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Tuesday, 16 September 2025

THE GREAT SITAR EXPLOSION

Raga-Rock

Wie die Sitar die Rockmusik revolutionierte


Die Beatles 1966 in Indien


1967 – Summer of Love! Eric Burdon & The Animals wirbeln mit einem neuen Album mächtig Staub auf. Sein Titel: “Winds of Change”. Das Eröffnungsstück mit dem gleichen Namen kommt einer Aufzählung all der Pop-Rebellen und jungen Wilden gleich, die damals mit ihrer Musik für Aufruhr sorgten: Die Beatles, die Rolling Stones, Frank Zappa, The Mamas and Papas, Jimi Hendrix und - man höre und staune -: Ravi Shankar, der indische Sitarvirtuose!  


Shankars Einfluss hatte wohl auch die Animals dazu animiert, den Song in Sitarklänge zu tauchen, die damals als der letzte Schrei galten. In der 2. Hälfte der 60er Jahre war das indische Saiteninstrument mehr und mehr in Mode gekommen und hatte die Popmusik in exotische Klänge getaucht.


Die Sitar war Teil des ”Winds der Veränderung”, der damals die Popmusik erfasste. Neue Klänge verwandelten Beat zu Rock. Gitarristen erzeugten mit Verzerrern, Phasern und Wah-Wah-Pedal die abenteuerlichsten Sounds. Tonstudios wurden zu experimentellen Klanglabors umfunktioniert und Erfindungen wie der Synthesizer lieferten neuartige Töne. Der buntschillernde Klang der Sitar fügte sich da nahtlos ein.


Für die Woodstock-Generation wurde die Sitar zum Symbol östlicher Spiritualität und Mystik. Das Instrument stand für eine Sehnsucht nach dem Orient. Indien wurde zum Traumland der Gegenkultur verklärt  - zum exotischen Paradies, frei von den Malaisen der westlichen Moderne. Mit Hermann Hesse, Zen-Buddhismus und transzendentaler Meditation hoffte man Erleuchtung zu finden und zu den Quellen der Weisheit vorzustoßen. Räucherstäbchen, indische Tücher, Kettchen und Sandalen avancierten zu Kennzeichen von Aussteigern und Zivilisationsmüden auf der Suche nach anderen Daseins- und Bewußtseinsformen. 


Die Beatles machten es vor. 1967 besuchten die vier Pilzköpfe in Bangor in Wales einen Kurs für transzendentale Meditation beim indischen Guru Maharishi Yogi, um ihn später in Indien erneut zu besuchen. Die Presse berichtete ausführlich.


Vor der spirituellen Suche waren die Beatles musikalisch fündig geworden. Bereits 1965 tauchte auf dem Titel “Norwegian Wood” vom Album “Rubber Soul” eine indische Sitar auf - das erste Mal in der Geschichte der Popmusik. Sie wurde vom Leadgitarristen George Harrison gespielt und verlieh dem Song einen ganz speziellen Charakter. Das klang frisch und neu! 


Der Sound sorgte für Furore. Immer mehr Popgruppen setzten das exotische Zupfinstrument ein, und mehr und mehr Stücke landeten in den Charts, auf denen die schwirrenden Töne der Sitar zu hören waren. Bald machte in der Presse das Wort von der “Great Sitar Explosion” die Runde.


Dass die Sitar so große Beachtung fand, war das Verdienst hauptsächlich eines einzigen Musikers: Ravi Shankar! Sein Name wurde zum Synonym nicht nur für die Sitar, sondern für exotische Musik überhaupt. 

Shankar war 1956 zum ersten Mal für Konzerte in den Westen gekommen. In England, Deutschland und den Vereinigten Staaten stellte er ein Programm aus Ragas vor und nahm in London sein erstes Album auf. Weitere Einspielungen folgten. Shankars Popularitätskurve zeigte steil nach oben. 1967 trat er beim ersten großen Popfestival der Geschichte im amerikanischen Monterey auf. Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Who lagen ihm zu Füßen. Der indische Sitarvirtuose stieg zu einem Idol der Blumenkinder auf. 1969 beim Woodstock-Festival feierte ihn eine halben Million Zuhörer nach einem spektakulären Auftritt.


Jazzgitarrist Gabor Szabo wirbt für ein Sitar-Imitat




Durch die Unterstützung junger Popstars wurde Ravi Shankar selbst zum Star. Bei einer Aufnahme-Session 1964 in Los Angeles hatte er den Folkrockmusiker David Crosby kennengelernt. Crosby steckte mit seiner Sitar-Begeisterung nicht nur seine Kollegen von der Gruppe The Byrds an, sondern auch die Beatles. 


Obwohl die Byrds selbst nie das Instrument einsetzten, spielten sie im Herbst 1965 ein paar Titel ein, auf denen sie mit der elektrischen Gitarre den Sound des indischen Saiteninstruments nachahmten. Nach dem Gesang greift im Titel “Why” Roger McGuinn, der Gitarrist der Byrds, energisch in die Saiten, wobei er die Töne in Sitar-Manier zieht und biegt.


Ravi Shankars Konzerte im Westen fanden ein beachtliches Echo. Der Starviolinist der klassischen Musik Yehudi Mènuhin wurde sein größter Fan. Auch Popmusiker horchten auf - die ersten waren die Yardbirds. Sie hatten noch vor den Beatles und “Norwegian Wood” mit der Sitar experimentiert. Zur ersten Aufnahmesession mit der Band hatte ihr damals neuer Gitarrist Jeff Beck das Instrument mit ins Studio gebracht. Beck besaß ein Ohr für außergewöhnliche Sounds und gab dem Titel “Heart Full of Soul” einen psychedelischen Touch. Doch die Schallplattenfirma stellte sich quer. Der Sitar-Sound wurde als zu skurril empfunden. Erst mit den Beatles stieg die Akzeptanz. Die Yardbirds musste deshalb eine zweite Version aufnehmen, diesmal mit E-Gitarre statt Sitar.


In den Regenbogenklängen der Sitar manifestierte sich der Zeitgeist der Hippie-Ära, der sonst in bunten Batik-T-Shirts, bewußtseinserweiternden Drogen und pulsierenden Lightshows zur Geltung kam.  Für die meisten Popbands war die Sitar nur ein modischer Gag. Nicht für George Harrison von den Beatles, der bei Ravi Shankar ernsthaft Unterricht nahm. 


Immer wieder griff Harrison auf das Instrument zurück, etwa auf “Love to you” vom Album “Revolver” von 1966. Tiefer drang er im Stück “Within you, without you” in die indische Musik ein, das auf “Sgt. Pepper” von 1967 enthalten ist.


Die Beatles und die Yardbirds fungierten als Türöffner. Die Rolling Stones, die Animals, Traffic, The Move und Donovan folgten nach. Für einen kurzen Zeitraum avancierte die Sitar zum absoluten Modeinstrument des Pop. Das Wort vom “Raga Rock” machte die Runde, ein Begriff, der von der typischen Musikform Indiens namens Raga   entlehnt war, mit der die Sitar am engsten verbunden ist.


Dave Mason von Traffic mit Sitar




Selbst Folkmusiker öffneten sich dem Neuen. Die Incredible String Band und ihr Produzent Joe Boyd ließen sich von exotischen Klängen verzaubern. Neben Robin Williamson war Mike Heron die andere Hälfte des Duos aus Schottland, das innerhalb weniger Jahre von einer traditioneller Folkcombo zu einer psychedelischen Acid-Folk-Band mutierte, ein Sprung, zu dem neben Drogen vor allem das exotische Instrumentarium beitrug. “Nachdem wir das erste Album gemacht hatten, ging Robin nach Marokko und hatte eigentlich nicht vor, zurückkommen. Als er zurückkehrte, brachte er eine Menge Musikinstrumente mit und hatte all diese Songs geschrieben - sehr inspiriert,” erinnert sich Mike Heron. “Wir taten uns wieder zusammen, fuhren nach London und nahmen unser zweites Album auf: Five-thousand Spirits, das viel psychedelischer klang. Wir zogen einen Sitarspieler hinzu, weil ich damals noch nicht Sitar spielen konnte. Robin spielte eine Vielzahl von Instrumenten: Flöte, Geige, Perkussion. Ich spielte dagegen nur Keyboard und Gitarre - das war alles. Das brachte mich dazu. die Sitar zu erlernen. Wir hatten das Gefühl, das sie gut zu den Songs passte. Ich nahm Unterricht bei einem indischen Sitarspieler in London, der mir ein Instrument besorgte und mir die Grundlagen beibrachte. Ich konnte ein bißchen spielen und wurde besser. Das Lied “Nightfall” stellt den Höhepunkt meines Sitarspiels dar. Danach gab ich es auf.”   


Mike Heron (The Incredible String Band) mit Sitar




Von Großbritannien sprang der Funke aufs europäische Festland über. In Deutschland griff die Münchner Underground-Formation Amon Düül 2 den Trend auf. Weil es die exotischen Klangerzeuger nirgends zu kaufen gab, griff man kurzerhand zur Selbsthilfe und entwendete zwei tibetanische Schalmeien sowie eine Sitar aus dem Münchner Stadtmuseum, die 1970 auf dem Album “Tanz der Lemminge” zu hören war.


Größere Bedeutung besaß die Sitar für die Gruppe Krokodil. Das Saiteninstrument avancierte zum Wahrzeichen der Band und zierte sogar ihr Logo. Krokodil stammten eigentlich aus Zürich, wurden aber zur deutschen Szene gerechnet, weil sie pausenlos zwischen Konstanz und Flensburg unterwegs waren, sowie beim Münchner Liberty-Label unter Vertrag standen. “Wir haben ziemlich schnell Stücke gemacht, die psychedelisch angefangen haben, also z.B. mit Sitar und Congas, und mehr solchem indisches Zeug, und dann haben wir das sich entwickeln lassen und nach einer halben Stunde sind wir erst auf den Punkt gekommen. Wir haben auf der Bühne improvisiert und Stimmungen erzeugt. Das ist das Markenzeichen von Krokodil gewesen,” erzählt Düde Dürst, Schlagzeuger der Band. “Das hat eigentlich sonst niemand in dieser Art gemacht - akustisch. Unser Gitarrist Walty Anselmo hat sich schon ganz ganz früh, also in den sechziger Jahren, für Sitar interessiert und besaß sogar mehrere Sitars. Wir haben das schön gefunden und total gut und passend zu unseren Ideen. Und deshalb haben wir gefunden, er müsste die Sitar einsetzen. Das ist einfach eine stimmige Geschichte gewesen und anders. Das hat es einfach so nicht mehr gegeben.”


Die Schweizer Rockband Krokodil mit Sitar




Als die Sitarwelle abebbte, verschwand das Instrument nicht völlig von der Bildfläche. Bis heute greifen Rockmusiker immer wieder darauf zurück  - ob Coldplay, die Red Hot Chilly Peppers, Lenny Kravitz oder Fatboy Slim. Auch bei Beck Hansen wird man fündig. Schon auf seinem Megahit “Loser” von 1994  trug eine Sitar zur Gesangsbegleitung bei, von Beck selbst gespielt und im Overdub-Verfahren im Studio dazugemischt. Ein paar Jahre später tauchte auf dem Album “Mutations” erneut eine Sitar auf. Diesmal hatte Beck den routinierten Sessionmusiker Warren Klein ins Studio geholt, der schon in den 60er Jahren in der Gruppe Fraternity of Man das indische Instrument gespielt hatte. 


Für Popmusiker aus Großbritannien mit indischem Migrations-Hintergrund ist die Sitar zum Wahrzeichen ihrer Identität geworden. Das Instrument gibt ihnen das Gefühl, mit ihrer ehemaligen Heimat weiterhin verbunden zu sein. Musiker und Bands aus diesem Milieu sorgen dafür, dass es auf der Popszene präsent bleibt. Die Gruppe Cornershop aus Leicester in Mittelengland wurde 1997 durch ihren Megahit “Brimful of Asha” zu einem Begriff. In ihrem ganz speziellen anglo-indischen Ethno-Pop taucht neben den Tablas und dem Harmonium auch die Sitar auf.


Am weitesten wagt sich Anoushka Shankar vor. Die Tochter des Sitarpioniers Ravi Shankar bastelt an der großen Weltmusik-Synthese. In ihrer Musik wird alles durcheinander gewürfelt: verfremdete Sitarklänge, neuste Studio-Elektronik, Elektro-Beats, Synthi-Sounds und Tablas. Dabei entsteht ein Ethno-Mix des 21. Jahrhunderts, der tauglich für Dancefloor und Weltmusik-Disco ist. Erfolgreich surft die Sitar auf jeder neuen Welle des Pop.


Saturday, 14 September 2024

Das Erbe des Merseybeat

Beatles-Archäologie

Liverpool und der Merseybeat


in einer Seitenstraße im Zentrum von Liverpool (Foto: Christoph Wagner)

Liverpool vermittelt das Gefühl einer leeren Stadt. In Zeiten des Empire war die Hafenstadt am Mersey das Tor nach Amerika, ein riesiger Seehafen mit kilometerlangen Dockanlagen. Davon zeugt heute noch die eindrucksvolle Architektur. Doch verglichen mit der glorreichen Vergangenheit, ist Liverpool heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Stadtkorpus wirkt um einiges zu groß für die geschrumpfte Einwohnerzahl. Die Prachtstraße entlang der Uferpromenade, gesäumt von den Protzbauten der ehemaligen Reedereien und Handelsgesellschaften, ist nur mäßig befahren und wenn man in der Innenstadt nur fünfzig Meter von der Haupteinkaufsmeile (Bold Street) abbiegt, geht man durch leeren Gassen. 


Allein die Geschichte verströmt noch etwas Glanz. Vor allem in der Mathew Street tummeln sich die Touristen. Das verwinkelte Sträßchen gilt als Wiege der Popmusik. Eine Metallstatue markiert den heiligen Ort, die John Lennon in Lebensgröße zeigt. Lässig steht er da in Halbstarken-Pose an eine Hauswand gelehnt mit spitzen Cowboystiefeln, Röhrenjeans, Pullover und  offener Lederjacke, dazu der typischen Pilzkopf-Frisur. Gelangweilt hat er die Hände in den Hosentaschen vergraben. 


Die Lennon-Statue ist hier nicht zufällig postiert. Schräg gegenüber befand sich einst der Eingang des legendären Cavern-Club, dem Ort, wo Anfang der 60er Jahre die Karriere der Beatles begann und der seither als Ausgangspunkt der Popmusik nicht nur in Liverpool und England, sondern in ganz Europa gilt, sprich: Heilige Erde! 


Der Cavern-Club existiert schon lange nicht mehr. Er wurde vor Jahren abgerissen und durch einen modernen Funktionsbau ersetzt. Ein paar Meter weiter hat ein Dublikat seither die Pforten geöffnet. Eine Sanierungs-Sünde, die man  in Liverpool seit langem bereut. Nur ein Hinweistafel erinnert noch an die einst glorreichen Zeiten. 


Damals, zu Beginn der 1960er Jahre, herrschte in den engen Gassen der Altstadt jeden Abend Hochbetrieb. Ein neuer, schriller, ohrenbetäubender Sound sorgte für Hysterie. Hunderte von jungen Leuten strömten zu Auftritten der Beatles, von Gerry & The Pacemakers oder der Fourmost, die entweder gleich um die Ecke im Iron Door in der Temple Street auftraten oder hier im Cavern. Brav wurde vor dem Eingang Schlage gestanden, bis man eingelassen wurde und dann zwei Treppen in das riesige Kellergewölbe hinunterstieg, das an die 500 Besucher fasste.


Der Cavern Club war ein feuchtes Loch, das im 2. Weltkrieg als Luftschutzkeller gedient hatte. Er war schlecht beleuchtet, stickig und modrig. Frischluftzufuhr gab es kaum. Wenn der Laden voll war, tropfte das Kondenzwasser von den Wänden. Die jungen Leute kümmerte das wenig. Auf sie übte der Club eine magische Anziehungskraft aus, weil hier die heißesten Bands 

spielten.


John-Lennon-Statue schräg gegenüber vom ehemaligen Cavern-Club. (Foto: Christoph Wagner)

 


Ursprünglich war der Cavern 1957 als Jazzclub entstanden, doch änderte er mit der Zeit sein Konzept, um die neuen musikalischen Strömungen zu präsentieren. Das war kommerziell einträglicher. Zuerst wurde ein Abend für Skiffle eingerichtet, dann tauchten ab 1961 die erste Beatbands auf, die bald das Programm dominierten, weil der Publikumsansturm so gewaltig war. 


Die Beatbands gingen aus einer lebendigen Musikszene hervor, die in Liverpool eine lange Tradition hat. Wahrscheinlich war der Einfluss der  irischen Einwohner dafür verantwortlich, dass in fast jeder Kneipe Musik gemacht wurde, gehört in Irland das gemeinschaftliche Musikmachen und Liedersingen im Pub doch zur Alltagskultur. In Liverpool war der Anteil der Iren hoch. Sie waren Nachfahren von  Auswanderern, die auf dem Weg nach Amerika in der nordenglischen Hafenstadt zu Tausenden hängengeblieben waren. Irland, unter englischer Besatzung, hatte im 19. Jahrhundert keinen eigenen Überseehafen. 


Bei den Musikveranstaltungen ging es hoch her, oft kam es zu Schlägereien. “Da die Pubs um 10 Uhr dichtmachten, tranken die Leute dort so viel Bier wie möglich, bevor sie in die Tanzclubs weiterzogen,“ erzählt Billy Butler, ein Veteran der Liverpooler Szene. “Wenn ein paar Hundert Leute tanzten, und man aus Versehen jemanden anrempelte, der aber meinte, dass es Absicht war – ging es schon los. Wenn man mit jemanden einen Streit hatte, ging man danach besser nicht mehr alleine auf die Toilette, weil er einem vielleicht mit seinen Freunden folgte. Man kannte die Banden und wußte aus welchem Stadtteil sie waren. Man wußte, wem man aus dem Weg gehen mußte, wer der Anführer war. Das lernte man, indem man jede Woche ausging. Manchmal gab es Ärger nachts auf dem Heimweg. Vielleicht war da eine Bande auf der anderen Straßenseite, die herüber schrien. Man brüllte zurück. Dann kam es zum Tumult. Wenn sie in der Überzahl waren, rannten man besser so schnell man konnte. Wenn man ein guter Läufer war, konnte man entwischen.” 


1961 fing Billy Butler an, im Cavern-Club als Discjockey zu arbeiten. Fünf bis sechs Tage in der Woche legte er in der Mittagspause und abends zwischen den Auftritten der Bands aktuelle Scheiben auf. Butler war ein Teil der Szene und kannte sie alle: John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Richard Starkey alias Ringo Starr, auch Pete Best und Stuart Sutcliffe, die ehemaligen Beatles, und noch viele mehr, denn die Beatles waren damals bei weitem nicht die einzige Band in Liverpool – im Gegenteil: Sie waren eine unter vielen. Vielleicht sogar nicht einmal die beste. Die Popszene in Liverpool vibrierte, und es wimmelt geradezu vor Beatgruppen. 


“Es gab damals Hunderte von Gruppen,” erzählt Butler, der selbst zuerst bei den Merseybeats, dann bei den Tuxedos spielte. “Um die Beschäftigung stand es damals nicht schlecht in Liverpool. Aber wenn man ein bisschen Geld nebenher verdienen wollte, konnte man entweder Fussball spielen, boxen oder Entertainer werden. Als ich dieTuxedos gründete, verdiente ich mit meinem normalen Job 2.50 Pfund die Woche. Für einen Auftritt bekamen wir 6 Pfund, was bei vier Musikern 1.50 Pfund pro Mann macht. Das war schon fast ein Wochenlohn. Hatte man zwei Auftritte in der Woche, konnte man damit sein Einkommen verdoppeln. Es war also eine gute Möglichkeit Geld zu verdienen, was für junge Leute Grund genug war, in eine Band einzusteigen. Und natürlich hatte man als Bandmitglied auch bei den Mädchen größere Chancen.”


The Merseybeats traten über 100 Mal im Cavern Club in Liverpool auf, hier am Pier in Liverpool vor dem Liver-Building, ein Wahrzeichen der Hafenstadt. (Foto: Peter Kaye)




Da Liverpool an der Mündung des Mersey liegt, wurde der neue Stil Merseybeat genannt. Bands wie The Merseybeats, Rory Strom & The Hurricans, The Clayton Squares, The Fourmost, Billy J Kramer & The Dakotas, The Remo Four, The Black Knights und die Kubas prägten ihn. Die meisten Bands brachten es jedoch zu keiner Platteneinspielung und sind darum heute längst vergessen. 


Schaut man sich die Plattencovers genauer an, fällt auf, dass viele Formationen aus drei singenden Gitarristen und einem Schlagzeuger bestanden, der Standardbesetzung einer Beatband, wie sie sich damals herausschälte. Die Beatles traten auch mit dieser Instrumentierung auf. 


Wie ganz England stand Liverpool Ende der 1950er Jahre im Zeichen des Skiffle. Skiffle-Bands mixten Jazz, Folk und Blues zu einer rustikalen Schrammelmusik, die mit Waschbrett, Wandergitarre und Kamm gespielt wurde. Aus den Kisten, in denen der Tee aus Indien und Ceylon in den Docks ankam, wurden mit einem Besenstil und Draht ein Zupfbass gebastelt. Zu Dutzenden gab es solche Sperrmüll-Gruppen in der Stadt. Selbst die Beatles waren ursprünglich aus einer Skiffleband namens The Quarry Men hervorgegangen. Skiffle war die ideale Musik für Jugendliche mit wenig Geld und geringen musikalischen Kenntnissen.


Nach Skiffle machte ein neuer Sound Furore. Als zuerst Gerry & The Pacemakers und dann die Beatles die Hitparaden stürmten, kannte die Begeisterung keine Grenzen. In den Zeitungen waren Bilder von kreischenden Teenagern zu sehen. Von “Beatlemania”  oder “Merseymania” war die Rede. Der Merseybeat avancierte zu einem nationalen Phänomen. Liverpool zum Gütesiegel. 


“Leute riefen mich aus ganz England an, um eine Gruppe aus Liverpool zu buchen,” erzählt Manager Joe Flannery. “Manchmal stellten wir einfach eine Ad-Hoc-Band zusammen, die erst im Bus auf dem Weg nach Südengland eine Show einstudierte. Den Clubbesitzern im Süden war das egal, solange sie auf das Plakat ‘Direct from Liverpool’ schreiben konnten. Damit waren sie zufrieden, weil es einen vollen Saal garantierte.”


Trittbrettfahrer versuchten auf den Erfolgszug aufzuspringen. Beatles-Imitatoren schossen wie Pilze aus dem Boden. Gruppen schrieben einfach den Zusatz “Mersey” auf ihre Platten oder Plakate und der Erfolg war garantiert. Andere änderten ihren Bandnamen, nahmen ein paar Beatles-Hits ins Programm und nannten sich jetzt “The Merseyboys” oder “The Merseysound”, obwohl sie eigentlich aus Birmingham kamen und ursprünglich unter dem Namen The Runaways firmiert hatten. Alles wurde unternommen, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen.


Nach den grauen Jahren der Nachkriegszeit, als der Wiederaufbau mit Lebensmittelrationierungen, Armut und Entbehrungen den Alltag bestimmte, hatte man in England Anfang der 1960er Jahre endlich das Gefühl, dass es aufwärts ging. Die Löhne stiegen und Politiker verkündeten, dass “der Wohlstand noch nie so groß war”. Waschmaschinen und Fernsehgeräte wurden zu Symbolen des Aufschwungs. 


Junge Leute hatte zum ersten Mal übriges Geld, das für Konsumgüter und Freizeitvergnügen ausgegeben werden konnte. Sie kauften sich tragbare “Dancette”-Plattenspieler, was den Schallplattenverkauf noch oben schnellen ließ. Waren 1955 9 Millionen Langspielplatten verkauft worden, waren es 1960 schon fast doppelt so viele. Die neue Beatmusik gab dem optimistischeren Lebensgefühl der Jugend Ausdruck. 


Selbst zur Mittagszeit von 12 bis 14 Uhr trat man sich im Cavern-Club auf die Zehen. “Es gab die Lunchtime-Sessions, wo normalerweise zwei Liverpooler Gruppen spielten, oder eine lokale Band und eine berühmtere Gruppe von auswärts, die abends nocheinmal auftrat,” erzählt Billy Butler. “Es war immer genagelt voll. Es kostete kaum Eintritt und wir verkauften Suppe, Kaffee, Hotdogs und Sandwiches, und man konnte den Gruppe zuhören.”


Bob Wooler, der Betreiber des Cavern Club, mit dem amerikanischen Bluesharmonikaspieler Sonny Boy Williamson, backstage im Cavern (Foto: Peter Kaye)





In den musikalischen Vorlieben unterschied sich Liverpool nicht wesentlich von anderen englischen Großstädten. Höchstens wurden hier die Akzente etwas anders gesetzt. Das hatte mit der Vergangenheit zu tun: Als Hafenstadt war Liverpool immer ein Fenster zur Welt gewesen und nach London die kosmopolitischste Stadt des Vereinigten Königreichs. Vor allem nach Amerika bestanden enge Verbindungen. Liverpool galt als die amerikanischste Stadt Großbritanniens. Kein Wunder, dass die neusten Trends von Übersee hier früher ankamen und schneller aufgegriffen wurden als im übrigen England. Amerikanische Einflüsse wie Soul, Blues, Country und Gospel waren im Sound der Liverpooler Bands stärker präsent.


Als Trendsetter konnte sich Liverpool nicht lange behaupten. Bald war der Hype vorbei. Hatte der Merseybeat 1963 und 64 noch die Hitparaden beherrscht, ging die Erfolgsstory jetzt rapide zu Ende. Der Knock-out kam als die Beatles nach London zogen und das Medieninteresse und den Starrummel mitnahmen. Schlagartig rutschte Liverpool in die Normalität zurück. Knappe zwei Jahre war man Welthauptstadt des Pop gewesen, jetzt kehrte der Alltag wieder ein. Und der war grau! 


Denn ökonomisch ging es kontinuierlich bergab. Liverpool, einst einer der größten Seehäfen der Welt (1912 ging 15 % des gesamten Weltseehandels durch die Stadt), verlor vollständig an Bedeutung. Die Stadt wurde zum Problemfall, Arbeitslosigkeit, soziale Verwerfungen und Slums chronisch. In den 1980er Jahren kam es zu “Riots”. Mit Geld versuchte die Zentralregierungen in London die Wut zu befrieden. Das Albert Dock wurde zu einem Museums-, Shopping- und Café-Komplex umgebaut, der heute ein Touristenmagnet ist. Vor allem das Beatles-Museum, das Museum of Liverpool und die Kunstgalerie “Tate North” zieht Massen von Besuchern an. Doch nur ganz allmählich verbesserte sich die Situation. 


Inzwischen signalisieren chromgläserne Capuccino-Bars, dass es aufwärts geht. Und 2008 war Liverpool Kulturhauptstadt Europas. Seither hat sich viel verändert, viele moderne Bauten, Kaufhäuser und Shops sind in der Innenstadt entstanden, jedes angesagte Label ist hier präsent, doch kaum weicht man von den Hauptadern des Kommerzes ab, steht man wieder im alten Liverpool, wo die Häuser vor sich hinrotten und sich in den Hinterhöfen der Müll häuft.