Showing posts with label Eric Schaefer. Show all posts
Showing posts with label Eric Schaefer. Show all posts

Monday, 20 October 2025

Buchneuerscheinung: FREAK-SOUNDS – MUSIK ABSEITS DER NORM


«Musik von der anderen Seite des Zauns», 
so hat der Rockexzentriker Captain Beefheart (bürgerlich: Don Van Vliet) die Klänge bezeichnet, die hier Freak-Sounds genannt werden: Musik abseits der Norm, ob gespielt auf dem Toypiano, dem Trautonium, der singenden Säge, dem präparierten Klavier, der Melodica, der Glasharmonika, dem Dulcitone oder auf Instrumenten, die man heute gar nicht mehr kennt. Man findet solche Töne im avantgardistischen Jazz, an den Rändern der Popmusik, in Volksmusiken außerhalb unseres Hörhorizonts, in Kompositionen der Frühen und der Neuen Musik, auch in Stilformen, die in die Ritzen zwischen den Gattungen fallen und für die wir vielleicht keinen Namen haben. Dort also, wo die musikalische Welt der Entdeckungen beginnt, werden frische Erfahrungen möglich.

Das Globe Unity Orchestra bei den Donaueschinger Musiktagen, 1967 (Foto: Jörg Becker)


Es sind Versuche, aus dem Gefängnis des Gewohnten auszubrechen und neue Horizonte zu erschließen – ein Aufbruch in andere Räume der Möglichkeiten. Dabei erweisen sich die Freak-Sounds häufig als gar nicht so verschroben, absonderlich oder verstiegen, wie man meinen könnte, sondern vielmehr als Hefe im Teig des musikalischen Mainstreams – als Salz in der Suppe. Ohne ihre Impulse wären Stillstand, Stagnation und Einförmigkeit die Folge. 

Varieté-Musiker, ca. 1910 (Sammlung C. Wagner)


Aus dem Inhalt:

Klangexperimente früher Klavierbauer / Margaret Leng Tan über John Cage und das präparierte Piano / Das Hyperpiano in der Popmusik / Das preparierte Klavier im modernen Jazz / Mahan Esfahani und das Cembalo der absoluten Präzision / Matthew Bourne und das Dulcitone / Oscar-Preisträger Volker Bertelmann über seine Filmmusiken / Das Clavinet in der Funky Music / Die Melodica von Reggae zu Pop / Das Trautonium / Die EMS-Synthesizer / Don Preston über Harry Partch, Frank Zappa und Meredith Monk / Die Laptop-Musikerin Ikue Mori / Das Toypiano wird erwachsen / Karlheinz Essl / Erik Griswold / Das Modified Toy Orchestra / Pierre Bastien und seine Klangapparate / Musik aus Glas / Die Singende Säge / Klangwanderer Julian Sartorius / Jodelgesänge im Appenzell / Das Comeback der Zither / Sam Charters über amerikanische Folkmusik / Cartoonist Robert Crumb übers Schellacksammeln und radikale Volksmusik / Sufimusiker Kudsi Erguner / Tablatrommler Zakir Hussain / Der irakisch-amerikanische Jazztrompeter Amir ElSaffar / Eric Schaefer und das japanische Nō-Theater / Visionen des Mittelalters mit dem Ensemble «Studio der Frühen Musik» / Björn Schmelzer und das Early-Music-Ensemble Graindelavoix / Catalina Vicens über historische Orgelinstrumente / Anna Webber über mikrotonales Improvisieren / The Necks / Christopher Dell und das DLW-Trio / Der «John Cage Jazz» von AMM 

Christoph Wagner: Freak-Sounds – Musik abseits der Norm. 288 Seiten,  Broschur, reich bebildert mit zahlreichen raren Fotos und seltenen historischen Abbildungen, Schott / edition neue zeitschrift für musik; 29.95 Euro

Gläserne Rockmusik – Os Barbapapas, Brazil (Promo)


Thursday, 13 July 2023

SCHEIBENGERICHT 18: Post-Jazz mit DAS KONDENSAT

Gebhard Ullmann & Das Kondensat auf dem Weg zu anderen Planeten


4 von 5

 

cw. Selbst im Alter von 65 Jahren ist Saxofonist, Komponist und Bandleader Gebhard Ullmann noch in Entdeckerlaune. Mit seinem Trio Das Kondensat hat er in den letzten Jahren an einer Musik gefeilt, die die alte Jazz-Avantgarde hinter sich läßt und musikalisches Neuland erkundet. Dem Berliner Saxofonisten mit engen Verbindungen nach New York spuken sphärenhafte Klänge im Kopf herum, die er mit Eric Schaefer (Schlagzeug und Synthesizer), Oliver Potratz am elektronisch entgrenzten Bass und der amerikanischen Gastmusikerin Liz Kosack, die Keyboards spielt, in Szene setzt. 

 

Klassische Jazzimprovisationen – ob total frei oder harmonisch-rhythmisch gebunden – finden sich nur noch in kleinen Partikeln in dieser von der Elektronik bestimmten Musik wieder, die sich in gleichen Teilen aus Kraut- und Progrock, Dub, Musique Concrète, Ambient und Minimal Music speist, wobei auch Miles Davis‘ elektrische Phase und die Canterbury Szene nicht weit entfernt sind.


Das Album beginnt mit elegischen Klangflächen, über die Ullmann lange Saxofontöne legt, die mit viel Hall den Raum ausfüllen und echohaft zurückhallen. Danach gibt ein staubtrockener, beinharter Rockbeat die Richtung vor, der sich seinen Weg durch eine blubbernde und knisternde „soundscape“ bahnt, wobei der Schlagzeugrhythmus wie von Zauberhand unmerklich entsynchronisiert wird, das heißt: sich verschiebt, verdoppelt und verdreifacht, was in einem fast schwindelerregenden Strudel mündet. Im anschließenden Stück taucht die Band in die Klangwelt des Post-Rock ein, wie er in den 1990er Jahren von der Chicagoer Formation Tortoise gespielt wurde, wobei sich ineinander verwobene Improvisationen zu einem reißenden Sog bündeln, der von der kraftvollen Rhythmusgruppe aus Eric Schaefer und Oliver Potratz noch weiter befeuert wird.



In dreizehn derart kompakten Titeln mit zwischen zwei und sieben Minuten Länge präsentieren die vier einen abwechslungsreiche Stilmix ganz auf der Höhe der Zeit, der sich nur noch in kleinen Teilen auf die Jazztradition bezieht, dagegen mit einem wahrhaft universellen Ohr alles einfängt, was neu und frisch klingt, und es auf originelle Weise vermischt und kombiniert. Das Kondensat bewegt sich mit „Andere Planeten“ im aufregenden Terrain des Post-Jazz, wobei man gespannt sein darf, wohin die Reise (und die Neugierde) Ullmann und seine Mitspieler noch führen wird. 


Das Kondensat – Andere Planeten (WhyPlayJazz WPJ061)

DAS KONDENSAT - Dubbing with guy (live im Bayerischen Rundfunk, 2019) youtube