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Tuesday, 26 August 2025

DAVID BOWIEs Hungerjahre

David Bowie – bevor der Erfolg kam

Auf der Seite im längst verblichenen Melody Maker, wo immer die anstehenden Konzerte aufgelistet waren, findet man die Namen all der legendären Clubs, die Popgeschichte geschrieben haben: Der Marquee, der Club100, das Mother's in Birmingham usw. 

In der Ausgabe vom 24. Februar 1970 bin ich auf einen bemerkenswerten Gig gestoßen, der im Hounslow Art Lab, das von Dave Cousins von The Stawbs betrieben wurde, einen Auftritt von David Bowie & His New Electric Band ankündigt. Die Konzerte des Hounslow Art Lab wurde wohl in einem Nebenzimmer des Pubs White Bear in der Kingsley Road in Hounslow, West-London, abgehalten. Den Pub existiert bis heute.

David Bowie hat ja, bevor er mit Ziggy Stardust zum Star wurde, Jahre auf der Schattenseite der Popszene zugebracht, als niemand etwas von ihm wissen wollte. Was bei diesem Auftritt auffällt, ist die zweite Gruppe des Abends: Seasoning with Maggie Nichols, bei der es sich wohl um die spätere Freejazz-Vokalistin Maggie Nicols handelt. Eine Band, die keinerlei Spuren hinterlassen hat, und trotzdem ein Konzert, das ich gerne besucht hätte.



 

Sunday, 2 April 2023

Ryuichi Sakamoto (1952-2023)

Musik wie ein Schaumbad

Zum Tod des Synthipop-Pioniers, Filmkomponisten und Ambient-Pianisten Ryuichi Sakamoto

 






Im Dezember vorigen Jahres machte eine Hiobsbotschaft die Runde: Ryuichi Sakamoto kündigte sein letztes Konzert an, da er ein zweites Mal an Krebs erkrankt sei. Wie er seinen Fans mitteilte, könne er keinen 90 minütigen Auftritt mehr absolvieren, dafür sei er schon zu schwach, weshalb er jeweils immer nur ein einziges Stück aufgezeichnet und jetzt alle Titel zu einem Online-Konzert zusammengefügt hätte. Mit dem Wunsch „Enjoy!“ endete die Nachricht. Im Januar diesen Jahres veröffentlichte Sakamoto dann noch ein neues Album mit dem Titel „12“, was sein letztes sein sollte. Am 28. März ist der Musiker 71jährig seiner Krankheit erlegen. 


Es waren vor allem Filmmusiken, die Sakamoto bekannt machten, wobei er 1983 in „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ neben David Bowie auch als Schauspieler zu sehen war. Ob in Filmen wie „Himmel über der Wüste“, „Little Buddha“ oder „Der letzte Kaiser“, für dessen Soundtrack er einen Oscar erhielt, immer gelang es Sakamoto sich atmosphärisch voll auf das jeweilige Werk einzulassen, was den Regisseur Alejandro González Iñárritu zu dem Kompliment veranlaßte: „Ich brauchte einen Komponisten, der Stille versteht. Da war Ryuichi Sakamoto erste Wahl.“ 


 

Mit Stille kannte sich Sakamoto aus. Als Solokünstler war er ein Spezialist für ruhig dahinfließende Sounds, inspiriert von Claude Debussy. Oft breitete er weite Klangflächen aus, in die man versinken konnte, und die er mit sparsam hingetupften Pianotönen garnierte, was ihn neben Brian Eno und Harold Budd zu einem führenden Vertreter der Ambient-Musik machte. Die isländische Filmkomponistin Hildur Guðnadóttir empfand seine Musik schlicht als „zeitlos“.

 

Allerdings besaß Sakamoto viele Gesichter. International gestartet war er Ende der 1970er Jahren mit dem Yellow Magic Orchestra (YMO), das zum asiatischen Äquivalent der Elektropopgruppe Kraftwerk wurde. Das YMO setzte alles ein, was digitale Geräusche von sich gab von piepsendem Kinderspielzeug bis zu den Sounds der Computerspiele. Zwischen Musik und Geräuschen machte Sakamoto keinen Unterschied. Für ihn war alles Material, aus dem man Songs formen konnte, wobei er sich mit dem YMO auch nicht fürchtete, sich in die Nähe des Banalen und Profanen zu begeben.  


 

„Cosmic Surfin‘“ hieß ein Titel des Yellow Magic Orchestras, was die ästhetische Vision der Gruppe umriß und auf eine Synthese zwischen Weltraumklängen und Surf-Beat hinauslief. Als „Synthipop“ wurde der Stil etikettiert, der in Japan wahre Begeisterungsstürme auslöste. Aus dem Yellow Magic Orchestra, das als Studioprojekt begonnen hatte, wurde mit der Zeit eine äußerst populäre „Live“-Band und Sakamoto zu einem gefragten Kooperationspartner der internationalen Popelite, bewundert u.a. von David Sylvian, David Byrne und Flying Lotus.

 

Ein starkes Interesse an elektronischem Instrumentarium hatte der 18jährige bereits während seines Studiums an der Kunsthochschule von Tokio entwickelt. Fasziniert von den Möglichkeiten synthetischer Sounds experimentierte Sakamoto ab 1970 mit frühen Synthesizer-Modellen, eine Leidenschaft für technologische Neuerungen, die sein ganzes Leben lang anhielt.

 

Mit dem Alter wurde Sakamoto immer leiser. Sein aktuelles Album, das 23ste, enthält ein Dutzend Kompositionen – eine versunkener als die andere. Die Stücke tragen jeweils das Entstehungsdatum als Titel, das letzte „20220404“ war fast genau vor einem Jahr entstanden. Manchmal bildet nur ein Meeresrauschen den Background für die fast schwerelosen Klaviermelodien, die Sakamoto so spärlich setzt, als käme es auf jede Note an. Und genau darum ging es ihm, um die Wertschätzung eines jeden einzelnen Tons.


Ryuichi Sakamoto: 20220304 vom Album "12" (youtube)

 



 

 

 

Tuesday, 5 July 2022

Nachruf auf Klaus Schulze (1947 - 2022)

Magier kosmischer Klänge

Im April hat der elektronische Musikpionier, Komponist und „kosmische Kurier“ Klaus Schulze im Alter von 74 Jahren den Planeten Erde verlassen. Jetzt erscheint posthum noch ein neues Album, sein letztes


cw. Für manche gilt er als Urvater von Techno, andere sehen in ihm den Erfinder der Ambient-bzw. der New-Age-Musik. Fest steht: Klaus Schulze (1947 geboren) war einer der Pioniere der elektronischen Musik. In seiner langen Karriere, die Ende der 1960er Jahre in Berlin begann und sich über mehr als ein halbes Jahrhundert spannte, hat er viele der Musikströmungen maßgeblich beeinflußt, die heute die Popmusik bestimmen. 

Alles fing Ende der 1960er Jahre in Berlin an. Im Stadtteil Wilmersdorf hatte die Jugendmusikschule ein kleines „Beat-Studio“ eingerichtet, das vom Schweizer Experimentalkomponisten Thomas Kessler geleitet wurde. Hier gingen Klaus Schulze und seine Bandkollegen von der Gruppe Tangerine Dream ein und aus. “Wir waren im Rock verwachsen, wollten aber darüber hinaus,“ erinnerte sich Schulze. „Wir wollten keine Bands aus England und den USA mehr nachahmen, sondern unsere eigene Musik finden.“

Schulzes musikalische Interessen waren breit gestreut. In der Berliner Szene kannte man ihn anfangs als Schlagzeuger mit einer äußerst agile Baßdrum. Doch angeregt von den Experimenten im Wilmersdorfer „Beat Studio“ begann er nun auch bei sich zuhause, mit Tonbandgeräten herumzuwerkeln. “Ich habe Tonbänder vor- und rückwärts laufen lassen, geschnitten und wieder zusammengeklebt. Diese Bänder habe ich bei Konzerten mit Tangerine Dream laufen lassen. Das kam bei meinen Bandkollegen nicht so gut an. Deshalb habe ich die Band verlassen.” 

Schulze fand schnell neue Mitstreiter. Mit anderen Musikern aus dem „Beat-Studio“ gründete er 1970 Ash Ra Tempel. Es lief vielversprechend an. Die Musik hob in weite Klangsphären ab. Doch die Zusammenarbeit währte nicht lange. “Ich wollte noch mehr Elektronik machen, aber die anderen zogen nicht mit,” gab er später zu Protokoll. Genervt warf er das Handtuch und trat von nun an nur noch als Solokünstler auf.

Mit anfangs äußerst primitivem Equipment gelangen ihm erstaunliche Klanglandschaften. Seine Debut-Album “Irrlicht” von 1972 war ein Werk von funkelnder Fantasie. Schulze ersetzte Töne durch Klänge. Rhythmen kamen anfangs nicht vor. Ein untergründiges Dröhnen bildet die Hintergrundfarbe. Darüber legen er schillernde Sounds, die in wellenartigen Bewegungen auf- und abbrandeten. „Ambient Music” sagte man ein paar Jahre später dazu. 

Bald kaufte sich Klaus Schulze seinen ersten Synthesizer, direkt beim Hersteller in London, „weil es dort viel billiger war.” Daheim ging dann die Puzzlearbeit los: Da es keine Betriebsanleitung für das Elektronikinstrument gab, mußte jeder Sound eigenhändig erkundet werden. „Was da manchmal bei Konzerten rauskam, hat mich noch mehr überrascht als die Zuhörer,” so Schulze.

Der Elektronik-Nerd stockte auf. Jeden neuen Synthesizer gliederte er sofort in sein Instrumentarium ein, das immer mehr zu einem Instrumentenpark anwuchs. Auf der Bühne sah es bald so aus, als ob er in einem Raumschiff agieren würde, soviele Keyboards und Gerätschaften türmten sich auf. Das passte, waren es doch wirklich kosmische Klänge, die Schulze seinen Maschinen entlockte. 

Ab Mitte der 1980er Jahre kamen Computer, später Laptops dazu und viele andere digitale Klangmaschinen wie der Sampler. Mit dem Sequenzer kehrte der Rhythmus ins Schulzes Musik zurück, was seine Stücke zugänglicher machte. Technologisch war Klaus Schulze immer ganz vorne mit dabei.

Der Wechsel zum britischen Virgin-Label brachte den weltweiten Durchbruch. Nun trat er in großen Konzertsälen in Amerika, Japan und Europa auf und produzierte ein Album nach dem anderen – insgesamt über 50 – mit anhaltendem Erfolg. David Bowie und Brian Eno outeten sich als Fans. Regisseure und -regisseurinnen wie Michael Mann und Sofia Coppola verwendeten seine Titel für die Soundtracks ihrer Filme. Bald war Schulze international weit bekannter als in Germany, wo er nie die Anerkennung fand, die ihm eigentlich gebürte.


Vor zehn Jahren zog sich Klaus Schulze, der von Berlin aufs Land in die Lüneburger Heide gezogen war, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Konzertbetrieb zurück. Eine Muskelschwäche in den Beinen und Probleme mit der Bauchspeicheldrüse machten ihm zu schaffen. Dennoch bastelte er weiter unermüdlich in seinem Heimstudio an neue Sounds. 

 

Dabei ist 2021 ein Album mit dem Titel „Deus Arrakis“ entstanden, zu dem Schulze vom renommierten Filmkomponisten Hans Zimmer angeregt worden war, der ihn zuvor für die Arbeit am Soundtrack für den Film „Dune“ von Denis Villeneuve ins Boot geholt hatte. „Deus Arrakis“ ist ein Album voll typischer Schulze-Musik mit weiten elektronischen Klangfelder und pulsierenden Sounds, die auf- und abebben und bei denen man meint, durch sämtliche Galaxien des Universums zu segeln. Schulze entfaltete hier zum letzten Mal mit Hilfe des Cellisten Wolfgang Tiepold die ganze Magie seiner kosmischen Klänge.

 

„Deus Arrakis“ sollte sein letztes Album werden. Es ist posthum erschienen. Am 26. April 2022 ist Klaus Schulze 74jährig überraschend verstorben. 

 

Klaus Schulze – Deus Arrakis (SPV Recordings) 

Monday, 18 April 2022

SCHEIBENGERICHT: COWBOY JUNKIES – SONGS OF THE RECOLLECTION

SCHEIBENGERICHT   1

 

COWBOY JUNKIES – SONGS OF THE RECOLLECTION (Proper Records)

 

Wertung: 3 ½ von 5


cw. Mit Mundharmonika, Akkordeon, Orgel, Pedal-Steel-Gitarre, Schlagzeug und Baß prägten die Cowboy Junkies in den später 1980er und frühen 1990er Jahren den Sound einer alternativen Folk- und Countrymusik, die heute unter der Ruprik „Americana“ firmiert. Die kanadische Band stand für einen sanft-träumerischer Gruppenklang in zumeist gemächlichen Tempi, über dem Margo Timmins‘ engelhafter Gesang schwebte. 

 

Oft besaß ihr reduzierter Folkrock eine experimentelle Dimension, die jedoch immer dem jeweiligen Stück diente und nie zum bloßen Selbstzweck verkam. So nahm die Gruppe 2020 einen Song namens „Ornette Coleman“ auf, mit dem die vier Musiker dem Erfinder des Freejazz die Ehre erwiesen und der im Mittelteil ein verwaschenes Saxofonsolo im explodierenden Coleman-Stil enthielt. Diese Aufnahme war ein Rekurs auf die formative Phase der Band, als Gitarrist Michael Timmins und Bassist Alan Anton in London in einem Ensemble für frei-improvisierte Musik spielten. So faltete sich das kreative Spektrum der Band immer weiter auf.

 

Von Anfang an schulten die Cowboy Junkies ihren Stil an Coverversionen. Auf ihrem Debutalbum von 1986 war nur eine einzige Eigenkomposition zu finden, und danach gab es kaum ein Platte, die nicht mindestens ein oder zwei Covers enthielt. Nachdem sie 2007 mit dem amerikanischen Singer-Songwriter Vic Chesnutt zusammengearbeitet hatten, nahmen sie 2011 nach Chesnutts Selbstmord ein ganzes Album mit seinen Songs auf. 

 

Mehr als 35 Jahre nach ihrem Debut und immer noch in der Urbesetzung spinnt die Band der Geschwister Timmins aus Toronto diesen Faden jetzt mit ihrem 19. Studioalbum weiter, das ausschließlich aus Neufassungen von Songs von David Bowie, Bob Dylan, The Rolling Stones, Neil Young, Gram Parsons, Gordon Lightfoot und The Cure besteht. 

 

Für diese Art von „Recollection“ (=Erinnerung) haben die Cowboy Junkies einfach neun ihrer "favourite songs" ausgewählt, von denen vier bereits veröffentlicht waren. Am überzeugenstens gerät wiederum ein Lied von Vic Chesnutt. Im Original folgt bei „Marathon“ auf Chesnutts Gesang eine längere Passage anschwellender flirrender Geigentöne, ein experimenteller Hakenschlag, den die Cowboy Junkies in ein Crescendo ratternder Gitarrensplitterklänge übersetzen. Durch den zweistimmigen, gehauchten Gesang erhält das Lied eine eindringliche Atmosphäre, ein Düstersong, dessen Grad an Intensität sich ohne Frage mit dem Original messen kann, wobei die Cowboy Junkies im Refrain die Melodie noch markanter akzentuieren, was der Einspielung eine noch singhaftere Qualität verleiht – berührend!

 

Hörproben:

 

Vic Chesnutt – Marathon 




 


Cowboy Junkies – Marathon vom Album "Songs of the Recollection" (youtube)




 

 

Tuesday, 2 July 2013

GLAM - eine Ausstellung in Frankfurt/M beleuchtet das Pop-Phänomen der 70er Jahre


Spiel mit der Uneigentlichkeit

Eine Ausstellung in Frankfurt/M widmet sich dem Phänomen “Glam”, das falsche Wimpern und Plateau-Schuhe in die Popmusik einführte

                                                                                                             The Sweet

cw. “Glam” kommt von “Glamour” und bezeichnet eine Strömung im Pop, die Anfang der siebziger Jahre “Love & Peace” durch Glanz und Glitzer ablöste. Wo einst die Blumenkinder auf Wahrheit und Authentizität aus waren, setzte der neue Trend auf Travestie, Maskerade und das Spiel mit der Uneigentlichkeit. Die glitzernde Fassade wurde zum Markenzeichen erklärt.

Obwohl sich “Glam” nicht als Protest gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse verstand, waren doch Spuren von Subversion in dem neuen Stil enthalten, wenn auch auf weniger offensichtliche Weise. Die glitzernde Warenwelt wurde so emphatisch verherrlicht und überhöht, dass sie sich ins Absurde verkehrte und zur Parodie verkam. “Glam” war ein exzentrischer Aufschrei gegen die Normalität des Alltags, ein frivoles Versteckspiel mit den traditionellen Geschlechterrollen. Mit “Glam” betrat die Exaltiertheit des Christopher-Street-Day die Arena der Rockmusik.
                                                                                                                                          David Bowie
Der Trend war ungefähr gleichzeitig auf beiden Seiten des Atlantiks entstanden. In England zählten Marc Bolan und T. Rex, David Bowie, Elton John und Roxy Music zu den Impulsgebern. Sie mischten zwischen 1971 und 1976 die Hitparaden auf und drückten der Mode ihren Stempel auf. In den USA verkörperten Iggy Pop, Lou Reed und die New York Dolls den “Glitter Rock”. Mit einer Bühnenshow, die Rock mit Travestie und billigem Horror verband, avancierte Alice Cooper zur Symbolfigur des Genres dort.

Glitzernde Sakkos, extravagante Smokings und silberne oder goldene Plateau-Stiefel bildeten die Grundausrüstung. Musiker schlüpften in Frauenkleider, hüllten sich in Federboas oder andere Fummel und trugen kräftig Make-Up auf. Exzentrische Brillen, toupierte Frisuren und gefärbte Haare befeuerten die Flucht aus der Wirklichkeit. “Glam” stand 1973 gerade hoch im Kurs, als Großbritannien in eine schwere Wirtschaftskrise sank.

“The Performance of Style” lautet der Untertitel der “Glam!”-Show, die nach einer ersten Station in der Tate-Gallery im nordenglischen Liverpool, jetzt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu sehen ist. Trivia, Artefakte, Memorabilia und Kunst hängen hier einträchtig beisammen. Mit Schallplattenhüllen, Fotografien, Tourneeplakaten, Kleidungsstücken, Popzeitschriften, Konzertprogrammen, Gemälden, Filmen, Installationen und Modeassesoirs wird eine Fülle von Material ausgebreitet, das das Phänomen in seiner bunten Vielfalt aufblättert und seine transatlantischen Wechselwirkungen und Verzweigungen nachzeichnet. So wird nicht nur die Genese in England skizziert, sondern auch die Entwicklungen in New York, Los Angeles und Detroit einbezogen.

Roxy Music
Manche Exponate kommen direkt aus den Privatsammlungen der Pop-Prominenz. Roxy Music-Sänger Bryan Ferry hat seine Schatzkammer geöffnet und nicht nur ein glitzerndes Jacket herausgerückt, das mit Hunderten von winzigen polierten Metallplättchen übersät ist, sondern auch Design-Entwürfe zur Verfügung gestellt, die Aufschluß über das stringente visuell-musikalische Konzept von Roxy Music geben. Für Fans dürfte der Zylinder von Marc Bolan eine ähnliche Faszinationskraft besitzen, den der Sänger bei seinen Auftritten mit T. Rex trug.

                                                                                                                                              
Die bildende Kunst hatte den Kurs vorgegeben, als eine Dekade zuvor Künstler der “Pop-Art” Werbung, Mode und Kommerz als Inspirationsquellen entdeckten und sich dort kräftig bedienten. Andrew Logans Installationen spielten mit Kitsch und industriellem Abfall. Richard Hamilton machte Anleihen bei Massenmedien und Werbung. Gilbert & George kreierten den “Nice Style”, während Margaret Harrison frivole Bilder mit makellosen Oberflächen schuf und David Hockney mit unterkühlter Distanz malte. Sie alle sind in der Ausstellung zu sehen. Statt dem Ausdrucksfuror der abstrakten Expressionisten bestimmten nun oft Abgeklärtheit und eine blassierte “Coolness” die Ästhetik.

                                                                                                David Hockney + Andy Warhol  
Zum großen Stichwortgeber avancierte Andy Warhol. In seiner “Factory” in New York bezog er bereits Mitte der sechziger Jahre Motive aus der Werbung, den Massenmedien und der industriellen Warenwelt in seine Multimedia-Aktionen ein, während die Rockgruppe The Velvet Underground mit Lou Reed unter seiner Regie durch neue Sounds aufhorchen ließ. Kein Wunder, dass Warhol heute als Urvater, Katalysator und Stilguru der “Glam”-Bewegung gilt. Aus England stattete ihm David Bowie 1971 in der “Factory” einen Besuch ab, wobei Bowie damals die Haare noch schulterlang trug. Auf Film ist die Begegnung festgehalten.

Als Marc Bolan 1977 bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte “Glam” den Höhepunkt bereits überschritten. Punk machte dann endgültig Schluß mit Glanz und Glitzer, gefiel sich wieder in rotzig-provokanter Auflehnungspose. Sicherheitsnadeln, Irokesenfrisur und zerfetzte T-Shirts traten an die Stelle von falschen Wimpern und Goldjackets. Der Kult des Hässlichen ließ in der Jugendkultur das Geschmackspendel erneut in die Gegenrichtung ausschlagen.

Ausstellung:
Glam! – The Performance of Style
Frankfurt/M, Kunsthalle Schirn: 14. Juni bis 22. September 2013 

Der Artikel erschien zuerst in der Neue Zürcher Zeitung (NZZ).