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Sunday, 19 April 2026

Pop-Geschichte vor Ort: Das Beispiel Stuttgart-Fasanenhof

Von Birth Control über Wallenstein bis zu Can

Wie kleine Initiativen die Rockszene im Südwesten prägten

Plakate: Sammlung Hans-Peter Haag



Gestern Abend war ich Gast bei einer Veranstaltung im rappelvollen Kinder- und Jugendhaus Stuttgart-Fasanenhof, wo es um die Anfänge der Rockmusik dort vor Ort und im größeren Zusammenhang ging. In einem Powerpoint-Vortrag gab ich zum Einstieg einen Überblick über die Anfänge der Rockmusik im Großraum Stuttgart, angefangen bei Clubs wie der Manufaktur in Schorndorf, wo durch die "Connections" von Werner Schretzmeier, der damals beim SDR-Fernsehen die Pop-Sendung "P" betreute, schon in den späten 1960er Jahren die heissesten Bands aus England und Irland spielten wie Black Sabbath, The Nice oder Taste (mit Gitarrenstar Rory Gallagher). Das sogenannte "Stuttgarter Popverbot", das die Stadt wegen den Ausschreitungen bei Popkonzerten in der Liederhalle und auf dem Killesberg verhängte, begünstigte kleine Popkonzertinitiativen in der Landeshauptstadt, ob in Stuttgart-Feuerbach oder eben im Stadtteil Fasanenhof. 

Foto: Joachim Schneider

Und hier kam jetzt Hans-Peter Haag ins Spiel, der als Jugendlicher mit einer Initiative namens IG Freizeit, die aus der katholischen Jugend hervorging, begann, in der Turn- und Versammlungshalle Stuttgart-Fasanenhof Rockkonzerte zu veranstalten: 1972 fing es mit Birth Control an, dann ging es weiter mit Gruppen wie Man, Embryo, Missus Beastly, Wallenstein, Eulenspygel und Can. Dabei gingen die Jugendlichen kein unbeträchtliches Risiko ein. Wären die Konzerte Flops geworden, hätte der Abmangel aus der eigenen Tasche beglichen werden müssen. Es ging aber alles gut: Die Konzerte zogen Hunderte von Fans an, was die IG Freizeit wiederum veranlasste, in größere Hallen zu gehen wie das Gustav-Siegle-Haus.  


Haag machte aus seinem anfänglichen Hobby einen Beruf und wurde professioneller Rockkonzertveranstalter mit dem Stuttgarter Konzertbüro Music Circus, das seit 1977 bis heute Popkonzerte in der Region ausrichtet, vor allem dann auch zahlreiche in Sindelfingen und Böblingen. Haag plauderte aus dem Nähkästchen und erzählte von eindrücklichen Erlebnissen als Popkonzertveranstalter mit Gruppen wie Queen, Genesis oder AC/DC. Als Haag und die IG Freizeit abtraten, übernahmen jüngere Leute den Staffelstab, die als Club Orion und Con Spezial in Stuttgart-Fasanenhof weiterhin Discos und Partys veranstalteten. 


Zwischen den einzelnen Programmpunkten präsentierte die Progrock-Band Backyard, bei der Dorothea Rehme Flöte und Saxofon spielte, ein paar Nummern der holländischen Rockband Focus, die ins geschilderte Zeitgeschehen passten. Es war beeindruckend zu hören, wie in einer Trabantenstadt wie Stuttgart-Fasanenhof über Jahrzehnte Zusammenhalt geschaffen wurde, ursprünglich initiiert durch Popmusik und Rockkonzerte. Ein Zusammenhalt, der offenbar bis heute besteht.  

Tuesday, 16 September 2025

THE GREAT SITAR EXPLOSION

Raga-Rock

Wie die Sitar die Rockmusik revolutionierte


Die Beatles 1966 in Indien


1967 – Summer of Love! Eric Burdon & The Animals wirbeln mit einem neuen Album mächtig Staub auf. Sein Titel: “Winds of Change”. Das Eröffnungsstück mit dem gleichen Namen kommt einer Aufzählung all der Pop-Rebellen und jungen Wilden gleich, die damals mit ihrer Musik für Aufruhr sorgten: Die Beatles, die Rolling Stones, Frank Zappa, The Mamas and Papas, Jimi Hendrix und - man höre und staune -: Ravi Shankar, der indische Sitarvirtuose!  


Shankars Einfluss hatte wohl auch die Animals dazu animiert, den Song in Sitarklänge zu tauchen, die damals als der letzte Schrei galten. In der 2. Hälfte der 60er Jahre war das indische Saiteninstrument mehr und mehr in Mode gekommen und hatte die Popmusik in exotische Klänge getaucht.


Die Sitar war Teil des ”Winds der Veränderung”, der damals die Popmusik erfasste. Neue Klänge verwandelten Beat zu Rock. Gitarristen erzeugten mit Verzerrern, Phasern und Wah-Wah-Pedal die abenteuerlichsten Sounds. Tonstudios wurden zu experimentellen Klanglabors umfunktioniert und Erfindungen wie der Synthesizer lieferten neuartige Töne. Der buntschillernde Klang der Sitar fügte sich da nahtlos ein.


Für die Woodstock-Generation wurde die Sitar zum Symbol östlicher Spiritualität und Mystik. Das Instrument stand für eine Sehnsucht nach dem Orient. Indien wurde zum Traumland der Gegenkultur verklärt  - zum exotischen Paradies, frei von den Malaisen der westlichen Moderne. Mit Hermann Hesse, Zen-Buddhismus und transzendentaler Meditation hoffte man Erleuchtung zu finden und zu den Quellen der Weisheit vorzustoßen. Räucherstäbchen, indische Tücher, Kettchen und Sandalen avancierten zu Kennzeichen von Aussteigern und Zivilisationsmüden auf der Suche nach anderen Daseins- und Bewußtseinsformen. 


Die Beatles machten es vor. 1967 besuchten die vier Pilzköpfe in Bangor in Wales einen Kurs für transzendentale Meditation beim indischen Guru Maharishi Yogi, um ihn später in Indien erneut zu besuchen. Die Presse berichtete ausführlich.


Vor der spirituellen Suche waren die Beatles musikalisch fündig geworden. Bereits 1965 tauchte auf dem Titel “Norwegian Wood” vom Album “Rubber Soul” eine indische Sitar auf - das erste Mal in der Geschichte der Popmusik. Sie wurde vom Leadgitarristen George Harrison gespielt und verlieh dem Song einen ganz speziellen Charakter. Das klang frisch und neu! 


Der Sound sorgte für Furore. Immer mehr Popgruppen setzten das exotische Zupfinstrument ein, und mehr und mehr Stücke landeten in den Charts, auf denen die schwirrenden Töne der Sitar zu hören waren. Bald machte in der Presse das Wort von der “Great Sitar Explosion” die Runde.


Dass die Sitar so große Beachtung fand, war das Verdienst hauptsächlich eines einzigen Musikers: Ravi Shankar! Sein Name wurde zum Synonym nicht nur für die Sitar, sondern für exotische Musik überhaupt. 

Shankar war 1956 zum ersten Mal für Konzerte in den Westen gekommen. In England, Deutschland und den Vereinigten Staaten stellte er ein Programm aus Ragas vor und nahm in London sein erstes Album auf. Weitere Einspielungen folgten. Shankars Popularitätskurve zeigte steil nach oben. 1967 trat er beim ersten großen Popfestival der Geschichte im amerikanischen Monterey auf. Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Who lagen ihm zu Füßen. Der indische Sitarvirtuose stieg zu einem Idol der Blumenkinder auf. 1969 beim Woodstock-Festival feierte ihn eine halben Million Zuhörer nach einem spektakulären Auftritt.


Jazzgitarrist Gabor Szabo wirbt für ein Sitar-Imitat




Durch die Unterstützung junger Popstars wurde Ravi Shankar selbst zum Star. Bei einer Aufnahme-Session 1964 in Los Angeles hatte er den Folkrockmusiker David Crosby kennengelernt. Crosby steckte mit seiner Sitar-Begeisterung nicht nur seine Kollegen von der Gruppe The Byrds an, sondern auch die Beatles. 


Obwohl die Byrds selbst nie das Instrument einsetzten, spielten sie im Herbst 1965 ein paar Titel ein, auf denen sie mit der elektrischen Gitarre den Sound des indischen Saiteninstruments nachahmten. Nach dem Gesang greift im Titel “Why” Roger McGuinn, der Gitarrist der Byrds, energisch in die Saiten, wobei er die Töne in Sitar-Manier zieht und biegt.


Ravi Shankars Konzerte im Westen fanden ein beachtliches Echo. Der Starviolinist der klassischen Musik Yehudi Mènuhin wurde sein größter Fan. Auch Popmusiker horchten auf - die ersten waren die Yardbirds. Sie hatten noch vor den Beatles und “Norwegian Wood” mit der Sitar experimentiert. Zur ersten Aufnahmesession mit der Band hatte ihr damals neuer Gitarrist Jeff Beck das Instrument mit ins Studio gebracht. Beck besaß ein Ohr für außergewöhnliche Sounds und gab dem Titel “Heart Full of Soul” einen psychedelischen Touch. Doch die Schallplattenfirma stellte sich quer. Der Sitar-Sound wurde als zu skurril empfunden. Erst mit den Beatles stieg die Akzeptanz. Die Yardbirds musste deshalb eine zweite Version aufnehmen, diesmal mit E-Gitarre statt Sitar.


In den Regenbogenklängen der Sitar manifestierte sich der Zeitgeist der Hippie-Ära, der sonst in bunten Batik-T-Shirts, bewußtseinserweiternden Drogen und pulsierenden Lightshows zur Geltung kam.  Für die meisten Popbands war die Sitar nur ein modischer Gag. Nicht für George Harrison von den Beatles, der bei Ravi Shankar ernsthaft Unterricht nahm. 


Immer wieder griff Harrison auf das Instrument zurück, etwa auf “Love to you” vom Album “Revolver” von 1966. Tiefer drang er im Stück “Within you, without you” in die indische Musik ein, das auf “Sgt. Pepper” von 1967 enthalten ist.


Die Beatles und die Yardbirds fungierten als Türöffner. Die Rolling Stones, die Animals, Traffic, The Move und Donovan folgten nach. Für einen kurzen Zeitraum avancierte die Sitar zum absoluten Modeinstrument des Pop. Das Wort vom “Raga Rock” machte die Runde, ein Begriff, der von der typischen Musikform Indiens namens Raga   entlehnt war, mit der die Sitar am engsten verbunden ist.


Dave Mason von Traffic mit Sitar




Selbst Folkmusiker öffneten sich dem Neuen. Die Incredible String Band und ihr Produzent Joe Boyd ließen sich von exotischen Klängen verzaubern. Neben Robin Williamson war Mike Heron die andere Hälfte des Duos aus Schottland, das innerhalb weniger Jahre von einer traditioneller Folkcombo zu einer psychedelischen Acid-Folk-Band mutierte, ein Sprung, zu dem neben Drogen vor allem das exotische Instrumentarium beitrug. “Nachdem wir das erste Album gemacht hatten, ging Robin nach Marokko und hatte eigentlich nicht vor, zurückkommen. Als er zurückkehrte, brachte er eine Menge Musikinstrumente mit und hatte all diese Songs geschrieben - sehr inspiriert,” erinnert sich Mike Heron. “Wir taten uns wieder zusammen, fuhren nach London und nahmen unser zweites Album auf: Five-thousand Spirits, das viel psychedelischer klang. Wir zogen einen Sitarspieler hinzu, weil ich damals noch nicht Sitar spielen konnte. Robin spielte eine Vielzahl von Instrumenten: Flöte, Geige, Perkussion. Ich spielte dagegen nur Keyboard und Gitarre - das war alles. Das brachte mich dazu. die Sitar zu erlernen. Wir hatten das Gefühl, das sie gut zu den Songs passte. Ich nahm Unterricht bei einem indischen Sitarspieler in London, der mir ein Instrument besorgte und mir die Grundlagen beibrachte. Ich konnte ein bißchen spielen und wurde besser. Das Lied “Nightfall” stellt den Höhepunkt meines Sitarspiels dar. Danach gab ich es auf.”   


Mike Heron (The Incredible String Band) mit Sitar




Von Großbritannien sprang der Funke aufs europäische Festland über. In Deutschland griff die Münchner Underground-Formation Amon Düül 2 den Trend auf. Weil es die exotischen Klangerzeuger nirgends zu kaufen gab, griff man kurzerhand zur Selbsthilfe und entwendete zwei tibetanische Schalmeien sowie eine Sitar aus dem Münchner Stadtmuseum, die 1970 auf dem Album “Tanz der Lemminge” zu hören war.


Größere Bedeutung besaß die Sitar für die Gruppe Krokodil. Das Saiteninstrument avancierte zum Wahrzeichen der Band und zierte sogar ihr Logo. Krokodil stammten eigentlich aus Zürich, wurden aber zur deutschen Szene gerechnet, weil sie pausenlos zwischen Konstanz und Flensburg unterwegs waren, sowie beim Münchner Liberty-Label unter Vertrag standen. “Wir haben ziemlich schnell Stücke gemacht, die psychedelisch angefangen haben, also z.B. mit Sitar und Congas, und mehr solchem indisches Zeug, und dann haben wir das sich entwickeln lassen und nach einer halben Stunde sind wir erst auf den Punkt gekommen. Wir haben auf der Bühne improvisiert und Stimmungen erzeugt. Das ist das Markenzeichen von Krokodil gewesen,” erzählt Düde Dürst, Schlagzeuger der Band. “Das hat eigentlich sonst niemand in dieser Art gemacht - akustisch. Unser Gitarrist Walty Anselmo hat sich schon ganz ganz früh, also in den sechziger Jahren, für Sitar interessiert und besaß sogar mehrere Sitars. Wir haben das schön gefunden und total gut und passend zu unseren Ideen. Und deshalb haben wir gefunden, er müsste die Sitar einsetzen. Das ist einfach eine stimmige Geschichte gewesen und anders. Das hat es einfach so nicht mehr gegeben.”


Die Schweizer Rockband Krokodil mit Sitar




Als die Sitarwelle abebbte, verschwand das Instrument nicht völlig von der Bildfläche. Bis heute greifen Rockmusiker immer wieder darauf zurück  - ob Coldplay, die Red Hot Chilly Peppers, Lenny Kravitz oder Fatboy Slim. Auch bei Beck Hansen wird man fündig. Schon auf seinem Megahit “Loser” von 1994  trug eine Sitar zur Gesangsbegleitung bei, von Beck selbst gespielt und im Overdub-Verfahren im Studio dazugemischt. Ein paar Jahre später tauchte auf dem Album “Mutations” erneut eine Sitar auf. Diesmal hatte Beck den routinierten Sessionmusiker Warren Klein ins Studio geholt, der schon in den 60er Jahren in der Gruppe Fraternity of Man das indische Instrument gespielt hatte. 


Für Popmusiker aus Großbritannien mit indischem Migrations-Hintergrund ist die Sitar zum Wahrzeichen ihrer Identität geworden. Das Instrument gibt ihnen das Gefühl, mit ihrer ehemaligen Heimat weiterhin verbunden zu sein. Musiker und Bands aus diesem Milieu sorgen dafür, dass es auf der Popszene präsent bleibt. Die Gruppe Cornershop aus Leicester in Mittelengland wurde 1997 durch ihren Megahit “Brimful of Asha” zu einem Begriff. In ihrem ganz speziellen anglo-indischen Ethno-Pop taucht neben den Tablas und dem Harmonium auch die Sitar auf.


Am weitesten wagt sich Anoushka Shankar vor. Die Tochter des Sitarpioniers Ravi Shankar bastelt an der großen Weltmusik-Synthese. In ihrer Musik wird alles durcheinander gewürfelt: verfremdete Sitarklänge, neuste Studio-Elektronik, Elektro-Beats, Synthi-Sounds und Tablas. Dabei entsteht ein Ethno-Mix des 21. Jahrhunderts, der tauglich für Dancefloor und Weltmusik-Disco ist. Erfolgreich surft die Sitar auf jeder neuen Welle des Pop.


Tuesday, 26 August 2025

DAVID BOWIEs Hungerjahre

David Bowie – bevor der Erfolg kam

Auf der Seite im längst verblichenen Melody Maker, wo immer die anstehenden Konzerte aufgelistet waren, findet man die Namen all der legendären Clubs, die Popgeschichte geschrieben haben: Der Marquee, der Club100, das Mother's in Birmingham usw. 

In der Ausgabe vom 24. Februar 1970 bin ich auf einen bemerkenswerten Gig gestoßen, der im Hounslow Art Lab, das von Dave Cousins von The Stawbs betrieben wurde, einen Auftritt von David Bowie & His New Electric Band ankündigt. Die Konzerte des Hounslow Art Lab wurde wohl in einem Nebenzimmer des Pubs White Bear in der Kingsley Road in Hounslow, West-London, abgehalten. Den Pub existiert bis heute.

David Bowie hat ja, bevor er mit Ziggy Stardust zum Star wurde, Jahre auf der Schattenseite der Popszene zugebracht, als niemand etwas von ihm wissen wollte. Was bei diesem Auftritt auffällt, ist die zweite Gruppe des Abends: Seasoning with Maggie Nichols, bei der es sich wohl um die spätere Freejazz-Vokalistin Maggie Nicols handelt. Eine Band, die keinerlei Spuren hinterlassen hat, und trotzdem ein Konzert, das ich gerne besucht hätte.



 

Monday, 18 August 2025

Sie können auch anders – Deep Purple als Jazzcombo

Der Stuttgarter Jazz-Jam von Deep Purple

Ich weiß nicht mehr, wer mir vor einiger Zeit von einem Intermezzo von Deep Purple im Stuttgarter Jazzclub Atlantik erzählte? Nach einem Auftritt in Stuttgart sei die ganze Band ins Atlantik gepilgert und hätten dort eine Session hingelegt, die es in sich hatte: Sie hätten jazzmäßig derart aufgedreht, das den Zuhörer der Mund offen stehen blieb. 

Ich war mir nie ganz sicher, wie groß der Legendenanteil an diesem Bericht war, bis ich neulich bei der Lektüre eines Melody Makers von 1970 (Ausgabe vom 10. Oktober 1970) auf einen "Blind Fold Test" mit dem Purple-Drummer Ian Paice stieß. Ihm spielten sie auch einen Aufnahme vom Jazztrompeter Nat Adderley vor, wodurch Paice ins Schwärmer über seine Bandkollegen geriet: "It reminds me of a jazz blow we had in Germany," sagt der Schlagzeuger. "Ritchie Blackmore played all his fast runs and blew them all out. Who are these Rock 'n' Rollers playing Jazz!" ("Das erinnert mich an einen Jazz-Jam, den wir in Deutschland hatten. Ritchie Blackmore spielte all seine schnellen Läufe und hat sie alle weggeblasen. Wer sind die Rock 'n' Roller, die einen solchen Jazz spielen?)

Das ist alles nicht so verwunderlich. Im Sommer 1969 hatten Deep Purple auf einem Jazz-Festival im belgischen Bilzen gespielt ("Jazz Bilzen"), bei dem – neben anderen Rock- und Bluesbands wie Taste und der Bonzo Dog Band – auch das Ornette Coleman Quartet sowie Keith Jarrett mit seinem Trio auftraten.

Sunday, 17 August 2025

War "Motörhead"-Lemmy (1945-2015) ein Neo-Nazi?

Hakenkreuz am Gitarrenhals

Man weiß: Der Bandleader von Motörhead hatte merkwürdige Vorlieben. Lemmy hat Nazi-Memorabilia gesammelt, aber immer verneint, dass er Sympathien für die nationalsozialistische Ideologie hegen würde. Jetzt ist mir in einem Melody Maker von 1970 ein Foto von Hawkwind (Hit: Silvermachine) untergekommen, der Band, in der der 25jährige damals Bassgitarre spielte und sang, bevor er Motörhead gründete. Auf diesem Foto ist deutlich oben an seinem Baßgitarrenhals ein Hakenkreuz zu erkennen. Wie ist das mit seinen Beteuerungen in Einklang zu bringen? Was ist von seiner Distanzierung zu halten? 

Selbstverständlich konnte man in England problemlos jeden aus der älteren Generation auf die Palme bringen, wenn man mit einer "Swastika" am Gitarrenhals herumlief. Das war die ultimative Provokation. Wenn Ian Fraser Kilmister (aka Lemmy) Buddhist gewesen wäre, hätte man die Swastika auch als uraltes buddhistisches Zeichen deuten können, das in Asien als Glückszeichen gilt. Von diesem "Zen"-Lemmy ist aber nichts bekannt und auch eher unwahrscheinlich. Sein  Lebenswandel war nicht gerade auf mönchische Weltentsagung ausgerichtet.

Das alles zusammen ist dann doch ziemlich merkwürdig? War es mehr als eine spät-pupertäre Hirnlosigkeit? Mehr als die prickelnde Lust am Skandal, am Gefühl, zweifellos ein absolut echter "Contrarian" zu sein gegen dieses ganze Love-Peace-&-Happiness-Gedöns?



Saturday, 9 August 2025

Die Anfänge der Rockmusik im schwäbischen Hinterland

"Aus England!" – und der Saal war voll

Als erste Rockbands in die schwäbische Provinz kamen

Als Anfand der 1970er Jahre die ersten Rockgruppen zu Konzerten nach Südwestdeutschland kamen, war "England" das Zauberwort. Kam eine Band von der Insel, war der Saal garantiert voll. Die anti-kommerzielle Konzertinitiative GIG aus Reutlingen machte sich das zunutze, buchte englische Bands für ein oder zwei Wochen für eine Festgage und bot dann die Band Jugendinitiativen auf dem Land für Auftritte an. Risiko für die lokale Konzertinitiative: null! Nachdem die Unkosten beglichen waren, ging das Restgeld an GIG, die damit die englische Band bezahlte. Da die Eintrittspreise damals extrem niedrig gehalten wurden, waren immer 500 bis 1.000 Besucher in der Halle, und die Rechnung ging auf, solange bis sich das Prädikat "aus England" abgenutzt hatte, was ein paar Jahre dauerte.

Die englische Band Warm Dust war eine sechsköpfige Gruppe mit Bläsersatz, die mit GIG zusammenarbeitete und darum häufig in Südwestdeutschland auftrat. Im Melody Maker, der führenden Musikzeitung für Rock, Pop, Jazz und Folk damals in Großbritannien, erschien in der Ausgabe vom 17. April 1971 ein Werbeanzeige, die stolz eine lange Tournee durch Westdeutschland annoncierte, wobei die Band offenbar sagen wollte, auch wenn wir in England noch in der dritten Liga spielen, so haben wir doch Erfolg in "Germany", wobei der Südwesten besonders stark vertreten ist: Heidelberg, Karlsruhe, Rottweil (25. April 1971), Stuttgart (3. Mai), Nürtingen (4. Mai), Esslingen (5. Mai), Mengen (6. Mai) und Hechingen (8. Mai). Dort, im Museumssaal der Gastwirtschaft Museum in Hechingen, habe ich damals als 14jähriger Warm Dust erlebt und war schwer beeindruckt. Die Gruppe war live eine echte Wucht. Im Herbst des selben Jahres war Warm Dust schon wieder im Südwesten unterwegs und trat u.a. am 3. Oktober 1971 in Sindelfingen in der Ausstellungshalle auf, im Vorprogramm die Stuttgarter Gruppe Gila mit ihrem Gitarristen Conny Veit, der später bei Guru Guru und Popol Vuh spielte. Im Juni 1972 war Warm Dust schon wieder im Südwesten unterwegs und trat dabei wiederum in Sindelfingen auf.



Dieser progressive Rock von Warm Dust mit Jazz- und Soul-Einschlag ist auch heute noch hörenswert – recht ordentlich gealtert. Ein Titel aus dem Beat-Club von Radio Bremen: ein Cover von "Indian Rope Man", das ursprünglich von Richie Havens stammt.



Wednesday, 6 August 2025

DIE ERSTEN POPFESTIVALS IN DEUTSCHLAND

Nur Muddy Waters fiel aus

Das 1. Rockfestival in Deutschland 1969

Im Anschluß an Woodstock und das Popfestival auf der Isle of Wight, brach in Westdeutschland 1969/1970 das Festivalfieber aus. Junge Impressarios, die nicht selten auf das schnelle Geld hofften, zogen allerorten Popfestivals auf, meistens Open-Air. Dabei arbeiteten sie mit englischen Agenturen zusammen, die ihnen die Bands vermittelten. Nach den Internationalen Essener Songtagen 1968, einem Festival der Gegenkultur, finanziert durch das Jugendamt der Stadt Essen, fand 1969 wiederum in der Essener Grugahalle das erste "kommerzielle" Rockfestival statt, das Konrad Mallison in Zusammenarbeit mit der Londonder Agentur Planned Entertainments durchführte. Das Programm des dreitägigen Events stand sogar in der britischen Musikzeitschrift Melody Maker, wobei nur Muddy Waters nicht auftrat.



Abgewickelt wurde solche Festivals oft so, dass die Musiker der verschiedenen Bands mit einer Chartermaschine von London an den jeweiligen Ort in Germany geflogen wurden. Die Roadies waren hingegen mit den Sattelschleppern voller Epuipment schon zuvor zu den Auftrittsorten unterwegs, weil ja damals noch jede Bands ihre eigenen Verstärker, Lautsprecher, Licht und Instrumente mitbrachte. Hier die britischen Rockmusiker, die 1970 von London aus zum Popfestival nach München flogen. (Melody Maker, 18.Juli 1970)




Monday, 2 June 2025

Der Star-Club Bietigheim – Popveranstalter im Südwesten

Die Rock-Rebellion in der Provinz

Pop-Festival, Bietigheim 23. April 1973

In Bietigheim war eine der aktivsten Popagenturen in Baden-Württemberg aktiv: Anfangs firmierte die Firma von Carlo Enchelmaier und Helmut Klass unter dem Namen Star-Club/Bietigheim, wobei sie Beat-Konzerte zwischen Ludwigsburg, Heilbronn und Pforzheim organisierten. Sie buchten diverse Festhallen auf dem Land für Samstagabend und fuhren dann im Rotationsystem vier bis fünf Beatbands hin und her. Als Ende der Sixties Beat zu Rock mutierte, blieben sie am Ball und vermittelten Bands wie Brian Auger's Oblivion Express und Hardin & York an Popinitiativen in den Städten und auf dem Land. Der Star-Club/Bietigheim nannte sich dann in Euro-Musik um und ging größere Veranstaltungsprojekte an, wie die German Super Rock Festivals, die 1973 und später mit ausschließlich deutscher Beteiligung (Guru Guru, Atlantis, Birth Control usw.) überall dort im Südwesten über die Bühne gingen, wo es eine größere Halle gab. In Bietigheim richtete der Star-Club am Ostermontag 1973 ein größeres Festival aus mit beachtlicher Beteiligungen renommierter Bands des progressiven Rock. 


Aus SOUNDS 4-1972


Tuesday, 27 May 2025

Rock-Archäologie: Lindau-Popfestival 1973

Lindau-Popfestival 1973

Fernsehmitschnitt von den Scorpions, Atlantis, Guru Guru, Rattles und Subject Esq.

Nicht nur in den Metropolen, auch vielerorten in der Provinz machte sich die Rockrevolte in den 1970er Jahren bemerkbar, wie diese Ankündigung von einem Fernseh-Mitschnitt eines Popfestivals mit westdeutschen Rockbands in Lindau am Bodensee zeigt. Miche Hepp, der die äußerst empfehlenswerte website 'Hinterland – Musikmagazin für Oberschwaben und überall' betreibt – https://www.hinterland-rocks.de/ – hat mir diesen Zeitschriftenausschnitt aus der BRAVO zukommen lassen. 


Thursday, 7 November 2024

Das deutsche Woodstock – Flower-Power in der Pfalz

Jetzt steht die ARTE-Doku über das 2. British Rock Meeting 1972 in der Nähe von Germersheim online – unbedingt sehenswert:

https://www.arte.tv/de/videos/117162-000-A/das-deutsche-woodstock/

Curved Air in Germersheim, die Band, die das Festival am Pfingstdienstagmorgen beendete. Es war eine der Gruppen, wegen denen mein Kumpel Bernhard Schuler und ich zu dem Festival gepilgert sind. Nach drei Tagen fast ohne Schlaf überfiel Bernhard eine Art bleierne Müdigkeit, die so überwältigend war, dass er den Auftritt von Curved Air schlafend verpasste. Ich versuchte ihn noch wach zu rütteln, doch da war nichts mehr zu machen.  

Foto: Manfred Rinderspacher




Monday, 30 September 2024

Rock 'n' Roll Café, Texas 1969

Die Arhoolie Foundation hat begonnen, Fotos und Dokumente des legendären Plattenlabel-Betreibers, Musikforschers und Fotografen Chris Strachwitz (1931 – 2023) zu veröffentlichen, darunter ein fantastisches Foto von Aline Dillard's Rock and Roll Café, aufgenommen von Strachwitz in Texas, 1969.

Hier der Internet-Zugangs zu diesem interessanten Quellenmaterial, das Strachwitz im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat – eine Fundgrube für Roots-Music aus den USA:

https://digitalcollections.arhoolie.org/collections/chris-strachwitz-collection


Mehr zu Chris Strachwitz und Arhoolie Records:

https://christophwagnermusic.blogspot.com/2012/10/labelportrait-arhoolie-roots-music.html

Saturday, 14 September 2024

Das Erbe des Merseybeat

Beatles-Archäologie

Liverpool und der Merseybeat


in einer Seitenstraße im Zentrum von Liverpool (Foto: Christoph Wagner)

Liverpool vermittelt das Gefühl einer leeren Stadt. In Zeiten des Empire war die Hafenstadt am Mersey das Tor nach Amerika, ein riesiger Seehafen mit kilometerlangen Dockanlagen. Davon zeugt heute noch die eindrucksvolle Architektur. Doch verglichen mit der glorreichen Vergangenheit, ist Liverpool heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Stadtkorpus wirkt um einiges zu groß für die geschrumpfte Einwohnerzahl. Die Prachtstraße entlang der Uferpromenade, gesäumt von den Protzbauten der ehemaligen Reedereien und Handelsgesellschaften, ist nur mäßig befahren und wenn man in der Innenstadt nur fünfzig Meter von der Haupteinkaufsmeile (Bold Street) abbiegt, geht man durch leeren Gassen. 


Allein die Geschichte verströmt noch etwas Glanz. Vor allem in der Mathew Street tummeln sich die Touristen. Das verwinkelte Sträßchen gilt als Wiege der Popmusik. Eine Metallstatue markiert den heiligen Ort, die John Lennon in Lebensgröße zeigt. Lässig steht er da in Halbstarken-Pose an eine Hauswand gelehnt mit spitzen Cowboystiefeln, Röhrenjeans, Pullover und  offener Lederjacke, dazu der typischen Pilzkopf-Frisur. Gelangweilt hat er die Hände in den Hosentaschen vergraben. 


Die Lennon-Statue ist hier nicht zufällig postiert. Schräg gegenüber befand sich einst der Eingang des legendären Cavern-Club, dem Ort, wo Anfang der 60er Jahre die Karriere der Beatles begann und der seither als Ausgangspunkt der Popmusik nicht nur in Liverpool und England, sondern in ganz Europa gilt, sprich: Heilige Erde! 


Der Cavern-Club existiert schon lange nicht mehr. Er wurde vor Jahren abgerissen und durch einen modernen Funktionsbau ersetzt. Ein paar Meter weiter hat ein Dublikat seither die Pforten geöffnet. Eine Sanierungs-Sünde, die man  in Liverpool seit langem bereut. Nur ein Hinweistafel erinnert noch an die einst glorreichen Zeiten. 


Damals, zu Beginn der 1960er Jahre, herrschte in den engen Gassen der Altstadt jeden Abend Hochbetrieb. Ein neuer, schriller, ohrenbetäubender Sound sorgte für Hysterie. Hunderte von jungen Leuten strömten zu Auftritten der Beatles, von Gerry & The Pacemakers oder der Fourmost, die entweder gleich um die Ecke im Iron Door in der Temple Street auftraten oder hier im Cavern. Brav wurde vor dem Eingang Schlage gestanden, bis man eingelassen wurde und dann zwei Treppen in das riesige Kellergewölbe hinunterstieg, das an die 500 Besucher fasste.


Der Cavern Club war ein feuchtes Loch, das im 2. Weltkrieg als Luftschutzkeller gedient hatte. Er war schlecht beleuchtet, stickig und modrig. Frischluftzufuhr gab es kaum. Wenn der Laden voll war, tropfte das Kondenzwasser von den Wänden. Die jungen Leute kümmerte das wenig. Auf sie übte der Club eine magische Anziehungskraft aus, weil hier die heißesten Bands 

spielten.


John-Lennon-Statue schräg gegenüber vom ehemaligen Cavern-Club. (Foto: Christoph Wagner)

 


Ursprünglich war der Cavern 1957 als Jazzclub entstanden, doch änderte er mit der Zeit sein Konzept, um die neuen musikalischen Strömungen zu präsentieren. Das war kommerziell einträglicher. Zuerst wurde ein Abend für Skiffle eingerichtet, dann tauchten ab 1961 die erste Beatbands auf, die bald das Programm dominierten, weil der Publikumsansturm so gewaltig war. 


Die Beatbands gingen aus einer lebendigen Musikszene hervor, die in Liverpool eine lange Tradition hat. Wahrscheinlich war der Einfluss der  irischen Einwohner dafür verantwortlich, dass in fast jeder Kneipe Musik gemacht wurde, gehört in Irland das gemeinschaftliche Musikmachen und Liedersingen im Pub doch zur Alltagskultur. In Liverpool war der Anteil der Iren hoch. Sie waren Nachfahren von  Auswanderern, die auf dem Weg nach Amerika in der nordenglischen Hafenstadt zu Tausenden hängengeblieben waren. Irland, unter englischer Besatzung, hatte im 19. Jahrhundert keinen eigenen Überseehafen. 


Bei den Musikveranstaltungen ging es hoch her, oft kam es zu Schlägereien. “Da die Pubs um 10 Uhr dichtmachten, tranken die Leute dort so viel Bier wie möglich, bevor sie in die Tanzclubs weiterzogen,“ erzählt Billy Butler, ein Veteran der Liverpooler Szene. “Wenn ein paar Hundert Leute tanzten, und man aus Versehen jemanden anrempelte, der aber meinte, dass es Absicht war – ging es schon los. Wenn man mit jemanden einen Streit hatte, ging man danach besser nicht mehr alleine auf die Toilette, weil er einem vielleicht mit seinen Freunden folgte. Man kannte die Banden und wußte aus welchem Stadtteil sie waren. Man wußte, wem man aus dem Weg gehen mußte, wer der Anführer war. Das lernte man, indem man jede Woche ausging. Manchmal gab es Ärger nachts auf dem Heimweg. Vielleicht war da eine Bande auf der anderen Straßenseite, die herüber schrien. Man brüllte zurück. Dann kam es zum Tumult. Wenn sie in der Überzahl waren, rannten man besser so schnell man konnte. Wenn man ein guter Läufer war, konnte man entwischen.” 


1961 fing Billy Butler an, im Cavern-Club als Discjockey zu arbeiten. Fünf bis sechs Tage in der Woche legte er in der Mittagspause und abends zwischen den Auftritten der Bands aktuelle Scheiben auf. Butler war ein Teil der Szene und kannte sie alle: John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Richard Starkey alias Ringo Starr, auch Pete Best und Stuart Sutcliffe, die ehemaligen Beatles, und noch viele mehr, denn die Beatles waren damals bei weitem nicht die einzige Band in Liverpool – im Gegenteil: Sie waren eine unter vielen. Vielleicht sogar nicht einmal die beste. Die Popszene in Liverpool vibrierte, und es wimmelt geradezu vor Beatgruppen. 


“Es gab damals Hunderte von Gruppen,” erzählt Butler, der selbst zuerst bei den Merseybeats, dann bei den Tuxedos spielte. “Um die Beschäftigung stand es damals nicht schlecht in Liverpool. Aber wenn man ein bisschen Geld nebenher verdienen wollte, konnte man entweder Fussball spielen, boxen oder Entertainer werden. Als ich dieTuxedos gründete, verdiente ich mit meinem normalen Job 2.50 Pfund die Woche. Für einen Auftritt bekamen wir 6 Pfund, was bei vier Musikern 1.50 Pfund pro Mann macht. Das war schon fast ein Wochenlohn. Hatte man zwei Auftritte in der Woche, konnte man damit sein Einkommen verdoppeln. Es war also eine gute Möglichkeit Geld zu verdienen, was für junge Leute Grund genug war, in eine Band einzusteigen. Und natürlich hatte man als Bandmitglied auch bei den Mädchen größere Chancen.”


The Merseybeats traten über 100 Mal im Cavern Club in Liverpool auf, hier am Pier in Liverpool vor dem Liver-Building, ein Wahrzeichen der Hafenstadt. (Foto: Peter Kaye)




Da Liverpool an der Mündung des Mersey liegt, wurde der neue Stil Merseybeat genannt. Bands wie The Merseybeats, Rory Strom & The Hurricans, The Clayton Squares, The Fourmost, Billy J Kramer & The Dakotas, The Remo Four, The Black Knights und die Kubas prägten ihn. Die meisten Bands brachten es jedoch zu keiner Platteneinspielung und sind darum heute längst vergessen. 


Schaut man sich die Plattencovers genauer an, fällt auf, dass viele Formationen aus drei singenden Gitarristen und einem Schlagzeuger bestanden, der Standardbesetzung einer Beatband, wie sie sich damals herausschälte. Die Beatles traten auch mit dieser Instrumentierung auf. 


Wie ganz England stand Liverpool Ende der 1950er Jahre im Zeichen des Skiffle. Skiffle-Bands mixten Jazz, Folk und Blues zu einer rustikalen Schrammelmusik, die mit Waschbrett, Wandergitarre und Kamm gespielt wurde. Aus den Kisten, in denen der Tee aus Indien und Ceylon in den Docks ankam, wurden mit einem Besenstil und Draht ein Zupfbass gebastelt. Zu Dutzenden gab es solche Sperrmüll-Gruppen in der Stadt. Selbst die Beatles waren ursprünglich aus einer Skiffleband namens The Quarry Men hervorgegangen. Skiffle war die ideale Musik für Jugendliche mit wenig Geld und geringen musikalischen Kenntnissen.


Nach Skiffle machte ein neuer Sound Furore. Als zuerst Gerry & The Pacemakers und dann die Beatles die Hitparaden stürmten, kannte die Begeisterung keine Grenzen. In den Zeitungen waren Bilder von kreischenden Teenagern zu sehen. Von “Beatlemania”  oder “Merseymania” war die Rede. Der Merseybeat avancierte zu einem nationalen Phänomen. Liverpool zum Gütesiegel. 


“Leute riefen mich aus ganz England an, um eine Gruppe aus Liverpool zu buchen,” erzählt Manager Joe Flannery. “Manchmal stellten wir einfach eine Ad-Hoc-Band zusammen, die erst im Bus auf dem Weg nach Südengland eine Show einstudierte. Den Clubbesitzern im Süden war das egal, solange sie auf das Plakat ‘Direct from Liverpool’ schreiben konnten. Damit waren sie zufrieden, weil es einen vollen Saal garantierte.”


Trittbrettfahrer versuchten auf den Erfolgszug aufzuspringen. Beatles-Imitatoren schossen wie Pilze aus dem Boden. Gruppen schrieben einfach den Zusatz “Mersey” auf ihre Platten oder Plakate und der Erfolg war garantiert. Andere änderten ihren Bandnamen, nahmen ein paar Beatles-Hits ins Programm und nannten sich jetzt “The Merseyboys” oder “The Merseysound”, obwohl sie eigentlich aus Birmingham kamen und ursprünglich unter dem Namen The Runaways firmiert hatten. Alles wurde unternommen, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen.


Nach den grauen Jahren der Nachkriegszeit, als der Wiederaufbau mit Lebensmittelrationierungen, Armut und Entbehrungen den Alltag bestimmte, hatte man in England Anfang der 1960er Jahre endlich das Gefühl, dass es aufwärts ging. Die Löhne stiegen und Politiker verkündeten, dass “der Wohlstand noch nie so groß war”. Waschmaschinen und Fernsehgeräte wurden zu Symbolen des Aufschwungs. 


Junge Leute hatte zum ersten Mal übriges Geld, das für Konsumgüter und Freizeitvergnügen ausgegeben werden konnte. Sie kauften sich tragbare “Dancette”-Plattenspieler, was den Schallplattenverkauf noch oben schnellen ließ. Waren 1955 9 Millionen Langspielplatten verkauft worden, waren es 1960 schon fast doppelt so viele. Die neue Beatmusik gab dem optimistischeren Lebensgefühl der Jugend Ausdruck. 


Selbst zur Mittagszeit von 12 bis 14 Uhr trat man sich im Cavern-Club auf die Zehen. “Es gab die Lunchtime-Sessions, wo normalerweise zwei Liverpooler Gruppen spielten, oder eine lokale Band und eine berühmtere Gruppe von auswärts, die abends nocheinmal auftrat,” erzählt Billy Butler. “Es war immer genagelt voll. Es kostete kaum Eintritt und wir verkauften Suppe, Kaffee, Hotdogs und Sandwiches, und man konnte den Gruppe zuhören.”


Bob Wooler, der Betreiber des Cavern Club, mit dem amerikanischen Bluesharmonikaspieler Sonny Boy Williamson, backstage im Cavern (Foto: Peter Kaye)





In den musikalischen Vorlieben unterschied sich Liverpool nicht wesentlich von anderen englischen Großstädten. Höchstens wurden hier die Akzente etwas anders gesetzt. Das hatte mit der Vergangenheit zu tun: Als Hafenstadt war Liverpool immer ein Fenster zur Welt gewesen und nach London die kosmopolitischste Stadt des Vereinigten Königreichs. Vor allem nach Amerika bestanden enge Verbindungen. Liverpool galt als die amerikanischste Stadt Großbritanniens. Kein Wunder, dass die neusten Trends von Übersee hier früher ankamen und schneller aufgegriffen wurden als im übrigen England. Amerikanische Einflüsse wie Soul, Blues, Country und Gospel waren im Sound der Liverpooler Bands stärker präsent.


Als Trendsetter konnte sich Liverpool nicht lange behaupten. Bald war der Hype vorbei. Hatte der Merseybeat 1963 und 64 noch die Hitparaden beherrscht, ging die Erfolgsstory jetzt rapide zu Ende. Der Knock-out kam als die Beatles nach London zogen und das Medieninteresse und den Starrummel mitnahmen. Schlagartig rutschte Liverpool in die Normalität zurück. Knappe zwei Jahre war man Welthauptstadt des Pop gewesen, jetzt kehrte der Alltag wieder ein. Und der war grau! 


Denn ökonomisch ging es kontinuierlich bergab. Liverpool, einst einer der größten Seehäfen der Welt (1912 ging 15 % des gesamten Weltseehandels durch die Stadt), verlor vollständig an Bedeutung. Die Stadt wurde zum Problemfall, Arbeitslosigkeit, soziale Verwerfungen und Slums chronisch. In den 1980er Jahren kam es zu “Riots”. Mit Geld versuchte die Zentralregierungen in London die Wut zu befrieden. Das Albert Dock wurde zu einem Museums-, Shopping- und Café-Komplex umgebaut, der heute ein Touristenmagnet ist. Vor allem das Beatles-Museum, das Museum of Liverpool und die Kunstgalerie “Tate North” zieht Massen von Besuchern an. Doch nur ganz allmählich verbesserte sich die Situation. 


Inzwischen signalisieren chromgläserne Capuccino-Bars, dass es aufwärts geht. Und 2008 war Liverpool Kulturhauptstadt Europas. Seither hat sich viel verändert, viele moderne Bauten, Kaufhäuser und Shops sind in der Innenstadt entstanden, jedes angesagte Label ist hier präsent, doch kaum weicht man von den Hauptadern des Kommerzes ab, steht man wieder im alten Liverpool, wo die Häuser vor sich hinrotten und sich in den Hinterhöfen der Müll häuft.