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Sunday, 6 October 2024

Sufi-Musik auf der Flöte Ney

Wiederbegegnung mit Kudsi Erguner

Um 1990 hatten wir beim Balinger Kulturverein in unserer Konzertreihe "Musik der Fremde" zweimal Ensembles von Kudsi Erguner zu Gast, einem Spezialisten der islamischen Sufi-Musik und Meister der Flöte Ney. Das eine Ensemble war eine achtköpfige Formation mit Kudsi Erguners Bruder, der ebenfalls Ney-Flöte spielte, und türkischen Musikern mit Oud, Kanun, Trommeln und einer Sängerin. 

Kudsi Erguner mit seinem Ensemble in der Balinger Stadthalle, 1990 (Foto: C. Wagner)




Das zweite Konzert, das ein Jahr später stattfand, bestritt Erguner mit einem Quartett bestehend aus drei seiner französischen Schülern. Beides Mal war es ein absolutes Konzert-Highlight und wurde damals vom SWR2 mitgeschnitten und übertragen. Nach wohl fast 40 Jahren habe ich jetzt Kudsi Erguner für ein Interview in Paris wiedergetroffen, wobei er mir sein aktuelles Album mitgegeben hat, das "Fragmente der Sufi-Zeremonien" enthält – wunderbare sakrale Musik aus dem Orient, wie sie bei den Tanzritualen der Sufi-Gläubigen gespielt wird, die im Westen als tanzende Derwische bekannt sind. 



 

Wednesday, 9 December 2020

Der alte Klang von Thessaloniki

Polyglotte Vielstimmigkeit

 

Die griechische Vokalistin Savina Yannatou verbindet Folklore, Jazz und gewagte Improvisationen auf vielfältige Weise


 

cw. “Die Lieder sind eine melancholische Erinnerung, die als Utopie in die Zukunft scheint”, sagt Savina Yannatou über ihr “Thessaloniki”-Programm. Mit der Gruppe Primavera en Salonico hat die Sängerin aus Athen seit Jahren Lieder des Mittelmeerraums und des Balkans gesammelt, erforscht und aufgeführt. Die Songs, die von Thessaloniki handeln, haben sie nun zu einem Programm zusammengestellt, das als eine Hommage an das multikulturelle Erbe der nordgriechischen Hafenstadt zu verstehen ist und ungeheuer bunt und vielfältig klingt. 

 

Die Songs stammen aus der Epoche vor dem 1. Weltkrieg, als Thessaloniki noch zum osmanischen Reich gehörte und Selanik hieß. Damals lebten Griechen, Türken, Roma, Bulgaren, Serben, Mazdeonier, pontische Griechen, Sephardim und Armenier einigermaßen friedlich in der Stadt, wobei jede Volksgruppe ihre eigenen Bräuche, Dialekte und Sprachen sowie ihre eigene Musik und Lieder pflegte. Laut Zensus aus dem Jahr 1913 waren die Juden mit knapp 40 % die größte religiöse Gruppe, gefolgt von Muslimen (ca. 30%) und christlich-orthodoxen  Griechen (ca. 25%). Das machte Thessaloniki zu einem kosmopolitschen Schmelztiegel, einem polyglotten Laboratorium kultureller Diversität. Manche betrachteten “Salonicco” als eine jüdische Stadt mit orientalischer Flair und kosmopolitischer Amosphäre, als “kleines Jerusalem an der Ägäis.” Damals sprühte das städtische Leben vor Aktivitäten und Geschäftigkeit, neue Ideen zirkulierten, die sich an westlichen Werten orientierten.

 

So reichhaltig das Gewirr der Stimmen, Sprachen und Dialekte, so vielfältig waren die musikalischen Stile, die sich an dieser Schnittstelle zwischen Orient und Okzident begegneten und vermischten: Sephardische Lieder, orientalische Melodien, die Gesänge der Kantoren, sowie Tanzweisen vom Balkan waren zu vernehmen. Auch erste Rembetiko-Nummern schallten durch die hügelige Altstadt oder wurden in den Café-Amans und Tavernen der Unterstadt am Hafen angestimmt. Als Ursprungsort des Rembetiko gilt die Festung Eptapyrgio auf der Akropolis Thessalonikis, einst als Gefängnis genutzt, wo dieser Stil der zwielichten Halbwelt von inhaftierten Ganoven, Haschischrauchern, Streunern und Taschendieben Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt worden sein soll. Aus diesem “Melting Pot” an Liedern und Melodien schöpfen Savina Yannatou und Primavera en Salonico ihr Programm.

 

Neue Instrumente und Klänge, wie das Akkordeon, die Klarinette und die Geige, fanden ihren Weg ins traditionelle Repertoire, auch orientalische Klangerzeuger wie die Ney-Flöte, die Laute Oud sowie die Qanun-Zither wurden benutzt. Das alles verschmolz zu einem großen musikalischen Esperanto. Savina Yannatou setzt mit dem Primavera en Salonico-Ensemble die Klänge auf überzeugende Weise ins Szene, reichern sie mit eigenen Ideen und Improvisationen an. “Es ist der Blick auf das historische Thessaloniki durch die Augen der verschiedenen Volksgruppen und beinhaltet Klagelieder, Liebeslieder und Heimweh-Lieder, die oft eine metaphorische Bedeutung besitzen. In ihnen kreuzt sich das Schicksal der Menschen mit dem Schicksal der Stadt,” erklärt die Sängerin.  

 

Eine Serie von “Katastrophen” mit Kriegen, Zwangsumsiedlungen, Deportationen, Genoziden und schließlich dem Holocaust, dem die meisten der über 60000 jüdischen Einwohner von Thessaloniki zum Opfer fielen, zerstörte das multikulturelle Gewebe der Stadt. “Es geht darum: Nicht zu vergessen!”, sagt Savina Yannatou, “nicht das kosmopolitische Erbe, nicht die polyglotte Vielfalt, nicht die Opfer von Krieg, Gewalt und Rassenwahn.” 

 

Savina Yannatou & Primavera en Salonico: Songs of Thessaloniki (ECM)


 

Friday, 20 December 2019

BaBa ZuLa: Turkish Psychedelia

Istanbuler Underground

Die türkische Rockgruppe BaBa ZuLa im Kulturzentrum Franz K in Reutlingen

                                                                                                                                               Fotos: C. Wagner

cw. Ende der 1960er Jahre war San Francisco überall. Die psychedelische Rockmusik, die 1967 in der Welthauptstadt der Hippies entstanden war, erfasste nicht nur die gesamte westliche Hemisphäre, auch hinter dem „eisernen Vorhang“ in Osteuropa sowie in Afrika, Asien und dem Orient spitzten junge Leute die Ohren. Musiker verbanden die flirrenden elektrischen Sounds von der amerikanischen Westküste mit ihren eigenen Traditionen, was interessante Stilmischungen ergab. In der Türkei griff vor 25 Jahren die Rockgruppe BaBa ZuLa aus Istanbul dieses musikalisches Erbe wieder auf und schuf einen Mix, der heute als „Turkish Psychedelia“ gilt. 
 
Um solch einen orientalischen Rock zu spielen, haben die beiden Saitenmusiker von BaBa ZuLa traditionelle Instrumente wie die Laute Oud, die Langhalslaute Saz und die winzige „Baglama“-Mandoline umgebaut und elektrifiziert, dazu noch ein Riesenarsenal an Fußpedalen angeschlossen, um mit Wah-Wah-Geräten, Echo-Effekten und anderen Verzerrern die traditionellen Melodien in kosmische Umlaufbahnen zu schicken. Die dickbauchige Baßtrommel Davul sorgt für einen knüppelharten Beat, der sich oft in ungeraden Taktzahlen bewegt. Bei anderen Stücken kommt die Handtrommel Darbuka zum Einsatz, wobei die Finger nur so auf das Trommelfell prasseln. Mit diversen Metallbecken akzentuiertein zweiter Perkussionist die komplexen Rhythmusfiguren und speist gleichzeitig mit dem Sampler vorprogrammierte Sounds ins musikalische Geschehen ein.

Der Blick auf die Bühne gleicht einer Reise in die Vergangenheit. Hier stapeln sich die heute legendären Orange-Verstärkertürme, Schwaden von Trockeneisnebel schweben durch den Raum und eine flackernde Lightshow sorgt für Atmosphäre. Die Musiker bewegen sich in fantasievollen Kostüme auf der Bühne und sehen aus wie Märchenfiguren aus „Tausendundeiner Nacht“. 

Die Musik gehorcht nicht dem 3-Minuten-Takt des Pop: Während ihres zweistündigen Auftritts spielten BaBa ZuLa gerademal ein halbes Dutzend Stücke, die sich alle durch lange kreischende Soli auf den Saiteninstrumenten zu großformatigen Epen auswuchsen. Dazwischen unternahmen die Musiker Ausflüge ins Auditorium, um das Publikum zu lebhaften Rundtänzen zu animieren. 

Nicht nur die zahlreichen türkischen Fans nahmen den orientalischen Rock von BaBa ZuLa dankbar auf, offenbart sich in ihm doch eine andere, weltoffenere Türkei, die im krassen Gegensatz zu dem derzeitig autoritären Staat steht, welcher durch sein repressives Gebaren die Jugend immer mehr abstößt.