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Wednesday, 24 June 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 61: Jason Moran / Blankfor.ms / Marcus Gilmore – Shards

Laptop-Jazz aus Brooklyn 

Die Jazzmusiker Jason Moran und Marcus Gilmore kooperieren mit dem Elektroniker Blankfor.ms


Als die Elektronik vor Jahrzehnten mit Ambient, Techno und Acid-House die Popmusik revolutionierte, reagierte die Jazzszene eher verhalten auf den Umbruch. Gelegentlich zog ein Ensemble einen Laptop-Musiker hinzu, um ihrem Jazz eine elektronische Glasur zu geben. Seither haben Jazzmusiker dieses Konzept auf den Kopf gestellt und die Elektronik zum Zentrum ihrer Musik gemacht. Aus „Jazz plus Elektronik“ wurde „Elektronik plus Jazz“.    

Das Trio von Jason Moran (Piano), dem Elektroniker Blankfor.ms (bürgerlich: Tyler Gilmore) und Marcus Gilmore am Schlagzeug macht auf seinem zweiten Album – dem Nachfolger von „Refract“ von 2022 – beides. Oft setzen die elektronischen Sounds den Ton, worauf Schlagzeug und Klavier improvisatorisch reagieren. Allerdings geht es auch anders herum, wenn ein hymnisch anmutender Choral von elektronischen Sounds unterlegt wird. Manchmal läßt sich Drummer Marcus Gilmore von den Tape-Loops zu repetitivem Trommelspiel oder einem Groove animieren, dessen Zwischenräume Moran für dezente Einwürfe nutzt.


Im weitesten Sinne als experimentell könnte man den Ansatz des Trios bezeichnen, wobei der Bogen der Möglichkeiten weit gespannt wird. Von furiosen avantgardistischen Ausbrüchen bis hin zu sachten, besinnlichen Klangmalereien reicht das Spektrum, was in seiner Gegensätzlichkeit nicht immer schlüssig erscheint und signalisiert: Die Gruppe hat noch nicht zu einer wirklich eigenen Identität gefunden. 


Jason Moran / Blankfor.ms / Marcus Gilmore: Shards

Red Hook Records / Galileo

Hörprobe: 

SHARDS by Jason Moran - BlankFor.ms - Marcus Gilmore (youtube)



Monday, 8 July 2013

KRIS DAVIS - Jazzpianistin, Brooklyn, NYC


Jenseits der Effekthascherei

Der Brooklyner Pianistin Kris Davis gehört zu einer neuen Generation von Jazzmusikerinnen - ihr neues Album 'Capricorn Climber' zeugt von einem beachtlichen Kaliber

cw. Die kanadische Pianistin Kris Davis hat sich in den letzten Jahren auf der alternativen Jazzszene in Brooklyn einen Namen gemacht. Selbst Pianostar Jason Moran ist voll des Lobs für die Vielseitigkeit und das Talent seiner Klavierkollegin, die sich auch schon als Arrangeurin profiliert hat. Mit ihrem Quintett hat Davis jetzt ein Album vorgelegt, dass die ganze Bandbreite ihrer Begabung zeigt.

Davis hat eine Musik entworfen, die sich am Klang der Gruppe als einer Einheit orientiert. Solistische Exkursionen stehen selten im Mittelpunkt, immer geht es um die kollektive Gestaltung von Stimmungen und Atmosphären, die gelegentlich etwas grüblerisch ausfallen. Erstaunlich ist, dass sich die Bandleaderin dabei selbst am meisten zurücknimmt. Lieber läßt sie Mat Maneri eine Improvisation auf der Viola spielen oder gesteht Trevor Dunn ein Baßsolo zu, bevor sie einmal zu einer Pirouette auf der Tastatur ansetzt.

In ihren Kompositionen kann es zu ekstatischen Ausbrüchen in Freejazz-Manier kommen wie im Titelstück “Capricorn Climber” oder zu träumerischen Elegien wie in “Bottom Of A Well”. In seiner verhangenden Melancholie greift dieses Stück atmosphärisch in die Sphären der “Zweiten Wiener Schule” aus, die Davis aus dem Effeff kennt, hat sie doch ursprünglich klassisches Piano studiert.  Andere Stücke grooven in vertrakter Manier oder besitzen einen untergründigen Swing, über dem sich knifflige Melodienlinen der verschiedenen Instrumente ineinander verschlingen

Kris Davis versteht es ausgezeichnet, mit dynamischen Abstufungen, Klangfarben- und Tempowechseln sowie rhythmisch gebunden bzw. freien Sequenzen für Spannung zu sorgen. Nie werden die musikalischen Mittel  effekthascherisch eingesetzt, vielmehr herrscht immer die Absicht vor, sie in ihrer Substanz zu erkunden.  Mit Tom Rainey am Schlagzeug, Trevor Dunn (Kontrabaß), Ingrid Laubrock (Saxofone) und Mat Maneri (Viola) hat Davis ein kompetentes Team aus erfahrenen Musikern zusammengestellt. die sich nicht mehr beweisen müssen, sondern sich ganz in den Dienst ihrer Musik stellen.

Mit diesem exzellenten Album macht Davis klar, dass sie zu den interessantesten Vertretern der neue Generation von New Yorker Jazzmusikern zählt. Mit ihr wird in Zukunft vermehrt zu rechnen sein. 

Kris Davis: Capricorn Climber (Clean Feed)

Die Besprechung erschien zuerst in der Zeitschrift Jazzthetik, Nr. 7+8 2013.