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Monday, 29 April 2019

Jamie Safts NEW STANDARD TRIO in Singen

Brodelnder Souljazz

Das New Standard Trio aus New York beim Jazzclub in Singen 

cw. Drei Musikergenerationen kommen in der Combo zusammen: ein ergrauter Veteran spielt Baßgitarre, am Schlagzeug sitzt ein Wirbelwind mittleren Alters, während ein junger Wilder in die Klavier- und Orgeltasten greift. Zusammen bilden die drei das New Standard Trio, das – Namen sind Zeichen – am liebsten alte Jazzstandards interpretiert, doch auf nicht alltägliche Weise. Gerade befindet sich die New Yorker Jazzformation auf einer zweiwöchigen Europatournee, die sie über Polen, Italien und Slowenien auch im Kulturzentrum Gems beim Jazzclub in Singen Station machen ließ. Vor einer beachtlichen Zuschauerkulisse absolvierten sie einen bejubelten Auftritt.

Wenn Jamie Saft in die Tasten seiner zweimanualigen Orgel greift, Bobby Previte einen groovenden Ryhthmus trommelt und Bassgitarrist Steve Swallow ein paar markante Grundtöne platziert, meint man sich in einer Spelunke an irgendeiner staubigen Landstraße im amerikanischen Süden zu befinden: Auf der Bühne eine Band, die Elemente aus Gospel, Blues und Soul zu einem Sound vermischt, wie ihn in den 1960er Jahren als Hausband der Schallplattenfirma Stax in Memphis, Tennessee schufen. 

Viel Gefühl und noch mehr Seele bestimmten damals den „Memphis Soul“, geformt aus erdigen Grooves und klaren Melodien, wobei das New Standard Trio sein Bestes gab, an den Sound dieser heute klassischen Soulmusik anzuknüpfen. In den Improvisationen brachte Jamie Saft seine Orgel ordentlich zum Kochen, ließ sie aufjaulen und heulen, erhöhte bei jedem Durchgang noch einmal die Intensität, bis er zielgenau auf den Höhepunkt zusteuerte, unterstützt von seinem exzellenten Ryhthmusteam, das mitging und die Spannung immer noch um eine Umdrehung steigern konnte. 
                                                                                                                                                        Foto: C. Wagner
 
Obwohl drei gleichwertige Instrumentalisten das Trio ausmachen, ist es doch eindeutig die Band von Tastenspieler Jamie Saft, der mit seinem ellenlangen Bart aussieht, als wolle er sich für die Keyboarder-Stelle bei der Rockband ZZ Top bewerben. Saft macht die Titelansagen, bestimmt die Stückefolge und gibt auch musikalisch den Ton an, während Steve Swallow und Bobby Previte ihm auf Schritt und Tritt folgen. 

Wenn Saft an den Flügel wechselt, vollzieht sich ein Szenenwechsel. Jetzt befindet man sich nicht mehr in einer Straßenkneipe im Süden der USA, sondern in einem feinen, großstädtischen Jazzclub, wo die klassische Jazzballade zu Hause ist. In den 1950er Jahre hat in dieser Sparte der Pianist Bill Evans Maßstäbe gesetzt, und Evans ist auch der Leitstern, dem Jamie Saft folgt. Sensible Töne, feine Akkordsequenzen und ein delikater Anschlag verweben sich zu einem traumversunkenen Jazz. Schlagzeuger Previte setzt mit den Besen behutsame Akzente, während Baßgitarrist Swallow ein paar wohldurchdachte Soli beisteuert, die weniger durch Virtuosität als durch das fantasievolle Weiterspinnen der Melodien bestechen. 

Wie schön wäre es gewesen, wenn jetzt auch noch Iggy Pop die Bühne betreten hätte. Immerhin hat der Urpunk auf dem vorletzten Album zwei Balladen mit dem New Standard Trio gesungen. Doch natürlich gab sich Iggy Pop kein Stelldichein. Die Band mußte ohne ihn klarkommen. Aber auch ohne den Extremrocker stand das Konzert dennoch für einen rundum gelungenen Abend.  

Monday, 2 March 2015

FUNDSACHEN: THE TRIO mit Hal Gaylor, Walter Norris und Billy Bean

THE TRIO mit Walter Norris (Riverside)


2. März 2015. Gerade war ich in Huddersfield (West Yorkshire), wo es noch einen richtigen Second-Hand-Plattenladen gibt, und habe eine erstaunliche LP gefunden, erschienen auf 'Riverside'  - schon etwas zerschunden, und sie knackt auch leicht, aber immerhin: sie war nicht teuer und ist eine Perle. Das Cover erregte zuerst meine Aufmerksamkeit. In der rechten oberen Ecke war die Hülle wohl beschädigt und jemand hat per Hand mit Filzstift den Bandnamen ausgebessert. Die LP stammt von THE TRIO (so heisst die Band wirklich) mit dem ehemaligen Ornette Coleman-Weggefährten Walter Norris (1931-2011) am Piano. (In den 70ern spielte Norris mit Charles Mingus, bevor er Mitglied in der SFB-Bigband wurde und nach Berlin zog.) Die LP war von Orrin Keepnews produziert worden, der am 1. März 2015 91jährig verstorben ist und der Riverside zusammen mit Bill Grauer 1953 gegründet hatte. Das eindrucksvolle Cover stammte von Ken Deardoff, der zusammen mit Paul Bacon nahezu alle charakteristischen Riverside-Covers gestaltete.  Der detaillierte Cover-Text stammt vom Gitarristen Jim Hall.

Norris war der einzige Name, den ich von den dreien kannte. Die Besetzung ist interessant, da die Gruppe auf ein Schlagzeug verzichtet und so die Tür zum kammermusikalischen Musizieren aufstieß. Anfang der 60er Jahre (die Aufnahmen entstanden im Juni 1961) war das recht außergewöhnlich, nicht in der typischen Jazzbesetzung aufzutreten. Äußerst intensives Ensemblespiel über Klassiker wie 'Smoke Gets In Your Eyes' mit Soli aller drei Instrumente. Nie ausufernd, sondern sehr ökonomisch gespielt, trotzdem große Virtuosität und Könnerschaft. Intime Klänge, ruhig, unaufgeregt, am stärksten in den Balladen. Erinnert mich an Aufnahmen von Bill Evans oder Don Friedman aus der gleichen Zeit. Auf dem Cover sind die drei mit Anzug und Kravatte abgebildet, was bis Mitte der 60er Jahre die Dienstkleidung von Jazzmusikern war. Es gibt selbst Fotos von deutschen Freejazzern, den 'jungen Wilden' Gunter Hampel und Manfred Schoof im gleichen Aufzug. In den 70er Jahren gab es eine andere Jazzgruppe, die sich ebenfalls The Trio nannte. Sie wurde von John Surman, Stu Martin und Barre Philips in England gebildet - eine gleichfalls wichtige Formation, die ins freie Spiel und in die Elektronik hinausgriff.