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Friday, 24 May 2024

Heute wird Bob Dylan 83 Jahre alt

 Hey, Mr. Tambourine Man!


Bob Dylan wird 83 – alte Weggefährten, jüngere Liedermacher und besessene Dylan-Verehrer erinnern sich an Begegnungen mit ihm und seiner Musik  



cw. Eigentlich heisst er Robert Zimmerman, doch alle kennen ihn unter dem Namen: Bob Dylan! Vom Schriftsteller Dylan Thomas, den er verehrte, hat er sich den Namen entlehnt. Bob Dylan kam 1961 nach New York, wo er in den Folkclubs von Greenwich Village für Furore sorgte. Mit Songs wie “Blowing in the Wind”,  “Mr. Tambourine Man”, und “The Times They are a Changin” machte er weltweit Karriere und galt bald als die Stimme seiner Generation. Seitdem hat Bob Dylan immer wieder mit neuen Alben aufhorchen lassen und sich vielleicht als der größte Liedermacher aller Zeiten in die Annalen der Popmusik eingetragen. Am 24. Mai 2024 wird er 83 Jahre alt. Christoph Wagner hat alte Weggefährten und –gefährtinnen befragt, auch jüngere Kollegen und Bewunderer sowie Dylan-Experten, um ein Bild von diesem letzten Superstar des Pop zu gewinnen. 

Carolyn Hester, Los Angeles (Folksängerin, auf deren erstem Album Bob Dylan 1961 mitwirkte. Es war seine erste Schallplattenaufnahme)

Image result for bob dylan carolyn hester photo“Ich war mit Bob Dylans Freundin Suze Rotolo eng befreundet und wir verbrachten viel Zeit zusammen, manchmal bei Konzerten. Als ich erwähnte, dass ich eine Schallplatte für Columbia Records machen würde, bekundete Bob Dylan sein Interesse, als Gitarrist dabei zu sein. Das Problem war:  Wir hatten bereits einen Gitarristen! Deshalb luden wir ihn als Mundharmonikaspieler zu den Aufnahmen ein. So lernte er den Produzenten John Hammond von Columbia Records kennen, der ihn dann unter Vertrag nahm.”

Happy Traum, Woodstock, USA (Folkmusiker und einstiger Nachbar von Bob Dylan)

“Ich traf Bob Dylan 1962 in Greenwich Village in Downtown Manhattan. Ich sang damals in der Folkgruppe The New World Singers. Bob Dylan mochte die Band. Er kam zu unseren Auftritten und gab uns Lieder von ihm zum Singen. Er war damals noch völlig unbekannt. 1963 war ich dann zum ersten Mal mit ihm im Studio. Wir nahmen Lieder zur Unterstützung der Zeitschrift “Broadside Magazine” auf, einem wichtigen Organ der Folkbewegung. Die New World Singers sangen Dylans “Blowing in the Wind” - die erste Einspielung des Titels! Er war im Studio dabei. Bei der gleichen Session sang ich mit ihm im Duett: “Let me die in my footsteps”. Ich sang die Führungsstimme, er die Begleitung, dazu spielte er Gitarre. Ein paar Jahre später zog ich mit meiner Familie raus aufs Land, nach Woodstock im Bundesstaat New York, wo auch Bob Dylan mit seiner Familie lebte. Damals gab es viele Musiker in Woodstock, eine richtige Künstlergemeinde.
Wir freundeten uns mit Dylans Familie an, besuchten uns oft und machten privat Musik zusammen. Er war sehr umgänglich. Bob Dylan war eine recht komplexe Persönlichkeit. In Woodstock lebte er sehr zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Die Schallplatten, die er damals machte wie “John Wesley Harding”, spiegelten dieses ruhige Leben auf dem Land wider. 1973 machte ich ein zweites Mal Aufnahmen mit ihm: Wir gingen in New York ins Studio seiner Plattenfirma Columbia und nahmen vier Titel auf. Als er dann 1973 nach Kalifornien zog, brach der Kontakt etwas ab, obwohl ich ihn auch später noch ein paar Mal traf.” 



Peter Stampfel, New York (Folk-Veteran mit den Holy Modal Rounders)

“Das erste Mal als ich Dylan sah, wusste ich nicht, wer er war: ein junger Bursche mit Stiefeln und einer Mütze auf, der nach Greenwich Village in Manhattan gekommen war, um ein bisschen Gitarre zu spielen. Ein paar Wochen später ging ich abends am Folkclub “Folk City” vorbei und sah durch das Fenster, wie er dort auf der Bühne stand mit seinem Mundharmonikahalter. Ich hörte nichts durch die Scheiben, konnte aber an seinen Bewegungen erkennen, dass er richtig Gitarren spielen konnte. Als ich ihn dann kurze Zeit später auf der Bühne erlebte, erstaunte mich sein Gesangstil, diese Mischung aus Rock ’n’ Roll und traditionellem Hillbilly-Singen. Er war in der Lage, diese beiden Stile zu verbinden. Er sang das gleiche Repertoire wie alle anderen Folksänger: alte traditionelle Lieder etwa von Woody Guthrie. Keiner erinnert sich mehr daran, aber am Anfang seiner Karriere alberte und kasperte Dylan auf der Bühne herum. Er hüpfte und bewegte sich wie ein unreifes Kind. Erst als er seine Mütze abnahm, hörte er auf, ein Clown zu sein.” 

Jeffrey Lewis, New York (Anti-Folk-Songwriter und Bandleader)

“Bob Dylan habe ich das erste Mal gehört, als ich so 14 oder 15 war und gerne im Radio klassische Rockmusik hörte. Damals entdeckte ich all diese tolle Musik aus den Sechzigern. Bestimmte Lieder von Bob Dylan, die romantisch-schnulzigen, gefielen mir nicht. Das ist auch heute noch so. Aber eines Nachts hörte ich ”Ballad of a Thin Man” im Radio, und der Song zog mich in den Bann. Das Lied war lustig und verrückt. Darin kam eine einäugige Schnake vor. Jede Zeile war voller Überraschungen, wobei die Musik ziemlich cool klang, düster, schwer und bedrückend. Plötzlich fand ich Bob Dylan interessant. Ich schaute die Plattensammlung meiner Eltern durch. Sie hatten das betreffende Album und noch zwei oder drei andere Dylan-LPs. Ich überspielte sie auf Cassette und hörte sie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule mit meinem Walkman in der U-Bahn. Was für tolle Musik! Seine romantischen Lieder sagen mir bis heute nichts, aber die lustigen, verrückten Songs sind voller Spaß, Brillanz und Energie. Bis heute gefällt mir der frühe Dylan am besten, diese wilde akustische Musik, auch wenn manche Leute meinen, er könnte nicht singen. Ich finde seine Stimme klingt jung und wild. Mit der Zeit beschaffte ich mir mehr und mehr Alben von Bob Dylan und finde, dass auf allen gute Musik ist.”

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Alex Neilson, Glasgow (Schlagzeuger, Sänger und Liederschreiber der Trembling Bells und von Crying Lion)

“Ich kam ziemlich spät auf Bob Dylan. Das erste Mal, dass mich seine Musik wirklich ergriff, war, als ich eine ‘Live’-Platte von ungefähr 1965 hörte. Es klang, als ob die Reiter der Apokalypse aus der Lautsprechern kämen. Ich bemerkte dann, dass es das berühmte “Judas”-Konzert war, wo Dylan als Verräter gescholten wurde, weil er elektrische und nicht akustische Gitarre spielte. Das war revolutionäre Musik in jeder Hinsicht. Von da an wurde Bob Dylan eine Obsession von mir. Ich begriff, dass seine Größe mit seiner Unergründlichkeit zusammenhängt. Je mehr man über ihn zu wissen glaubt, je mysteriöser wird der Mann.”

 Pete Coward, London (Musikjournalist und Dylan-Kenner)

“Bob Dylan inspiriert, weil er ein Genie mit Fehlern ist, und solche Fehler braucht es, um ein Genie zu sein. Er folgt den Worten von Leonard Cohen: "In jedem Ding ist ein Riß. Erst dadurch kommt Licht herein.” Deshalb erstaunt es nicht, dass seine beiden Versionen vom Song “Forever Young” ziemlich verschieden sind -  es verwundert nur. Doch Dylan sucht alles immer und immer wieder auf und überarbeitet es: seine Lieder, seine Stimme, sein Glaube. Und das macht er bis heute im Alter von 75 Jahren. Nicht weil er auf der Suche nach Perfektion ist, sondern weil es die ihm zugewiesene Rolle ist, als fehlerhaftem Genie und menschlichem Wesen.”

 Michael Moravek, Ravensburg (Sänger und Gitarrist der Planeausters)

“Es passierte in der Küche in der Richthofenstrasse in Balingen. Ich war 13 und mein Bruder rief mich ans Radio. Es kam gerade “Are You Ready”. Die Stimme elektrisierte mich, sie schien direkt aus einer Menschenseele heraus zu kommen und unterschied sich von allem, was ich bis dahin gehört hatte. Sie klang seltsam vertraut und verhakte sich in mir. Als heranwachsender Mensch konnte ich keine Wurzeln entwickeln, die sich an Orte festmachten. Durch Dylan habe ich damals meine eigene Sprache gefunden - nicht nur als Songwriter -, die mir ersatzweise zur Heimat geworden ist. Einer seiner großartigsten Songs? Covenant Woman. ‘You know that we are strangers / in a land we’re passing through’.”

Wednesday, 14 February 2024

SCHEIBENGERICHT 26: Aoife O’Donovan – All my Friends

Folk mit Orchester-Fülle


Seit mehr als zwanzig Jahren ist Aoife O’Donovan als Singer-Songwriterin aktiv. Anfangs war sie Mitglied diverserer Neo-Folk-Gruppen, um sich danach einen Namen als Solokünstlerin zu machen. Nun legt die Sängerin aus Brooklyn ein Album vor, das das Format einer Folkband sprengt, indem sie ihre Songs in aufwendige Orchester-Arrangements kleidet. Auf dem Eröffnungslied „All my friends“ gelingt das überzeugend, wobei der Chorgesang und die Bläserharmonien den hymnenhaften Charakter des Songs unterstreichen. Auf anderen Lieder scheint sich der Aufwand weniger zu lohnen. 

Inhaltlich kreisen die neun Titel um die Anfänge der Frauenbewegung, als Anfang des 20. Jahrhunderts Suffragetten in den USA das Frauenwahlrecht erkämpften. O’Donovan stellt Carrie Chapman Catt, die Anführerin der Suffragetten, ins Zentrum ihrer Lieder. Einzelne Songs thematisieren, gespiekt mit Zitaten aus Reden von Chapman Catt, verschiedene Etappen des erbitterten Kampfes. Zum Abschluß unterstreicht eine Interpretation von Bob Dylans „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ die Aktualität des Themas und macht deutlich, dass dieser Kampf noch lange nicht gewonnen ist. 


 Aoife O’Donovan: All my Friends (Yep Roc Records)







Tuesday, 18 July 2023

Buchbesprechung: Bob Dylan über den modernen Song

Alchemie des magischen Songs 

Bob Dylans musik-philosophische Spaziergänge

 



cw. Bob Dylan hat wieder ein Buch geschrieben, allerdings keine Fortsetzung seiner Autobiographie, sondern eine „Philosophie des modernen Songs“. Darin analysiert er 66 zeitgenössische Lieder, denen er ein paar grundlegende Erkenntnisse abgewinnt.

 

Dylan geht nach einem bestimmten Schema vor: Zuerst wird der Inhalt eines Songs erläutert. Er erklärt, um was es eigentlich geht. Dann stellt er das Lied in seinen Kontext, erläutert den Zusammenhang, in dem es historisch, sozial oder politisch steht, und liefert relevante Informationen zum Interpreten, Verfasser oder Produzenten, als Besteck zur Interpretation. 

 

Dylan vergleicht den einen Song mit anderen aus dem selben Themenkreis und stellt die eine Fassung ins Verhältnis zu einer anderen, um so die jeweiligen Besonderheiten herauszuarbeiten, wobei er nicht nur bei einer Theorie des guten Songs landet, sondern bei Erkenntnissen und Lehren über das Leben allgemein.   

 

Unter den 66 Songs sind Lieder aus allen möglichen Stilen. Sie stammen aus dem Tin Pan Alley-Repertoire, aus Blues, Folk, Hillbilly, Country, Rock und Pop. Etliche gehören nicht zum Allgemeingut der Hits, die jeder kennt. Vielmehr sind es Lieder aus Bob Dylans geheimen Song-Universum. Das ist heutzutage kein Manko mehr, weil ja auf Computer-Knopfdruck jeden Song sofort zu hören ist. So werden Dylans Liederkundungen zur spannenden Entdeckungsreise. 



Als Kontrastprogramm nimmt sich Dylan auch Gassenhauer wie „Black Magic Woman“ (Santana) oder „My Generation“ (The Who) vor, über die er ebenfalls Erhellendes mitzuteilen weiß und gleichzeitig mit ein paar Weisheiten aufwarten kann. Etwa: „Was zählt, sind die Gefühle, die ein Song bei seinen Hörern in Hinblick auf das eigene Leben hervorruft.“ 

 

Eine zweite Erkenntnis entwindet er dem Song „Blue Moon“ gesungen vom amerikanischen „Crooner“ Dean Martin, einem unverwüstlichen Evergreen. „Sein Reiz liegt in seiner Rätselhaftigkeit“, schreibt Dylan, um dann zu urteilen: „Die Einfachheit des Textes macht es universell, aber es enthält zugleich genügend Details, die es davor bewah­ren, gewöhnlich zu sein.“ 

Am Schluß bleibt die Erkenntnis: Ein guter Song ist komplex, was nicht schwierig bedeutet, sondern emotional vielschichtig. Hinter Freude kann sich Trauer verbergen, während Trauer zu einer Quelle der Freude werden kann. Bob Dylan, der Meister, weiß wovon er spricht.

Bob Dylan: Die Philosophie des modernen Song.
(C.H. Beck; 352 Seiten, reich bebildert; Euro 35.-)

Monday, 18 April 2022

SCHEIBENGERICHT: COWBOY JUNKIES – SONGS OF THE RECOLLECTION

SCHEIBENGERICHT   1

 

COWBOY JUNKIES – SONGS OF THE RECOLLECTION (Proper Records)

 

Wertung: 3 ½ von 5


cw. Mit Mundharmonika, Akkordeon, Orgel, Pedal-Steel-Gitarre, Schlagzeug und Baß prägten die Cowboy Junkies in den später 1980er und frühen 1990er Jahren den Sound einer alternativen Folk- und Countrymusik, die heute unter der Ruprik „Americana“ firmiert. Die kanadische Band stand für einen sanft-träumerischer Gruppenklang in zumeist gemächlichen Tempi, über dem Margo Timmins‘ engelhafter Gesang schwebte. 

 

Oft besaß ihr reduzierter Folkrock eine experimentelle Dimension, die jedoch immer dem jeweiligen Stück diente und nie zum bloßen Selbstzweck verkam. So nahm die Gruppe 2020 einen Song namens „Ornette Coleman“ auf, mit dem die vier Musiker dem Erfinder des Freejazz die Ehre erwiesen und der im Mittelteil ein verwaschenes Saxofonsolo im explodierenden Coleman-Stil enthielt. Diese Aufnahme war ein Rekurs auf die formative Phase der Band, als Gitarrist Michael Timmins und Bassist Alan Anton in London in einem Ensemble für frei-improvisierte Musik spielten. So faltete sich das kreative Spektrum der Band immer weiter auf.

 

Von Anfang an schulten die Cowboy Junkies ihren Stil an Coverversionen. Auf ihrem Debutalbum von 1986 war nur eine einzige Eigenkomposition zu finden, und danach gab es kaum ein Platte, die nicht mindestens ein oder zwei Covers enthielt. Nachdem sie 2007 mit dem amerikanischen Singer-Songwriter Vic Chesnutt zusammengearbeitet hatten, nahmen sie 2011 nach Chesnutts Selbstmord ein ganzes Album mit seinen Songs auf. 

 

Mehr als 35 Jahre nach ihrem Debut und immer noch in der Urbesetzung spinnt die Band der Geschwister Timmins aus Toronto diesen Faden jetzt mit ihrem 19. Studioalbum weiter, das ausschließlich aus Neufassungen von Songs von David Bowie, Bob Dylan, The Rolling Stones, Neil Young, Gram Parsons, Gordon Lightfoot und The Cure besteht. 

 

Für diese Art von „Recollection“ (=Erinnerung) haben die Cowboy Junkies einfach neun ihrer "favourite songs" ausgewählt, von denen vier bereits veröffentlicht waren. Am überzeugenstens gerät wiederum ein Lied von Vic Chesnutt. Im Original folgt bei „Marathon“ auf Chesnutts Gesang eine längere Passage anschwellender flirrender Geigentöne, ein experimenteller Hakenschlag, den die Cowboy Junkies in ein Crescendo ratternder Gitarrensplitterklänge übersetzen. Durch den zweistimmigen, gehauchten Gesang erhält das Lied eine eindringliche Atmosphäre, ein Düstersong, dessen Grad an Intensität sich ohne Frage mit dem Original messen kann, wobei die Cowboy Junkies im Refrain die Melodie noch markanter akzentuieren, was der Einspielung eine noch singhaftere Qualität verleiht – berührend!

 

Hörproben:

 

Vic Chesnutt – Marathon 




 


Cowboy Junkies – Marathon vom Album "Songs of the Recollection" (youtube)




 

 

Wednesday, 11 August 2021

Die Mundharmonika@200

Domäne des Blues

 
Die Mundharmonika wird 200 Jahre alt – einst war sie das populärste Musikinstrument der Welt  

Bob Dylan

cw. Bob Dylan, die Beatles und Rolling Stones, Stevie Wonder, Bruce Springsteen und Neil Young hießen die Popgrößen, mit denen die Mundharmonika in den 1960er und 1970er Jahre noch einmal im Rampenlicht stand – ein letztes Mal! Seither verlor sie kontinuierlich an Attraktivität und wurde mehr und mehr an den Rand der populären Musik gedrängt. Nur in den Reservaten des Blues und in den Domänen von Country und Folk hat sie ihren Platz behauptet. Natürlich taucht heute die Mundharmonika weiterhin ab und zu im Pop auf, etwa auf Taylor Swifts Album „Folklore“ von 2020, doch ist das kaum mehr als das punktuelle Aufklingen einer Tradition, die sonst in der populären Musik nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Denn – Hand aufs Herz: Welcher Teenager läßt sich im Zeitalter von iPhone und iPad noch von einer Harmonika begeistern?
 
Der Bedeutungsverlust ist deshalb so gravierend, weil die Mundharmonika einst das beliebteste Musikinstrument der Welt war. Als erstes Instrument aus industrieller Fertigung strahlte sie eine enorme Faszination aus. Sie war klein, also mobil, und jederzeit einsatzbereit, weil immer gestimmt. Als Inkarnation des Fortschritts verkörperte die „Mundorgel“ das utopischen Versprechen einer demokratischen Musikkultur, die niemand mehr ausschloß. 



Die Mundharmonika war ein Musterbeispiel für Teilhabe und Inklusion. Durch sie war nun jeder in der Lage, selber Musik zu machen, denn selbst Habenichtse konnten sich eine Harmonika leisten. Dabei war der „Goschenhobel“ nicht nur unter der männlichen Jugend verbreitet, auch Mädchen spielten „Mundharfe” und zwar recht häufig. Unter Sennerinnen in den Alpen war das Instrument besonders beliebt, weil es auf den einsamen Almen oft die einzige musikalische Unterhaltung bot.

 
Die Mundharmonika war zu Beginn der 1820er Jahre in Wien entstanden und wurde anfangs als Novität auf Jahrmärkten und von Hausierern verkauft. Das Verbreitungstempo war enorm. Ein paar Jahre danach war das Instrument schon in England und den USA anzutreffen, während es in Deutschland bereits als „gebräuchliches Instrument der älteren Schuljugend” galt. Die Mundharmonika war begehrter Modeartikel – der Inbegriff von „cool“.

Mit raffinierten Werbemethoden stimulierten die Hersteller den Absatz. Das Design und die Verpackung wurden jeweils den neusten Moden und Trends angepasst. Es gab ein „Wandervogel“-Modell für die Jugendbewegung um die Jahrhundertwende, eine „Turner-Harmonika“ für die aufkommende Sportbewegung. Mit Marken wie „Helvetia Harmonica“ wurde patriotische Gesinnung zur Umsatzsteigerung genutzt, während ein Hersteller mit einem Instrument in Form einer Granate um 1914 von der grassierenden Kriegsbegeisterung zu profitieren versuchte. 

Harmonika-Schachtel (Sammlung: Harmonikamuseum Trossingen)

Die Verkaufsstrategie ging auf. Auf dem Höhepunkt des Harmonikabooms vor ca. hundert Jahren exportierte allein die Firma Hohner aus Trossingen Instrumente in über einhundert Länder. Die Umsatz explodierte geradezu. Hatte Hohner im Jahr 1877 neunzigtausend Harmonikas hergestellt, so betrug der Verkauf zehn Jahr später schon eine Million, um zur Jahrhundertwende jährlich auf vier Millionen anzuwachsen. Und damit war noch lange nicht das Ende des Wachstums erreicht. Ungläubig betrachteten selbst die Fabrikanten die Unersättlichkeit des Marktes. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung verließen jährlich ungefähr 50 Millionen Stück die Fabrikhallen der Firmen Hohner, Koch , Weiss, Hotz, Böhm oder Rauner in Trossingen und Klingenthal (Sachsen), und viele landeten in Amerika: Schiffsladungsweise ging die „Mouth Organ“ in die Vereinigten Staaten.

Werbeplakat (Sammlung: Harmonikamuseum Trossingen)
 
In den USA forderten Filmstars wie Buster Keaton von Plakatwänden herab zum Kauf einer Harmonika auf. Vorspielwettbewerbe und Meisterschaften sorgten für Aufmerksamkeit, und „Mundharmonika-Weltmeister“ gaben Vorführungen. Besonders erfolgreich arbeiteten die „Instrukteure”, die für die großen Harmonikahersteller unterwegs waren. Ihr Auftrag: überall Mundharmonika-Orchester zu gründen. Systematisch wurden Schulen und Vereine abgeklappert – und viele bissen an. Ende der 1920er Jahre waren in den USA mehr als viertausend Jugendorchester registriert. Larry Adler (1914 – 2001), einstiger Harmonikastar, hat in einem Mundharmonikaorchester seine Karriere begonnen. Zum 200. Geburtstag des Instruments hat die Bundespost eine Briefmarke mit seinem Konterfei zu Ehren der Mundharmonika herausgegeben.
Die Harmonika schlug vor allem Wurzeln im Blues, weil ihre Heultöne bestens zum Gesang aus dem Mississippi-Delta passten. „Du kannst alles machen mit einer Harmonika: Einen dünnen Flötenton oder Akkorde oder eine rhythmische Melodie,“ schrieb John Steinbeck in seinem Roman „Früchte des Zorns“. „Du kannst die Musik formen mit deinen gewölbten Händen, kannst sie heulen und weinen lassen.“ „Blues Harp“-Spieler wie Sonny Boy Williamson gingen noch weiter und ahmten einen fahrenden Zug nach oder das Hundegebell bei Fuchsjagden. Akrobatische Show-Einlagen sorgten für staunende Gesichter, wenn er das Instrument zwischen die Lippen klemmte und freihändig spielte, wobei die Finger den Rhythmus schnippten. Oder Sonny Boy Williamson blies auf der Harmonika, indem er sie wie eine Zigarre in den Mund steckte. Als Höhepunkt seines „Acts“ ließ er die Tröte sogar ganz im Mund verschwinden, ohne mit dem Spielen aufzuhören, was seinem Gesicht ein exzentrisches Aussehen gab.

Sonny Boy Williamson
 
Die Phase als Show-Instrument hat die Mundharmonika längst hinter sich gelassen. Heute sind Mundharmonikaspieler darauf aus, als seriöse Instrumentalisten zu gelten. Während der Jazzmusiker Toots Thielemans den Grundstein legte, haben Virtuosen wie Howard Levy maßgeblich zur Imageverbesserung beigetragen. Einer der gefragtesten Harmonikaspieler im internationalen Jazz ist im Moment der Genfer Grégoire Maret, der seit Jahren in New York lebt. Die Referenzliste der Schwergewichte, mit denen Maret gearbeitet hat, ist so eindrucksvoll wie lang und reicht von Pat Metheny über Cassandra Wilson bis zu Herbie Hancock. 

Grégoire Maret
 
Maret, der mit 18 Jahren nach Amerika ging, um in New York Musik zu studieren, spielt seine Mundharmonika so geschmeidig wie ein Saxofon. Und da es heute nur wenige Spitzenmusiker auf dem Instrument gibt, wird der Schweizer immer herangezogen, wenn bei einer Studiosession Harmonikaklänge benötigt werden.
 
Auf seiner aktuellen Einspielung – mit einer Grammy-Nominierung dekoriert – umkreist er die vielfältigen „Roots Music“-Stile, die in den USA unter dem Stichwort „Americana“ (so auch der Titel seines Albums) firmieren. Maret entwirft eine imaginäre Folkmusik, die Country, Blues und Gospel zu einer pastoralen Kleinstadt-Klangidylle verdichtet. Während Bill Frisell mit wolkigen Gitarrentönen die Weite des amerikanischen Hinterlands beschreibt oder mit der Slidegitarre und dem Banjo den Klang des alten Südens beschwört, zeichnet Marets Mundharmonika melodische Linien in den grenzenlos erscheinenden Himmel. Man meint Tom Sawyer in der Ferne zu erblicken, wie er durch die Uferlandschaft des Mississippi schlendert und dabei verträumt auf einer Mundharmonika bläst. Selbstverständlich hatte die Firma Hohner in den 1930er Jahren auch ein „Tom Sawyer“-Modell im Angebot.
 
Info:
Eine weltweit einmalige Sammlung von Mundharmonikas und Akkordeons sind im Deutschen Harmonikamuseum Trossingen zu besichtigen, nebst kulturhistorischen Erläuterungen sowie den Geschichten einzelner Harmonikahersteller. Das Museum ist auf dem ehemaligen Areal der Harmonikafirma Hohner untergebracht: www.harmonika-museum.de

Buch: 
Christoph Wagner: Die Mundharmonika - ein musikalischer Globetrotter. Transit:Verlag; Berlin 1996. 214 Seiten, zahlreiche Abbildungen.


 
 
 
 

 

Wednesday, 19 May 2021

BOB DYLAN@80

König im Pop-Olymp

 

Am 24. Mai feiert Bob Dylan seinen 80. Geburtstag – der amerikanische Barde mit der rauchigen Stimme ist einer der weltweit einflußreichsten Musiker der letzten Jahrzehnte

 


 

cw. Seine Songs zählen längst zum Allgemeingut und sind ins kollektiven Gedächtnis der Menschheit eingesickert. Bob Dylan hat im Laufe seiner 60jährigen Karriere eine beachtliche Liste von Liedern geschrieben, die zu Gassenhauern und Evergreens wurden und denen die Folk- und Popmusik entscheidende Impulse verdankt. „Blowin‘ in the Wind“ ist wohl sein bekanntester Song. Aber auch andere Lieder haben es in sich: „The Times They are A-Changin‘“ wurde zur Hymne des Jugendrebellion der 1960er Jahre, „A Hard Rain‘s A-Gonna Fall“ zum Protesthit gegen die Atombombe und „Masters of War“ zum ultimativen Anti-Kriegslied, was Bob Dylan zum bedeutensten Liedermacher der Gegenwart macht. 2016 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, eine Würdigung, die ihm einen Platz im Pop-Olymp sicherte, gleich neben Elvis, den Beatles und den Rolling Stones. Am 24. Mai wird Bob Dylan 80 Jahre alt.

 

Dylan wuchs als Robert "Bobby" Zimmermann in Hibbing, Minnesota auf. Seine Großeltern waren jüdische Einwanderer aus Rußland und Litauen, die auf der Flucht vor Pogromen Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA emigriert waren. Sein Vater betrieb einen kleinen Elektro-Laden. Die Stadt hatte wenig zu bieten. Inspiriert von den Songs von Hank Williams und Gene Vincent im Radio, brachte sich der Teenager selbst das Piano- und Gitarrenspiel bei. Während seines Studiums in Minneapolis trat er mit Rock ‘n‘ Roll-Bands in Studentenclubs auf und nannte sich fortan Bob Dylan aus Bewunderung für den walisischen Dichter Dylan Thomas und auch um dem grassierenden Antisemitismus zu entgehen.


 

Anfang der 1960er Jahre wagte er den Sprung nach New York, wo in Greenwich Village in Manhattan eine lebendige Folkszene blühte. Es war eine eng geknüpfte Gemeinschaft von Bohemiens, die mehr oder weniger in den Tag hineinlebten. Politisch links gepolt, engagierten sich viele in der Bürgerrechtsbewegung – Protest war an der Tagesordnung. 
 

Das Interesse des jungen Folkmusikers entwickelte sich in zwei Richtungen. Zum einen hörte er Aufnahmen der alten, vergessenen Folk- und Bluessänger aus den 1920er Jahren und ahmte sie nach. Sein Debut-Album von 1962 ist voll von alten Balladen und Moritaten. Solche Folksongs dienten ihm als Inspiration und Vorbild für eigene Lieder. Bald schrieb er Songs, die über das Alltägliche oder konkrete Zeitereignisse hinausgingen, häufig die Grenze zwischen Realem und Fiktivem verwischten und gleichzeitig traditionell und zeitgemäß waren, dazu in Melodien gefaßt, die Ohrwurm-Qualitäten besaßen. 

 

Bob Dylan trat mit Schlaggitarre und Mundharmonika um den Hals in Kellerclubs wie dem „Gaslight“, „Folk City“ oder dem „Café Wah?“ auf, wo nach der Darbietung der Hut rumging. In diesen „schummrigen, unterirdischen Höhlen“ (Bob Dylan) hörte er die Rebellensongs der Clancy Brothers, die Protestlieder von Pete Seeger und die Gedichte des Beatpoeten Allen Ginsburg. Tagsüber arbeitete er an neuen Songs, wenn er nicht sein Idol, den Politsänger Woody Guthrie, im Krankenhaus besuchte, der an einem unheilbaren Nervenleiden litt, um ihm am Krankenbett auf Wunsch seine eigenen Lieder vorzusingen.


 

Produzent John Hammond von Columbia Records erkannte sein Talent und nahm den jungen Songwriter unter Vertrag. Der Durchbruch ließ auf sich warten. Erst mit seinem zweiten Album zeigte die Erfolgskurve nach oben. Die Medien wollten ihn zum Messias der jungen rebellischen Generation machen, ein Ansinnen, das er brüsk von sich wies. Nur Protestsänger zu sein, kam ihm wie eine Falle vor. 

 
Beeindruckt vom Erfolg der Beatles, tauschte er seine akustische Klampfe gegen eine E-Gitarre ein. Als Dylan 1965 auf dem Newport Folkfestival gemeinsam mit der Paul Butterfield Bluesband auftrat, kam es zum Eklat. „Die Anlage wurde aufgedreht, und Dylan und die Band stiegen in den ersten Song ein,“ erinnert sich Joe Boyd, späterer Schallplattenproduzent, der damals am Mischpult saß. „Das Publikum wusste nicht, wie ihm geschah: Viele hatte sicher noch nie eine derart laute Band gehört. Am Ende wurde heftig gejubelt, aber auch ziemlich gebuht.“
 
Diejenigen die da ihr Mißfallen bekundeten, waren puristische Folkfans, die Dylan nun als „Verräter“ brandmarkten. Sie kreideten ihm an, die Folkmusik ans Popgeschäft verkauft zu haben. Als er im nächsten Jahr im Zuge einer Europatournee mit der elektrischen Begleitband The Hawks in der Free Trade Hall im englischen Manchester auftrat, schallte ihm der Vorwurf „Judas!“ entgegen.

 

Inzwischen Familienvater, verließ Bob Dylan Manhattan und zog aufs Land nach Woodstock im Bundesstaat New York. Doch Fans, Schmarotzer und Revoluzzer spürten ihn auf und bedrängten ihn mit ihren Anliegen, während Paparazzis sein Haus belagerten, was seinen Alltag zum Alptraum werden ließ. Im Sommer 1967 verletzte er sich bei einem Motorradunfall so schwer, dass er eine monatelange Zwangspause einlegte. „In Wahrheit wollte ich der Tretmühle den Rücken kehren“, räumte er später ein. Er nutzte die Auszeit und verbrachte Monate mit den Hawks in ihrem Haus „Big Pink“ in der Nachbargemeinde West Saugerties, um im Keller an neuen Songs zu basteln, die gleich auf Tonband aufgenommen wurden. So entstanden die „Basement Tapes“, die von der Kritik als geglückte Mischung aus unterschiedlichen Folktraditionen wie Rock ‘n‘ Roll, Blues, Gospel, Country, Folk und Cajun gepriesen wurden. 

 
Dylans Leben war nicht ohne Krisen: Familiäre Querelen, Ehescheidungen, Schaffenskrisen, Alkoholprobleme markierten Tiefpunkte im Privatleben des Popstars, dem dennoch ab 1988 mit der Allstar-Band The Traveling Wilburys ein abermaliger Höhenflug gelang. In dieser Gruppe spielte er mit Beatle George Harrison, Tom Petty und Jeff Lynne (Electric Light Orchestra) sowie seinem alten Idol Roy Orbison zusammen. 
 

In den Jahren vor der Pandemie war Bob Dylan weltweit ziemlich rastlos unterwegs. Die Auftritte, die er mit einer verjüngten Band aus äußerst routinierten Profis bestritt, konnten recht unterschiedlich ausfallen. War Dylan gut gelaunt avancierten sie zu Glanznummern, war seine Stimmung mau, wurden die Konzerte lustlos und uninspiriert abgespult. Ohne jemals groß aufzublicken oder auch nur ein paar Worte an seine Fans zu richten, verschwand er so schnell wie möglich wieder von der Bühne. Dagegen waren seine Plattenveröffentlichungen durchgehend von solider bis exzellenter Qualität, gediegene Alterswerke, denen die Eitelkeit der Jugend völlig abging.

 



Nachdem der Troubadour 2016 sein persönliches Archiv für etliche Millionen der Universität von Tulsa überlassen hatte, gelang ihm vor einem halben Jahr noch ein spektakulärerer Coup, als er seine gesamten Verlagsrechte an allen seinen Songs an die Universal Music Group veräußerte. Geschätzter Kaufpreis: ca. 300 Millionen Dollar. Das sollte eigentlich für einen einigermaßen erträglichen Lebensabend reichen.

 

Doch Dylan ist selbst im hohen Alter noch aktiv. Seine aktuelle Veröffentlichung „Rough and Rowdy Ways“ – das 39. Studioalbum in 60 Jahren – läßt kein Nachlassen der Kräfte erkennen. Darüber hinaus betätigt er sich seit 2006 auch als Radio-Discjockey in seiner „Theme Time Radio Hour“ und ist seit neustem auch unter die Whiskey-Fabrikanten gegangen – Marke: Heaven’s Door. „Mr. Tambourine Man“ sprüht weiterhin vor Kreativität.

 

Der Text erschien zuerst im SCHWARZWÄLDER BOTE, große Tageszeitung in Südwestdeutschland.