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Tuesday, 26 November 2024

Scheibengericht Nr. 31: Ingrid Laubrock / Tom Rainey

Ingrid Laubrock / Tom Rainey

Brink

(Intakt / Harmonia Mundi)


 

 

Gleich vorneweg: Dies hier ist ein superbes Album. Es ist das Kondensat unzähliger Sessions, die Ingrid Laubrock (Saxofone) und Tom Rainey (Drums) in den letzten Jahre miteinander gespielt haben. Auf intensivste Weise pflegte das Musikerehepaar das Duospiel gezwungenermaßen in den Monaten der Pandemie, als man keine anderen Musiker und Musikerinnen treffen konnte und die beiden anfingen, jeden Freitag ein Duo „online“ zustellen, welches sie während der Woche in ihrer Booklyner Wohnung entworfen, geprobt und aufgezeichnet hatten. So kamen genau 60 „Stir Crazy“-Editionen zustande. Den Wohnungsnachbarn sei gedankt für ihre unendliche Geduld.

 

Die Essenz dieser akribischen Beschäftigung mit dem Duo-Format ist jetzt auf diesem Album zu hören: 13 kurze Titel (der längste ist 5 Minuten lang, der kürzeste knapp eine Minute) entfalten eine Klanglichkeit wie sie unterschiedlicher nicht hätte sein können. Spaltklänge, Obertöne und Klappengeräusche bestimmen neben Laubrocks brüchigen, stillen oder aufbrausenden Saxofonlinien das musikalische Geschehen, das Tom Rainey in höchst sensibler Manier perkussiv zu kolorieren weiß. Kurze Interludes namens „Brink I – VI“ wirken als Kontrastmittel, bei denen sich das Saxofon manchmal wie eine stark verzerrte E-Gitarre anhört. Jedes Stück ist ein Balanceakt, der offen läßt, ob es komponiert oder improvisiert ist und so die Schwebe als idealen Aggregatzustand wählt. 


Zum reinhören:

https://laubrock-intakt.bandcamp.com/album/brink


 

Wednesday, 30 June 2021

Review: Tom Rainey Obbligato

Aufmerksamkeit und Wachheit


Tom Raineys Bandprojekt Obbligato mit neuem Album




 

Tom Raineys Bandprojekt Obbligato ist als eine Art “party game” für Jazzmusiker und Jazzmusikerinnen konzipiert. Die Regeln lauten: Es werden bekannte Standards aus dem Great American Songbook wie etwa „Stella by Starlight“ oder „I Fall in Love Too Easily“ gespielt, die allerdings nur schemenhaft in ihrem harmonischen Grundgerüst anklingen, weil die Melodie nicht gespielt, sondern höchstens angedeutet und umkreist wird. Stattdessen improvisieren die fünf Beteiligten von Beginn an kollektiv über das jeweilige Thema, was ein verflochtenes polyphones Gruppenspiel ergibt, das der Spielauffassung des New Orleans-Jazz nahekommt, bevor das individuelle Solospiel im Jazz zu dominieren begann. 

 

Tom Rainey hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem der meistgefragten Drummer der amerikanischen Jazzszene entwickelt, der inzwischen auf über 250 Alben für das rhythmische Rückgrat sorgt und sich auch im freien Jazz zu bewegen weiß. Der Schlagzeuger aus Brooklyn hat vier hochkarätige Instrumentalisten um sich geschart. Neben Ingrid Laubrock, die ihr Saxofon virtuos mit wunderbarem Einfühlsvermögen bläst, besteht die Combo aus Trompeter Ralph Alessi, Bassist Drew Gress, sowie Pianist Jacob Sacks, der auf dieser dritten Einspielung der Band für die reguläre Tastenmusikerin Kris Davis eingesprungen ist und sich mühelos ins Gruppengeschehen einfügt.


Foto: Jan-Gerrit Schäfer

 

Der Ansatz verlangt ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit und Wachheit aller Beteiligten, weil jeder Instrumentalist jeden Moment auf die Einfälle der anderen zu reagieren herausgefordert ist. Erst aus dem fortwährenden interaktiven Austausch von Ideen aus dem Augenblick heraus gewinnt die Musik ihre kreative Kraft. Dazu ist eine absolute Vertrautheit mit dem Material die unabdingbare Voraussetzung, weswegen es auch nicht verwundert, dass ein paar Titel präsentiert werden, die bereits auf den beiden Vorgängeralben enthalten waren.

 

Im Zentrum dieses „Live“-Albums, das 2018 vom WDR bei einem Konzert im Jazzclub Hannover mitgeschnitten wurde, steht das 17minütige Doppel-Stück „What’s New – There Is No Greater Love“, das die beiden Standards zusammenbindet und von einem Basssolo eingeleitet wird. Ein durchdachtes Schlagzeugsolo, das nie in die oft übliche Ratterei verfällt, gestaltet den Übergang von ersten zum zweiten Stück, wobei ein wunderbar relaxtes, loses Feeling die Atmosphäre bestimmt, das das gesamte Album durchzieht. In den melancholisch gefärbten Balladen, die mit kammermusikalischer Zurückhaltung in Szene gesetzt werden, hat die Musik ihre stärksten Momente und bring die große Musikalität der Beteiligten am deutlichsten zum Ausdruck.


Tom Rainey Obbligato: Untucked in Hannover (Intakt Records)


Monday, 8 July 2013

KRIS DAVIS - Jazzpianistin, Brooklyn, NYC


Jenseits der Effekthascherei

Der Brooklyner Pianistin Kris Davis gehört zu einer neuen Generation von Jazzmusikerinnen - ihr neues Album 'Capricorn Climber' zeugt von einem beachtlichen Kaliber

cw. Die kanadische Pianistin Kris Davis hat sich in den letzten Jahren auf der alternativen Jazzszene in Brooklyn einen Namen gemacht. Selbst Pianostar Jason Moran ist voll des Lobs für die Vielseitigkeit und das Talent seiner Klavierkollegin, die sich auch schon als Arrangeurin profiliert hat. Mit ihrem Quintett hat Davis jetzt ein Album vorgelegt, dass die ganze Bandbreite ihrer Begabung zeigt.

Davis hat eine Musik entworfen, die sich am Klang der Gruppe als einer Einheit orientiert. Solistische Exkursionen stehen selten im Mittelpunkt, immer geht es um die kollektive Gestaltung von Stimmungen und Atmosphären, die gelegentlich etwas grüblerisch ausfallen. Erstaunlich ist, dass sich die Bandleaderin dabei selbst am meisten zurücknimmt. Lieber läßt sie Mat Maneri eine Improvisation auf der Viola spielen oder gesteht Trevor Dunn ein Baßsolo zu, bevor sie einmal zu einer Pirouette auf der Tastatur ansetzt.

In ihren Kompositionen kann es zu ekstatischen Ausbrüchen in Freejazz-Manier kommen wie im Titelstück “Capricorn Climber” oder zu träumerischen Elegien wie in “Bottom Of A Well”. In seiner verhangenden Melancholie greift dieses Stück atmosphärisch in die Sphären der “Zweiten Wiener Schule” aus, die Davis aus dem Effeff kennt, hat sie doch ursprünglich klassisches Piano studiert.  Andere Stücke grooven in vertrakter Manier oder besitzen einen untergründigen Swing, über dem sich knifflige Melodienlinen der verschiedenen Instrumente ineinander verschlingen

Kris Davis versteht es ausgezeichnet, mit dynamischen Abstufungen, Klangfarben- und Tempowechseln sowie rhythmisch gebunden bzw. freien Sequenzen für Spannung zu sorgen. Nie werden die musikalischen Mittel  effekthascherisch eingesetzt, vielmehr herrscht immer die Absicht vor, sie in ihrer Substanz zu erkunden.  Mit Tom Rainey am Schlagzeug, Trevor Dunn (Kontrabaß), Ingrid Laubrock (Saxofone) und Mat Maneri (Viola) hat Davis ein kompetentes Team aus erfahrenen Musikern zusammengestellt. die sich nicht mehr beweisen müssen, sondern sich ganz in den Dienst ihrer Musik stellen.

Mit diesem exzellenten Album macht Davis klar, dass sie zu den interessantesten Vertretern der neue Generation von New Yorker Jazzmusikern zählt. Mit ihr wird in Zukunft vermehrt zu rechnen sein. 

Kris Davis: Capricorn Climber (Clean Feed)

Die Besprechung erschien zuerst in der Zeitschrift Jazzthetik, Nr. 7+8 2013.