Showing posts with label Nils Frahm. Show all posts
Showing posts with label Nils Frahm. Show all posts

Tuesday, 11 April 2023

Wer hat das präparierte Klavier erfunden?

PRÄPARIERTES KLAVIER

Wer hat das präparierte Klavier erfunden – John Cage 1940 oder ein Musiktüftler aus Bern mehr als 150 Jahre früher?

Das präparierte Klavier erlebt im Moment einen beachtlichen Popularitätsschub: Fast könnte man sagen, es ist in der populären Musik angekommen. Ob Hauschka, Nils Frahm und die Grandbrothers oder im zeitgenössischen Jazz Kris Davis, Benoit Delbecq und Philip Zoubek – alle arbeiten mit Klangmanipulationen im Inneren des Flügels.

In den Lexikas heisst es immer JOHN CAGE habe 1940 das präparierte Klavier erfunden, indem er mit dem Anbringen kleiner Gegenstände zwischen den Saiten, deren Klang veränderte. Ein historisches Fundstück aus der KARLSRUHER ZEITUNG vom 18. Juli 1787 erzählt eine andere Geschichte:


Mit den "süßen Tönen der Harmonika" ist wohl die Glasharmonika gemeint, die von Benjamin Franklin 1761 erfunden worden war. Mundharmonika und Handharmonika entstanden erst später, in den 1820er Jahren.



In Bern konnte der "Klaviermacher" Georg Adam Kyburz als Urheber des ersten präparierten Klaviers ermittelt werden. In der Musikalischen Real-Zeitung vom 22. Juli 1789 heisst es auf Seite 237:

" Es giebt auch Forte-Piano's, die von einem gewissen Mechaniker Kyburz in Bern verfertigt werden, woran die eigentliche Harmonika vermittelst eines breiten unten etwas holen mit Meßing eingefaßten Stabes, der aufs pünktlichste über den gebogenen Steg auf dem Resonanzboden einpassen muß, sehr gut angebracht ist. Dieser Stab kann dann durch einen andern, der durch den Resonanzboden durchsticht mit dem Fuß ein wenig gedrukt werden: so fällt er plötzlich in seine gehörige Ordnung und man hat auf einmal eine herrliche Imitation einer Harmonika. Allein, da der breite Stab etwas schwer ist: so kann durch öfteren Gebrauch ein solches Instrument, das ganz nach englischer Art gearbeitet ist, bald Schaden leiden."

Tuesday, 18 August 2015

NILS FRAHM spielt das 'grösste Klavier der Welt'

Tastenträume

Pianostar Nils Frahm gab in Tübingen auf dem “größten Klavier der Welt” ein Konzert, um den Bau eines noch größeren Modells zu finanzieren
                                                                                                                                     Foto: Rose Revitt

 cw. In der Popmusik erlebt das Klavier momentan einen Boom. Eine ganze Reihe junger Pianisten gewinnen dem Tasteninstrument neue Facetten ab, indem sie es mit elektronischen Gerätschaften zum Hyperklavier entgrenzen. Der Berliner Nils Frahm, der gerade mit der Filmmusik zu “Victoria” viel Beachtung findet, ist einer der führenden Musiker dieses Genres. Seine visionären Gedanken treffen sich mit denen von David Klavins, einem Klavierbauer aus Balingen-Frommern, der nicht daran glaubt, dass die technische Entwicklung des Pianos bereits abgeschlossen ist und über neue Modelle nachdenkt. Klavins meint etwa den Klang der tiefen Töne dadurch verbessern zu können, dass er längere Baßsaiten verwendet, die er nicht horizontal, sondern aufrecht anordnet. Das macht das Klavier zu einem Rieseninstrument. Ein solches Modell ist seit zwei Jahren im Tübinger Pfleghof installiert. Es trägt den Namen M370, weil es 3,70 Meter hoch ist, wobei man über ein Treppchen aufs Spielpodest hinaufsteigt. Auf diesem “größten Klavier der Welt” hat Nils Frahm sein letztes Solo-Album eingespielt.

Doch Frahms und Klavins’ Träume reichen darüber hinaus: Den beiden schwebt ein noch größeres Klavier vor! Klavins hat Entwürfe für ein Instrument mit 4,50 Meter Höhe entwickelt, dessen tiefste Saite eine Länge von 3,90 Meter haben soll. Um die nötigen Finanzmittel von ca. 120 000 Euro für den Bau aufzubringen, gab Frahm in Tübingen ein Benefizkonzert, zu dem die Zuhörer trotz des stolzen Eintrittspreises von 35 Euro nur so strömten. Der mittelalterliche Saal im Pfleghof – spärlich beleuchtet – bot die passende Kulisse für ein stimmungsvolles Konzert, das restlos ausverkauft war.
                                                                                                                                                                                 Foto: Rose Revitt
Nils Frahm gab sich als Romantiker, dessen liebste Stimmung die Melancholie ist und dessen bevorzugte Ausdrucksform die Elegie. Der Berliner Tastenvirtuose schlug über weite Strecken zarte Töne an und schwelgte in wohligen Durakkorden. Seine Melodien bestechen durch Einfachheit und verströmen manchmal folkloristisches Flair. Dazu werden Stilmittel der Minimal Music einbezogen. Dann hämmert Frahm über längere Zeit einen Grundton in rhythmisch bewegter Manier, um darum herum eine Melodie aus gebrochenen Akkorden zu flechten, bevor er die Töne mehr und mehr verdichtet und zu einer düsteren Klangwolke auftürmt.


In einem anderen Stück des Abends warf der Berliner den Synthesizer an, um einen elektronischen Loop ins Spiel zu bringen, der dann melodisch mit dem Großklavier umspielt wurde. Im Publikum saßen - andächtig lauschend - viele junge Klavierfans, die Frahm wie einen neuen Keith Jarrett feierten und ihn nicht ohne Zugaben ziehen ließen. Das Riesenklavier M450 ist mit diesem Konzert seiner Realisierung einen bedeutenden Schritt näher gekommen.

Der Konzertbericht erschien zuerst im Schwarzwälder Bote.