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Sunday, 4 June 2023

"Jazzweltkulturerbe" in Villingen

Drei magische Buchstaben

Das weltberühmte MPS-Studio in Villingen wird neu belebt

 

 Fotos: Christoph Wagner

cw. Im Innenhof wird gebaut. Nur ein winziges Schild gibt einen Hinweis auf die Besonderheit des unscheinbaren Gebäudes. Man muß um das Haus herumgehen, durch die Eingangstür und die Treppe hinauf, um in die für Jazzfans heiligen Hallen zu gelangen: In der Richthofenstraße 1/1 in Villingen befindet sich das weltberühmte MPS-Tonstudio, zehn Minuten zu Fuß vom Altstadtzentrum entfernt. 

 

Alles ist noch so wie zu seinen besten Zeiten. In den 1970er Jahren gaben sich hier internationale Jazzstars die Türklinke in die Hand: Oscar Peterson, Albert Mangelsdorff, George Duke oder Jean-Luc Ponty – alle haben im MPS-Studio aufgenommen. Für den Starpianisten Friedrich Gulda wurde sogar eigens ein großer Bösendorfer „Grand Imperial“ angeschafft, wobei ein Treppengeländer herausgenommen werden musste, um den riesigen, sündhaft teuren Flügel überhaupt ins Studio befördern zu können. 


Hinter der Scheibe im Kontrollraum: Das 24-Kanal-Mischpult im MPS-Studio 

Mehr als 500 Schallplatten hat das Label MPS (= Musik Produktion Schwarzwald) unter der Leitung des SABA-Erben Hans Georg Brunner-Schwer im Laufe seines 15jährigen Bestehens von 1968 bis 1983 herausgebracht und die meisten wurden hier in Villingen eingespielt, was das Studio heute in internationalen Jazz-Kreisen zu einer Legende macht und in der DJ-Culture zum Kult. 

 

Der Londoner Star-DJ Gilles Peterson kommt kaum mehr aus dem Schwärmen heraus, wenn die drei magischen Buchstaben fallen. Für ihn steht fest: “In den siebziger Jahren war MPS zweifellos das beste Jazzlabel in Europa.” 

 

Nach langen Querelen hat nun der Verein MPS-Studio e.V. die Betreuung übernommen, um dem Ort, der mittlerweile unter Denkmalschutz steht, wieder zu seinem alten Glanz zu verhelfen. Der Vorstand um den Musikverleger und Designer Töni Schifer und den Tontechniker Frank Baumann wollen das Studio abermals zu neuem Leben erwecken. Schon jetzt finden hier Konzerte und Musik-Workshop statt. Aber um wieder zuverläßig Musikaufnahmen machen zu können, muß das gesamte analoge Equipment generalüberholt werden, vom 24-Spur-Mischpult bis zu den hochwertigen Telefunken-Tonbandgeräten. Das steht noch an. Man hat Förderanträge gestellt und wartet nun auf die Bescheide der öffentlichen Hand. 


Der Mann an den Reglern: Tontechniker Frank Baumann am historischen 24-Kanal-Mischpult im MPS-Studio 

 

Es geht um nicht weniger, als ein einzigartiges Erbe zu bewahren und die Geschichte dieser für Villingen vielleicht bedeutensten Einrichtung zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine Herkules-Aufgabe ohne Zweifel, die der Verein aber mit Verve und Begeisterung angeht.

 

Konzert im MPS-Studio, Villingen:

Freitag, 16. Juni (Beginn: 20:00): Faust-Keyboarder Hans-Joachim Irmler & Monika Nuber (Visuals), sowie Ute Wassermann (Stimme)


Sie packen die Sache an: Vorstand Töni Schifer (links) und Frank Baumann vor der Eingangstür in MPS-Studio 



Monday, 6 June 2016

GILLES PETERSON ehrt MPS

Spitzenjazz aus dem Schwarzwald

Die DJ-Szene entdeckt das Villinger Schallplattenlabel MPS 
 
cw. Obwohl die Villinger Schallplattenfirma MPS bereits vor mehr als dreißíg Jahren den Betrieb einstellte, stehen ihre Schallplatten bis heute hoch im Kurs. Gerade erleben sie sogar ein fulminantes Comeback: In der Club-Szene und unter DJs sind die LPs des Labels aus dem Schwarzwald weltweit hoch gefragt und erzielen Höchstpreise bei Auktionen. Jetzt hat der Londoner Star-DJ Gilles Peterson gerade ein neues Album mit MPS-Titel veröffentlicht, das den Boom noch weiter anheizen wird.

Peterson ist Plattenproduzent, Mixer und Remixer. Darüber hinaus hat er sich seit Mitte der achziger Jahre vor allem als “Acid Jazz”-DJ einen Namen gemacht. Tausende pilgerten zu den “Rave Nights”, bei denen der Engländer hinter den “Desks” stand und Platten auflegte. Dann engagierte die BBC den leidenschaftlichen Plattensammler. Jahre lang sorgte er mit wilden Stilmischungen in seinen populären Sendungen für Furore. Nun hat er ein Album mit Jazznummern aus dem Archiv des legendären Labels MPS (=Musik Produktion Schwarwald) veröffentlicht. “In den siebziger Jahren war MPS zweifellos das beste europäische Jazzlabel, fast so bedeutend wie Blue Note in den USA,” schwärmt Peterson. “Es gab niemanden in Europa, der der Villinger Firma das Wasser reichen konnte, was die Vielfalt und die musikalische Qualität ihrer Veröffentlichungen anbelangt.” Den Titel seines Samplers hat er mit Bedacht gewählt. “Magic Peterson Sunshine” heißt das Album. Abgekürzt: MPS!

Schon früh stolperte Peterson über Vinylplatten des Labels, als er die Sommerferien bei seiner Oma in der Normandie verbrachte. “Einmal in der Woche ging sie zum Großeinkauf in die Stadt. Ich begleitete sie und trieb mich dann in Caen herum, bis sie ihre Einkäufe erledigt hatte,” erinnert er sich. “Ich fand diesen Plattenladen und kaufte drei LPs, darunter eine MPS-Platte von George Duke.” Natürlich hatten die drei Buchstaben damals noch keinerlei Bedeutung für den Teenager. Die Signifikanz des Labels wurde ihm erst später klar, als das Kürzel MPS zu einer Art Zauberformel für ihn wurde, die für Jazz der Spitzenklasse stand.

Es war ein Bekannter aus Freiburg i.B., der Peterson die MPS-Schallplatten nahe brachte. Sein Name: Rainer Trüby. Der Schallplattenhändler, DJ und Clubbetreiber reiste in den achtziger Jahren regelmäßig nach London, um mit raren Vinylplatten zu handeln. Einer seiner Kunden: Gilles Peterson! “Rainer hatte immer auch ein paar MPS-LPs dabei, die er mir ans Herz legte und die ich natürlich sofort kaufte. Darüber hinaus erzählte er mir über die Geschichte des Labels,” erinnert sich der Londoner DJ.

Peterson fing Feuer und erwarb nun jede MPS-Scheibe, die ihm in die Hände fiel, ob auf dem Flohmarkt oder bei Internet-Auktionen. Das Label wurde geradewegs zu einer Obsession: Der DJ wollte unbedingt jede einzelne Schallplatte aus dem Gesamtkatalog von mehr als 500 Veröffentlichungen besitzen. Die Tonqualität der Aufnahmen begeisterte ihn, auch die stilistische Vielfalt der Musik. Dazu kamen die sorgfältigen Produktionen und die originellen Cover, die oft kühn gestaltet, graphisches Gespür verrieten. “Bei den MPS-Platten stimmte einfach alles. Ich lernte da Bands kennen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte,” erzählt er. “Labelchef Hans Georg Brunner-Schwer hatte das richtige Händchen. Er installierte in Villingen ein tolles Studio, behandelte die Musiker zuvorkommend und schuf so eine persönliche Atmosphäre, was für jedes erfolgreiche Label die Grundvoraussetzung ist. Er war nicht nur am Geschäft interessiert, sondern vor allem an der Musik.”
 Modern Jazz Group Freiburg
Etliche ausgefallene Namen hat Peterson auf seine aktuelle Zusammenstellung gepackt, darunter ein Stück der Modern Jazz Group Freiburg des Pianisten Waldi Heidepriems. “Ich wählte einige eher obskure Titel und Künstler aus, die nicht jeder kennt und die trotzdem fantastisch sind,” erläutert er sein Auswahlverfahren. “Natürlich wollte ich auch ein paar der großen Namen dabei haben, etwa George Duke oder Don Ellis.”

Dem Engländer bleibt jetzt nur noch eines: Nächsthin will er selbst nach Villingen reisen, um das MPS-Studio zu besichtigen, das seit einiger Zeit unter Denkmalschutz steht und für die Öffentlichkeit zugänglich ist. “Das wird eine absolute Pilgerreise für mich,” freut er sich schon heute. ”Die ganze Geschichte! All diese unglaublichen Musiker, die in diesem Studio aufgenommen haben. Das ist heilige Erde für mich!”