Sunday, 19 April 2026

Pop-Geschichte vor Ort: Das Beispiel Stuttgart-Fasanenhof

Von Birth Control über Wallenstein bis zu Can

Wie kleine Initiativen die Rockszene im Südwesten prägten

Plakate: Sammlung Hans-Peter Haag



Gestern Abend war ich Gast bei einer Veranstaltung im rappelvollen Kinder- und Jugendhaus Stuttgart-Fasanenhof, wo es um die Anfänge der Rockmusik dort vor Ort und im größeren Zusammenhang ging. In einem Powerpoint-Vortrag gab ich zum Einstieg einen Überblick über die Anfänge der Rockmusik im Großraum Stuttgart, angefangen bei Clubs wie der Manufaktur in Schorndorf, wo durch die "Connections" von Werner Schretzmeier, der damals beim SDR-Fernsehen die Pop-Sendung "P" betreute, schon in den späten 1960er Jahren die heissesten Bands aus England und Irland spielten wie Black Sabbath, The Nice oder Taste (mit Gitarrenstar Rory Gallagher). Das sogenannte "Stuttgarter Popverbot", das die Stadt wegen den Ausschreitungen bei Popkonzerten in der Liederhalle und auf dem Killesberg verhängte, begünstigte kleine Popkonzertinitiativen in der Landeshauptstadt, ob in Stuttgart-Feuerbach oder eben im Stadtteil Fasanenhof. 

Foto: Joachim Schneider

Und hier kam jetzt Hans-Peter Haag ins Spiel, der als Jugendlicher mit einer Initiative namens IG Freizeit, die aus der katholischen Jugend hervorging, begann, in der Turn- und Versammlungshalle Stuttgart-Fasanenhof Rockkonzerte zu veranstalten: 1972 fing es mit Birth Control an, dann ging es weiter mit Gruppen wie Man, Embryo, Missus Beastly, Wallenstein, Eulenspygel und Can. Dabei gingen die Jugendlichen kein unbeträchtliches Risiko ein. Wären die Konzerte Flops geworden, hätte der Abmangel aus der eigenen Tasche beglichen werden müssen. Es ging aber alles gut: Die Konzerte zogen Hunderte von Fans an, was die IG Freizeit wiederum veranlasste, in größere Hallen zu gehen wie das Gustav-Siegle-Haus.  


Haag machte aus seinem anfänglichen Hobby einen Beruf und wurde professioneller Rockkonzertveranstalter mit dem Stuttgarter Konzertbüro Music Circus, das seit 1977 bis heute Popkonzerte in der Region ausrichtet, vor allem dann auch zahlreiche in Sindelfingen und Böblingen. Haag plauderte aus dem Nähkästchen und erzählte von eindrücklichen Erlebnissen als Popkonzertveranstalter mit Gruppen wie Queen, Genesis oder AC/DC. Als Haag und die IG Freizeit abtraten, übernahmen jüngere Leute den Staffelstab, die als Club Orion und Con Spezial in Stuttgart-Fasanenhof weiterhin Discos und Partys veranstalteten. 


Zwischen den einzelnen Programmpunkten präsentierte die Progrock-Band um Dorothea Rehme, die Flöte und Saxofon spielte, ein paar Nummern der holländischen Rockband Focus, die ins geschilderte Zeitgeschehen passten. Es war beeindruckend zu hören, wie in einer Trabantenstadt wie Stuttgart-Fasanenhof über Jahrzehnte Zusammenhalt geschaffen wurde, ursprünglich initiiert durch Popmusik und Rockkonzerte. Ein Zusammenhalt, der offenbar bis heute besteht.  

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