Wie kleine Initiativen die Rockszene im Südwesten prägten
Plakate: Sammlung Hans-Peter Haag
Gestern Abend war ich Gast bei einer Veranstaltung im rappelvollen Kinder- und Jugendhaus Stuttgart-Fasanenhof, wo es um die Anfänge der Rockmusik dort vor Ort und im größeren Zusammenhang ging. In einem Powerpoint-Vortrag gab ich zum Einstieg einen Überblick über die Anfänge der Rockmusik im Großraum Stuttgart, angefangen bei Clubs wie der Manufaktur in Schorndorf, wo durch die "Connections" von Werner Schretzmeier, der damals beim SDR-Fernsehen die Pop-Sendung "P" betreute, schon in den späten 1960er Jahren die heissesten Bands aus England und Irland spielten wie Black Sabbath, The Nice oder Taste (mit Gitarrenstar Rory Gallagher). Das sogenannte "Stuttgarter Popverbot", das die Stadt wegen den Ausschreitungen bei Popkonzerten in der Liederhalle und auf dem Killesberg verhängte, begünstigte kleine Popkonzertinitiativen in der Landeshauptstadt, ob in Stuttgart-Feuerbach oder eben im Stadtteil Fasanenhof.
Foto: Joachim Schneider
Und hier kam jetzt Hans-Peter Haag ins Spiel, der als Jugendlicher mit einer Initiative namens IG Freizeit, die aus der katholischen Jugend hervorging, begann, in der Turn- und Versammlungshalle Stuttgart-Fasanenhof Rockkonzerte zu veranstalten: 1972 fing es mit Birth Control an, dann ging es weiter mit Gruppen wie Man, Embryo, Missus Beastly, Wallenstein, Eulenspygel und Can. Dabei gingen die Jugendlichen kein unbeträchtliches Risiko ein. Wären die Konzerte Flops geworden, hätte der Abmangel aus der eigenen Tasche beglichen werden müssen. Es ging aber alles gut: Die Konzerte zogen Hunderte von Fans an, was die IG Freizeit wiederum veranlasste, in größere Hallen zu gehen wie das Gustav-Siegle-Haus.
Haag machte aus seinem anfänglichen Hobby einen Beruf und wurde professioneller Rockkonzertveranstalter mit dem Stuttgarter Konzertbüro Music Circus, das seit 1977 bis heute Popkonzerte in der Region ausrichtet, vor allem dann auch zahlreiche in Sindelfingen und Böblingen. Haag plauderte aus dem Nähkästchen und erzählte von eindrücklichen Erlebnissen als Popkonzertveranstalter mit Gruppen wie Queen, Genesis oder AC/DC. Als Haag und die IG Freizeit abtraten, übernahmen jüngere Leute den Staffelstab, die als Club Orion und Con Spezial in Stuttgart-Fasanenhof weiterhin Discos und Partys veranstalteten.
Zwischen den einzelnen Programmpunkten präsentierte die Progrock-Band Backyard, bei der Dorothea Rehme Flöte und Saxofon spielte, ein paar Nummern der holländischen Rockband Focus, die ins geschilderte Zeitgeschehen passten. Es war beeindruckend zu hören, wie in einer Trabantenstadt wie Stuttgart-Fasanenhof über Jahrzehnte Zusammenhalt geschaffen wurde, ursprünglich initiiert durch Popmusik und Rockkonzerte. Ein Zusammenhalt, der offenbar bis heute besteht.
Anfang der 1970er Jahren wurden die Briten auf die bundesdeutsche Rockszene aufmerksam. Und für deutsche Bands war es immer eine Auszeichnung nach England eingeladen zu werden. Eine Seite aus dem Melody Maker – der mit dem New Musical Express (NME) tonangebenden britischen Popzeitschrift – zeigt eine Ankündigung der Münchner Jazzrock-Gruppe Embryo bei der Jazz Centre Society in London. Termin: Freitag, 27. Oktober 1972.
Sigi Schwab führte die Sitar in den deutschen Underground-Rock ein – jetzt ist der Münchner Saitenvirtuose gestorben
Embryo, 1971, mit Sigi Schwab (Gitarre) ganz links, Dave King (b), Christian Burchard (dr), Edgar Hoffmann (Sax) v.l.n.r
Siegfried "Sigi" Schwab, Mitglied von Wolfgang Dauner's Et Cetera, Embryo und der Chris Hinze Combination sowie im Duo mit Peter Horton, war ein virtuoser Jazz- und Rockgitarrist, der das indische Saiteninstrumentarium in den deutsche Underground-Rock einführte: Sitar, Veena und Tarang. In einem Interview erzählte er mir 2011, wie er einmal dem indischen Sitarmeister Ravi Shankar aus der Patsche half:
Durch die "Great Sitar Revolution" englischer Popgruppe wie der Beatles, der Stones und Traffic spitzten junge Musiker auch in Deutschland die Ohren. Inspiriert durch ein Konzert von Ravi Shankar und Yehudi Menhuin, das Sigi Schwab im Fernsehen gesehen hatte, begann er sich Mitte der 60er Jahre für die Sitar zu interessieren. Allerdings hatte er ein Problem: In Deutschland war keine Sitar aufzutreiben. Erst in London wurde Schwab fündig, allerdings kostete allein die Holzkiste, die eigens für den Versand der Sitar hätte gezimmert werden müssen, genauso viel wie das Instrument selbst, was die Sitar für Schwab unerschwinglich machte. Er suchte weiter. Schließlich hörte er von einem Instrument, das ein Angehöriger der indischen Botschaft verkaufen wollte, der er in seine Heimat zurückkehrte. Diesmal kam der Kauf zustande, und Schwab erhielt noch eine kleine Einführung in die Handhabung und Spieltechnik des Instruments. Den Rest brachte er sich selber bei. Mit indischer Musik hatte das allerdings nichts zu tun. Schwab spielte einfach westliche Gitarrenläufe auf dem Instrument.
Embryo mit Sigi Schwab (ganz links)
Bald konnte er das Instrument bei Studioaufnahmen einsetzen. Die neuen Sounds waren gefragt, nicht zuletzt in den Filmstudios von Berlin, wo Schwab öfters für Soundtrack-Einspielungen engagiert wurde. “Das war das große Faszinosum um 1966”, erinnert er sich. In Berlin, wo Schwab beim Rias-Tanzorchester unter der Leitung von Werner Müller spielte, machte das Wort die Runde, dass da einer auf der Sitar zugange sei.
Eines Tages erhielt er einen Anruf erhielt. “Es war jemand dran, der sagte, Ravi Shankar sei in Berlin, um Aufnahmen zu machen,” erzählt Schwab, der aus allen Wolken fiel. “Allerdings sei sein Instrument wegen eines Streiks auf dem Londoner Flughafen liegengeblieben, und ob ich mit meiner Sitar aushelfen könnte?” Zuerst dachte Schwab an einen Scherz, machte sich dann aber doch auf den Weg: “Ich komme da hin, und er ist wirklich da: Ravi Shankar! Er machte den Deckel meines Instrumentenkastens auf und freut sich gleich: die gleiche Marke wie seine eigene Sitar - Rikhi Ram. Er setzte mir auseinander, dass meine Sitar in schlechtem Zustand sei und mehr Pflege bedürfe.” Ravi Shankar säuberte Schwabs Sitar erstmal sorgfältig - über eine Stunde lang. Das Griffbrett wurde gereinigt, um den kleinste Widerstand zu entfernen. “Mit ungeheurer Sorgfalt hat Shankar die Bünde poliert, was Voraussetzung für einen schönen Ton ist.” Danach wurden die Resonanzsaiten gestimmt. “Ich habe gesehen mit welcher Akribie man diese Saiten stimmen muss, damit sie wirklich mitschwingen”.
Embryo, 1971 – Sigi Schwab, zweiter von rechts
Durch das Erlebnis angespornt, fand Schwab in Professor Manfred Junius einen Lehrer, der lange Zeit in Indien gelebt hatte, um dort klassische indische Musik zu studieren. Von ihm erhielt er wertvolle Hinweise. Schwab spielte die Sitar immer nur bei Studioaufnahmen, weil die Verstärkung des Instruments bei Live-Auftritten Probleme machte. Dafür waren die indische Veena, ein Saiteninstrument, sowie das indische Tarang, ein der Autoharp verwandtes Instrument, das auch Bulbul Banjo genannt wird, besser geeignet. Sie ließen sich leichter elektrifizieren, was für einen Einsatz in einer Rockband die Vorbedingung war.
Zum Tod von Roman Bunka (2.12.1951 - 12.06.2022) – eine Würdigung
cw. Das trifft mich dann doch wie ein furchtbarer Schlag in die Magengrube: Durch facebook erfahre ich, dass Roman Bunka verstorben ist. Vor ein paar Monaten haben wir noch telefoniert, nachdem ich vom Tod von Hartmut Geerken gehört hatte. Roman war ein enger Freund von Hartmut und meinte damals: "Mit 82 Jahren im Schlaf an einem Herzinfarkt im Bett zu sterben – besser kanns einem nicht gehen!" Manchmal habe ich durch meine Telefonate Roman beim Üben gestört, denn er war ein konstanter Arbeiter an seiner Saitenkunst. Vor Jahren habe ich ihn einmal in seiner Schwabinger Wohnung besucht. Er spielte mir LPs seiner Lieblingsgruppe Patto vor, deren Gitarrist Ollie Halsall ein frühes Idol war und den er immer noch bewunderte. Beim Abschied schenkte er mir ein Buch über Sufismus. Ich werde es jetzt noch einmal lesen.
Wir haben Roman immer wieder für Konzerte engagiert. Er trat in Sigmaringen beim Schlachthof-Festival auf und beim Klangbad in Scheer (mit John Tchicai und Pierre Favre). Er ist auf der CD enthalten, die wir am Tag nach dem Schlachthof-Festival im Faust-Studio aufnahmen. Dabei spielt er ein wunderbares Stück mit John Tchicai und Hans-Joachim Irmler. Vor einigen Jahren absolvierte ich zwei Gigs in Ostdeutschland mit ihm und seinem Embryo-Bandkollegen Christian Burchard, wobei sie meinen Vortrag zur Geschichte der Underground-Musik in Germany begleiteten, von dem sie selber ein Teil waren, und danach einen weiteren Set spielten. Wunderbare Musik zwischen Orient und Okzident – dafür stand Roman.
Missus Beastly, 1970 mit Roman Bunka (Gitarre), erster von links.
Roman Bunka (Jahrgang 1951) hat als Rockgitarrist angefangen. Die Band Missus Beastly war seine erste Station. In den siebziger Jahren gehörte er zum enge Kreis der Münchner Rockjazzgruppe Embryo und galt als einer der besten Gitarristen der deutschen Rockszene. Durch die Reisen mit Embryo nach Nordafrika und Indien begann sich sein musikalischer Horizont zu weiten. Bunka fiel in den Bann orientalischer Musikkulturen: Türkei, Indien, Ägypten. Er versuchte, orientalische Saiteninstrumente zu erlernen wie das türkische Saz oder die südindische Veena. Schließlich landete er bei der Oud, der arabischen Laute, auf der er sich zu einem anerkannten Virtuosen entwickelt hat. Regelmäßig trat Bunka mit ägyptischen Musikern auf und war als Studiomusiker in Kairo ein gefragter Mann. Das Interview wurde 2009 geführt.
Wann und auf welche Weise kamst du zum ersten Mal in Kontakt mit arabischer Musik?
Roman Bunka: Wahrscheinlich als ich fünf war. Meine Eltern fuhren mit mir nach Andalusien in die Ferien, damals fast eine Weltreise. Wir hatten ein Transistor-Gerät dabei und jeden Abend, wenn ich ins Bett mußte, hörte ich Radio. Die arabischen Sender sind dort gut zu empfangen. Außerdem kamen Straßenmusiker an den Strand. Das Photo dieser Begegnung ist auf dem Cover meiner CD "Color me Cairo" abgebildet: ein Mädchen tanzt und ein Mann spielt auf einer Rahmentrommel, einer marrokanischen Bendir. Meine Mutter hörte gerne Flamenco. Überhaupt ist in Andalusien die maurischeVergangenheit doch lebendiger als irgendwo anders.
Danach kam lange nichts. Dann die ersten Aufnahmen von Popgruppen in den sechziger Jahren mit Sitar und indischem Einfluß: Traffic mit "Paper Sun", die Beatles, Ravi Shankar. Ich erinnere mich noch stark an das überwältigende Erlebnis, als ich auf einem LSD-Trip George Harrisons Platte "Wonderwall" hörte. Der Klang der indische Shenai darauf förderte besonders intensive visuelle Halluzinationen. Irgendwie ging die indische Musik "tiefer rein".Heute weiß ich warum. Damals war es eher eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem.Dieindische Musik war sicherlich mein Einstieg in den Orient, obwohl mein erstes orientalisches Instrument eine türkische Saz war.
Roman Bunka mit Embryo in der Balinger Eberthalle, ca. 1977 (Foto: Martin Wagner)
Wodurch oder durch wen wurde dein Interesse an der Oud geweckt?
RB: Ich fand meine erste Oud im Bazar von Istanbul und gab mein letztes Geld dafür aus. Hungrig im Zug nach Hause probierte ich dann verschiedene Stimmungen. Zurück in München traf ich den kanadischen Sarod-Spieler Kenneth Wells. Wir spielten zusammen und ich wurde von seiner indischen Spieltechnik beeinflußt. Ich unternahm dann eine Reise nach Bombay und traf dort den Tabla-Virtuosen Trilok Gurtu. Ich versuchte mich an einem anderen orientalischen Saiteninstrument, der südindischen Veena. Mit Trilok Gurtu spielte ich meistens Gitarre, wir hatten einige Konzerte in Bombay. Schon damals träumte er davon, mit John McLaughlin zu spielen und er hat es ja dann später auch geschafft.
Für mich ging es mit der Gruppe Embryo erstmal nach Afghanistan, danach nach Süd-Indien.
Es war also viel zu viel los, um sich mit dem Oud und seiner Musik zu beschäftigen. Ich setzte das Instrument ein, wo ich konnte. Es eignet sich ja für jede Art von Musik. Wie die Geige kennt der Oud keine Grenzen. Es gab ja nicht den Zwang der temperierten Stimmung. Man konnte das mit der Gitarre auch hinkriegen, siehe McLaughlin auf seinen fantastischen Aufnahmen mit indischen Musikern, oder die Blues-Gitarristen, die mich sehr beeinflußt hatten, bis hin zu Hendrix. Nur brauchte man ganz dünne Saiten, und dann klang die Gitarre nicht mehr. Es ging also nur verstärkt. Ich hatte aber das große Bedürfnis, auch ohne Steckdose Mikrotöne intonieren zu können, und auch bei unseren Reisen gab es oft Musiker, aber keinen Strom.
Die ersten Aufnahmen von Oud-Spielern, die ich gehört hatte, waren die Schallplatten von
Hamza el-Din, Mounir Bechir und Sandy Bull gewesen. Hamza habe ich 20 Jahre später in Kairo getroffen. Wir sehen uns immer wieder einmal. Interessanterweise spiele ich heute noch mit nubischen Musikern, unter anderem mit Mohamed Mounir, einem der bekanntesten Sänger Ägyptens. Ich muß also irgendwann mal selbst Nubier gewesen sein, wer weiß? Mounir Bechir hat mich nie so begeistert, trotz seines Rufs als größter Virtuose auf diesemInstrument. Sandy Bull war ein echter Pionier der Weltmusik. Er ist leider früh verstorben. Ich blieb also vorerst bei meiner indischen und improvisierten Musik, spielte mit Roland
Schaeffer und Paramashivam Pillai südindische Kirtanas und wäre ganz zufrieden gewesen.
Auf einer Spanien-Tournee hörte ich dann nachts in Andalusien wieder einmal Radio.Und da kam bei Radio Tanger ein Oud-Solo von Riad el-Soumbati, das mich wieder zur Oud und der arabischen Musik brachte.
Roman Bunka in der Embryo-Kommune, 1971(in der Mitte Edgar Hofmann, rechts Christian Burchard)
Wie war deine Reaktion? Konntest du begreifen, was du da hörtest oder war
es Musik wie von einem anderen Stern?
RB: Ich glaube inzwischen, daß die arabische Musik ein Teil der Wurzeln unserer europäischen
Musikkultur ist, so wie der Oud auch irgendwann zur Laute wurde, über die Troubadoure,
die Minnesänger, Protestsänger - eine Kette von Perlen. In Andalusien, in Cordoba, hat Zyriab an seiner Theorie der arabischen Musik gefeilt und Intervalle vermessen. Ein paar Kilometer weiter, in Almeria, hat Torres die moderne Gitarre entwickelt. Es ist alles Mittelmeerkultur, nur ein paar hundert Jahre liegen dazwischen. Ich hatte ja schon durch die indische Musik offene Ohren bekommen, da war die Musik der Araber nicht so fremd, obwohl ich bis heute an den Vierteltönen arbeiten muß.
Wie bist du dann in diese Musik eingetaucht, unternahmst du Reisen, um vor Ort mit Musikern zu studieren?
RB: Ich hatte Riad el-Soumbati gehört, und erfuhr dann, daß er Ägypter gewesen war und sehr viel für Oum Kalsoum komponiert hatte. Ich ging also nach Ägypten.
Wie hast du dich der Oud genähert?
RB: Die erste Oud habe ich zerstört. Ich wußte ja nicht, wie man ihn stimmt und wie dick die
Saiten sein müßen. Ich habe natürlich viele Aufnahmen gehört. in Ägypten hatte ich dann Lehrer wie Machmut Kamel, der leider schon verstorben ist, und Abdo Dagir. Aber ich bin auch dankbar für die vielen Begegnungen mit anderen arabischen Musikern: Anfängern, Verrückten oder Virtuosen, man lernt immer was dazu.
Was war die besondere Schwierigkeit für dich als Europäer, dieses Instrument zu erlernen?
RB: Keine, es ist ein Instrument wie jedes andere. Schwierigkeiten tauchen auf, wenn man anders intonieren muß, Vierteltöne zum Beispiel.
Embryo mit Roman (sitzend mit Gitarre), 1978
Wie reagierten Musiker in Ägypten auf dein Interesse an der Oud? Wurdest du belächelt oder ernst genommen?
RB: Ich ging gleich in der ersten Woche in Kairo ganz frech zum Institut für arabische Musik und wurde von der damaligen Direktorin Linda Fatallah mit Tee empfangen.Unglaublich! DieseFreude, diese unwahrscheinliche Gastfreundschaft. Ja, alle freuten sich, daß da einer kam und Oud lernen wollte.
Wie hast du dich stilistisch ausgerichtet? Wolltest du ein richtig "arabischer" Oud-Spieler
werden oder hast du versucht, eine Synthese zwischen deinem eigenen modernen westlichen Stil und der arabischen Tradition zu erreichen?
RB: Mir war immer bewußt, wie schwer es ist, neue Musik auf einem alten Instrument zu entwickeln. Natürlich wollte ich meine "eigene" Musik auf der Oud spielen. Dann gab es Phasen, wo ich am Boden zerstört war, ohne Hoffnung, auch nur annähernd ein richtiger "arabischer" Oud-Spieler werden zu können. Aber das Leben geht über diese Begriffe hinaus, und so auch die Musik. Ich habe inzwischen zuviel Nil-Wasser getrunken, etwas hat abgefärbt, etwas wird immer bleiben.
Mit Embryo auf der Indien-Reise
Hat sich deine Sicht der arabischen Musik über die Jahre gewandelt und auf welche Weise?
RB: Wie in den meisten Dingen des Lebens kommt man von der naiven ersten Begegnung zu einem tieferen Verständnis, und sucht dann wieder doch den Anfang. Es tat mir gut einen arabischen Lehrer zu haben, der mir immer sagte: Musik ist Musik! Es sind die gleichen Spannungsbögen, in denen sich die Musik der Welt abspielt, auch wenn sie noch so verschieden klingen. Mein Oud-Lehrer Abdo Dagir, der ja hauptsächlich Geiger ist, hat mich lange Jahre begleitet. Mit einer unglaublichen orientalischen Freigiebigkeit hat er mir seine Musik und seine Musik-Kultur näher gebracht, als "Malik-al-taksim", Meister des Taksim. Und
wir haben viele Nächte miteinander musiziert. Er spricht nicht englisch, ich nicht arabisch. Das kann manchmal der Musik sehr zuträglich sein.
Roman Bunka - Maryam and the Blues (youtube)
Du bist heute in den arabischen Welt auch als Studio- und Sessiongitarrist tätig - wie ist es dazu gekommen und was mögen die Musiker dort an deinem Spiel?
RB: Ich habe für einen der bekanntesten Sänger, Mohamed Mounir, im Studio gearbeitet. Ich habe seine Musik teilweise arrangiert und Gitarre und Oud gespielt. Durch meine Erfahrungen in Ägypten, ich gehe schließlich seit 20 Jahren dahin, verstehe ich ihn und das, was dort passiert ist. Ich kann einiges umsetzen, und kenne die Gerüche in der Altstadt ebenso wie im feinsten Restaurant. Er hat mir dafür alles, was er und seine Familie von ihrer Musikkultur wußten, gezeigt. Ich war auf nubischen Hochzeiten, auf den Dörfern, und liebe diese minimalistische, sehr afrikanische Musik.
Für einen Nubier ist die arabische Musik Kairos vielleicht ähnlich fremd wie für mich. Wir sind beide Vertriebene, Flüchtlinge, in einer Welt, in der manchmal nur noch die Musik uns ein Stück Heimat geben kann. Das alte Nubien liegt unter dem aufgestauten Wasser des Assuan-Damms. Meine Familie vertrieb der zweite Weltkrieg in alle Himmelsrichtungen.In Bagdad baut man die besten arabischen Lauten, was kümmert das die Bomben?
Auswahldiskografie:
- (mit Abdo Dagir) Malik-a-Taksim (Enja Records)
- Color me Cairo (Enja Records)
- Embryo 40 (Trikont)
Further information:
Vor zehn Jahren (2012) ließ uns Roman seine Jahres-Highlights wissen:
Mit einem neuen Album und in neuer Besetzung erlebt die Ethno-Jazzrock-Formation Embryo derzeit ein fulminantes Revival – selbst der amerikanische Hiphop-Star Madlib outet sich als Fan
Interview von Christoph Wagner
CW: Embryo gibt es 2022 seit 53 Jahren. Nach dem Tod von Bandleader Christian Burchard 2018 hat sich die Münchner Formation neu aufgestellt und ist seither unter der Führung von Burchards Tochter Marja unterwegs. Das neue Album „Auf Auf“ erscheint auf dem Label Madlib Invazion des amerikanischen Hiphop-Produzenten Madlib, einem „Mover and Shaker“ der Black-Music-Scene in den USA, der von und Kanye West mit allen gearbeitet hat. Wie kam die Verbindung zustande?
Marja Burchard: 2010 kam eine Anfrage aus heiterem Himmel, dass Madlib Interesse hätte, mit Embryo zusammenzuarbeiten. Madlib ist ein ungeheurer Musikliebhaber, der seit Jahren die Embryo-Schallplatten sammelt. Er hat ja eine der größten Plattensammlungen überhaupt, Tausende und Tausende von Vinyl-Scheiben. Sein musikalisches Interesse ist extrem weit gespannt. Als Madlib dann für Auftritte nach Europa kam, haben wir uns mit ihm getroffen hier in München im Schwabinger Keller. Mein Vater, als alter Hippie, dem Erfolg per se verdächtig war, hat ihn dann auf Herz und Nieren geprüft, ob er auch von Musik etwas versteht. Er hat ihn nach Dutzenden von Musikern befragt, und Madlib kannte sich vorzüglich aus. Das hat das Eis gebrochen. Wir haben gemerkt, das ist kein Scharlatan, der Typ kennt sich echt in der Musik aus.
CW: Gab es eine Session?
Marja Burchard: Ja, wir haben einfach unsere ganzen Instrumente aufgebaut dort unten im Keller und los gings. Er war mit Feuereifer dabei, wie so ein kleiner Junge, der sich einfach freut, mit uns hier Musik machen zu können. Er hat mal Schlagzeug gespielt, dann Keyboards. Das Marimba hatte es ihm besonders angetan. Wir hatten sofort einen direkten Draht, und das ging dann richtig ab. Er war total begeistert und wollte gar nicht mehr aufhören, immer noch ein weiteres Stück und noch eins improvisieren. Die Leidenschaft für die Musik war mit Händen zu greifen.
CW: Kam es auch zu einem Live-Auftritt?
Marja Burchard: Das war alles bereits festgezurrt und angekündigt, doch musste er dann kurzfristig wegen einer Operation absagen. Das Konzert fand trotzdem statt, allerdings ohne ihn. Es ist auf Youtube zu sehen und heißt „Embryo without Madlib“, was humorvoll gemeint ist, weil ja alle Konzerte von Embryo „without Madlib“ sind.
Madlib-Jam mit Embyro, 2010 (Foto: Embryo)
CW: War eine Schallplatte geplant?
Marja Burchard: Ja, aber dann wurde mein Vater krank. Es wurde dann versucht, das nochmals in Angriff zu nehmen, auch meinem Vater zuliebe, kam aber nicht mehr zustande. Es ist weiterhin in der Pipeline, und möglicherweise wird noch irgendwann etwas daraus. Madlib ist einfach extrem ‚busy‘.
CW: Wie kam es dazu, dass euer neues Album auf seinem Madlib Invazion-Label erscheint?
Marja Burchard: Wir blieben in Kontakt, schrieben uns ab und zu eine Email. Er und sein ‚Right Hand Man‘ Eothen Alapatt, den alle nur unter dem Namen Egon kennen, waren interessiert zu wissen, was wir machen, und wir waren andersherum ebenfalls an deren Aktivitäten interessiert. Wir erzählten ihnen, dass wir im Studio sind, um eine neue Platte aufzunehmen, und sie sprangen sofort darauf an. Sie waren heiß darauf, die Aufnahmen zu hören. Egon war völlig begeistert und hat sie gleich an Madlib weitergeleitet, und zack! – schon hatten wir ein Label. Innerhalb von ein paar Stunden kam die Zusage, wogegen wir bei anderen Labels oft Wochen und Monate auf eine Antwort gewartet haben. Egon und Madlib kennen einfach die ganze Embryo-Geschichte in und auswendig und waren begeistert, wie sich das jetzt weiterentwickelt. Andere Labels haben diese Background nicht, wussten oft nicht, woher wir kommen und konnten uns irgendwie nicht so richtig einordnen.
CW: Madlib und Egon sehen euch anders. Für die beiden seid ihr nicht die Hippie-Krautrockband, ein Image das Embryo ja in Deutschland noch immer anhaftet....
Marja Burchard: Genau. Madlib und Egon sehen das rein musikalisch. Sie wissen über die Geschichte der Band Bescheid. Sie wissen, dass Embryo mit schwarzen „Heavy Weights“ wie Mal Waldron, Jimmy Jackson und Monty Waters gespielt hat und deswegen verehren sie die Band.
CW: Was erwartet ihr von der Veröffentlichung?
Marja Burchard: Es ist natürlich toll bei Madlib die Platte herauszubringen, weil sein Label international aufgestellt ist, wodurch sich für uns hoffentlich neue Möglichkeiten eröffnen. Wir merken bereits, dass es in Hiphop-Kreisen plötzlich Interesse an Embryo gibt, weil wir mit Madlib zu tun haben. Das hat schon eine Wirkung, wobei Musiker aus dem Hiphop-Umfeld mir immer schon als die Neugierigsten vorkamen. Sie interessieren sich für jede Art von Musik – Jazz, Beat, Klassik, Ethno, Easy Listening. Diese musikalischen Fundsachen bauen sie später in ihren Mix ein.
Wenn man ein Freiluftkonzert veranstaltet, richten sich die Augen am Tag der Veranstaltung gen Himmel. Die Wettervorhersage ließ am Samstag Schlimmes befürchten, doch es kam anders. Nach einem kräftigen Guß am Nachmittag, hielt das trockene Wetter an und das Doppelkonzert mit Brthr und Embryo im Sigmaringer Schlachthof wurde zu einem entspannten Erlebnis, das in Erinnerung bleiben wird als nachgeholte Feier zum 30. Jubiläum des Sigmaringer Schlachthofs als Kulturzentrum.
Die beiden Bands, so unterschiedlich im Stil, bewiesen ihre Extraklasse: Brthr mit abgehangenem Southernrock und einfühlsamen Songs, Embryo mit ihrem Weltmusik-Jazzrock, bei dem Spontanität und Experimentierlust das musikalische Geschehen bestimmen. Das Publikum nahm beide Bands mit Begeisterung auf. Der ganze Abend – im wieder einmal sehr angenehmen Ambiente des alten Schlachthofs – wurde zu einem wirklich eindrücklichen musikalischen Ereignis. Hoffentlich erlaubt das Pandemie-Geschehen bald wieder mehr solcher Konzerte.
Das Kulturzentrum Alter Schlachthof in Sigmaringen holt sein 30jähriges Jubiläum mit einem Doppelkonzert von Embryo und Brthr nach
cw. Das Jubiläum zum 30jährigen Bestehen des Sigmaringer Kulturzentrums Alter Schlachthof hätte schon vor einem Jahr stattfinden sollen, doch dann machte die Pandemie den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Am Samstag, den 24. Juli (Beginn: 18 Uhr) nimmt man jetzt einen zweiten Anlauf mit einem Doppelkonzert vor begrenzter Zuschauerkulisse und mit zwei interessanten Bands: den verjüngten Krautrockpionieren Embryo sowie Brthr, eine Band aus Stuttgart, die in letzter Zeit mit ihrem abgehangenen Southernrock für Furore sorgte.
Embryo 2021
Embryo hat sich in den letzten Jahren neu erfunden. Nach dem Tod von Bandleader Christian Burchard vor drei Jahren hat dessen Tochter, die schon Jahre lang mit Embryo unterwegs war, das Ruder übernommen und die Band verjüngt und neu aufgestellt. Damit hat der Weltmusikjazzrock von Embryo neue Kraft gewonnen, was die Gruppe zu einer der heißesten Formationen der aktuellen deutschen Szene macht. Selbst in den USA regte sich Interesse: Der Starproduzent Madlib der amerikanische Hiphop-Szene nahm die Münchner Band unter Vertrag, um ihr neues Album „Auf, auf“ auf seinem Label Madlib Invazion zu veröffentlichen. Auch wenn die Pandemie die Konzertaktivitäten fast völlig zum Erliegen brachte, war die Gruppe nicht untätig, sondern hat etliche Videos produziert, dazu zwei Album, die die Musiker in Hochform zeigen. Mit dabei ist Gitarrist Jan Weissenfeldt – Künstername: JJ Whitefield –, der sich mit seinem Bruder und The Poets of Ryhthm bzw. The Whitefield Brothers als Erneuerer des Funk international einen Namen gemacht hat.
Brthr
Im Gegensatz zu Embryo ist Brthr eine junge Band aus Stuttgart, die erst seit ein paar Jahre besteht. Ihr drittes Album „High Times For Loners“ erschien 2020 und wurde von den Medium mit viel Beifall bedacht, wobei sich die Single „Speak low“ sogar zu einem Radiodauerbrenner entwickelte. Die Band um Sänger-Gitarrist Philipp Eissler und Lead-Gitarrist Joscha Brettschneider spielt einen entspannten Südstaatenrock (sie sind ja auch aus dem deutschen Süden!), der sich bei Folk, Soul, Country und Gospel bedient, Einflüsse von JJ Cale, The Band und Neil Young verrät und trotzdem einen ganz eigenen Klang besitzt. Ihre Songs sind von einfühlsamer Melodik und unaufgeregter Flüssigkeit, wobei Brettschneiders sensibles Gitarrenspiel aufhorchen läßt, das nie kreischend auf billige Effekte setzt.
Um der aktuellen Infektionslage gerecht zu werden, ist das Doppelkonzert auf 130 Zuschauer begrenzt, die an zahlreichen Bierbänken und Sitzgruppen auf dem ganzen Schlachthof-Areal Platz nehmen können, wodurch das Abstandhalten gewährleistet ist. Leider ist wegen der Pandemie auch die Bewirtung eingeschränkt. Zur Feier des Tages wird zum Jubiläum ein Eintrittspreis von nur 10 Euro erhoben.