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Tuesday, 16 September 2025

THE GREAT SITAR EXPLOSION

Raga-Rock

Wie die Sitar die Rockmusik revolutionierte


Die Beatles 1966 in Indien


1967 – Summer of Love! Eric Burdon & The Animals wirbeln mit einem neuen Album mächtig Staub auf. Sein Titel: “Winds of Change”. Das Eröffnungsstück mit dem gleichen Namen kommt einer Aufzählung all der Pop-Rebellen und jungen Wilden gleich, die damals mit ihrer Musik für Aufruhr sorgten: Die Beatles, die Rolling Stones, Frank Zappa, The Mamas and Papas, Jimi Hendrix und - man höre und staune -: Ravi Shankar, der indische Sitarvirtuose!  


Shankars Einfluss hatte wohl auch die Animals dazu animiert, den Song in Sitarklänge zu tauchen, die damals als der letzte Schrei galten. In der 2. Hälfte der 60er Jahre war das indische Saiteninstrument mehr und mehr in Mode gekommen und hatte die Popmusik in exotische Klänge getaucht.


Die Sitar war Teil des ”Winds der Veränderung”, der damals die Popmusik erfasste. Neue Klänge verwandelten Beat zu Rock. Gitarristen erzeugten mit Verzerrern, Phasern und Wah-Wah-Pedal die abenteuerlichsten Sounds. Tonstudios wurden zu experimentellen Klanglabors umfunktioniert und Erfindungen wie der Synthesizer lieferten neuartige Töne. Der buntschillernde Klang der Sitar fügte sich da nahtlos ein.


Für die Woodstock-Generation wurde die Sitar zum Symbol östlicher Spiritualität und Mystik. Das Instrument stand für eine Sehnsucht nach dem Orient. Indien wurde zum Traumland der Gegenkultur verklärt  - zum exotischen Paradies, frei von den Malaisen der westlichen Moderne. Mit Hermann Hesse, Zen-Buddhismus und transzendentaler Meditation hoffte man Erleuchtung zu finden und zu den Quellen der Weisheit vorzustoßen. Räucherstäbchen, indische Tücher, Kettchen und Sandalen avancierten zu Kennzeichen von Aussteigern und Zivilisationsmüden auf der Suche nach anderen Daseins- und Bewußtseinsformen. 


Die Beatles machten es vor. 1967 besuchten die vier Pilzköpfe in Bangor in Wales einen Kurs für transzendentale Meditation beim indischen Guru Maharishi Yogi, um ihn später in Indien erneut zu besuchen. Die Presse berichtete ausführlich.


Vor der spirituellen Suche waren die Beatles musikalisch fündig geworden. Bereits 1965 tauchte auf dem Titel “Norwegian Wood” vom Album “Rubber Soul” eine indische Sitar auf - das erste Mal in der Geschichte der Popmusik. Sie wurde vom Leadgitarristen George Harrison gespielt und verlieh dem Song einen ganz speziellen Charakter. Das klang frisch und neu! 


Der Sound sorgte für Furore. Immer mehr Popgruppen setzten das exotische Zupfinstrument ein, und mehr und mehr Stücke landeten in den Charts, auf denen die schwirrenden Töne der Sitar zu hören waren. Bald machte in der Presse das Wort von der “Great Sitar Explosion” die Runde.


Dass die Sitar so große Beachtung fand, war das Verdienst hauptsächlich eines einzigen Musikers: Ravi Shankar! Sein Name wurde zum Synonym nicht nur für die Sitar, sondern für exotische Musik überhaupt. 

Shankar war 1956 zum ersten Mal für Konzerte in den Westen gekommen. In England, Deutschland und den Vereinigten Staaten stellte er ein Programm aus Ragas vor und nahm in London sein erstes Album auf. Weitere Einspielungen folgten. Shankars Popularitätskurve zeigte steil nach oben. 1967 trat er beim ersten großen Popfestival der Geschichte im amerikanischen Monterey auf. Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Who lagen ihm zu Füßen. Der indische Sitarvirtuose stieg zu einem Idol der Blumenkinder auf. 1969 beim Woodstock-Festival feierte ihn eine halben Million Zuhörer nach einem spektakulären Auftritt.


Jazzgitarrist Gabor Szabo wirbt für ein Sitar-Imitat




Durch die Unterstützung junger Popstars wurde Ravi Shankar selbst zum Star. Bei einer Aufnahme-Session 1964 in Los Angeles hatte er den Folkrockmusiker David Crosby kennengelernt. Crosby steckte mit seiner Sitar-Begeisterung nicht nur seine Kollegen von der Gruppe The Byrds an, sondern auch die Beatles. 


Obwohl die Byrds selbst nie das Instrument einsetzten, spielten sie im Herbst 1965 ein paar Titel ein, auf denen sie mit der elektrischen Gitarre den Sound des indischen Saiteninstruments nachahmten. Nach dem Gesang greift im Titel “Why” Roger McGuinn, der Gitarrist der Byrds, energisch in die Saiten, wobei er die Töne in Sitar-Manier zieht und biegt.


Ravi Shankars Konzerte im Westen fanden ein beachtliches Echo. Der Starviolinist der klassischen Musik Yehudi Mènuhin wurde sein größter Fan. Auch Popmusiker horchten auf - die ersten waren die Yardbirds. Sie hatten noch vor den Beatles und “Norwegian Wood” mit der Sitar experimentiert. Zur ersten Aufnahmesession mit der Band hatte ihr damals neuer Gitarrist Jeff Beck das Instrument mit ins Studio gebracht. Beck besaß ein Ohr für außergewöhnliche Sounds und gab dem Titel “Heart Full of Soul” einen psychedelischen Touch. Doch die Schallplattenfirma stellte sich quer. Der Sitar-Sound wurde als zu skurril empfunden. Erst mit den Beatles stieg die Akzeptanz. Die Yardbirds musste deshalb eine zweite Version aufnehmen, diesmal mit E-Gitarre statt Sitar.


In den Regenbogenklängen der Sitar manifestierte sich der Zeitgeist der Hippie-Ära, der sonst in bunten Batik-T-Shirts, bewußtseinserweiternden Drogen und pulsierenden Lightshows zur Geltung kam.  Für die meisten Popbands war die Sitar nur ein modischer Gag. Nicht für George Harrison von den Beatles, der bei Ravi Shankar ernsthaft Unterricht nahm. 


Immer wieder griff Harrison auf das Instrument zurück, etwa auf “Love to you” vom Album “Revolver” von 1966. Tiefer drang er im Stück “Within you, without you” in die indische Musik ein, das auf “Sgt. Pepper” von 1967 enthalten ist.


Die Beatles und die Yardbirds fungierten als Türöffner. Die Rolling Stones, die Animals, Traffic, The Move und Donovan folgten nach. Für einen kurzen Zeitraum avancierte die Sitar zum absoluten Modeinstrument des Pop. Das Wort vom “Raga Rock” machte die Runde, ein Begriff, der von der typischen Musikform Indiens namens Raga   entlehnt war, mit der die Sitar am engsten verbunden ist.


Dave Mason von Traffic mit Sitar




Selbst Folkmusiker öffneten sich dem Neuen. Die Incredible String Band und ihr Produzent Joe Boyd ließen sich von exotischen Klängen verzaubern. Neben Robin Williamson war Mike Heron die andere Hälfte des Duos aus Schottland, das innerhalb weniger Jahre von einer traditioneller Folkcombo zu einer psychedelischen Acid-Folk-Band mutierte, ein Sprung, zu dem neben Drogen vor allem das exotische Instrumentarium beitrug. “Nachdem wir das erste Album gemacht hatten, ging Robin nach Marokko und hatte eigentlich nicht vor, zurückkommen. Als er zurückkehrte, brachte er eine Menge Musikinstrumente mit und hatte all diese Songs geschrieben - sehr inspiriert,” erinnert sich Mike Heron. “Wir taten uns wieder zusammen, fuhren nach London und nahmen unser zweites Album auf: Five-thousand Spirits, das viel psychedelischer klang. Wir zogen einen Sitarspieler hinzu, weil ich damals noch nicht Sitar spielen konnte. Robin spielte eine Vielzahl von Instrumenten: Flöte, Geige, Perkussion. Ich spielte dagegen nur Keyboard und Gitarre - das war alles. Das brachte mich dazu. die Sitar zu erlernen. Wir hatten das Gefühl, das sie gut zu den Songs passte. Ich nahm Unterricht bei einem indischen Sitarspieler in London, der mir ein Instrument besorgte und mir die Grundlagen beibrachte. Ich konnte ein bißchen spielen und wurde besser. Das Lied “Nightfall” stellt den Höhepunkt meines Sitarspiels dar. Danach gab ich es auf.”   


Mike Heron (The Incredible String Band) mit Sitar




Von Großbritannien sprang der Funke aufs europäische Festland über. In Deutschland griff die Münchner Underground-Formation Amon Düül 2 den Trend auf. Weil es die exotischen Klangerzeuger nirgends zu kaufen gab, griff man kurzerhand zur Selbsthilfe und entwendete zwei tibetanische Schalmeien sowie eine Sitar aus dem Münchner Stadtmuseum, die 1970 auf dem Album “Tanz der Lemminge” zu hören war.


Größere Bedeutung besaß die Sitar für die Gruppe Krokodil. Das Saiteninstrument avancierte zum Wahrzeichen der Band und zierte sogar ihr Logo. Krokodil stammten eigentlich aus Zürich, wurden aber zur deutschen Szene gerechnet, weil sie pausenlos zwischen Konstanz und Flensburg unterwegs waren, sowie beim Münchner Liberty-Label unter Vertrag standen. “Wir haben ziemlich schnell Stücke gemacht, die psychedelisch angefangen haben, also z.B. mit Sitar und Congas, und mehr solchem indisches Zeug, und dann haben wir das sich entwickeln lassen und nach einer halben Stunde sind wir erst auf den Punkt gekommen. Wir haben auf der Bühne improvisiert und Stimmungen erzeugt. Das ist das Markenzeichen von Krokodil gewesen,” erzählt Düde Dürst, Schlagzeuger der Band. “Das hat eigentlich sonst niemand in dieser Art gemacht - akustisch. Unser Gitarrist Walty Anselmo hat sich schon ganz ganz früh, also in den sechziger Jahren, für Sitar interessiert und besaß sogar mehrere Sitars. Wir haben das schön gefunden und total gut und passend zu unseren Ideen. Und deshalb haben wir gefunden, er müsste die Sitar einsetzen. Das ist einfach eine stimmige Geschichte gewesen und anders. Das hat es einfach so nicht mehr gegeben.”


Die Schweizer Rockband Krokodil mit Sitar




Als die Sitarwelle abebbte, verschwand das Instrument nicht völlig von der Bildfläche. Bis heute greifen Rockmusiker immer wieder darauf zurück  - ob Coldplay, die Red Hot Chilly Peppers, Lenny Kravitz oder Fatboy Slim. Auch bei Beck Hansen wird man fündig. Schon auf seinem Megahit “Loser” von 1994  trug eine Sitar zur Gesangsbegleitung bei, von Beck selbst gespielt und im Overdub-Verfahren im Studio dazugemischt. Ein paar Jahre später tauchte auf dem Album “Mutations” erneut eine Sitar auf. Diesmal hatte Beck den routinierten Sessionmusiker Warren Klein ins Studio geholt, der schon in den 60er Jahren in der Gruppe Fraternity of Man das indische Instrument gespielt hatte. 


Für Popmusiker aus Großbritannien mit indischem Migrations-Hintergrund ist die Sitar zum Wahrzeichen ihrer Identität geworden. Das Instrument gibt ihnen das Gefühl, mit ihrer ehemaligen Heimat weiterhin verbunden zu sein. Musiker und Bands aus diesem Milieu sorgen dafür, dass es auf der Popszene präsent bleibt. Die Gruppe Cornershop aus Leicester in Mittelengland wurde 1997 durch ihren Megahit “Brimful of Asha” zu einem Begriff. In ihrem ganz speziellen anglo-indischen Ethno-Pop taucht neben den Tablas und dem Harmonium auch die Sitar auf.


Am weitesten wagt sich Anoushka Shankar vor. Die Tochter des Sitarpioniers Ravi Shankar bastelt an der großen Weltmusik-Synthese. In ihrer Musik wird alles durcheinander gewürfelt: verfremdete Sitarklänge, neuste Studio-Elektronik, Elektro-Beats, Synthi-Sounds und Tablas. Dabei entsteht ein Ethno-Mix des 21. Jahrhunderts, der tauglich für Dancefloor und Weltmusik-Disco ist. Erfolgreich surft die Sitar auf jeder neuen Welle des Pop.


Wednesday, 17 January 2024

Zum Tod von Sigi Schwab (1940 – 2024), Gitarrist, Sitar-, Veena- und Tarang-Spieler extraordinaire

Als Ravi Shankar meine Sitar spielte 

 

Sigi Schwab führte die Sitar in den deutschen Underground-Rock ein – jetzt ist der Münchner Saitenvirtuose gestorben


Embryo, 1971, mit Sigi Schwab (Gitarre) ganz links, Dave King (b), Christian Burchard (dr), Edgar Hoffmann (Sax) v.l.n.r



 

Siegfried "Sigi" Schwab, Mitglied von Wolfgang Dauner's Et Cetera, Embryo und der Chris Hinze Combination sowie im Duo mit Peter Horton, war ein virtuoser Jazz- und Rockgitarrist, der das indische Saiteninstrumentarium in den deutsche Underground-Rock einführte: Sitar, Veena und Tarang. In einem Interview erzählte er mir 2011, wie er einmal dem indischen Sitarmeister Ravi Shankar aus der Patsche half: 

 

Durch die "Great Sitar Revolution" englischer Popgruppe wie der Beatles, der Stones und Traffic spitzten junge Musiker auch in Deutschland die Ohren. Inspiriert durch ein Konzert von Ravi Shankar und Yehudi Menhuin, das Sigi Schwab im Fernsehen gesehen hatte, begann er sich Mitte der 60er Jahre für die Sitar zu interessieren. Allerdings hatte er ein Problem: In Deutschland war keine Sitar aufzutreiben. Erst in London wurde Schwab fündig, allerdings kostete allein die Holzkiste, die eigens für den Versand der Sitar hätte gezimmert werden müssen, genauso viel wie das Instrument selbst, was die Sitar für Schwab unerschwinglich machte. Er suchte weiter. Schließlich hörte er von einem Instrument, das ein Angehöriger der indischen Botschaft verkaufen wollte, der er in seine Heimat zurückkehrte. Diesmal kam der Kauf zustande, und Schwab erhielt noch eine kleine Einführung in die Handhabung und Spieltechnik des Instruments. Den Rest brachte er sich selber bei. Mit indischer Musik hatte das allerdings nichts zu tun. Schwab spielte einfach westliche Gitarrenläufe auf dem Instrument. 


Embryo mit Sigi Schwab (ganz links)


 

Bald konnte er das Instrument bei Studioaufnahmen einsetzen. Die neuen Sounds waren gefragt, nicht zuletzt in den Filmstudios von Berlin, wo Schwab öfters für Soundtrack-Einspielungen engagiert wurde. “Das war das große Faszinosum um 1966”,  erinnert er sich. In Berlin, wo Schwab beim Rias-Tanzorchester unter der Leitung von Werner Müller spielte, machte das Wort die Runde, dass da einer auf der Sitar zugange sei.

 

Eines Tages erhielt er einen Anruf erhielt. “Es war jemand dran, der sagte, Ravi Shankar sei in Berlin, um Aufnahmen zu machen,” erzählt Schwab, der aus allen Wolken fiel. “Allerdings sei sein Instrument wegen eines Streiks auf dem Londoner Flughafen liegengeblieben, und ob ich mit meiner Sitar aushelfen könnte?”  Zuerst dachte Schwab an einen Scherz, machte sich dann aber doch auf den Weg: “Ich komme da hin, und er ist wirklich da: Ravi Shankar! Er machte den Deckel meines Instrumentenkastens auf und freut sich gleich: die gleiche Marke wie seine eigene Sitar - Rikhi Ram. Er setzte mir auseinander, dass meine Sitar in schlechtem Zustand sei und mehr Pflege bedürfe.” Ravi Shankar säuberte Schwabs Sitar erstmal sorgfältig - über eine Stunde lang. Das Griffbrett wurde gereinigt, um den kleinste Widerstand zu entfernen. “Mit ungeheurer Sorgfalt hat Shankar die Bünde poliert, was Voraussetzung für einen schönen Ton ist.” Danach wurden die Resonanzsaiten gestimmt. “Ich habe gesehen mit welcher Akribie man diese Saiten stimmen muss, damit sie wirklich mitschwingen”.  


Embryo, 1971 – Sigi Schwab, zweiter von rechts



Durch das Erlebnis angespornt, fand Schwab in Professor Manfred Junius einen Lehrer, der lange Zeit in Indien gelebt hatte, um dort klassische indische Musik zu studieren. Von ihm erhielt er wertvolle Hinweise. Schwab spielte die Sitar immer nur bei Studioaufnahmen, weil die Verstärkung des Instruments bei Live-Auftritten Probleme machte. Dafür waren die indische Veena, ein Saiteninstrument, sowie das indische Tarang, ein der Autoharp verwandtes Instrument, das auch Bulbul Banjo genannt wird, besser geeignet. Sie ließen sich leichter elektrifizieren, was für einen Einsatz in einer Rockband die Vorbedingung war. 

 

 

 

Monday, 13 June 2022

Trauer um ROMAN BUNKA (1951 - 2022)

Morgenlandfahrer

Zum Tod von Roman Bunka (2.12.1951 - 12.06.2022) – eine Würdigung



cw. Das trifft mich dann doch wie ein furchtbarer Schlag in die Magengrube: Durch facebook erfahre ich, dass Roman Bunka verstorben ist. Vor ein paar Monaten haben wir noch telefoniert, nachdem ich vom Tod von Hartmut Geerken gehört hatte. Roman war ein enger Freund von Hartmut und meinte damals: "Mit 82 Jahren im Schlaf an einem Herzinfarkt im Bett zu sterben – besser kanns einem nicht gehen!" Manchmal habe ich durch meine Telefonate Roman beim Üben gestört, denn er war ein konstanter Arbeiter an seiner Saitenkunst. Vor Jahren habe ich ihn einmal in seiner Schwabinger Wohnung besucht. Er spielte mir LPs seiner Lieblingsgruppe Patto vor, deren Gitarrist Ollie Halsall ein frühes Idol war und den er immer noch bewunderte. Beim Abschied schenkte er mir ein Buch über Sufismus. Ich werde es jetzt noch einmal lesen. 


Wir haben Roman immer wieder für Konzerte engagiert. Er trat in Sigmaringen beim Schlachthof-Festival auf und beim Klangbad in Scheer (mit John Tchicai und Pierre Favre). Er ist auf der CD enthalten, die wir am Tag nach dem Schlachthof-Festival im Faust-Studio aufnahmen. Dabei spielt er ein wunderbares Stück mit John Tchicai und Hans-Joachim Irmler. Vor einigen Jahren absolvierte ich zwei Gigs in Ostdeutschland mit ihm und seinem Embryo-Bandkollegen Christian Burchard, wobei sie meinen Vortrag zur Geschichte der Underground-Musik in Germany begleiteten, von dem sie selber ein Teil waren, und danach einen weiteren Set spielten. Wunderbare Musik zwischen Orient und Okzident – dafür stand Roman. 


Missus Beastly, 1970 mit Roman Bunka (Gitarre), erster von links.




Roman Bunka (Jahrgang 1951) hat als Rockgitarrist angefangen. Die Band Missus Beastly war seine erste Station. In den siebziger Jahren gehörte er zum enge Kreis der Münchner Rockjazzgruppe Embryo und galt als einer der besten Gitarristen der deutschen Rockszene. Durch die Reisen mit Embryo nach Nordafrika und Indien begann sich sein musikalischer Horizont zu weiten. Bunka fiel in den Bann orientalischer Musikkulturen: Türkei, Indien, Ägypten. Er versuchte, orientalische Saiteninstrumente zu erlernen wie das türkische Saz oder die südindische Veena. Schließlich landete er bei der Oud, der arabischen Laute, auf der er sich zu einem anerkannten Virtuosen entwickelt hat. Regelmäßig trat Bunka mit ägyptischen Musikern auf und war als Studiomusiker in Kairo ein gefragter Mann. Das Interview wurde 2009 geführt.


  

Wann und auf welche Weise kamst du zum ersten Mal in Kontakt mit arabischer Musik?


Roman Bunka: Wahrscheinlich als ich fünf war. Meine Eltern fuhren mit mir nach Andalusien in die Ferien, damals fast eine Weltreise. Wir hatten ein Transistor-Gerät dabei und jeden Abend, wenn ich ins Bett mußte, hörte ich Radio. Die arabischen Sender sind dort gut zu empfangen. Außerdem kamen Straßenmusiker an den Strand. Das Photo dieser Begegnung ist auf dem Cover meiner CD "Color me Cairo" abgebildet: ein Mädchen tanzt und ein Mann spielt auf einer Rahmentrommel, einer marrokanischen Bendir. Meine Mutter hörte gerne Flamenco. Überhaupt ist in Andalusien die maurischeVergangenheit doch lebendiger als irgendwo anders.


Danach kam lange nichts. Dann die ersten Aufnahmen von Popgruppen in den sechziger Jahren mit Sitar und indischem Einfluß: Traffic mit "Paper Sun", die Beatles, Ravi Shankar. Ich erinnere mich noch stark an das überwältigende Erlebnis, als ich auf einem LSD-Trip George Harrisons Platte "Wonderwall" hörte. Der Klang der indische Shenai darauf förderte besonders intensive visuelle Halluzinationen. Irgendwie ging die indische Musik "tiefer rein".Heute weiß ich warum. Damals war es eher eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem.Die indische Musik war sicherlich mein Einstieg in den Orient, obwohl mein erstes orientalisches Instrument eine türkische Saz war. 


Roman Bunka mit Embryo in der Balinger Eberthalle, ca. 1977 (Foto: Martin Wagner)





Wodurch oder durch wen wurde dein Interesse an der Oud geweckt?


RB: Ich fand meine erste Oud im Bazar von Istanbul und gab mein letztes Geld dafür aus. Hungrig im Zug nach Hause probierte ich dann verschiedene Stimmungen. Zurück in München traf ich den kanadischen Sarod-Spieler Kenneth Wells. Wir spielten zusammen und ich wurde  von seiner indischen Spieltechnik beeinflußt. Ich unternahm dann eine Reise nach Bombay und traf dort den Tabla-Virtuosen Trilok Gurtu. Ich versuchte mich an einem anderen orientalischen Saiteninstrument, der südindischen Veena. Mit Trilok Gurtu spielte ich meistens Gitarre, wir hatten einige Konzerte in Bombay. Schon damals träumte er davon, mit John McLaughlin zu spielen und er hat es ja dann später auch geschafft.


Für mich ging es mit der Gruppe Embryo erstmal nach Afghanistan, danach nach Süd-Indien. 

Es war also viel zu viel los, um sich mit dem Oud und seiner Musik zu beschäftigen. Ich setzte das Instrument ein, wo ich konnte. Es eignet sich ja für jede Art von Musik. Wie die Geige kennt der Oud keine Grenzen. Es gab ja nicht den Zwang der temperierten Stimmung. Man konnte das mit der Gitarre auch hinkriegen, siehe McLaughlin auf seinen fantastischen Aufnahmen mit indischen Musikern, oder die Blues-Gitarristen, die mich sehr beeinflußt hatten, bis hin zu Hendrix. Nur brauchte man ganz dünne Saiten, und dann klang die Gitarre nicht mehr. Es ging also nur verstärkt. Ich hatte aber das große Bedürfnis, auch ohne Steckdose Mikrotöne intonieren zu können, und auch bei unseren Reisen gab es oft Musiker, aber keinen Strom.


Die ersten Aufnahmen von Oud-Spielern, die ich gehört hatte, waren die Schallplatten von 

Hamza el-Din, Mounir Bechir und Sandy Bull gewesen. Hamza habe ich 20 Jahre später in Kairo getroffen. Wir sehen uns immer wieder einmal. Interessanterweise spiele ich heute noch mit nubischen Musikern, unter anderem mit Mohamed Mounir, einem der bekanntesten Sänger Ägyptens. Ich muß also irgendwann mal selbst Nubier gewesen sein, wer weiß? Mounir Bechir hat mich nie so begeistert, trotz seines Rufs als größter Virtuose auf diesem  Instrument. Sandy Bull war ein echter Pionier der Weltmusik. Er ist leider früh verstorben. Ich blieb also vorerst bei meiner indischen und improvisierten Musik, spielte mit Roland

Schaeffer und Paramashivam Pillai südindische Kirtanas und wäre ganz zufrieden gewesen.

Auf einer Spanien-Tournee hörte ich dann nachts in Andalusien wieder einmal Radio.Und da kam bei Radio Tanger ein Oud-Solo von Riad el-Soumbati, das mich wieder zur Oud und der arabischen Musik brachte.


Roman Bunka in der Embryo-Kommune, 1971(in der Mitte Edgar Hofmann, rechts Christian Burchard)



 

Wie war deine Reaktion? Konntest du begreifen, was du da hörtest oder war

es Musik wie von einem anderen Stern?


RB: Ich glaube inzwischen, daß die arabische Musik ein Teil der Wurzeln unserer europäischen

Musikkultur ist, so wie der Oud auch irgendwann zur Laute wurde, über die Troubadoure,

die Minnesänger, Protestsänger  - eine Kette von Perlen. In Andalusien, in Cordoba, hat Zyriab an seiner Theorie der arabischen Musik gefeilt und Intervalle vermessen. Ein paar Kilometer weiter, in Almeria, hat Torres die moderne Gitarre entwickelt. Es ist alles Mittelmeerkultur, nur ein paar hundert Jahre liegen dazwischen. Ich hatte ja schon durch die indische Musik offene Ohren bekommen, da war die Musik der Araber nicht so fremd, obwohl ich bis heute an den Vierteltönen arbeiten muß.


Wie bist du dann in diese Musik eingetaucht, unternahmst du Reisen, um vor Ort mit Musikern zu studieren?


RB: Ich hatte Riad el-Soumbati gehört, und erfuhr dann, daß er Ägypter gewesen war und sehr viel für Oum Kalsoum komponiert hatte. Ich ging also nach Ägypten.


Wie hast du dich der Oud  genähert?


RB: Die erste Oud habe ich zerstört. Ich wußte ja nicht, wie man ihn stimmt und wie dick die 

Saiten sein müßen. Ich habe natürlich viele Aufnahmen gehört. in Ägypten hatte ich dann Lehrer wie Machmut Kamel, der leider schon verstorben ist, und Abdo Dagir. Aber ich bin auch dankbar für die vielen Begegnungen mit anderen arabischen Musikern: Anfängern, Verrückten oder Virtuosen, man lernt immer was dazu.


Was war die besondere Schwierigkeit für dich als Europäer, dieses Instrument zu erlernen?


RB: Keine, es ist ein Instrument wie jedes andere. Schwierigkeiten tauchen auf, wenn man anders intonieren muß, Vierteltöne zum Beispiel.


Embryo mit Roman (sitzend mit Gitarre), 1978





Wie reagierten Musiker in Ägypten auf dein Interesse an der Oud? Wurdest du belächelt oder ernst genommen?


RB: Ich ging gleich in der ersten Woche in Kairo ganz frech zum Institut für arabische Musik und  wurde von der damaligen Direktorin Linda Fatallah mit Tee empfangen.Unglaublich! Diese Freude, diese unwahrscheinliche Gastfreundschaft. Ja, alle freuten sich, daß da einer kam und Oud lernen wollte.


Wie hast du dich stilistisch ausgerichtet? Wolltest du ein richtig "arabischer" Oud-Spieler 

werden oder hast du versucht, eine Synthese zwischen deinem eigenen modernen westlichen Stil und der arabischen Tradition zu erreichen? 


RB: Mir war immer bewußt, wie schwer es ist, neue Musik auf einem alten Instrument zu entwickeln. Natürlich wollte ich meine "eigene" Musik auf der Oud spielen. Dann gab es Phasen, wo ich am Boden zerstört war, ohne Hoffnung, auch nur annähernd ein  richtiger "arabischer" Oud-Spieler werden zu können. Aber das Leben geht über diese Begriffe hinaus, und so auch die Musik. Ich habe inzwischen zuviel Nil-Wasser getrunken, etwas hat abgefärbt, etwas wird immer bleiben.


Mit Embryo auf der Indien-Reise





Hat sich deine Sicht der arabischen Musik über die Jahre gewandelt und auf welche Weise?


RB: Wie in den meisten Dingen des Lebens kommt man von der naiven ersten Begegnung zu einem tieferen Verständnis, und sucht dann wieder doch den Anfang. Es tat mir gut einen arabischen Lehrer zu haben, der mir immer sagte: Musik ist Musik! Es sind die gleichen Spannungsbögen, in denen sich die Musik der Welt abspielt, auch wenn sie noch so verschieden klingen. Mein Oud-Lehrer Abdo Dagir, der ja hauptsächlich Geiger ist, hat mich lange Jahre begleitet. Mit einer unglaublichen orientalischen Freigiebigkeit hat er mir seine Musik und seine Musik-Kultur näher gebracht, als "Malik-al-taksim", Meister des Taksim. Und

wir haben viele Nächte miteinander musiziert. Er spricht nicht englisch, ich nicht arabisch. Das kann manchmal der Musik sehr zuträglich sein. 


Roman Bunka - Maryam and the Blues (youtube)





Du bist heute in den arabischen Welt auch als Studio- und Sessiongitarrist tätig - wie ist es dazu gekommen und was mögen die Musiker dort an deinem Spiel?


RB: Ich habe für einen der bekanntesten Sänger, Mohamed Mounir, im Studio gearbeitet. Ich habe seine Musik teilweise arrangiert und Gitarre und Oud gespielt. Durch meine Erfahrungen in Ägypten, ich gehe schließlich seit 20 Jahren dahin, verstehe ich ihn und das, was dort passiert ist. Ich kann einiges umsetzen, und kenne die Gerüche in der Altstadt ebenso wie im feinsten Restaurant. Er hat mir dafür alles, was er und seine Familie von ihrer Musikkultur wußten, gezeigt. Ich war auf nubischen Hochzeiten, auf den Dörfern, und liebe diese minimalistische, sehr afrikanische Musik.


Für einen Nubier ist die arabische Musik Kairos vielleicht ähnlich fremd wie für mich. Wir sind beide Vertriebene, Flüchtlinge, in einer Welt, in der manchmal nur noch die Musik uns ein Stück Heimat geben kann. Das alte Nubien liegt unter dem aufgestauten Wasser des Assuan-Damms. Meine Familie vertrieb der zweite Weltkrieg in alle Himmelsrichtungen.In Bagdad baut man die besten arabischen Lauten, was kümmert das die Bomben?


Auswahldiskografie:


- (mit Abdo Dagir) Malik-a-Taksim (Enja Records)


- Color me Cairo (Enja Records)


- Embryo 40 (Trikont)



Further information:


Vor zehn Jahren (2012) ließ uns Roman seine Jahres-Highlights wissen:


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2012/12/review-2012-7-roman-bunkas-highlights.html



vlnr: Christian Burchard, Roman Bunka und CW (in Altenburg, 2014)






Thursday, 16 July 2020

Ravi Shankar Biographie

Zauber des Orients
 
Ravi Shankar brachte die indische Musik in den Westen – eine neue Biographie beleuchtet sein bewegtes Leben
 
 
cw. Ravi Shankars Auftritte bei den ersten großen Popfestivals in Monterey 1967 und Woodstock 1969 setzte die indischen Musik auf die Landkarte des internationalen Musikbetriebs. Schon zuvor hatten die Beatles den Sitarvirtuosen hoffiert. George Harrison reiste extra nach Indien, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Bereits 1965 nahmen die vier Pilzköpfe mit „Norwegian Wood” den ersten Titel mit Sitar auf – eine Premiere in der Popgeschichte! Über Nacht war das Saiteninstrument auf unzähligen Poptiteln zu hören.  
 
Die sogenannte „Great Sitar Explosion” ereignete sich nicht über Nacht. Ravi Shankar hatte dafür Jahre hart gearbeitet. Seit den 1950er Jahre tourte er regelmäßig durch Europa und die USA.Mit Europa war Shankar schon bestens vertraut. Bereits in den 1930er Jahren war er mit der Tanzkompanie seines 20 Jahre älteren Bruders Uday Shankar regelmäßig in Europa unterwegs gewesen, wobei er auch öfters in der Deutschland auftrat. Neben den Tanzeinlagen half er bald auch im Musikensemble der Truppe aus. Die Sitar wurde sein bevorzugtes Instrument. Als er in Allauddin Khan einen geachteten Lehrmeister fand, begann er mit eiserner Diziplin acht bis zwölf Stunden täglich zu üben.
 
Bei Studioaufnahmen in Los Angeles hörte der junge Folkrocker David Crosby von den Byrds den Sitarvirtuosen und war derart überwältigt, dass er mit seiner Begeisterung die Beatles ansteckte. Als „Lehrer der Beatles“ stand Shankar plötzlich im Rampenlicht. Sein Auftritt beim Woodstock-Festival, auf Film festgehalten, machte ihn endgültig zum Superstar. Zu solchem Weltruhm hat es kein Musiker vom indischen Subkontinent mehr gebracht.

                                                                                                                                     Foto: Manfred Rinderspacher 
Shankar erweiterte die Bandbreite seiner musikalischen Aktivitäten. Er gründete Musikakademien, nahm Filmsoundtracks auf und schrieb Musik für Sitar und Sinfonieorchester. Doch die aufreibenden Tourneen, ein zerrüttetes Familienleben, dazu zahllose Liebschaften und etliche außereheliche Kinder zehrten an den Nerven und der Gesundheit. Eine Herzattacke erzwang eine Auszeit. Nach der Genesung fasste Shankar den Entschluß, von nun an kürzer zu treten.

Doch der innovative Impuls der indischen Musik im Westen verebbte zusehens. Wohl war Ravi Shankar weiterhin auf der internationalen Konzertszene präsent, doch Aufsehen erregte er damit nicht mehr. Der Erfolg seiner Töchter, der Popsängerin Norah Jones und der Weltmusikerin Anoushka Shankar, brachten ihn ein letztes Mal ins Rampenlicht. 

Mit akribischer Detailversessenheit hat Oliver Craske das Leben des „Pandit“ auf über 650 Seiten nachgezeichnet. Was für den glühenden Shankar-Fan ein Plus sein dürfte, ist für den durchschnittlich Musikinteressierten zu viel des Guten. Man muss nicht über jede Tournee, die Shankar jemals unternahm, Bescheid wissen. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. 

Buch: 
Oliver Craske: Indian Sun – The Life and Music of Ravi Shankar. Hachette Books, New York 2020. 658 Seiten mit etlichen SW-Fotos. Preis: E 12.73 (Kindle) / E 18,47 (gebundenes Buch)