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Monday, 21 August 2023

AUGEundOHR 23: Fröhliches Beisammensein mit Musik

Der Klang der alten bäuerlichen Welt 

Fröhliches Beisammensein in Bayern oder Österreich auf dem Land mit Musik von Knopfakkordeon, Zither und Geige, dazu eine Maß Bier. Hinter dem Geiger lugt einen kleiner Junge hervor. Die einzige Frau in dieser Männerrunde ist die Zitherspielerin, die wohl nur deshalb Zugang zu diesem illustren Kreis hat, weil es wohl keinen männlichen Zitherspieler gibt. Zu sehen ist der Biergarten einer Gastwirtschaft, wo die Leute beisammen sitzen. Die Metallstühle lassen darauf schließen. Der Metallstuhl, links im Vordergrund, ist wohl an einen weiteren Tisch gelehnt. Das Foto wurde ca. um 1910 (geschätzt!) aufgenommen.



Friday, 16 October 2020

MARTIN MALLAUN: ZITHERVIRTUOSE

Zwischen Dissonanzen und Wohlklang

Der Zithervirtuose Martin Mallaun präsentierte im Alten Schlachthof in Sigmaringen eine Klangwelt der Gegensätze

                                           Foto: C. Wagner



Wer weiß heute noch, was eine Zither ist? Das einst so populäre Musikinstrument sieht sich in einer Gegenwart, in der Keyboards, E-Gitarren und Laptops den Sound der Zeit bestimmen, längst an den Rand gedrängt. Martin Mallaun will diesen Trend umkehren. Der Zithervirtuose aus St. Johann in Tirol bringt das Saiteninstrument ins Rampenlicht zurück mit einem Programm, das sich über mehr als 400 Jahre Musikgeschichte spannt und die vielfältigen Möglichkeiten des Zupfinstrument eindrucksvoll demonstriert. Der Auftritt von Mallaun im Alten Schlachthof in Sigmaringen entpuppte sich als eindrucksvoller Beleg für die Behauptung, dass die Zeit der Zither noch längst nicht abgelaufen ist.


Das Konzert zog seinen Reiz aus einer Gegenüberstellung: Auf der einen Seite präsentierte Mallaun Musik aus Renaissance und Barock, die er mit ultramodernen Kompositionen kontrastierte, die oft ins Atonale ausgriffen. Mit unglaublicher Fingerfertigkeit schaffte es der Österreicher die verschlungenen kontrapunktischen Melodien in den Stücken von John Dowland, Jan Pieterszoon Sweelinck und Sylvius Leopold Weiss aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zu neuem Leben zu erwecken. Ursprünglich waren diese Tänze, Fantasien und Psalme für Laute geschrieben worden, doch schaffte es Mallaun, sie so überzeugend in Szene zu setzen, dass man hätte schwören können, authentischer Zithermusik zu lauschen.

 

Der ebenmäßige Fluß der melodischen Linien dieser frühen Musik kontrastierte Martin Mallaun mit avantgardistischen Werken, die junge Komponisten für ihn geschrieben haben und die einen ganz anderen Ton anschlagen. Hier geht es darum, das Klangspektrum der Zither zu erweitern, unkonventionelle Saitenstimmungen und Spieltechniken zu erkunden, die bis ins Geräuschhafte gehen können. Kurz: Die Absicht ist, dem Zupfinstrument neue musikalische Sphären zu eröffnen. 

                                  Foto: Joachim Schneider

 

Der Komponist Leopold Hurt hat mit „Logbuch“ ein Werk in vierteltöniger Mikrotonalität geschaffen, das mit Flageoletts sowie Clustern arbeitet, die entstehen, wenn man mit der flachen Hand auf die Saiten der Zither schlägt, eine Technik, die klassischen Zitherspielern die Haare zu Berge stehen lassen. 

 

In der Komposition „Traum im Traum“ des Amerikaners William Dougherty kommen dagegen alle möglichen Hilfsmittel zum Einsatz – ob Gitarren-Bottleneck oder Geigenbogen –, mit denen der Zither bislang unbekannte Klänge entlockt werden, die sich dann zusammen mit den Zuspieltönen vom Laptop zu einem komplexen Klanggeschehen verbinden. Martin Mallaun spielte diese zeitgenössischen Kompositionen auf zwei Spezialinstrumenten, die er sich nach seinen eigenen Vorgaben bauen ließ und die jeweils eine besondere Klangqualität besitzen. 

 

Zum Abschluß kam in einer Komposition von Marco Döttlinger noch die E-Zither zum Einsatz, die wie die E-Gitarre auf elektrische Verstärkung angewiesen ist, weil sie sonst nahezu stumm bleibt. Anfangs bestimmen in diesem Stück einzelne Dissonanzen mit langen Pausen dazwischen das Geschehen, die sich mit der Zeit rhythmisch ordnen und immer mehr verdichten, bis Mallaun zu einem Metallstück greift und heulende Sounds über das pulsierende Fundament legt, welche die Gleittöne der Hawaiigitarre oder der Pedal-Steel-Guitar der Countrymusik in Erinnerung rufen. Das zahlreiche Publikum wurde von dieser faszinierenden Klangwelt derart in den Bann gezogen, dass Martin Mallaun erst nach einer Zugabe seinen Heimweg nach Tirol wieder antreten durfte. 


Der Artikel erschien zuerst in der SCHWÄBISCHEN ZEITUNG

Monday, 5 October 2020

Museum der vergessenen Klänge: DIE ZITHER

 Aufregender Neutöner

 

Von Barockmusik zur Avantgarde: Martin Mallaun spielt die Zither wie nie zuvor

 




Als “Museum der vergessenen Klänge“ bezeichnet sich eine Konzertreihe, die das Kulturzentrum im Alten Schlachthof in Sigmaringen veranstaltet. Dort werden von renommierten Solisten in Konzerten Musikinstrumente vorgestellt, die entweder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind oder es nie zu größerer Popularität gebracht haben, also randständig geblieben sind. Bisher standen die Glasharmonika und das Trautonium im Zentrum eines Konzerts. Am Donnerstag, den 15. Oktober 2020 (Beginn: 20 Uhr), wird nun der österreichische Saitenvirtuose Martin Mallaun die Zither in einem Programm vorstellen, das von Musik der Renaissance bis zu elektronischen Sounds der Gegenwart reicht.


 

Im 19. Jahrhundert war die Zither aus der Volksmusik nicht wegzudenken. Sie war das bei weitem beliebteste Instrument weit und breit. Keine Trachtenkapelle, keine Varietégruppe und keine Tanzkapelle kamen ohne sie aus. Auch für die Gesangsbegleitung war das Zupfinstrument unerläßlich. Darüber hinaus gab es beinahe in jeder kleineren Stadt ein Zitherorchester, in dem oft zwei Dutzend Hobbymusikanten (oder mehr) zusammenspielten. Unangefochten stand das Instrument über mehr als ein Jahrhundert im Zentrum der populären Unterhaltung. 

 

In den 1950er Jahren hat der Soundtrack zum Film “Der Dritte Mann” der Zither noch einmal ein Comeback beschert und wenigstens für Filmfans unsterblich gemacht. Wenn heute von dem Instrument die Rede ist, denkt jeder sofort an den mit einem Oscar prämierten Streifen mit Orson Welles in der Hauptrolle und der einprägsamen Titelmelodie, gespielt auf der Zither: dem “Harry Lime Theme”.

 

Von diesem Ruhm hat die Zither lange gezehrt. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Das Instrument hat in den letzten Jahrzehnten einen eklatanten Bedeutungsverlust erfahren und ist aus der populären Musik fast völlig verschwunden. Selbst im volkstümlichen Musikantenstadl dominieren heute elektronische Keyboards den Sound. 

 

Dagegen erlebt die Zither an den Musikhochschulen im Alpenraum ein fulminantes Comeback. Doch wird dort kaum noch die traditionelle Zitherliteratur gepflegt, sondern neue Möglichkeiten des Instruments erkundet: Zum einen werden im Rückgriff auf die Vergangenheit Renaissance- und Barockkompositionen für Zither transkribiert, andererseits avantgardistische Klänge und experimentelle Möglichkeiten ausgelotet, was die Zither in einen aufregenden Neutöner verwandelt. 



 

Aus dieser Szene kommt Martin Mallaun. Der junge Österreicher hat sich in den letzten Jahren mit der Interpretation kühner Kompositionen zu einem der wichtigsten Erneuerer der Zither gemausert. Dabei schlägt Mallaun einen weiten Bogen, der vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht und selbst noch einen Blick in die Zukunft wagt. Mallaun hat Renaissancemusik von John Dowland auf die Zither übertragen, auch Barockstücke von Jan Sweelinck, die er mit gewagten Improvisationen, Klangerkundungen und elektronischen Sounds kontrastiert, wodurch eine faszinierende, ganz eigene Klangwelt entsteht. Mallaun hat bei modernen Komponisten eigens Werke in Auftrag gegeben, wobei der Tiroler manche dieser Stücke auf einer speziellen Zither präsentiert, die er eigens zu diesem Zweck nach seinen Vorgaben anfertigen ließ. Musikalische Feinschmecker dürften an diesem außergewöhnliche Konzert ihre Freude haben – Neuentdeckungen eingeschlossen! 


Weitere Infos und Kartenreservierungen: www.schlachthof-sigmaringen.de 

Wednesday, 9 January 2013

Trends: MARTIN MALLAUN und GREIFER erfinden die Zither neu


Zitherpartie

Die Zither zwischen Volks- und Kunstmusik



CW. Einst verpönte Instrumente aus dem Volkmusikmilieu haben in der zeitgenössischen Musik in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Boden gewonnen. Neben dem Akkordeon gehört die Zither in diese Kategorie. Um eine Imageänderung zu erreichen, bedarf es üblicherweise ein paar herausragender Solisten, die neue Kompositionen in Auftrag geben, welche als innovative Anstöße nachhaltige Wirkung entfalten.
Der Österreicher Martin Mallaun (Jahrgang 1975) ist ein solcher Impulsgeber, der in jüngster Zeit mit zwei Soloalben die Zither von ihrem volksmusikalischen Staub befreit und in ganz anderem Licht gezeigt hat. Jetzt hat Mallaun mit der Italienerin Reinhilde Gamper und dem Deutschen Leopold Hurt das Zither-Trio Greifer ins Leben gerufen, das mit “Neue Musik für 3 Zithern” gerade ihr Debutalbum vorlegt hat. Die Einspielung lässt aufhorchen und könnte die Qualität besitzen, Ressentiments gegenüber dem alpenländischen Saiteninstrument endgültig aus der Welt zu schaffen.
Vier Komponisten haben Werke geliefert, die der Gruppe auf den Leib geschrieben sind. Helga Pogatschar hat mit “Underground Surround” ein Stück entworfen, das sich mit dem Mythos “Der dritte Mann” auseinandersetzt, dem Film Noir aus der Nachkriegszeit, in welchem die Zither ihren letzten großen Auftritt hatte. O-Ton-Erinnerungsfetzen an den Film, Einblendungen und Kommentare überlagern sich collagenhaft mit Melodienzitaten, die dann auf fantasievolle Weise mehr und mehr ihre eigenen Wege gehen. 
Manuela Kerer hat dagegen ihre fünf Miniaturen unter dem Titel “solitudine vage” auf Materialklängen der Zither aufgebaut. Sie kontrastiert und erhellt diese Geräuschwelt mit klaren Saitentönen, die an den Klang einer asiatischen Bodenharfe erinnern. Gelassenheit und Ebenmaß zeichnen die beiden Werke von Burkhard Stangl aus, die er Morton Feldman gewidmet hat und die – ohne Plagiat zu sein - den Geist des amerikanischen Komponisten atmen. Die gleichförmige Ruhe der gemächlich dahin schreitenden Akkorde bringt feinste Schwebungen und Details zum Vorschein.
Burkhard Friedrich verwandelt dann die Zither mittels elektrischer Verstärkung in ein Hardcore-Instrument. In der Komposition “(D)evil Song” lotet er in höchst originelle Manier Nachhall- und Feedback-Effekte aus und verdichtet zum Finale das Spiel mit akustischen und elektrischen Tonüberlagerungen zu einem mächtigen Crescendo.
Das Trio Greifer entwirft die Vision einer neuen Klangwelt der Zither auf so vielfältige, schlüssige und überzeugende Weise, dass man sich fragt, warum es bestimmte Vorbehalte eigentlich überhaupt jemals gegeben hat. Am Instrument kann es nicht gelegen haben.

Aktuelles Album:
Greifer (Reinhilde Gamper / Leopold Hurt / Martin Mallaun): Neue Musik für 3 Zithern
(Idyllic Noise IDNO 0008)

Die Besprechung erschien ursprünglich in NEUE ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK (Schott Verlag).