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Tuesday, 22 August 2023

Courtney Marie Andrews in Schorndorf

Im Bannkreis des Songs

Courtney Marie Andrews beim Open-Air-Konzert in der Manufaktur in Schorndorf


Courtney Marie Andrews mit Band (Fotos: C. Wagner)


 

cw. Wenn es so etwas wie ein perfektes Konzert überhaupt gibt, dann kam der Dienstagabend (22. August 2023) im Club Manufaktur in Schorndorf ziemlich nahe an dieses Optimum heran. Als der Auftritt kurz nach 20:00 begann, hatte sich die Hitze des Tages auf ein erträgliches Maß gelegt. Gestärkt von einer Roten Wurst mit Wecken und mit einem kühlen Getränk in der Hand konnte man sich in der lauen Abendluft in den bequemen Plastikstühlen zurücklehnen und dem Geschehen die volle Aufmerksamkeit schenken. Der Sound war astrein eingestellt und optimal ausgepegelt – nicht zu laut und nicht zu leise –, die Musik war voller Eindringlichkeit und poetischer Kraft. Geht's noch besser?!!!

 

Courtney Marie Andrews kam im weißen Leinenkleid auf die Bühne. Zuerst sang sie ein paar Titel alleine, bevor es mit ihren beiden Begleitmusikern im Trio weiterging. Die großen Intervallsprünge ihrer Eröffnungssongs ließen kurz an Joni Mitchell denken, ein Eindruck, der aber verflog, als die Band dazukam. Hier war eine Singer-Songwriterin am Werk, die vollkommen ihre eigene Identität gefunden hat und die es verstand, eine fast magische Stimmung zu erzeugen, die das ansehentliche Publikum vollkommen in den Bann zog. Als Andrews dann im Laufe des Auftritts noch ein paar Ohrwürmer ihres aktuellen Albums „Loose Future“ auspackte, hätte man vor Begeisterung gerne die Zeit angehalten und in die Textzeile eingestimmt: „These are the good old days, don't let time slip away!“

 

Dieses Lied ist einer ihrer wenigen positiveren Songs, denn meistens handeln die Texte von den Kalamitäten des Lebens, von Beziehungskrisen, Liebeskummer, Abstürzen und Einsamkeit, wobei sie ihr Herz völlig ungeschützt auf den Tisch legt, wie es in einem anderen ihrer Lieder heisst. 

 

Die beiden Begleitmusiker waren jene Art von Profis, die sich vollkommen in den Dienst der Musik stellen und jedes egozentrische Gehabe vermissen lassen. Der Drummer spielte äußerst sparsam: fein durchdachte, genau auszirkulierte Schlagmuster, die er für jeden Song anders gestaltete, wobei er später zum Elektropiano wechselte und auch an diesem Instrument ähnlich wohldosiert und mannschaftsdienlich agierte. 



Der Bassist, der dem Aussehen nach auch in den sechziger Jahren bei der Allmann Brothers Band nicht aufgefallen wäre, lieferte unaufdringliche Läufe und war doch immer präsent, wobei er vollkommen synchron mit dem Schlagzeug agierte. Darüber hinaus steuerte er einen äußerst effektvollen Harmoniegesang bei, der kaum eindringlicher hätte sein können. Überraschenderweise sang er als Mann im Falsett die Oberstimme der "Close Harmony"-Sequenzen. 

 

Nach ein paar Nummern wechselte Courtney Marie Andrews zur elektrischen Gitarre, später zum E-Piano. Dabei wählte sie für jeden Song einen anderen Sound, was den Auftritt nie eintönig werden ließ. In einem Lied klang die Band so robust und roh wie Neil Young’s Crazy Horse, ein andermal lieferte ein wabbernder Gitarrenklang die Begleitung, während sie am E-Piano mit einem Effektgeräte Hawkwind-ähnliche Synthi-Sounds erzeugte ("Silvermachine"), was eigentümlicherweise dennoch vollkommen konsistent selbst mit den akustischen Nummern war. 

 

Nach zwei Zugaben bedankte sich die Singer-Songwriterin sichtlich bewegt beim Publikum, das so „polite and quiet“ ihren Liedern gelauscht hatte – große Andacht hätte man auch sagen können oder mit Lou Reed: "Just a perfect day"!

 

 

Monday, 18 April 2022

SCHEIBENGERICHT: COWBOY JUNKIES – SONGS OF THE RECOLLECTION

SCHEIBENGERICHT   1

 

COWBOY JUNKIES – SONGS OF THE RECOLLECTION (Proper Records)

 

Wertung: 3 ½ von 5


cw. Mit Mundharmonika, Akkordeon, Orgel, Pedal-Steel-Gitarre, Schlagzeug und Baß prägten die Cowboy Junkies in den später 1980er und frühen 1990er Jahren den Sound einer alternativen Folk- und Countrymusik, die heute unter der Ruprik „Americana“ firmiert. Die kanadische Band stand für einen sanft-träumerischer Gruppenklang in zumeist gemächlichen Tempi, über dem Margo Timmins‘ engelhafter Gesang schwebte. 

 

Oft besaß ihr reduzierter Folkrock eine experimentelle Dimension, die jedoch immer dem jeweiligen Stück diente und nie zum bloßen Selbstzweck verkam. So nahm die Gruppe 2020 einen Song namens „Ornette Coleman“ auf, mit dem die vier Musiker dem Erfinder des Freejazz die Ehre erwiesen und der im Mittelteil ein verwaschenes Saxofonsolo im explodierenden Coleman-Stil enthielt. Diese Aufnahme war ein Rekurs auf die formative Phase der Band, als Gitarrist Michael Timmins und Bassist Alan Anton in London in einem Ensemble für frei-improvisierte Musik spielten. So faltete sich das kreative Spektrum der Band immer weiter auf.

 

Von Anfang an schulten die Cowboy Junkies ihren Stil an Coverversionen. Auf ihrem Debutalbum von 1986 war nur eine einzige Eigenkomposition zu finden, und danach gab es kaum ein Platte, die nicht mindestens ein oder zwei Covers enthielt. Nachdem sie 2007 mit dem amerikanischen Singer-Songwriter Vic Chesnutt zusammengearbeitet hatten, nahmen sie 2011 nach Chesnutts Selbstmord ein ganzes Album mit seinen Songs auf. 

 

Mehr als 35 Jahre nach ihrem Debut und immer noch in der Urbesetzung spinnt die Band der Geschwister Timmins aus Toronto diesen Faden jetzt mit ihrem 19. Studioalbum weiter, das ausschließlich aus Neufassungen von Songs von David Bowie, Bob Dylan, The Rolling Stones, Neil Young, Gram Parsons, Gordon Lightfoot und The Cure besteht. 

 

Für diese Art von „Recollection“ (=Erinnerung) haben die Cowboy Junkies einfach neun ihrer "favourite songs" ausgewählt, von denen vier bereits veröffentlicht waren. Am überzeugenstens gerät wiederum ein Lied von Vic Chesnutt. Im Original folgt bei „Marathon“ auf Chesnutts Gesang eine längere Passage anschwellender flirrender Geigentöne, ein experimenteller Hakenschlag, den die Cowboy Junkies in ein Crescendo ratternder Gitarrensplitterklänge übersetzen. Durch den zweistimmigen, gehauchten Gesang erhält das Lied eine eindringliche Atmosphäre, ein Düstersong, dessen Grad an Intensität sich ohne Frage mit dem Original messen kann, wobei die Cowboy Junkies im Refrain die Melodie noch markanter akzentuieren, was der Einspielung eine noch singhaftere Qualität verleiht – berührend!

 

Hörproben:

 

Vic Chesnutt – Marathon 




 


Cowboy Junkies – Marathon vom Album "Songs of the Recollection" (youtube)




 

 

Friday, 24 January 2014

Owls By Nature - Nachts, wenn die Eulen fliegen


Neil Youngs Kinder

Die kanadischen Rootsrocker Owls By Nature gastierten auf ihrer ersten Europatour in Tübingen
                                                                                                 Fotos: Christoph Wagner

 cw. Die Eule ist ein Nachtvogel und wird erst bei Einbruch der Dunkelheit aktiv. “Owls By Nature” (= Eulen von Natur aus) nennt sich eine kanadische Band, für die ähnliches gilt: Die Musiker werden erst später am Abend munter. Nach dem Erfolg ihres Debutalbums “Backwater” ist die Gruppe aus der Stadt Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta jetzt in Europa unterwegs, um ihre neue Einspielung “Everything is Hunted” (=Auf alles wird Jagd gemacht) der Öffentlichkeit vorzustellen. Dabei strengen sich die fünf Bandmitglieder mächtig an, ihrem Publikum einen unterhaltsamen Abend zu bereiten und ziehen alle Register der Songwriter-Kunst.


 Schnurgerader Folkrock ist ihr Markenzeichen, wie er in den letzten Jahren von Mumford & Sons wieder populär gemacht worden ist. Auf jede Art von Mätzchen und Schnörkel wird verzichtet. Die Musiker von Owls By Nature wissen, wie man Lieder wirkungsvoll in Szene setzt. Über einem soliden Rockbeat wechseln sich Melodiestimme und mehrstimmiger Chorus in vorhersehbarer Regelmäßigkeit ab. Manchmal kommen die Songs im “Up-Tempo”-Stil der irischen Pogues daher, dann wider werden sie schleppend im bevorzugten gemächlichen Zeitmaß ihres kanadischen Landsmanns Neil Young präsentiert. Abwechslung bringt gelegentlich die elektrische Gitarre ein, die immer einmal wieder zu einem kurzen Solo ansetzt, wobei Gitarrist Doc De Groot manchmal auch zur Lap-Steel-Gitarre greift, die er im Sitzen, auf den Knien liegend, heulen und wimmern läßt.

 Wenn der Keyboard-Spieler dann sein elektrisches Tasteninstrument mit einem Banjo vertauscht, steigt der Folkgehalt der Musik enorm, und im Publikum macht sich ausgelassene Tanzstimmung breit. Redlich bemühen sich die Musiker um Kontakt zu den Konzertbesuchern. Die Zuhörer werden ins Geschehen einbezogen, indem man ihnen Abenteuer aus dem Tourneeleben erzählt oder von den Vorzügen des Rotweins schwärmt und sich gegenseitig zuprostet.


Wie im Tübingen Sudhaus zu sehen war, hält sich die Fangemeinde der Gruppe zahlenmäßig noch in Grenzen. Problemlos passten alle Besucher auf ein Foto, das der Leadsänger von der Bühne herab für die Facebook-Page der Band schoß. In Berlin, wo Owls By Nature am Vortag auftraten, soll das Konzert weit besser besucht gewesen sein. Ob der Band der Sprung in eine höhere Pop-Liga gelingt, wird entscheidend von der Eingängigkeit ihrer Songs abhängen. Wer ausschließlich auf starke Lieder setzt, die bei einem Massenpublikum verfangen, ist auf Hymnen mit Ohrwurm-Charakter angewiesen. Einen Anfang haben Owls By Nature immerhin bereits gemacht.