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Monday, 8 July 2013

KRIS DAVIS - Jazzpianistin, Brooklyn, NYC


Jenseits der Effekthascherei

Der Brooklyner Pianistin Kris Davis gehört zu einer neuen Generation von Jazzmusikerinnen - ihr neues Album 'Capricorn Climber' zeugt von einem beachtlichen Kaliber

cw. Die kanadische Pianistin Kris Davis hat sich in den letzten Jahren auf der alternativen Jazzszene in Brooklyn einen Namen gemacht. Selbst Pianostar Jason Moran ist voll des Lobs für die Vielseitigkeit und das Talent seiner Klavierkollegin, die sich auch schon als Arrangeurin profiliert hat. Mit ihrem Quintett hat Davis jetzt ein Album vorgelegt, dass die ganze Bandbreite ihrer Begabung zeigt.

Davis hat eine Musik entworfen, die sich am Klang der Gruppe als einer Einheit orientiert. Solistische Exkursionen stehen selten im Mittelpunkt, immer geht es um die kollektive Gestaltung von Stimmungen und Atmosphären, die gelegentlich etwas grüblerisch ausfallen. Erstaunlich ist, dass sich die Bandleaderin dabei selbst am meisten zurücknimmt. Lieber läßt sie Mat Maneri eine Improvisation auf der Viola spielen oder gesteht Trevor Dunn ein Baßsolo zu, bevor sie einmal zu einer Pirouette auf der Tastatur ansetzt.

In ihren Kompositionen kann es zu ekstatischen Ausbrüchen in Freejazz-Manier kommen wie im Titelstück “Capricorn Climber” oder zu träumerischen Elegien wie in “Bottom Of A Well”. In seiner verhangenden Melancholie greift dieses Stück atmosphärisch in die Sphären der “Zweiten Wiener Schule” aus, die Davis aus dem Effeff kennt, hat sie doch ursprünglich klassisches Piano studiert.  Andere Stücke grooven in vertrakter Manier oder besitzen einen untergründigen Swing, über dem sich knifflige Melodienlinen der verschiedenen Instrumente ineinander verschlingen

Kris Davis versteht es ausgezeichnet, mit dynamischen Abstufungen, Klangfarben- und Tempowechseln sowie rhythmisch gebunden bzw. freien Sequenzen für Spannung zu sorgen. Nie werden die musikalischen Mittel  effekthascherisch eingesetzt, vielmehr herrscht immer die Absicht vor, sie in ihrer Substanz zu erkunden.  Mit Tom Rainey am Schlagzeug, Trevor Dunn (Kontrabaß), Ingrid Laubrock (Saxofone) und Mat Maneri (Viola) hat Davis ein kompetentes Team aus erfahrenen Musikern zusammengestellt. die sich nicht mehr beweisen müssen, sondern sich ganz in den Dienst ihrer Musik stellen.

Mit diesem exzellenten Album macht Davis klar, dass sie zu den interessantesten Vertretern der neue Generation von New Yorker Jazzmusikern zählt. Mit ihr wird in Zukunft vermehrt zu rechnen sein. 

Kris Davis: Capricorn Climber (Clean Feed)

Die Besprechung erschien zuerst in der Zeitschrift Jazzthetik, Nr. 7+8 2013.

Tuesday, 27 November 2012

JAZZTRENDS: Erik Friedlander's Bonebridge


Süffiger Folkjazz

Erik Friedlander’s Bonebridge schwelgt in Singen in träumerischen Klängen

                                                                                            Foto: Claudia Casanova
                                                                                         
CW.John Cage hatte es vorgemacht. Zum 200. Jubiläum der amerikanischen Verfassung entwarf der Avantgarde-Komponist 1976 ein Werk, das alte Kirchenhymnen, Spirituals und Folksongs per Zufallsverfahren neu zusammensetzte, um den Geist der frühen amerikanischen Volksmusik auf moderne Weise einzufangen.

35 Jahre später versucht sich der New Yorker Cellist Erik Friedlander an einem ähnlichen Projekt.  “Bonebridge” heißt das Unterfangen, das vom Jazz ausgehend eine Musik erträumt, die in organischer Manier die Vielfalt der amerikanischen Folkstile zu einem Sound verschmelzt, in dem alles enthalten ist: Country, Blues, Gospel und Folk, ja selbst New Yorker Latin-Traditionen wie Rumba und Mambo klingen an und verbinden sich zu einer wunderbaren Melanche.

Die Musik ist eine Zeitreise ins Jahr 1971, als die Friedlander-Familie das "Galax Fiddlers' Festival" in der Stadt Galax in Virginia besuchte.  Man campte mit Hunderten anderer Bluegrass-Fans, und der junge Erik, damals elf Jahre alt, zog durch das Zeltlager, wo überall spontane Bluegrass-Sessions stattfanden. Er sperrte mächtig die Ohren auf. "Zupfst Du?" war normalerweise die Frage, die eine Spontansession auf den Weg brachte.
                                                                                                                          Foto: Nathan Rosborough
Schon die Besetzung des Bonebridge-Quartetts ist für eine Jazzcombo außergewöhnlich. Friedlander ist ein Meister des Cellos, das im Jazz relativ selten zum Einsatz kommt. Der New Yorker gehört zu nur einer Handvoll von Cellisten, die das Instrument in der improvisierten Musik mit Autorität zu spielen vermögen. Sein Gegenüber ist der E-Gitarrist Doug Wamble, der am liebsten Slide-Gitarre mit einem Metallröhrchen um den Zeigefinger spielt. Damit erzeugt er die gleitenden Töne, die Blues und Countrymusik prägen. Kontrabassist Trevor Dunn passt ausgezeichnet in dieses Kabinett der Exzentriker, da er eigentlich aus der Rockmusik kommt und es jahrelang in der Rockband Mr. Bungle mit Mike Patton von Faith No More ordentlich krachen ließ. Am Schlagzeug sitzt Michael Sarin, dessen Erfahrungsschatz vom Jazz bis zur experimentellen Improvisation reicht.

Der Auftritt der Gruppe im Singener Kulturzentrum Gems bildete das Debut einer mehrwöchigen Europa-Tournee. Das Auftaktkonzert machte deutlich, dass die Band noch Zeit braucht, richtig zusammenzuwachsen, vor allem auch weil sie etliche Stücke einbezog, die erst kürzlich entstanden sind und auf Hurrikan “Sandy” zurückgehen.

Der Orkan kappte für vier Tage den Strom von Erik Friedlanders Appartment, so dass er Zeit hatte abends bei Kerzenschein neue Stücke zu ersinnen. Häufig zupft er ein Cellosolo zur Einleitung, wobei er sich als souveräner, fingerflinker und hochmusikalischer Turbovirtuose erweist. Die Kompositionen münden meistens in einen entspannten Beat, über den Slide-Gitarre und Cello träumerische Melodien legen, um sich danach in den Soli die improvisatorischen Bälle zuzuwerfen. Eine Rumba wird so schräg angegangen, dass man meint, gleich würde Tom Waits die Bühne betreten, um eine seiner verbeulten Blues-Arien zu heulen.

Insgesamt erinnerte die Musik an Klänge, wie sie in den letzten Jahren auch vom Jazzgitarrenstar Bill Frisell zu hören waren, der ebenfalls Exkursionen in musikalische Traditionen wie Bluegrass und Gospel unternahm und sie zeitgemäß aufzuarbeiten versuchte. Genau das glückt Erik Friedlander mit Bavour. Die vier verwandeln Jazz in eine imaginäre Folkmusik des 21. Jahrhunderts. Prädikat: äußerst süffig!

Erik Friedlander Bonebridge: Beaufair Street (SkipStone Records) 

Tourdaten 2012: 30.Nov Mainz / 1. Dez Köln, Stadtgarten