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Wednesday, 13 May 2026

MILES DAVIS Biographie

Am Puls der Zeit

Der Musikjournalist Stefan Hentz zeichnet die Lebenslinien des Jazzstars Miles Davis nach


Foto: Hans Kumpf

  

Man begegnet ihm auf unzähligen Schallplatten, CDs und Re-Issues. Er ist Stoff von Spielfilmen, Fernseh-Dokus und Graphic Novels, ja selbst als kleine Komikfigur aus Plastik mit Trompete gibt es ihn: Miles Davis ist der bedeutendsten Jazzmusiker in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem afroamerikanischen Trompeter, Komponist und Bandleader gelang, was nur wenigen Künstlern glückt: Sich immer wieder neu zu erfinden und so über Jahrzehnte die musikalische Entwicklung im Jazz maßgeblich zu beeinflussen. 


Am 26. Mai 2026 wäre Miles Davis hundert Jahre alt geworden, was der Musikjournalist Stefan Hentz zum Anlaß genommen hat, ihm eine exzellent recherchierte Biographie zu widmen. Die Publikation zeichnet minutiös die lebensgeschichtlichen Etappen und musikalischen Entwicklungsschritte nach, die Miles Davis zum „größten Star im Jazzuniversum“ (Stefan Hentz) machte und grundiert sie mit zeitgeschichtlichem Kolorit, ob kultureller, sozialer oder politischer Art. Zudem versucht Hentz die Wesensart dieses wohl einzigen Jazzmusikers mit Popstar-Appeal zu ergründen, der immer eine ziemlich undurchschaubare Persönlichkeit geblieben ist und viele widersprüchliche Haltungen in sich vereinte. „Prince of Darkness“ nannten sie ihn.


Im Unterschied zur umfangreichen Miles Davis-Literatur, die sich häufig auf die Glanzpunkte seiner Karriere von den 1950er bis in die 1970er Jahren konzentriert, wählt Hentz die Endphase seiner Laufbahn als Einstieg. Damals lief der Trompeter zum groovenden Funkjazz über, und aus dem elektrischen Miles wurde ein elektronischer. 


Plakat: Günter Kieser



Nach etlichen Jahren Auszeit im Drogendelirium, von Depressionen geplagt und mit Krankheit geschlagen, hatte sich Davis in den 1980er Jahren mit Hilfe junger Musiker in die Jazzszene zurückgetastet. Ihm war wichtig, abermals eine Musik am Puls der Zeit zu machen, was bedeutete: den Sound des heraufziehenden digitalen Zeitalters einzufangen, wobei ihm Prince als Leitstern diente. 


Die Studioarbeit überließ er nunmehr jüngeren Musikern seines Vertrauens wie dem Bassisten Marcus Miller. Jetzt improvisierte keine Gruppe mehr im Studio, wie noch zehn Jahre zuvor. Vielmehr wurden mittels Overdubbing Instrumentalisten je nach Bedarf herangezogen, die Miles nie traf, weil er seinen Trompeten-Part erst am Ende über die vielschichtigen Arrangements legte. Diesen letzten Abschnitt im Leben von Miles Davis, der 1991 verstarb, stellt Hentz an den Anfang seines Buchs, um von dort die Lebenslinien nachzuzeichnen, die zu diesem Schlußakt führten. 


Promo-Foto


Aufgewachsen in einer wohlhabenden afroamerikanischen Familie in East St. Louis, wird für Miles Davis der Jazz und die Trompete früh zu seiner Leidenschaft. Der Teenager spielt in Bigbands und Tanzkapellen, hat Lehrer, die nichts durchgehen lassen. Als Aushilfe erhält er in der Band des Sängers Billy Eckstein seinen ersten professionellen Job. Dort begegnet er dem Trompeter Dizzy Gillespie und dem Altsaxofonisten Charlie Parker, die ihn ermuntern nach New York zu kommen, wo in Minton’s Playhouse in Harlem gerade eine musikalische Revolution stattfindet. Der Swing der Bigband-Ära wird vom hektischen Bebop herausgefordert. Der 18jährige wird Mitglied in der Band von Charlie Parker, mit der er erste Plattenaufnahmen macht. Sein Aufstieg ist rapide. Bald zählt Davis zum führenden Kreis dieses Stils




Doch den jungen Trompeter drängt es zu neuen Ufern. Als Gegenstück zum Bebop entwirft er mit dem Arrangeur Gil Evans einen abgeklärten, lyrisch-verhangenen Cooljazz, wobei der gestopfte, oft melancholische Trompetenton nun zu seinem Markenzeichen wird. Durch den Saxofonisten John Coltrane steigert sich die Intensität seines neuformierten Sextetts erneut, dem 1959 mit Kind of Blue ein Klassiker gelingt – mit fünf Millionen Exemplaren das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten. Mit einem neuen Quintett und dem quirligen 17jährigen Tony Williams am Schlagzeug wächst Miles Davis Mitte den 1960er Jahren auf dem Album E.S.P. über Cooljazz und Hardbop hinaus. 


Als die Rockmusik mit den psychedelischen Klanggewittern eines Jimi Hendrix Ende der 1960er Jahre zum Emblem der Zeit wird, öffnet sich Miles Davis den elektrischen Sounds. Er avanciert zu einem Pionier des Jazzrock, der seine Trompete mit Verzerrer und Wah-Wah-Pedal spielt und seine Alben aus den Studio-Sessions in nachhinein am Schneidetisch zusammenbastelt. Nun tritt er bei riesigen Rockfestivals vor Hunderttausenden junger Popfans auf, so auf der englischen Isle of Wight im Sommer 1970. Miles Davis ist im Zenit seiner Popularität angekommen.  


Umso krasser ist der Absturz. Drogen, Frauengeschichten und gesundheitliche Probleme lassen den kreativen Aku leerlaufen. Für den Biographen Stefan Hentz schließt sich hier der Kreis: Als Miles Davis aus diesem düsterer Lebensabschnitt wieder auftaucht, schlägt er mit dem elektronischen Funkjazz ein weiteres Kapitel seines kreativen Schaffens auf – das finale.


Stefan Hentz: Miles Davis – Sound eines Lebens. Reclam Verlag; 385 Seiten, 35 Abbildungen. Euro 32.-


Wednesday, 2 August 2023

Jazzpromoterin Gaby Kleinschmidt verstorben

Jazz mit Haut und Haaren

Zum Tod der Touragentin Gabriele Kleinschmidt (1939 – 2023) 


Gabriele Kleinschmidt im Gespräch mit Saxofonist Bernd Konrad (links)(Foto: Hans Kumpf)

 

Sie hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und mehr als 40 Jahre lang ihre eigene Touragentur betrieben. Durch ihre Initiative kamen viele Jazzgrößen der amerikanische Szene nach Europa – etliche davon aus der Avantgarde. Als Frau und Pionierin stach Gabriele Kleinschmidt in einer Branche heraus, die bis heute männlich dominiert ist, was sie allerdings kein bisschen schreckte. Gaby stand immer ihren Mann! Opfer-feministische Selbstbemitleidungen waren ihr fremd. Am Sonntag, den 30. Juli 2023, ist die rührige Jazzpromotorin aus Durchhausen im Schwarzwald im Alter von 84 Jahren verstorben.


Geboren 1939 in Möhringen an der Oberen Donau, machte Kleinschmidt in den 1950er Jahren eine Ausbildung zur Erzieherin  in Freiburg. Der Vater war im Krieg gefallen, die Mutter starb bevor sie volljährig war. Nun musste sich Gaby mit ihrem Bruder gemeinsam durchbeißen. Sie heiratete früh, bekam 1961 einen Sohn. Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1973 begann die Jazzbegeisterte Konzerte zu veranstalten und zu vermitteln, was 1974 zur Gründung der Agentur „Gabriele Kleinschmidt Promotions“ (GKP) führte. 



 

1974 klingelte in der Jazzredaktion des Südwestfunks in Baden-Baden das Telefon. Am Apparat war eine junge Frau namens Gaby Kleinschmidt aus Möhringen im Schwarzwald, die sich als Managerin des amerikanischen Trompeters Hannibal Marvin Peterson vorstellte und den Redakteur Joachim Ernst Berendt für einen öffentlichen Konzertauftritt plus Radiomitschnitt gewinnen wollte. Berendt ließ sich überreden, und organisierte gleich noch eine Plattensession mit dem aufstrebenden Jazztrompeter und seinem „Sunrise Orchestra“ für das MPS-Label in Villingen. So begann eine intensive Zusammenarbeit mit Gaby Kleinschmidt, der Berendt immer wieder Kontakte vermittelte und mit Adressen aushalf. Das war der Beginn einer Zusammenarbeit zwischen SWF-Redakteur / MPS-Schallplattenproduzent und Tourneeagentin, die bis zur Schließung des MPS-Studios 1983 noch weitere Früchte trug. (Übrigens spielte die Gruppe von Hannibal bei dieser Tour auch in der Stadthalle in Sigmaringen).



Kleinschmidt war eher zufällig zur Konzertagentin geworden. Bei einem Konzert im Jazzclub Tuttlingen hatte sie den südafrikanischen Pianisten Dollar Brand kennengelernt, der damals in Zürich lebte. Schwer beeindruckt von seinem Township-Jazz, gelang es Kleinschmidt, Abdullah Ibrahim – wie er sich später nannte – ein paar Auftritte zu vermitteln. Bald klopften auch andere Musiker bei Kleinschmidt an, die nun täglich Stunden am Telefon hing, um Engagements überall in Deutschland an Land zu ziehen. „Die Telefonrechnung war zuvor so 80 bis 100 D-Mark pro Monat,“ erzählte mir Kleinschmidt vor ein paar Jahren. „Im ersten Monat als Jazzpromoterin dann plötzlich 800 D-Mark! Mein Bruder hat nur den Kopf geschüttelt: „Ja, bist du noch ganz bacha?“ (aus dem Schwäbischen übersetzt: „Hast Du sie noch alle?!") Und es ging immer höher. Ich musste Musiker anrufen, Flugtickets bezahlen, und hab‘ ja in dieser Zeit nichts verdient. Ich bin in Schulden reingekommen und hab' feste geackert und geackert.“

 

Es dauerte nicht lange, und Gaby Kleinschmidt war bald in ganz Europa aktiv. Festivals und Rundfunkkonzerte wurden mit den von ihr vertretenen Musikern beschickt. Doch bildeten die zahlreichen Jazzclubs vor allem in Südwestdeutschland (etwa in Villingen) weiterhin ein wichtiges Operationsfeld, weil man die Veranstalter dort persönlich kannte und kurzfristig und unkompliziert einen Gig ausmachen konnte. 


Um eine Tournee mit einem Ensemble aus den USA finanziell überhaupt stemmen zu können, war eine Plattensession bei MPS, ein gut dotierter Festival- oder Rundfunkauftritt notwendig. Doch auch die kleinen Gagen aus den vielen Clubauftritte fielen ins Gewicht. „Ohne die wäre es nicht gegangen,“ bekräftige Kleinschmidt. „Man hat größere Sachen wie Rundfunk- oder Fernsehauftritte oder Festivals für die Wochenenden gebucht und unter der Woche Auftritte in kleineren Club.“ 

 

Gab es ein „Loch“ im Tourplan, ließ Gaby Kleinschmidt, um Hotelkosten zu sparen, die Musiker bei sich zuhause wohnen. Kleinschmidt erzählte, wie Perry Robinson von der Gunter Hampel Band jeden Morgen auf einen Baum im Garten kletterte, um dort im Zwiegespräch mit den Vögeln auf seiner Klarinette zu spielen. Im Dorf ging das natürlich nicht unbemerkt vonstatten und führte zu so manchem Hälserecken, wenn etwa der Afroamerikaner Cecil Taylor mit knallbuntem Schal morgens durch den Ort joggte. „Damals haben wir noch in Möhringen gewohnt, in einem alten, großen Haus mit viel Platz,“ so Kleinschmidt. „Anthony Braxton war mal mit seiner ganzen Band eine Woche da. Da kam ein Bekannter auf die Idee, in der ehemaligen Schule in Biesendorf ein Konzert zu veranstalten.“ 


Von Kleinschmidt vermittelt: das Gil Evans Orchestra (man beachte mit Dave Sanborn, as) bei einem 'Treffpunkt Jazz'-Konzert des SDR (Sammlung: C. Wagner)

 


Nicht nur Saxofonist Anthony Braxton mit Band, sondern auch Drummer Alphonse Mouzon sowie Saxofonist Archie Shepp absolvierten dort in einem Klassenzimmer spektakuläre Auftritte – für einen so winzigen Ort in der tiefsten Provinz eine echte Sensation! „Ich glaub‘, ich komm‘ in den Busch,“ soll Shepp ausgerufen haben, als er durch dichte Waldgebiete auf kleinen Landstraße zum Auftritt nach Biesendorf gefahren wurde. Später wurden dann auch im Nebensaal des Gasthauses „Zum Pflug“ in Rottweil Konzerte an freien Tourneetagen durchgeführt. In den 1980er Jahre habe ich dort einen absolut explosiven Auftritt des Sun Ra Arkestra erlebt.


Die Zeiten änderten sich. Die Gagen kletterten nach oben. Das Geschäft wurde professioneller, war nicht mehr so chaotisch wie in den 1970ern, aber auch nicht mehr so spontan und kühn-kreativ. Kleinschmidt wagte sich an teurere Künstler heran, vorausgesetzt, sie war von derer Musik begeistert. „Was Gaby noch mehr liebt als ihre Arbeit, ist die Musik“, lautete ein Ausspruch von Sun Ra. Um eine Tournee im vorab zu finanzieren, hat Kleinschmidt nicht nur einmal eine Hypothek auf ihr Wohnhaus aufgenommen, sonst hätte ihr die Bank keinen weiteren Kredit gegeben. Das war mit einem ungeheuren Risiko verbunden, aber Kleinschmidt schreckte, wenn es um Jazz ging, vor nichts zurück. Das voll auf Risiko gehen, der Musik wegen, kostete sie schlußendlich ihr Haus.


Gaby Kleinschmidt mit Ron Carter (Foto :Promo)



 

Allerdings brachte sie dadurch amerikanische Stars nach Europa. Die Liste ist lang: Miles Davis, Sun Ra, Dave Brubeck, Carla Bley, Gunter Hampel's (amerikanische) Galaxie Dream Band mit Perry Robinson, Jack Gregg und Jeanne Lee, Abbey Lincoln, Gil Evans Bigband, Archie Shepp, Hannibal Marvin Peterson, Don Cherry, Lester Bowie, Max Roach, Bobby McFerrin – you name it! Gaby Kleinschmidt hat sie alle über den Atlantik geholt. 


Geldgier gepaart mit Hinterhältigkeit versauerten der Idealistin gelegentlich die Arbeit. Ornette Coleman z. B. forderte, kaum war er am Flughafen angekommen, die doppelte Gage, sonst würde er gleich wieder abreisen. Was sollte sie tun? Sie konnte doch nicht die ganze Tour platzen lassen? Kleinschmidt machte gute Miene zum bösen Spiel, rief ihre Bank an, um einen weiteren Kredit sicherzustellen und preiste einen Verlust durch die Tour ein. Solche Vorkommnisse bereiteten ihr so manche schlaflose Nacht und zahlreiche bittere Tränen. Manchmal war es zum schieren Verzweifeln.


Gaby Kleinschmidt mit dem Ron Carter Quartet (Foto: Promo)


Bis weit übers Rentenalter hinaus blieb Kleinschmidt aktiv. Neben den Tourneen – ihrer regulären Arbeit –, lud sie immer wieder zu Privatkonzerten ein, die sie in ihrem Wohnhaus in Durchhausen veranstaltete – mit einer wunderbaren Bewirtung der Gäste, die es an nichts fehlen ließ. Der Tod ihres zweiten Mannes, des englischen Jazzjounalisten und Pianisten Mike Hennessey, 2017 war ein schwerer Schlag für sie. Danach fuhr sie ihre Aktivitäten stark zurück.

In der Jazzszene wird man die draufgängerische und lebenslustige Gaby schwer vermissen. Ohne sie wäre meine musikalische Sozialisation (und die vieler anderer auch) anders verlaufen. Ihr Sohn Frank Kleinschmidt führt ihre Arbeit fort.