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Tuesday, 5 October 2021

Donaueschinger Musiktage: 100. Jubiläum

Metropolenklänge in der Provinz

 

100 Jahre Donaueschinger Musiktage 


                                                     Karlheinz Stockhausen 

cw. Wie passt das zusammen? Eine Stadt mittlerer Größe im südlichen Schwarzwald gilt als wichtigstes Zentrum für zeitgenössische Musik weltweit, Klänge, die man sonst in Metropolen wie Berlin, New York, Wien oder Paris vermuten würde. Das hat Donaueschingen mit seinen „Musiktagen“ geschafft, ein Festival, auf das sich jedes Jahr im Herbst die Ohren der internationalen Avantgarde-Fans richten. Dieses Jahr feiert die Veranstaltung 100. Geburtstag.

 

Neue Musik gilt als schwierig, unzugänglich und elitär, Klänge für eine kleine verschworene Minderheit, die dennoch jedes Jahr immerhin zehntausend Besucher in die ehemalige Residenzstadt lockt, was nicht nur das Fremdenverkehrsamt und die Gastronomie freut. Auch für das Land Baden-Württemberg sind die „Donaueschinger Musiktage“ ein Aushängeschild.

 

Alles begann im Sommer 1921, in der Aufbruchzeit nach dem 1. Weltkrieg, als Heinrich Burkard – Musiklehrer der Fürstenfamilie zu Fürstenberg – mit finanzieller Unterstützung des Fürsten zu einem „Kammermusikfest“ in den südlichen Schwarzwald einlud und viele junge Komponisten Werke für die „Novitätenkonzerte“ einreichten. Ein Streichquartett von Paul Hindemith kristallisierte sich als das überzeugenste heraus. Doch das verpflichtete Musikensemble weigerte sich, die Komposition zu spielen, zu verquert erschien das Werk. Als Notlösung wurde daraufhin das Amar Quartett herangezogen, das dem Stück zu einem überwältigen Erfolg verhalf und von nun an als Hausensemble fungierte.

 

„Donaueschingen“ wurde in Folge immer mehr zu einem Synonym für neuste Musik, wenn auch der Standort ein paar Mal wechselte: 1927 fanden die Konzerte in Baden-Baden statt, 1930 in Berlin. Unter der Federführung des Komponisten Hugo Herrmann schlingerten die Musiktage durch die Zeit des Nationalsozialismus und kamen nach dem 2. Weltkrieg 1950 in die Obhut des Südwestfunks. 


Mauricio Kagel: Zwei-Mann-Orchester, Donaueschingen, 1973 (Foto: Promo)


 

In der Nachkriegszeit wurden das Festival zu einem Forschungslabor atonaler Klänge, wobei alle tonangebenden Komponisten der Gegenwart zum Zuge kamen, die sich oft gegenseitig nicht grün waren. Von Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez und Luigi Nono über Hans Werner Henze, Yannis Xenakis und John Cage bis zu Ernst Krenek, György Ligeti und Mauricio Kagel – waren alle präsent, wobei auch die Vorväter wie Arnold Schönberg, Edgard Varèse oder Igor Strawinsky nicht vergessen wurden. Serielle Musik, Musique Concrète, New York School, elektronische Klänge, Third Stream, Klanginstallationen, Hörspiel – in Donaueschingen kam jede Richtung zu ihrem Recht, was nicht ohne Konflikte, Neid und Eifersüchteleien abging. 

 

Nach zaghaften Versuchen mit einer sogenannten „Jazztime“ in den 1950er Jahren, gelang es 1967 dem Rundfunkredakteur Joachim Ernst Berendt eine „Jazz Session“ im Programm zu etablieren, was bei E-Musik-Puristen auf wenig Gegenliebe stieß, denen der Jazz als trivial galt. Dennoch schaffte es Berendt ein paar wegweisende Konzerte auf die Beine zu stellen: 1967 ließ das Globe Unity Orchestra mit großorchestralem Freejazz aufhorchen, 1970 absolvierte hier das Sun Ra Arkestra aus den USA eines seiner ersten Konzerte in Europa, und 1971 hielt mit der englischen Gruppe Soft Machine sogar der elektrische Jazzrock Einzug, was ein paar ältere Konzertbesucher veranlasste, wegen der brachialen Lautstärke fluchtartig den Saal zu verlassen.


Don Cherry mit Frau und Sohn sowie Joachim Ernst Berendt, Donaueschingen 1971 (Foto: Jörg Becker)


 

Natürlich war „Donaueschingen“ nicht unfehlbar – ganz im Gegenteil. Das Festival spiegelte das ganze Auf und Ab der zeitgenössischen Musik wider, war nicht gegen die Versuchungen der Mode und des Zeitgeists gefeit. Auch das „Altern der Avantgarde“ wurden hörbar. Nicht selten langweilte eine musikalische Moderne, die zwischenzeitlich als stinknormal empfunden wurde. Viele Komponisten verschwanden nach ihrem Auftritt in Donaueschingen bald wieder von der Bildfläche, etliche Werke schafften es nach der Uraufführung auf keine Bühne mehr. 

 

Die Gefahr der Kürzung öffentlicher Fördergelder stellte vor ein paar Jahren die Existenz des ganzen Unternehmens in Frage, eine Krise, die inzwischen gemeistert zu sein scheint. Donaueschingen ist bereit für die nächsten 100 Jahre und die werden vermehrt im Zeichen von Diversität, Dekolonisierung und digital-elektronischer Musikfabrikation stehen, wobei Laptops, digitale Klangmaschinen und künstliche Intelligenz immer mehr das konventionelle Orchesterinstrumentarium verdrängen. Das Festival hat das Ohr in die Zukunft gerichtet, auch dieses Jahr wieder vom 14. – 17. Oktober.   

 

Info: www.donaueschingen.de/musiktage


Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland

Wednesday, 14 November 2012

LABELPORTRAIT: 50 Jahre WERGO


Anti-Ageing für die Avantgarde

Das Label Wergo hält seit einem halben Jahrhundert die zeitgenössische Musik frisch

CW.In der Öffentlichkeit gelten die Namen Stockhausen und Cage als Chiffre für avantgardistische Klänge. Für Kenner kommt ein weiteres Wort dazu: Wergo! So heisst das Label, das sich seit den 60er Jahren unermüdlich für zeitgenössische Konzertmusik stark gemacht hat. “Seit 50 Jahren neu!” lautet dann auch nicht ohne Selbstirone das Motto, mit dem das Unternehmen nun ein halbes Jahrhundert seines Bestehens feiert. Zum Geburtstag ist eine dicke CD-Box erschienen, die neben der “Sonata für zwei Pianos” von Igor Strawinsky, eingespielt im Gründungsjahr 1962, auch Schlüsselwerke von Stockhausen und Cage sowie Luigi Nono und Dieter Schnebel enthält -  Wegmarken der Musik des 20. Jahrhunderts.  
                                                                                                                              Arnold Schoenberg
1962 wurde das Label vom Baden-Badener Geschäftsmann Werner Goldschmidt gegründet. Der kunstsinnige Mäzen verband die beiden ersten Silben seines Vor- und Nachnamens und hob Wergo aus der Taufe. Nach Goldschmidts Plänen sollte sich das Label ausschließlich der zeitgenössischen Musik widmen, die kaum zwei Jahrzehnte zuvor noch von den Nationalsozialisten als “entartet” verfolgt worden war und in der Bundesrepublik des Wiederaufbaus nicht gerade hoch im Kurs stand. “Pierrot Lumaire” des Zwölfton-Erfinders Arnold Schönberg, der in der NS-Zeit in die USA hatte fliehen müssen, machte den Auftakt. Das atonale Melodrama von 1912 war genau 50 Jahre vor der Labelgründung entstanden.

Weitere bedeutende Werke der Moderne folgten. Auch erhielten junge Talente in der “Studio-Reihe Neuer Musik” eine Chance. “Goldschmidt war in Deutschland jahrelang der einzige, der moderne Musik per Schallplatte systematisch herausgebracht hat,” lobte ihn der “Spiegel” und bescheinigte ihm für seine Pioniertat “eine Menge Mut.”

1970 übernahm der Schott-Musikverlag in Mainz das Label und baute es zu einer der international führenden Marken aus. Die qualitativ hochstehenden Produktionen mit ausführlichen Informationen zu Werk, dem Komponisten und den Interpreten legten die Latte hoch. Selbst in den USA merkte man auf, sodaß einzelne Einspielungen ans amerikanische Nonesuch-Label lizenisert werden konnten.                                                                Mauricio Kagel    
                                                                                                                                                              
Wergo nahm sich nicht nur den Vertretern der klassischen Moderne an oder der Zweiten Wiener Schule, sondern veröffentlichte auch Schallplatten von jungen Radikalen wie Mauricio Kagel und György Ligeti. Zufalls- und Reihenkompositionen, elektronische Klänge oder avantgardistisches Musiktheater – alles fand unter seinem Dach Platz.
                                                                                                                                              
Das Label hatte den Finger oft am Puls der Zeit, wobei es sich als nicht gerade leicht erwies, aus dem Elfenbeinturm    der neuen Musik auszubrechen und ein breiteres Publikum anzusprechen. Mit den Elektronik-Pionieren Gottfried Michael Koenig und Karlheinz Stockhausen im Katalog, die heute bei jungen Labtop-Musikern wieder hoch im Kurs stehen, hätte sich ein Remix-Projekt eigentlich angeboten.

Mit der Musikbranche im Umbruch passte sich Wergo  den neuen digitalen Realitäten an. Nach Vinyl-Platte und CD sind inzwischen die meisten Aufnahmen auch als Download erhältlich. Selbst Re-Issue aus dem über 600 Titel umfassenden Backkatalog kann man vermehrt auf den iPod laden. Dabei bemüht sich Wergo, dem Niedergang der Klangkultur durch das MP3-Format entgegen zu wirken und die Aufnahmen in höherer Tonqualität anzubieten. “Ständig besser zu werden, ist noch immer der Garant für das Überleben in einem schwieriger werdenden Umfeld,” umreißt Geschäftsführer Rolf Stoll das Erfolgsrezept.
                                                                                                                      Mike Svoboda
Doch das Altern der Avantgarde bleibt ein Problem. Auch ist die zeitgenössische Musik vor einer gewissen akademischen Verknöcherung nicht gefeit. Stinknormale neue Musik gibt es zuhauf. Im Geburtstagsjahr erschienen neben Produktionen junger Komponisten wie Benjamin Schweitzer, auch eine Veröffentlichung von Mike Svoboda, die in eine andere Richtung weist. Der amerikanische Posaunen-Spezialist, der heute in Basel an der Musikhochschule lehrt, präsentiert darauf die gewagtesten Avantgarde-Kompositionen so sinnlich, unverkrampft und frisch, dass die Selbstironie im Jubiläumsslogan zum Understatement wird. “Seit 50 Jahren neu!” - hört man Svoboda, glaubt man das Wergo aufs Wort. 

Dieser Artikel erschien zuerst in Die Wochenzeitung (WoZ), Zürich.