Saxofonist Larry Ochs (Jahrgang 1949) ist ein Veteran des modernen Jazz. Seit vier Jahrzehnten ist er an der amerikanischen Westküste aktiv, wo er sich als treibende Kraft der Szene von San Francisco einen Namen gemacht hat. Ochs ist der Motor des Rova Saxophone Quartets, hat aber auch Ensembles wie Room, What We Live oder Kihnoua ins Leben gerufen. Sein Selbstverständnis beschreibt er als “Post-Coltrane Improviser”, sein Saxofonspiel ist vom frühen Archie Shepp inspiriert.

Das neue Album von Larry Ochs enthält vier Kompositionen - alle von Coltrane’schem Geist beseelt. Ochs knüpft dabei dezidiert an Coltranes späte Schaffensperiode an, als der Jazzgigant mit den Alben “Ascension” und “Interstellar Space” in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre den modalen Jazz seines klassischen Quartetts hinter sich ließ und mit expressivem Interplay ins Freie ausgriff.

Ochs’ epische “Kompositionen für Improvisatoren” schaffen einen stimulierenden Rahmen, in dem sich jeder der fünf Musiker kreativ entfalten kann. Zwischen die kollektiven Eruptionen sehen sich immer wieder hymnische Melodien eingeflochten, die als Knotenpunkte und Richtungsweiser dienen.

Neben Ochs bilden vier der besten jüngeren Improvisatoren der New Yorker Szene das Ensemble. Zwei Kontrabassisten sorgen für eine dichte Grundierung, treten aber auch immer wieder solistisch hervor. Pascal Niggenkemper bringt dabei häufig das erweiterte Klangspektrum seines präparierten Baß ins Spiel, während Ken Filiano für die Erdung im konventionellen Pizzikatospiel sorgt. Harris Eisenstadt agiert am Schlagzeug mit ausgeprägter Sensibilität und großem Formgespür, während Bandleader Ochs expressive Klänge herausschleudert, sein Tenorsaxofon krächzen, heulen und schreien läßt, wobei ihm Trompeter Nate Wooley gewandt folgt und mit virtuoser Technik einige Glanzpunkte setzt.


Wie Ebbe und Flut schwellt die Musik ekstatisch an, um nach einiger Zeit sanft abzuklingen. Vielfältige Klanggebilde entstehen, die sich fortwährend in neue Formen verwandeln. Nichts steht still, alles ist im Fluß! Und dann stimmen Saxofon und Trompete dazwischen immer wieder diese bebenden Hymnen an, die mit ekstatischen Imbrunst den Geist des späten Coltrane beschören. 

Larry Ochs:  The Fictive Five (Tzadik TZ 4012)

Monday, 17 November 2014

HARRIS EISENSTADT und EMILE PARISIEN


Weltsprache Jazz

Europäische und amerikanische Spitzenmusiker brillierten in Singen und Tübingen 

                                                                                                                        Foto: Christoph Wagner

cw. Früher stand es außer Frage: Der beste Jazz kam aus den USA! Die amerikanischen Musiker und Bands dominierten die internationale Szene, während Europa eher als Entwicklungsland galt, wo nur eine Handvoll Solisten das amerikanische Niveau erreichten. Doch auch im Jazz geht das amerikanische Jahrhundert zu Ende. Heute wird in Europa ebenso exzellenter Jazz gespielt wie in den USA.

Zwei Spitzenformationen, die am Wochenende in Südwestdeutschland gastierten, unterstrichen das eindrucksvoll: Beim Jazzclub Singen absolvierte der Schlagzeuger Harris Eisenstadt mit seinem Canada Day Quintet aus New York seinen Debutauftritt in Europa, während sich einen Tag später im Tübinger Sudhaus mit dem Émile Parisien Quartet eine der jungen Spitzenbands des französischen Jazz vorstellte.

                                 Foto: Christoph Wagner
Der Schlagzeuger, Komponist und Bandleader aus Brooklyn ging mit einem Drumsolo das Konzert in Singen an. Danach entwarf sein Quintet  einen modernen Jazz, der durch komplexe Kompositionen und farbenreiche Arrangements bestimmt war und Elemente aus unterschiedlichen Epochen der Jazzgeschichte einbezog. Ob Hardbop, Cooljazz oder Free – alles floß auf originelle Weise in Eisenstadts Kompositionen zusammen. Mit großer Disziplin wurden die Stücke in Szene gesetzt, die oft eine lyrische Note besaßen und an moderne Jazzballaden erinnerten. Eisenstadt nahm dazu die Schlagzeugbesen in die Hand, um mit dezenten Tupfern die Eckpunkte der Kompositionen zu markieren, während der Trompeter poetische Linien blies und das Saxofon melancholische Töne beisteuerte, umwölkt von den flirrenden Klängen des Vibrafons. Gerne entwirft Eisenstadt seine Kompositionen als mehrteilige Werke, die sich dann von ruhig-besinnlich zu vital-expressiv steigern, wobei man sich gewünscht hätte, dass die Musiker die Zügel noch etwas lockerer gelassen und mit mehr Biß agiert hätten.

Den Furor von der Leine ließ dagegen das Émile Parisien Quartet im Tübinger Sudhaus, das sich zeitweise in Ekstase spielte. Der Saxofonist aus Paris hat die Schule des französischen Jazz durchlaufen und bei Altmeistern wie Daniel Humair und Michel Portal studiert. Sein Ensemble besteht aus hervorragenden Solisten, bei denen sich Können mit Kreativität und Spielwitz paart. Jeder der vier Musiker ist auch als Komponist tätig und steuert Stücke zum Repertoire der Gruppe bei, die mit Überraschungen gespiekt sind: Vertrakte Rhythmuswechsel und blitzschnelle dynamische Sprünge bestimmen die Musik, die atemlos durch einen Parcours stilistischer Brüche jagt. Einem Illusionskünstler gleich, ziehen die Musiker fortwährend ein neues Karnickel aus dem Zylinder. Das ist perfekt inszeniert, punktgenau ausgeführt und hochvirtuos gespielt, grenzt manchmal allerdings etwas an oberflächliche Effekthascherei.


Während Harris Eisenstadt mit seinem Canada Day Quintet die subtile Seite des Jazz erforscht und auf atmosphärische Stimmungen setzt, ist beim Émile Parisien Quartet Expressivität und Exaltiertheit Trumpf. Deutlich wird dabei, dass sich heute spieltechnisch  amerikanische und europäische Musiker auf gleicher Augenhöhe begegnen und auch stilistisch-musikalisch die Unterschiede langsam verschwinden. Jazz ist mittlerweile zu einer Sprache geworden, die von Spitzenmusikern weltweit gleich gut beherrscht wird, wenn auch manchmal eine Dialektfärbung die Ausdrucksweise bestimmt.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Regionalzeitung in Südwestdeutschland

Sunday, 8 September 2013

BROOKLYN - das neue Kreativzentrum des New Yorker Jazz


Kreatives Kraftzentrum

In Brooklyn pulsiert die New Yorker Jazzszene jenseits des Mainstreams


cw. Bis in die 80er Jahre waren die Lower East Side und das East Village von Manhattan das Zentrum des kreativen Jazz in New York. Stadtsanierung, Gentrifizierung und die Erfolge der “Zero Tolerance on Crime”-Politik haben den ehemaligen Slum in Downtown Manhattan in eine komfortable Wohngegend verwandelt, was die Mietpreise explodieren ließ und viele Musiker und Künstler aus dem Viertel vertrieb. Brooklyn, gleich gegenüber auf der anderen Seite des East Rivers gelegen, wurde zum neuen Brennpunkt der Jazzaktivitäten jenseits des Mainstreams. Fünf MusikerInnen der neuen Brooklyn-Szene stellen sich vor: wie sie leben, wie sie ihren Alltag organisieren und welche Musik sie machen. Vom Anfänger zum Routinier, vom Bandleader zum Sideman – das ganze Spektrum.



Harris Eisenstadt (Schlagzeuger und Komponist)

“Ich bin 1975 in Toronto geboren und lebe seit einigen Jahren mit meiner Frau und unserem Sohn in Brooklyn.  Mein Vater war ein Amateurdrummer, der ein Schlagzeug im Keller hatte, auf dem ich spielen konnte. Ich trommelte im Schulorchester, spielte in Rockbands. Irgendwann verlor ich das Interesse am Schlagzeug, trieb mehr Sport. Mit ungefähr 19 Jahren fand ich zu den Drums zurück und habe mich seither intensiv damit beschäftigt. Ich hatte ein Jahr Unterricht bei Barry Altschul und studierte danach Musik bei Leo Smith am CalArts-College in Los Angeles. Nach dem Studium arbeitete ich als professioneller Musiker in Los Angeles und gab Unterricht.

2006 zog ich nach New York, wo ich zuvor schon ein Jahr gelebt hatte. Ich arbeitete damals für das Label Knitting Factory Records. Deshalb kannte ich schon ein paar Musiker hier, dennoch war es ein frischer Anfang, als ich zurückkehrte. Das Tolle an New York ist, dass es so viele fantastische Spieler gibt. Ich nahm zu Beginn an vielen informellen Sessions teil, um neue Instrumentalisten kennenzulernen. Die Leute sind sehr offen hier und bereit, mit anderen zu musizieren. Mit der Zeit haben sich daraus feste Bandprojekte ergeben. Man trifft Musiker durch Musiker. Man spielt zusammen und es klickt. Mit manchen  hat man sofort einen direkten Draht und zieht sie dann für Projekte heran. Der persönliche Faktor ist wichtig. Man muss sich gut verstehen, sonst funktioniert es nicht, weil man ja auf Tourneen längere Zeit eng zusammen ist.

Viele Musiker, mit denen ich regelmäßig arbeite, leben ebenfalls in Brookyln – mein innerer Kreis. Das macht es leicht, zu proben und sich zu treffen. Mein Quintett bildet das Kernstück meiner Aktivitäten. Es ist eine konventionelle Besetzung, mit der ich versuche, unkonventionelle Musik zu machen. Es ist mir wichtig, mit dem Publikum zu kommunizieren. Es gibt Musiker, denen das Publikum egal ist, die nur für sich selber spielen. Das ist das Gegenteil meine Haltung.

Normalerweise entsteht ein Stück aus ein paar Akkorden am Klavier. Oder eine Melodie oder ein Rhythmus fliegen mir zu. Ich arbeite diese Fragmente aus, strukturiere und orchestriere sie am Computer, mache mir Gedanken über die Improvisationen und versuche das Stück als Ganzes zu skizzieren. Erst danach spielen wir es in der Gruppe, basteln weiter intensiv daran - oft ein Jahr oder länger. In diesem Prozeß kann es wiederum die Form verändern. Wir müssen jedes Stück in- und auswendig kennen, um in den Improvisationen die Essenz der jeweilige Komposition herauszuarbeiten.”

Harris Eisenstadt Quintet: Canada Day 3 (Songlines)
Harris Eisenstadt: Canada Day Octet (482 Music)



Jesse Stacken (Pianist und Komponist)

“Ich lebe seit 2002 in New York City und wohne seit längerem in Brooklyn. Ich studierte an der Manhattan School of Music. Nach dem Studium begann ich in verschiedenen Gruppen zu spielen und meine eigene Musik zu komponieren. Im Zentrum meiner Aktivitäten steht mein Trio mit dem Bassisten Eivind Opsvik und Jeff Davis am Schlagzeug. Wir haben bereits drei Alben veröffentlicht. Ich leite daneben noch ein Ensemble mit dem Kornettisten Kirk Knuffke. Mit dieser Gruppe spielen wir keine eigenen Kompositionen, sondern ein breites Spektrum an Stücken, die von Duke Ellington, Charles Mingus, Carla Bley, Steve Lacy, Ornette Coleman und Misha Mengelberg stammen.

Darüber hinaus bin ich noch als Sideman in mehreren Gruppen aktiv. Außerdem unterrichte ich Piano an einer Musikschule in Manhattan und gebe Privatstunden zu Hause. Man muss sehr aktiv sein, um über die Runden zu kommen. In Brooklyn sind die Mieten noch erträglich, in Manhattan sind sie unbezahlbar - deshalb hat sich die Szene hierher verlagert.

Im Moment ist es hier fantastisch. Es gibt so viele Musiker in der unmittelbaren Nachbarschaft und so viel tolle Musik – ein wirklich dichtes Netz. Man unterstützt sich gegenseitig und stellt sich einander vor. Man kann sich problemlos zu Sessions verabreden und lernt jedesmal neue Musiker kennen.

Wenn ich Zeit habe, rufe ich meine Kollegen einfach an: “Hey, wollt ihr morgen Vormittag proben?” Dann treffen wir uns im Keller meines Wohnblocks, wo ich ein Klavier stehen habe. Der Raum ist so abgeschottet, dass wir niemanden auf die Nerven gehen. Das kann ein Problem sein, wenn man in seiner Wohnung Musik macht und die Nachbarn sich beschweren. Musiker teilen sich deshalb Proberäume, die sie zusammen mieten. Auftrittsorte wie das Musikstudio iBeam in Brooklyn finanzieren sich ebenfalls durch Mitgliedschaften. Man zahlt einen monatlichen Beitrag und kann dann den Raum so und so oft für Konzerte oder Proben nutzen.

Als ich mein Trio 2005 gründete, gab es diese Flut von Jazzpianotrios noch nicht. Unsere Musik kreist um Melodien. Ich muss also aus der Begleitfunktion etwa eines Saxofonisten heraustreten und die melodische Führungsrolle übernehmen. Darüber hinaus haben wir uns von dem konventionellen Mainstream-Muster verabschiedet, wie man es an der Hochschule lernt. Wir versuchen etwas anderes, eine Musik, die eher mit Kontrapunkt arbeitet und mit komplexeren Akkorden. Moderne klassische Musik hat mich dazu angeregt. Der Komponist Morton Feldman war eine wichtige Inspiration. Er nutzt das Klavier in seiner vollen Klanglichkeit mit all den Obertönen, was auch meine Intention ist. Weil es das Trio schon lange gibt, sind wir zu einer echten Einheit zusammengewachsen.”

Jesse Stacken: Bagatelles for Trio (FreshSoundRecords)



Kris Davis (Pianistin und Komponistin)

“Ich zog von Toronto (Kanada) 2001 nach New York, zwei Wochen vor den Terroranschlägen. Ich hatte Verwandte hier, auch kannte ich ein paar Musiker von früheren Aufenthalten in der Stadt. Die meisten, die ich traf, waren schon länger hier und deshalb ziemlich beschäftigt. Das machte es anfangs recht schwierig, doch ich knüpfte Kontakte.

Da ich Kanadierin bin, konnte ich zu Beginn nicht arbeiten, musste mir zuerst eine Aufenthalts- und eine Arbeitsgenehmigung beschaffen, was eine wirklich komplizierte Sache war. Ich hatte etwas Geld gespart, das mir über die Durststrecke hinweghalf.

Dann gab ich Klavierunterricht. Ohne diesen Broterwerb hätte ich meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Ich brauchte ungefähr ein Jahr, um mich als Musikerin einigermaßen zu etablieren. Aber bis heute gebe ich Klavierunterricht, von Auftritten allein könnte ich nicht leben. Dieser Brotberuf gibt mir Sicherheit und auch die Freiheit, Projekte durchzuführen, die ich sonst nicht realisieren könnte. Kein Geld zu haben, kann eine künstlerische Falle sein.

Zu Beginn lebte ich bei einer Freundin meiner Tante in New Jersey, dann die ersten 6 Jahre in Uptown Manhattan in vier verschiedenen Wohnungen. Danach zog ich nach Brooklyn, weil viele meiner Musikerfreunde dort hinzogen. Die Szene schien sich hierher zu verlagern. In Brooklyn zu wohnen, machte das Musikmachen einfacher. Früher mussten meine Bandkollegen zu mir nach Uptown Manhattan eineinhalb Stunden mit der Subway fahren und eineinhalb Stunden zurück! Das ist eine große Zeitinvestition und den Kollegen nicht ohne weiteres zuzumuten.

Auch an Gigs ist hier leichter zu kommen. Es gibt in der Nachbarschaft in Brooklyn / Park Slope viele Cafés, Bars und Restaurants, wo regelmäßig Konzerte stattfinden, meistens in Hinterzimmern oder Nebenräumen. Im “Korzo” organisert der Pianist James Carney eine Konzertreihe, wo jeden Dienstag zwei Gruppen spielen. Auch im “Barbes” und im “Shapeshifter Lab” gibt es Jazz. In anderen Lokalen finden Jamsessions statt – es ist wirklich viel los! All diese Auftrittsorte befinden sich in einem Umkreis von zehn Blocks entlang der 5th Avenue in Brooklyn / Park Slope.

Meistens spielt man für das Eintrittsgeld. Es gibt also viele Orte, wo man spielen kann, nur viel Geld kann man da nicht verdienen. Aber man trifft jede Menge Musiker. Diese Auftrittsorte fungieren als soziale Treffpunkte, wo man reden und sich austauschen kann. Jeder hängt dort gerne rum. Man trifft Leute, die man schon länger nicht gesehen hat, und die Hälfte sind Musiker.

Es gibt sogar ein paar ordentliche Pianos an diesen Plätzen, was toll ist, weil ich beschlossen habe, dass ich keine Keyboards mehr schleppen will. Ich konzentriere mich im Moment auf Solopianokonzerte, spiele mit meinem Jazzpianotrio und habe mit Mat Manieri (Viola), Ingrid Laubrock (Saxofon), Trevor Dunn (Bass) und Tom Rainey (Schlagzeug) ein Quintett ins Leben gerufen, das Anfang nächsten Jahres sein Debutalbum veröffentlichen wird.”

Kris Davis: Aeriol Piano (Clean Feed)
Kris Davis Trio: Good Citizen (FreshSoundRecords)


Kate Pittman (Schlagzeugerin und Komponistin)



“Ich fing mit zwölf Schlagzeug zu spielen an, als ich im Fernsehen ein Musikvideo mit einem richtigen cooler Drummer sah. Es sah so aus, als ob nichts auf der Welt mehr Spaß machen würde, als trommeln. Da dachte ich: “Das mache ich auch!” Dass ich als Mädchen Schlagzeug spielte, war nie ein Hindernis: Es wurde akzeptiert! In der Oberstufe drängte man mich in die Schuljazzband. Zuerst wollte ich nicht, weil Jazz als ziemlich uncool galt. Als irgnoranter Teenager hatte ich keine Ahnung, was Jazz überhaupt war. Da aber mein Schlagzeuglehrer, der nur drei Jahre älter war und den ich bewunderte, auf Jazz stand, ließ ich mich breitschlagen und fing Feuer.

Ich zog vor eineinhalb Jahren nach Brooklyn, weil viele der Musiker, die ich bewundere, hier leben. Ich wollte mit gleichgesinnten und fähigen Musikern zusammen sein und an diesem wunderbaren Wahnsinn teilhaben. Ich bin 26 Jahre alt und dachte, dass alles viel schwieriger sein würde. Aber auf einmal spiele ich Gigs mit Leuten, die ich als Vorbilder betrachte, wie etwa den Bassisten Michael Formanek. So gesehen war es einfacher, Fuß zu fassen, obwohl ich noch lange nicht “etabliert” bin.

Die Atmosphäre in Brooklyn ist im Moment wirklich inspirierend: überall gibt es tolle Musik! Man unterstützt sich gegenseitig und hilft einander. Es herrscht ein Geist gegenseitigen Respekts und der Solidarität. Es gibt hier viele junge Musiker, von denen man  noch hören wird. Und die älteren Musiker spielen mit uns jungen. Barrieren gibt es kaum.

Mein Band heißt “Denial and Error”, mit der wir meine Kompositionen spielen. Sie besteht aus dem Trompeter Josh Reed, Adam Hopkins am Bass und Landon Knoblock am Piano, der auch Fender Rhodes spielt und für die Electronics sorgt. Wir machen eine Musik, die aus genau notierten Teilen und völlig frei improvisierten Passagen besteht. Ich habe zudem ein Duo mit dem Gitarristen Dustin Carlson, wo ich auch Vibrafon spiele. Daneben bin ich Mitglied im Trio Flip City des Saxofonisten David Aaron und in der Gruppe Towering Poppies, die von der Saxofonistin Jasmine Lovell-Smith geleitet wird. Ich bin noch in anderen Bands aktiv, die aber oft nur ein paar Gigs spielen.

Nur von der Musik zu leben, das reicht nicht. Ich hoffe, dass es in ein paar Jahren möglich sein wird. So lange arbeite ich in FortyWeight Café in Brooklyn / South Slope, was mir Spaß macht, weil ich eine Leidenschaft für Kaffee habe. Ich arbeite drei Tage die Woche, das bringt genug ein.

Es gibt mehr und mehr Frauen, die in meinem Umfeld Jazz spielen. Ich habe mich wegen meines Geschlechts noch nie benachteiligt gefühlt. Ob Mann oder Frau – das spielt letztendlich keine Rolle. Das einzige was zählt, ist die Musik.”

Jasmine Lovell-Smith's Towering Poppies (feat. Kate Pittman): Fortune Songs (Paintbox Records)




Jacob Garchik (Posaunist, Komponist, Arrangeur)

“Ich bin in San Francisco aufgewachsen. Mit zehn habe ich mit dem Posaunenspielen begonnen. Nach dem Schulabschluß mit siebzehn ging ich nach New York, um an der Manhattan School of Music Jazzposaune zu studieren. Ich wohne also seit achtzehn Jahren hier, vierzehn davon in Brooklyn. Ich zog nach Brooklyn, weil man sich dort noch die Mieten leisten konnte und bereits einige Musiker hier lebten. Seither habe ich in drei verschiedenen Neighbourhoods gewohnt und alle haben sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Aus heruntergekommen und gefährlichen Stadttteilen wurden  angenehme und sichere Wohngegenden, was allerdings die Mietpreise nach oben trieb. Manche Viertel in Brooklyn gehören inzwischen zu den teuersten im Land. Neue Geschäfte machten auf. Manchmal gehe ich Wochen lang nicht nach Manhattan, weil es alles in Brooklyn gibt: Shopping, Kultur, Konzerte, Theater, Kino, Restaurants.

Als ich 1994 nach New York kam, lebten noch viele Musiker in Manhattan. Auf der Lower East Side, im East Village und an der Upper West Side waren die Wohnungen,noch bezahlbar. Durch die explodierenden Mietpreise wurden die Musiker mehr und mehr hinaus an die Peripherie gedrängt: nach Upper Manhattan um Washington Heights, nach New Jersey, nach Queens und Brooklyn. Das hat die Szene zersplittert. Wenn man in Brooklyn wohnt, ist es schwierig mit Musikern aus Upper Manhattan oder New Jersey zusammenzuarbeiten, weil der Aufwand einfach zu groß ist. Darum gibt es kaum Verbindungen. Natürlich macht man Ausnahmen. Wenn es ein guter Gig ist, unternimmt man schon mal die Anstrengung einer langen Anfahrt.

Weil normale Auftritte kaum Geld einbringen, machen sie nur Sinn, wenn sie in der direkten Nachbarschaft stattfinden. Man spielt auch einmal für nur zwanzig Dollar, wenn man zum Gig zu Fuß gehen kann.

Die Musikerdichte in Brooklyn ist enorm. Ich kann kaum aus dem Haus gehen ohne einen Kollegen zu treffen. Mehr und mehr Cafés und Bars richten Konzertreihen ein. Dort kann man regelmäßig, vielleicht einmal im Monat auftreten, was hilft, die Musik und den Gruppenklang zu entwickeln.

Trotzdem sollte man Manhattan nicht abschreiben. Es erfüllt immer noch eine wichtige Funktion, vor allem als zentraler Auftrittsort, wo sich die Clubs mit Reputation befinden. Im Gegensatz zu den kleinen Musikcafés in Brooklyn, haben die Clubs in Manhattan Gewicht, weil sie seit Jahren Jazz präsentieren und einen superben Ruf besitzen. Deshalb muss man als Jazzmusiker weiter in Manhattan auftreten, will man ein größeres Publikum erreichen. Jazzfans kommen aus Queens, von Long Island, von Staten Island und aus New Jersey zu Konzerten nach Manhattan. Die würden nicht nach Brooklyn kommen. Auch die Presse bespricht ein Konzert eher in einem etablierten Club. Deswegen sollten sich Musiker nicht auf Brooklyn beschränken. Will man mehr erreichen, kommt man an Manhattan nicht vorbei.

Wie alle professionellen Musiker betreibe ich mehrere Bandprojekte. 40Twenty ist ein Quartett, das die Qualitäten des Jazz der 50er Jahren zu neuem Leben erweckt, ohne nostalgisch oder rückwärtsgewandt zu sein. Wir spielen unsere eigenen Kompositionen. In den 50er Jahren spielten Jazzbands in einem Club manchmal Wochen, ja Monate, jeden Abend, wodurch eine ganz andere Intensität der Interaktion entstand. Das wollten  rekreieren.  Wir mieteten einen Auftrittsort in Brooklyn für mehrere Wochen und spielten dort jeden Abend zwei Sets, um dieses blinde Verständnis innerhalb der Gruppe zu erlangen. 40Twenty versucht das Paradox: mit einer anderen Art von Mainstream-Jazz aus dem Mainstream-Format auszubrechen.

Daneben habe ich die neunköpfige Gruppe The Heavens gegründet, die sich mit sieben Posaunisten an den Trombone-Shout-Bands der schwarzen Kirche orientiert. Außerdem spiele ich in einer Blaskapelle, die auf mexikanische Banda-Musik spezialisiert ist, zu der die Leute tanzen.

Ich kann meinen Lebensunterhalt mit Musik verdienen, vor allem deshalb, weil ich noch als Arrangeur für das Kronos Quartet arbeite. Ich habe Dutzende Arrangements für Kronos geschrieben. Im Moment arbeite ich an einem Projekt mit Kronos und Laurie Anderson. Anderson komponiert die Musik, ich arrangiere sie.”

Jacob Garchik / Jacob Sachs / David Ambrosio / Vinnie Sperrazza: 40Twenty (Yeah Yeah Records)
 Jacob Garchik & The Heavens: The Atheist Gospel Trombone Album (Yestereve Records)

Der Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift JAZZTHETIK (www.jazzthetik.de)