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Tuesday, 9 May 2023

Taj Mahal mit neuem Album

Harlem Swing

Taj Mahal belebt den Sound der Bigband-Ära neu


 Taj Mahal (Foto: Abby Ross)



 

cw. Im Alter gewinnt die Musik der eigenen Kindheit und Jugend zunehmend an Bedeutung, und nicht wenige Musiker sehnen sich nach den Klängen ihrer frühen Jahre zurück. Dieser Befund gilt auch für den amerikanischen Bluesmusiker Taj Mahal (bürgerlich: Henry St. Claire Fredericks), der letztes Jahr 80 Jahre alt wurde. 

 

Unter dem Titel „Savoy“ hat Mahal gerade ein Album veröffentlicht, das die Klänge der 1940er Jahre neu belebt, als im berühmten Savoy Ballroom in der Lenox Avenue in Harlem die Post abging. Im „Savoy“, das als eine der wenigen Dancehalls keine Rassensegregation praktizierte, war der Schlagzeuger Chick Webb König. Er trat dort mit seiner Bigband auf und einer jungen Ella Fitzgerald. Unter den Tausenden Tanzwütigen, die das Lokal mit zwei Tanzböden bevölkerten, um sich dem Jitterbug, Jive oder dem Lindy Hop hinzugeben, befanden sich auch Taj Mahals Eltern, die sich hier kennenlernten.

 

Das macht das Album zu einem Spaziergang „down Memory Lane“ und taucht gleichzeitig tief in Mahals verästelte Familiegeschichte ein. Im Mai 1942 in Harlem geboren, war sein Elternhaus voller Musik. Sein Vater spielte als Jazzpianist mit karibischen Wurzeln beim Jump-Blues-Bandleader Buddy Johnson – Mahals Patenonkel. Seine Mutter, eine Lehrerin aus South Carolina, fiel sonntags in der Kirche durch ihren inbrünstigen Gospelgesang auf. „Ich wuchs sehr bewußt mit meinen afrikanischen Wurzeln auf“, erinnert sich Mahal, dessen Vater ein Anhänger von Marcus Garvey war, einem „Black Nationalist“ aus Jamaika. „Meine Eltern hatten sich durch die Musik gefunden, was damals Swing und die Anfänge des Bebop bedeutete. Das waren die Klänge, die mich in meiner Kindheit umgaben.“


Der Künstler als junger Mann



 

Kein Wunder, dass das neue Album mit „Stompin‘ at the Savoy“ beginnt, dem Jazzklassiker, mit dem Chick Webb 1934 einen Hit landete und der später auch von Ella Fitzgerald mit Louis Armstrong aufgenommen wurde. Im Gespann mit dem Produzenten John Simon, der sich durch seine Arbeit mit The Band, Leonard Cohen und Blood, Sweat & Tears einen Namen gemacht hat, läßt Mahal die Atmosphäre wieder aufleben, die einst in den Nachtclubs und Tanzhallen von Harlem herrschte, als die Bigbands den Ton angaben. 

 

Eine gestopfte Trompete leitet „Stompin‘ at the Savoy“ ein, Bläsersätze schmiegen sich an, während die Background-Sängerinnen Mahals rauhes Stimmorgan in weiches Timbre hüllen. Und dann bläst ein Tenorsaxofon ein Solo, bevor Mahal den Ball aufnimmt mit einer Scat-Gesangseinlage, die vor Energie nur so sprudelt – sabadibididu-dabedidum!

 

Es ist nicht das erste Album, mit dem Taj Mahal Geschichtsforschung betreibt. Bei Licht betrachetet, hat er in seiner langen Karriere nie etwas anderes gemacht, als sein Leben der Erkundung dem weitverzweigten Geflecht afro-amerikanischer Musiktraditionen zu widmen. 

 

Alles begann in Los Angeles im heute legendären Folkclub „Ash Grove“, wo der junge Bluesenthusiast alte Barden wie Mississippi John Hurt, Lightnin‘ Hopkins oder Muddy Waters hörte und so betört von ihrem Gesang und Gitarrenspiel war, dass er ihnen genau auf den Mund und die Finger schaute. Im „Ash Grove“ fand dann auch seine erste Band zusammen, die er 1965 unter dem Namen „Rising Sons“ mit Ry Cooder aus der Taufe hob. Nach diesen frühen Blues-Studien steuerte Mahal in den 1970er Jahren die Karibik an, um mit Reggae- und Calypso-Titeln seine Familiengeschichte väterlicherseits zu erkunden. Auch auf Hawaii machte er Station. Danach folgten Exkursionen nach Mali und Zansibar, um mit dem aktuellen „Savoy“-Album abermals eine andere Seite seiner musikalischen Genealogie aufzuschlagen.

Taj Mahal & the Tuba Quartet, 1971



 

Daneben wird mit dem Album eine alte Freundschaft neu belebt, die vor mehr als einem halben Jahrhundert begann, als der Produzent des Albums, John Simon, Keyboard in Mahals Band spielte und auf seinem Album „The Real Thing“ von 1971 mit von der Partie war, das mit vier Tuba-Spielern „live“ eingespielt wurde. 

 

Außer als Produzent ist John Simon bei den „Savoy“-Sessions als Pianist zu hören in einer Band, die aus lauter Größen der Studio-Szene der Bay-Area besteht. Gitarre spielt Danny Caron, der auf Referenzen von Clifton Chenier über Bonnie Raitt bis zu Van Morrison verweisen kann. Den Baß zupft Ruth Davies, die schon mit John Lee Hooker, Elvin Bishop und Maria Muldaur gearbeitet hat. Eine illustre Crew also, die für das nötige Feeling sorgt.


Taj Mahal – Do nothin' till you hear from me (youtube)

 

Unter den zwölft Standards aus dem Great American Songbook befinden sich alte Schlachtrösser wie „Mood Indigo“, „Sweet Georgia Brown“ oder „Gee Baby, Ain’t I Good to You“, denen Mahal dennoch neue Seiten abzugewinnen weiß. Den Evergreen „Baby It’s Cold Outside“ zelebriert er im Wechselgesang mit Maria Muldaur. Auf „Caldonia“, einer Jive-Nummer von Louis Jordan, die auch Muddy Waters im Repertoire hatte, ist er mit einem quirrligen Mundharmonika-Solo zu hören. Und „Summertime“ präsentiert Mahal nicht im Rock-Idiom à la Janis Joplin, sondern als Swing-Nummer ganz im Stil der Interpretation von Miles Davis und Gil Evans aus dem Jahr 1958. „Das war mein Vorbild,“ räumt er unumwunden ein, um gleich wieder ins Schwärmen zu geraten: „Die Musik damals war schon toll, und das ist sie heute immer noch.“

 

Taj Mahal: Savoy (Stony Plain Records)

Saturday, 21 May 2022

Ry Cooder und Taj Mahal wieder vereint

Kenner und Könner

 

Vom Blues zum Buena Vista Social Club und retour – Ry Cooder nimmt mit Taj Mahal nach mehr als einen halben Jahrhundert wieder ein Album auf



Taj Mahal & Ry Cooder (by Abby Ross, Nonesuch)





 

cw. Als Bob Dylan noch Robert Zimmerman hieß und ein junger, ambitionierter, aber völlig unbekannter Folksänger war, träumte er davon, einmal im „Ash Grove“ aufzutreten, dem profiliertesten Folk- und Blues-Club von Los Angeles. In dem ehemaligen Möbelgeschäft in der Melrose Avenue, das als eine der Brutstätten der Subkultur der amerikanischen Westküste gilt, traten Folk- und Protestsänger wie Pete Seeger und The New Lost City Ramblers neben Countrymusikern wie Johnny Cash und Bill Monroe auf. Wenn schwarze Bluespioniere, ob Mississippi John Hurt, Lightnin‘ Hopkins oder Muddy Waters die Bühne betraten, rückten die junge Rockmusiker im Publikum – etwa von der lokalen Gruppe Canned Heat – näher an die Bühne heran, um ihren Idolen genau auf die Finger schauen zu können und ihnen ein paar Kniffe auf der Gitarre abzugucken.

 

Als das Duo von Sonny Terry (Harmonika) und Brownie McGhee (Gitarre, Gesang) 1962 im „Ash Grove“ auftrat, saß ein 15jähriger Teenager in der ersten Reihe, den seine Mutter mit dem Auto zum Club gefahren hatte. „Da führte ein hinkender Mann mit Kinderlähmung einen Blinden auf die Bühne,“ erinnert sich Ry Cooder an den Auftritt. „Kaum fingen sie an zu spielen, war klar: Die sind richtig gut!“ 


Cooder & Mahal, 1965



 

Ein Jahr später und der junge Gitarrist absolvieren im „Ash Grove“ seinen ersten öffentlichen Auftritt. Bald freundete sich der Grünschnabel mit einem anderen Bluesfan an, der etwas älter war und Henry St. Claire Fredericks hieß, sich aber Taj Mahal nannte. Die beiden riefen 1965 eine Band ins Leben, die sie „Rising Sons“ tauften, was eine Verballhornung des Bluessongs „Rising Sun“ von Sonny Terry und Brownie McGhee war, der sich auf einer LP der beiden von 1952 mit dem „Get On Board“ befand. 


The Rising Sons, 1965



 

Nachdem Mahal und Cooder über die Jahre immer wieder einmal gemeinsam auftraten, kamen sie nun für eine längere Aufnahmesession zusammen. Als Blaupause für die aktuelle Produktion diente besagte LP von Sonny Terry und Brownie McGhee, die im Untertitel „Negro Folksongs by the Folkmasters“ hieß. Das schwarzen Bluesduo hatte mit Unterstützung des Perkussionisten und Sängers Coyal McMahan für das New Yorker Folkways-Label aufgenommen. Sowohl im Design des Covers als auch in der Besetzung ahmte die neue Produktion das Original nach. 

 

Das Gespann von Sonny und Brownie war 1940 entstanden und ziemlich schnell zum Prototyp des Harmonika-Gitarren-Duos geworden. „Wie Sonny Terry die „Blues Harp“ spielte, war einfach Zauberei“, schwärmt Taj Mahal noch heute. Das Tandem erspielte sich einen exzellenten Ruf, der in den 1960er Jahren auch Europa erreichte. Das brachte ihnen mehrere Einladungen für Tourneen mit dem American Folk Blues Festival ein, in deren Verlauf sie auch in Deutschland und der Schweiz auftraten. Mit johlenden und heulenden Harmonikatönen, einem ausdruckstarken Gesang und vitalen Gitarrenakkorden versetzten sie das Publikum in Verzückung. 


Sonny Terry & Brownie McGhee




 

An diese Klänge knüpfen Taj Mahal und Ry Cooder jetzt wieder an. Ihr Album mit dem Untertitel „The Songs of Sonny Terry & Brownie McGhee“ kommt einem wie ein Besuch in ihrer alten musikalische Heimat vor – dem Land des Blues. Die hatten sie bereits vor Jahrzehnten verlassen, obwohl sie aus Heimweh sporadisch zu den Klängen aus dem Mississippi Delta zurückzukehrten. 

 

Nach seinen „Ash Grove“-Tagen war Ry Cooder zum musikalischen Globetrotter geworden. Mit dem Akkordeonisten Flaco Jiminez erkundete er die Tex-Mex-Musik vom Rio Grande, unternahm mit Gabby Pahinui Ausflüge nach Hawaii und mit dem Gitarristen Ali Farka Touré Exkursionen in die afrikanische Wüste. Mit gleißenden Gitarrentönen zauberte Cooder zum Film „Paris, Texas“ von Wim Wenders einen eindringlichen Soundtrack, den er mit seinem Plattenprojekt „Buena Vista Social Club“ noch toppte, das der kubanischen Musik weltweit zum Durchbruch verhalf. Auf eine ähnliche musikalische Weltreise begab sich auch Taj Mahal. Dabei machte er über die Jahre in Indien, Mali, Hawaii und auf Zanzibar Station und unternahm Abstecher in die Karibik und den Südpazifik. 

 

Mit dem neuen Album kehren die beiden nun zum Blues zurück. Man fühlt sich geradewegs ins „Ash Grove“ der 1960er Jahre zurückversetzt, so leidenschaftlich und mit so viel Begeisterung gehen sie zur Sache. Ry Cooder läßt seine National-Steel-Gitarre wimmern und jaulen und huscht gewandt über das Griffbrett der Mandoline, während Taj Mahal auf dem Klavier kräftige Baßläufe und Akkorde im Barrelhouse-Stil anschlägt oder die Mundharmonika japsen und keuchen läßt. Eine Tragtasche voller Harmonikas hatte er zur Aufnahmesession mitgebracht, um für die Tonart jedes Stücks das passende Instrument zu haben. 

 

Der Dritte im Bund ist Joachim Cooder, Ry Cooders „Rising Son“, der mit Trommeln, Maracas und einem kleinen Becken für rhythmische Erdung sorgt. Der Schlagzeuger war bereits auf etlichen neueren Einspielungen seines Vaters zu hören und hat erst kürzlich mit Aufnahmen von Songs des Hillbilly-Minstrels Uncle Dave Macon an Profil gewonnen und gleichzeitig bewiesen, dass er sich auch in der „Oldtime Music“ auskennt.







 Von den Stücken, die für die neue Einspielung von „Get On Board“ ausgesucht wurden, sind nur drei auch auf der ursprünglichen LP enthalten. Die anderen wurden dem riesigen Repertoire von Sonny Terry und Brownie McGhee entnommen, wobei sich Bluesnummern, Folksongs und Gospeltitel die Waage halten. Nach Balladen über menschliche Verfehlungen und Eskapaden, die bluesgemäß oft doppeldeutig daherkommen, wird anschließend im Himmel musikalisch um Vergebung ersucht, weil man nach dem Tod doch noch auf Einlaß in der „Beautiful City“ über den Wolken hofft. Andere Lieder beklagen das irdische Jammertal, etwa der „Pawn Shop Blues“, in welchem sich der Protagonist gezwungen sieht, zuerst seinen letzten Anzug, dann sein Radio zu versetzen, um schließlich auch noch seine Gitarre ins Pfandhaus zu tragen. Für einen Musiker wohl die ultimative Strafe!


Wie 'Get on Board' entstand (Youtube)



Wenn noch ein Beweis für die Extraklasse von Ry Cooder und Taj Mahal nötig gewesen wäre, hätten sie ihn mit dieser Einspielung erbracht. Das Album zeigt die beiden als rare Kenner und Könner der Songs von den Baumwollfeldern. Obwohl mittlerweile selbst Veteranen, verneigen sie sich vor den Urväter des Blues mit Klängen, deren ungehobelte Robustheit und lockere Lässigkeit dennoch höchst zeitgemäß klingt.
 

 

Taj Mahal & Ry Cooder: Get On Board – The Song of Sonny Terry & Brownie McGhee (Nonesuch)