Showing posts with label Can. Show all posts
Showing posts with label Can. Show all posts

Sunday, 19 April 2026

Pop-Geschichte vor Ort: Das Beispiel Stuttgart-Fasanenhof

Von Birth Control über Wallenstein bis zu Can

Wie kleine Initiativen die Rockszene im Südwesten prägten

Plakate: Sammlung Hans-Peter Haag



Gestern Abend war ich Gast bei einer Veranstaltung im rappelvollen Kinder- und Jugendhaus Stuttgart-Fasanenhof, wo es um die Anfänge der Rockmusik dort vor Ort und im größeren Zusammenhang ging. In einem Powerpoint-Vortrag gab ich zum Einstieg einen Überblick über die Anfänge der Rockmusik im Großraum Stuttgart, angefangen bei Clubs wie der Manufaktur in Schorndorf, wo durch die "Connections" von Werner Schretzmeier, der damals beim SDR-Fernsehen die Pop-Sendung "P" betreute, schon in den späten 1960er Jahren die heissesten Bands aus England und Irland spielten wie Black Sabbath, The Nice oder Taste (mit Gitarrenstar Rory Gallagher). Das sogenannte "Stuttgarter Popverbot", das die Stadt wegen den Ausschreitungen bei Popkonzerten in der Liederhalle und auf dem Killesberg verhängte, begünstigte kleine Popkonzertinitiativen in der Landeshauptstadt, ob in Stuttgart-Feuerbach oder eben im Stadtteil Fasanenhof. 

Foto: Joachim Schneider

Und hier kam jetzt Hans-Peter Haag ins Spiel, der als Jugendlicher mit einer Initiative namens IG Freizeit, die aus der katholischen Jugend hervorging, begann, in der Turn- und Versammlungshalle Stuttgart-Fasanenhof Rockkonzerte zu veranstalten: 1972 fing es mit Birth Control an, dann ging es weiter mit Gruppen wie Man, Embryo, Missus Beastly, Wallenstein, Eulenspygel und Can. Dabei gingen die Jugendlichen kein unbeträchtliches Risiko ein. Wären die Konzerte Flops geworden, hätte der Abmangel aus der eigenen Tasche beglichen werden müssen. Es ging aber alles gut: Die Konzerte zogen Hunderte von Fans an, was die IG Freizeit wiederum veranlasste, in größere Hallen zu gehen wie das Gustav-Siegle-Haus.  


Haag machte aus seinem anfänglichen Hobby einen Beruf und wurde professioneller Rockkonzertveranstalter mit dem Stuttgarter Konzertbüro Music Circus, das seit 1977 bis heute Popkonzerte in der Region ausrichtet, vor allem dann auch zahlreiche in Sindelfingen und Böblingen. Haag plauderte aus dem Nähkästchen und erzählte von eindrücklichen Erlebnissen als Popkonzertveranstalter mit Gruppen wie Queen, Genesis oder AC/DC. Als Haag und die IG Freizeit abtraten, übernahmen jüngere Leute den Staffelstab, die als Club Orion und Con Spezial in Stuttgart-Fasanenhof weiterhin Discos und Partys veranstalteten. 


Zwischen den einzelnen Programmpunkten präsentierte die Progrock-Band Backyard, bei der Dorothea Rehme Flöte und Saxofon spielte, ein paar Nummern der holländischen Rockband Focus, die ins geschilderte Zeitgeschehen passten. Es war beeindruckend zu hören, wie in einer Trabantenstadt wie Stuttgart-Fasanenhof über Jahrzehnte Zusammenhalt geschaffen wurde, ursprünglich initiiert durch Popmusik und Rockkonzerte. Ein Zusammenhalt, der offenbar bis heute besteht.  

Thursday, 22 August 2024

Doppelkonzert: Black Sabbath & Can

In den 1970er Jahren kam es in der Popmusik zu recht denkwürdigen Ereignissen – etwa: Black Sabbath und Can im gleichen Konzert am 16. Dezember 1970 in der Essener Grugahalle. 

Nach ihrer ersten kleinen Tour durch Deutschland vom 19. – 21. Dezember 1969 (Auftrittsorte: Göppingen, Schorndorf, Schwäbisch Hall), waren Black Sabbath durch den durchschlagenden Erfolg ihres Debutalbums zu einer der "progressivsten, heißesten und stärksten" Underground-Bands der internationalen Rockszene geworden und mit "Paranoid" damals gerade in allen Hitparaden vertreten, sodass ihnen der Promoter Bernd Heim zutraute, die große Essener Grugahalle zu füllen. Auch kam der Band aus Birmingham ihr Auftritt im April 1970 bei Internationalen Essener Pop- & Blues Festival am gleichen Ort zugute, der so stark gewesen sein muß, dass der Veranstalter sich davon wohl eine massive Sogwirkung versprach. 

Wie er auf Can als "support" kam, bleibt sein Geheimnis, war die Kölner Band damals doch noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt, allerdings stark im kommen. Ihre erste LP "Monster Movie" war bereits erschienen, wobei der später legendär gewordenen Titel "You Do Right" mit seinen über 20 Minuten Länge die gesamten zweite Seite der LP ausmachte. Vielleicht stand er einfach auf diesem hypnotisch-ekstatischen Rock. "Tago Mago", das zweite Album von Can, kam erst 1971 heraus.


Mehr zu Can:

Tuesday, 19 October 2021

Krautrock: 'Future Sounds'-Buchbesprechung

„If you remember the sixties, you were not there!“

 

Nach 1968 entwickelte sich in Deutschland eine wilde neue Musik  – die Buchneuerscheinung "Future Sounds" von Christoph Dallach zeichnet den Aufstieg des Krautrock nach




cw. Sie zogen raus aufs Land, quartierten sich in verlassenen Bauernhöfen oder leerstehenden Schulhäusern ein, wo man rund um die Uhr laut Musik machen konnte, ohne jemanden auf die Nerven zu gehen. Gelegentlich fuhren die jungen Bandmusiker am Wochenende im verbeulten VW-Bus in eine größere Stadt, um im Jugendzentrum oder einem alternativen Club ein Konzert zu geben, für Gagen, die kaum zum Leben reichten. Man lebte nach  urkommunistischen Vorgaben, versuchte jegliche Konvention abzustreifen und suchten Transzendenz in psychedelischen Substanzen.


So oder ähnlich klingen die Überlieferungen aus der Zeit nach 1968, als in Westdeutschland eine neue Popmusik entstand, die weltweit bald unter dem Namen „Krautrock“ für Furore sorgte. Stars wie David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop oder die Red Hot Chili Peppers gaben sich als Bewunderer zuerkennen und ließen sich von den abenteuerlichen Sounds aus Germany inspirieren. Die innovativsten Klänge stammten von Gruppen, die sich Kraftwerk, Can, Faust, Tangerine Dream, Cluster, Neu! oder Amon Düül 2 nannten und international zu Bannenträgern des neuen Genres wurden, das bis heute weltweite Strahlkraft besitzt und immer neue Scharen junger Musiker beeinflußt.

 

Im Buch „Future Sounds“ beleuchtet der Musikjournalist Christoph Dallach diese bedeutende Weichenstellung der westdeutschen Popgeschichte. Dabei kommen vor allem solche Musiker zu Wort, die zum erste Mal nicht mehr englischen oder amerikanischen Vorbildern folgten, sondern sich um eigene Ausdrucksformen bemühten, bei denen Improvisation und Experiment im Zentrum standen. Diese Pfadfinder neuer Stilformen ließen mit Klängen aufhorchen, wie man sie bis dahin noch nie gehört hatte, ob wohligen Synthesizerelegien, motorischen Rockgrooves oder esoterischen Klangcollagen. 


Can mit Sängerin Christine Lingh 


 

Das Buch von Dallach besteht ausschließlich aus Interviews mit mehr als sechzig Zeitzeugen, die weder kommentiert noch erläutert werden. O-Ton-Schnipsel aus den Gesprächen bündelt Dallach geschickt zu thematischen Schwerpunkten. Es beginnt in den 1950er Jahren (Nachkriegsjugend, Jazz), dann wird die Jugendrevolte der 1960er Jahre (lange Haare, WGs, Drogen) umkreist, um schließlich in den 1970er Jahre zu landen, wo die Musik vollends in den Vordergrund rückt und die führenden Formationen sowie einflußreiche Persönlichkeiten wie Rolf Ulrich Kaiser und Conny Plank mit eigenen Kapiteln bedacht werden. Dem schließt sich ein Ausblick in die Zukunft an, bei dem die Bedeutung des „Krautrock“ für die Musikhistorie noch einmal unterstrichen wird. 

 

Für Eingeweihte, die mit der Thematik und den Akteuren vertraut sind, mag dieses Patchwork-Verfahren einen gewissen Reiz besitzen, für Neueinsteiger kann es dagegen zu  einem Wirrwarr aus Stimmen und Meinungen zerfransen. Zudem liegt bei dieser Art der mündlichen Geschichtsschreibung Dichtung und Wahrheit oft eng beieinander, weil nach so vielen Jahrzehnten die Erinnerungen mehr und mehr verschwimmen und verblassen. „If you remember the sixties, you were not there!“ warnt ein Spruch aus den Woodstock-Jahren. Die Tendenz zur Selbstbeweihräucherung und Eigenstilisierung einzelner Musiker ist dann auch unüberhörbar, gerät gelegentlich fast schon zur peinlichen Prahlerei. 


Tangerine Dream, 1970 (Foto: Hudalla)




 

Im Fall von Kraftwerk stößt die Interview-Methode vollends an ihre Grenzen, da die Hauptakteure Ralf Hütter und Florian Schneider (1947-2020) seit langem keine Interviews mehr gaben, ja sogar die Frühphase der Band (inklusive der Vorgängergruppe Organisation) am liebsten aus den Geschichtsbüchern getilgt hätten. Andere Protagonisten sind bereits verstorben, so dass Dallach sich in diesen Fällen aufs dünne Eis des Hörensagens begibt. 

 

Wenn sich der Leser dieser Schwächen bewußt ist und außerdem die Musiker-Statements mit einer Prise Salz goutiert, kann man die Veröffentlichung als materialreiche Quellensammlung mit Gewinn lesen, kommen darin doch noch einmal etliche Beteiligte ausführlich zu Wort, die – altersbedingt – bald nicht mehr ihre Sicht der Dinge darlegen können, wenn sie nicht – wie Dieter Moebius – zwischenzeitlich bereits verstorben sind. 

 

Christoph Dallach: Future Sounds – wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp Taschenbuch; 511 Seiten mit einigen SW-Fotos; 18 Euro 

 

Sunday, 12 May 2019

Soloalbum von IRMIN SCHMIDT (Can)

Klang-Kalligraphie

cw. Can-Keyboarder Irmin Schmidt gibt Auskunft über sein aktuelles Piano-Album und die Geräusche, die entstehen, wenn man einen Rasierer über Klaviersaiten gleiten läßt

Sie haben gerade ein Album mit Klaviermusik veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Irmin Schmidt: Ich habe mit dem Produzenten und Aufnahmetechniker Gareth Jones, der mit Depeche Mode, Nick Cave und Einstürzenden Neubauten gearbeitet hat, 1991 das Album „Impossible Holidays“ gemacht. Da gibt es Klavier drauf. Von dem Moment an hat Jones immer gesagt, wir müssen einmal eine Klavierplatte machen. Das kam immer einmal wieder zur Sprache. Doch irgendwie fehlte mir die Vorstellung, was das hätte werden können. Deswegen kam es nicht zustande. Vor zwei Jahren trat ich gemeinsam mit Thurston Moore – dem einstigen Gitarristen von Sonic Youth – in Paris im Louvre bei einem Konzert auf, bei dem ich seit vielen Jahren wieder einmal Klavier spielte. Daraus entstand die Idee mit Gareth Jones eine Platte mit präpariertem Piano zu machen. Ich habe dann bei mir zuhause in Südfrankreich den einen meiner beider Flügel präpariert und Gareth Jones hat die Aufnahmen gemacht.

Wie sind die Aufnahmen entstanden?

IS: Ich habe nichts komponiert, nichts vorab entworfen. Wir wollten Umweltgeräusche einbeziehen, die wir in einem Schilfgebiet unweit meines Studios aufgenommen haben. Alle Stücke habe ich nur einmal gespielt – das wars! Sie sind alle durchweg aus dem Augenblick heraus erfunden. 

Frei improvisiert?

IS: Ich mag das Wort „Improvisation“ in diesem Zusammenhang nicht. Das sind spontane Kompositionen, was Stockhausen „intuitives Musizieren“ genannt hat. Man spielt also nicht einfach drauflos, sondern Stücke entstehen, indem man sich selber genau zuhört. Das ist wie japanische Kalligraphie, wo die Tuschezeichnungen ja auch im ersten Durchgang entstehen – aus der ersten Bewegung. Ein kühner Pinselstrich – das ist es! Daran wird dann nichts mehr verändert oder verbessert, und auch vorher macht man keine Skizzen oder Zeichnungen. Die Kalligraphie entsteht in diesem einzigen Moment. So habe ich auch das Klavieralbum eingespielt.

Wenn es keine Vorentwürfe oder Vorüberlegungen gab, haben Sie sich mental auf die Aufnahmen vorbereitet?

IS: 70 Jahre lang, seit ich Musik mache. Meine ganze Erfahrung floß in diese Aufnahmen ein, die dann – wusch! – in einem Moment realisiert wurden. Es gibt irgendwann einen Zeitpunkt, wo etwas reif ist. 

Die Musik ist sehr reduziert. Sie arbeiten viel mit Pausen, lassen die Akkorde ausklingen. Ist das eine Sache des Alters, dass man sich aufs Wesentliche konzentriert, alles Dekorative wegläßt?
                                                                                                                       Irmin Schmidt bei Can (Promo)
IS: Wir haben bei Can schon gelegentlich sehr reduktionistisch gearbeitet, natürlich auch manchmal sehr verdichtet und intensiv, doch es gab damals bereits diese äußerst ausgedünnten Passagen. Man fängt mit einem Ton oder Klang an und entwickelt daraus sehr vorsichtig etwas. Das ist immer ein Element unserer bzw. meiner Musik gewesen. Auf der aktuellen Pianoplatte habe ich das nur noch radikalisiert: Der Verzicht auf alles Überflüssige. Es ist also mehr ein Prinzip meiner generellen Musikauffassung als so etwas wie Altersreife.

Sie wählten dafür die Technik des präparierten Klaviers, die von John Cage entwickelt wurde …

IS: Ich habe ein Konzert mit Cage-Kompositionen von David Tudor Anfang der 1960er Jahre gehört und war von dem Ansatz fasziniert. Ich habe dann John Cage getroffen und mir das Prinzip des „prepared piano“ erklären lassen. Ich gab damals Klavierabende, wo ich neben Mozart auch die Avantgarde präsentiert habe – dabei kamen auch Cage-Stücke zur Aufführung. Aber eigentlich war ich damals Orchesterleiter, Dirigent.

Wie war die Publikumsreaktion auf solch radikalen Klänge?

IS: Sehr unterschiedlich. Ich erinnere mich an ein Konzert in Heidelberg, wo ich eine Cage-Komposition für präpariertes Klavier gespielt habe. Danach folgte ein Stück vor mir, bei dem ich meinen alten Remington-Rasierapparat über die Baßsaiten gleiten ließ, was ein ganz irres Geräusch ergab. Da kam ein älterer Herr schreiend auf die Bühne gestürmt und schlug mir den Klavierdeckel auf die Hände, so empört war er. „Wie können Sie nur?“ hat er gebrüllt und ist richtig tätlich geworden. Er musste von den Veranstaltern von der Bühne geholt werden. Das war natürlich die extremste Reaktion. Selbstverständlich gab es auch Zustimmung. Doch insgesamt war das Publikum recht gespalten.

Hören Sie daheim Klaviermusik?

IS: Eher beim Autofahren. Ich schalte das Autoradio an, und hier in Frankreich läuft da oft Klaviermusik von Bach bis Chopin – die ganze Klavierliteratur.

Wer sind ihre Lieblingskomponisten, was Klavierstücke anbelangt?

IS: Schumann, auch Brahms, die romantische Klavierliteratur. Dafür habe ich eine Vorliebe.

Wie sieht es mit zeitgenössischen Komponisten aus? 

IS: Natürlich Cage, aber auch Conlon Nancarrow mag ich sehr gerne. Doch sind seine Kompositionen für mechanisches Klavier entworfen, für das „Player Piano“, das mit Rollen betrieben wird. Das klingt absolut irre – fantastisch!

Irmin Schmidt: 5 Klavierstücke (Mute Records)

Saturday, 9 September 2017

Zum Tode von Holger Czukay

Der Klangzauberer

Zum Tod von Holger Czukay (24.3.1938 – 5.9.2017), Gründungsmitglied der wegweisenden Krautrockgruppe Can

cw. Ich habe ihn einmal getroffen, vor Jahren zum Interview in einem Kölner Café. Er war gut gelaunt, gab klare Antworten und plauderte nach einer Weile recht unverdrossen aus dem Nähkästchen. Holger Czukay hatte eine ganz eigene Art und Weise über Musik nachzudenken und zu sprechen. Von der avantgardistischen E-Musik konvertierte er zur Rockmusik, und ist doch im Herzen immer ein experimenteller Musiker geblieben. Dann tauchte er auf dem Cover meines „Revolte“-Buchs auf. Jetzt ist der Kölner Musiker im Alter von 79 Jahren gestorben, nur ein paar Wochen nach seiner Frau.

Als der Konzertpianist und Kapellmeister Irmin Schmidt nach einem längeren Amerikaaufenthalt 1967 über die Gründung einer experimentellen Musikgruppe nachdachte, lud er selbstverständlich auch seine Kollegen Holger Czukay zum Gespräch ein, den er vom Studium bei Karlheinz Stockhausen kannte und der damals als Musiklehrer seine Brötchen verdiente. Czukay galt als leicht versponnener Kauz, der an mathematischen Reihenkompositionen tüftelte, die nahezu unspielbar waren. Außerdem war er ein exzellenter Gitarrist.

Czukay brachte seinen Gitarrenschüler Michael Karoli zum Treffen mit – ein talentierter Beat-Gitarrist. Schlagzeuger Jaki Liebezeit komplettierte die Band, die sich bald Can nannte und immer mehr Richtung Rockmusik tendierte. Czukay blieb in dieser Konstellation nur die Baßgitarre, auf der er sich nicht unbedingt als Vituose erwies. Als Jaki Liebezeit ihn aufforderte, nicht so viel, sondern immer nur einen Ton auf die Eins zu spielen, kam ihm das entgegen. Das experimentieren mit Klangschnipseln und Wortsalat von den Kurzwellensendern war da schon eher seine Sache.

Im Wasserschloß Nörvenich im Kölner Umland fand die Band ihr erstes Domizil. Czukay baute den Proberaum zu einem primitiven Studio um. “Ich war damals Lehrer, hatte 1500 Mark gespart und konnte ein neues Tonbandgerät kaufen,” gab er zu Protokoll. „Jemand brachte noch ein zweites Tonbandgerät mit. Dann trieben wir noch ein Mikrofon auf und schon waren wir in der Lage, Aufnahmen zu machen - so einfach war das!”

Von nun an trafen sich die Can-Musiker fast täglich im Proberaum, um von nachmittags bis in die frühen Morgenstunden intensivst zu jammen und gemeinsam rumzuhängen. Ausgearbeitete Kompositionen gab es nicht, selbst auf die gröbsten Vorgaben wurde verzichtet. Aus diesen kollektiven Improvisationen destillierten Can ihr Konzept einer experimentellen kollektiven Rockmusik, bei der der Groove im Mittelpunkt stand.

Czukay schnitt jede Session auf Band mit, danach wurde abgehört, um Passagen zu identifizieren, die sich für eine Weiterarbeit eignen würden. “Instant composing’ nannte er das. Immer wieder kristallisierte sich ein Riff oder ein Sound heraus, mit dem sich weiterzuarbeiten lohnte. ”Um überhaupt zu unserer eigenen Sprache zu finden, war ein dauerndes Zusammensein nötig - Tag für Tag, Woche um Woche,” rekapituliert er Jahre später.

Czukay erwies sich als absoluter Meister der Schere, der Freude am Schneiden von Tonbändern hatte. „Das hat bei ihm zu Ausbrüchen von Leidenschaft geführt,“ erinnert sich Keyboarder Irmin Schmidt.

Die kreative Periode von Can dauerte etliche Jahre, in deren Schlußphase Holger Czukay immer mehr an den Rand geriet. Er spielte nun nicht mehr Baßgitarre, sondern konzentrierte sich vollkommen auf seine skurrilen Sounds vom Kurzwellenradio und von Tonbändern. 1977 war für Czukay bei Can endgültig Schluß. Er verließ die Band und bastelte fortan an diversen Soloalben, für die er mit Tonband und Schere raffinierte Soundcollagen formte.

Darüber hinaus arbeitete Czukay mit einer ganzen Reihe nahmhafter Musiker zusammen, die ein Faible für seine versponnenen Ideen hatten. Ob David Sylvian, The Edge, Jah Wobble oder die Eurythmics – alle hielten den Kölner für einen Klangzauberer mit einem untrüglichen Gespür für die wundersamsten Töne. In den letzten Jahren war es ruhiger um Czukay geworden, der zurückgezogen im ehemaligen Studio von Can in Köln-Weilerswist lebte, das er zur Wohnung umfunktioniert hatte. Dort wurde er von einem Anwohner tot aufgefunden.

Monday, 23 January 2017

WIR TRAUERN UM JAKI LIEBEZEIT (1938 - 2017)

FREUND JAKI
                                                                                                                                                     Foto: C. Wagner

Im scheinbar immer dichter werdenden Getöse und Gebrabbel der Gegenwart sind sie selten geworden: Menschen mit einer unverkennbar eigenen Stimme, die in Literatur, Journalismus, Musik, Kunst oder Film etwas eigenes, unverwechselbares zu sagen haben, etwas, das Bedeutung hat und sich von allem anderen unterscheidet. Jaki Liebezeit war so eine Person. Sein Trommelspiel war einzigartig, auch wie er darüber (und über Musik überhaupt) dachte und sprach. Da wurde sofort klar: Hier macht sich jemand seine eigenen Gedanken.

Doch anders wäre es für ihn auch gar nicht möglich gewesen, ein Künstler zu sein. “Wenn Du Picasso gut findest und dann so malst wie Picasso, bist Du kein Künstler, sondern ein Imitator,” war sein Diktum. Sein ästhetisches Bewußtsein war glasklar und unbestechlich. Hans Joachim Irmler und Andreas Schmid (Tontechniker im Faust-Studio), die mit ihm in den letzten Jahren zwei Alben abgemischt haben, können davon ein Lied singen. Deshalb war es auch kaum begreifbar für ihn, dass es heute mehr Schlagzeuger gibt als je zuvor „und alle spielen gleich!“ Nicht Jaki Liebezeit. Wie er trommelte, so spielte sonst niemand Schlagzeug. Ein paar Mal in seinem Leben hat er sein Schlagzeugspiel komplett umgestellt und wieder ganz von vorne begonnen, weil er das Gefühl hatte, in einer Sackgasse gelandet zu sein.

„A true innovator”, mailte mir der englische Jazzdrummer Tom Skinner heute morgen. Laurence Hunt, der Schlagzeuger von Pram, sendet folgende Erinnerung: „Seeing and hearing him play at Klangbad festival with Burnt Friedman was one of, if not the most memorable, refined and considered drum performances I have seen. I literally stood right up to the stage barrier, what a thrill!“ Und Florian Egli von der Züricher Gruppe Weird Beard, die im Sommer im Vorprogramm von Liebezeit & Irmler beim Sigmaringer Schlachthof-Festival aufgetreten waren, schreibt: „Den Zauber von Jaki's unaufgeregtem Spiel, dass die Energie nicht in der Dichte und nicht in der Lautstärke sucht, sondern in den langen und sehr feinen Bögen, welche er über einen ganzen Song drüber gespannt hat, das haben wir mitgenommen von dem Abend im Schlachthof.“ 


Ich hatte Jaki Liebezeit 2009 kennengelernt, als er beim Klangbad-Festival in Scheer mit Burnt Friedman auftrat. Davor hatte ich ihn in Liverpool mit dem Turntable-Artisten Philip Jeck und Jah Wobble am Bass gehört. Ich, der in meinem ersten Leben selbst mal Schlagzeuger gewesen war, stand das ganzen Konzert hindurch wie gebannt vor der Bühne und habe Liebezeit die ganze Zeit genau auf die Finger geschaut – und nichts verstanden, nicht kapiert, was er macht. Wahrscheinlich waren es seine ungeraden Metren, die mich verwirrten. Darin war er ein Meister. Er spielte in einem 7/4- oder 11/8-Metrum so selbstverständlich wie in einen 4/4-Takt.

 2010 wollten wir ihn dann zusammen mit Jah Wobble für einen Auftritt beim „Klangbad“ mit Hans Joachim Irmler gewinnen. Wobble winkte ab und wir dachten, dann würde auch Jaki einen Rückzieher machen. Doch Pusteblume! „Ich brauche keinen Bassisten,” meinte er am Telefon. „Geht auch ohne! Auf was ich allerdings Wert lege, ist eine ausführliche Probe.” So kam es zum Auftritt von B.I.L.L. (Bell, Irmler, Liebezeit, Lippok) beim Klangbad-Festival im August 2010 – ein wunderbarer Gig! Das Album – äußerst hörenswert!

                                                                                                             Glasgow 2015  (Foto: C. Wagner)
Ich habe noch Anfang Januar mit Jaki telefoniert, um ihm ein „gutes neues Jahr“ zu wünschen. Da schien er noch in guter Form zu sein. “Nicht viel los im Moment!” sagte er, weil kaum Auftritte anstanden. Er wollte sobald der Schnee weg war nach Scheer fahren, um die Aufnahmen abzumischen, die nach dem Auftritt mit Hans Joachim Irmler beim Sigmaringer Schlachthof-Festival im Juli 2016 im Faust-Studio entstanden waren: 22 Stunden Musik hatten die beiden in ein paar Tagen eingespielt. Damals beim Gespräch am Kaffeetisch kamen wir auf das Thema „Arbeit“ zu sprechen, und da zog Jaki eine Art Lebensbilanz, die gar nicht so schlecht ausfiel: „Ich hab noch nie in meinem Leben gearbeitet,” meinte er. „Ich hab mein Hobby zum Beruf gemacht, musste also nie arbeiten.”

Jaki Liebezeit war ein äußerst netter Mensch: offen, klug, zurückhaltend, zuvorkommend, freundlich, ja fast sanft, interessiert, mit wachem Geist. Am Sonntag, den 22. Januar 2017 ist er in Köln an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er hatte schon seit längerem mit Herz- und Lungenproblemen zu kämpfen. Beim Schlachthof-Festival im Sommer 2016 schien er mir zum ersten Mal gealtert. Wir mussten ihm eine Zwischenstufe an die Bühne stellen, damit er leichter hinauf kam. Seinem Trommelspiel war allerdings absolut nichts anzumerken: Das war so präzise, makellos und federnd wie eh und je.

Mit Liebezeit ist eine eigenständige Stimme verstummt, die unsere Gegenwart so bitter nötig hätte. Wir werden ihn schwer vermissen. Wer wird nun die geheimen Rhythmen und magischen Beats trommeln?

Mehr zu Jaki Liebezeit:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2013/07/trommelmaschinenmensch-jaki-liebezeit.html

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2014/12/nachdenken-uber-musik-mit-jaki_29.html

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2014/12/nachdenken-uber-musik-mit-jaki_26.html

Monday, 29 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT, Vol. 3

JEDE RHYTHMUSMASCHINE ÜBERTRIFFT MICH!

Seit Jahren, auch durch den Einfluß andalusischer, nordafrikanischer, arabischer und türkischer Musik, hat sich Jaki Liebezeit auf ungerade Metren spezialisiert, die er "krumme Rhythmen" nennt. 5er, 7ner, 9er und 11er Takte spielt er mit dem Elektroniker Burnt Friedman in ihrem gemeinsamen "Secret Rhythms'-Projekt, das jetzt schon über 10 Jahre dauert. Liebezeit zerlegt die "krummen Rhythmen" in kleinere Untereinheiten: ein 11er Rhythmus wird dann etwa zu 4+3+4. Das macht den Rhythmus spielbarer, vor allem wenn er organisch swingen soll, auf was er abzielt. Liebezeit übt diese Beats endlos auf seine motorisch-monotone Weise, kein Wunder, dass er überall im Alltag rhythmische Analogien und metrische Zyklen sieht, auf die er mit feiner Ironie hinweist.

„Allein die Woche ist ja schon ein ungerader Rhythmus. Keiner hat Probleme damit, dass das sieben Tage sind. Wie heisst es noch? 'Die Welt wurde an sieben Tagen erschaffen. Am siebten Tag war Ruhetag.' Das heisst für mich als Rhythmiker: Ich mache sechs Schläge und der siebte ist ne Pause. Dann wiederholt sich das – Jahrtausende!“

Bei meinem Besuch im Juni 2014 in Köln kramte Liebezeit eine amerikanische Musikzeitschrift hervor mit einem Portrait über ihn. Er wird dort als "the most repetitive Drummer on the planet" beschrieben: Sein Kommentar: 

"Das ist natürlich Quatsch: jede Rhythmusmaschine übertrifft mich!” Jaki Liebezeit, 2014

Zum Nachruf:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/01/wit-rauern-um-jaki-liebezeit-1938-2017.html

Tuesday, 23 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT Vol. 1

Gibt es schlechte Sounds?

Foto: Christoph Wagner
Im Juni 2014 war ich in Köln bei einer Rundfunkproduktion, und konnte am Nachmittag davor einen Besuch bei Jaki Liebezeit in seiner Wohnung im Eigelstein-Viertel machen. Den ehemaligen Drummer der Rockgruppe Can hatte ich vor ein paar Jahren auf dem Klangbad-Festival in Scheer (Oberschwaben) kennengelernt - ein freundlicher, unprätensiöser und kluger Zeitgenosse. Ich führte ein längeres Interview mit ihm, das ich jetzt für eine SWR-Produktion über Jaki (Sendetermin: März 2015) transkribiert habe. Im Zuge des Gesprächs sagte er ein paar interessante Dinge, über die es sich vielleicht nachzudenken lohnt. Einer seiner Punkte lautete:


„Meiner Meinung nach gilt für die Trommel: Wie man reinhaut, so klingt es heraus! Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Deshalb kann ein schlechter Sound, gut gespielt, plötzlich gut klingen. Wenn es überhaupt schlechte Sounds gibt? Das ist Geschmacksache! Gibt es schlechte Farben? Kommt der Maler und malt mit einer Farbe, wo jeder denkt, das ist eine hässliche, aber dann malt der etwas damit und plötzlich sieht die Farbe toll aus.“ Jaki Liebezeit, Juni 2014

RADIO RADIO RADIO:

Sonntag 15.3.2015 / 23.03-24.00 Uhr
SWR2 / Musikpassagen
Wie eine Maschine, nur besser
Die Verwandlungen des Schlagzeugers Jaki Liebezeit
von Christoph Wagner