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Tuesday, 11 February 2020

Urknall des Heavy Metal: Vor 50 Jahren erschien Black Sabbaths erste LP

„Die Presse machte uns nieder!“

Vor 50 Jahren erschien das erste Album von Black Sabbath – es war der Urknall des Heavy Metal-Rock. Jim Simpson, der erste Manager von Black Sabbath, erinnert sich

Tony Iommi mit Jim Simpson (rechts)





 













Interview von Christoph Wagner

Wie haben Sie Ozzy Osbourne und die Jungs von Black Sabbath kennengelernt?

Jim Simpson: Ich hatte als Profimusiker gearbeitet und war dann Manager verschiedener Bands aus Birmingham geworden. Mein Management hieß „Big Bear Management“. Weil es damals nicht viele Auftrittsmöglichkeiten gab, organisierte ich eine wöchentliche Bluesnacht – immer dienstags – in einem Raum im ersten Stock eines Pubs namens The Crown in Birmingham. Wir nannten die Veranstaltung „Henry’s Blueshouse“. Sie bot meinen Bands die Chance, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zu den ersten Besuchern am ersten Abend gehörten zwei Jungs, die sofort Mitglieder unseres Blues-Clubs wurden und sich als Ozzy Osbourne und Tony Iommi vorstellten. Sie kamen jeden Dienstag und sagten, sie spielten in einer Band und ob sie nicht einmal in den Pausen auftreten könnten. Ich stimmte zu. Damals nannten sich Black Sabbath noch Earth. So habe ich sie kennengelernt und so fing alles an. 

Black Sabbath Pressefoto von 1970 von Jim Simpson's Big Bear Management

Wie haben sie für Black Sabbath Auftritte gefunden?

Jim Simpson: Das war nicht leicht. Um Abhilfe zu schaffen, habe ich selber Auftritte organisiert, wo an einem Abend vier meiner Bands jeweils eine halbe Stunde spielten. Black Sabbath war mit von der Partie. Dann versuchte ich natürlich den Radius zu vergrößern und Auftritte auf dem europäischen Festland zu finden. Wir spielten im Star-Club in Hamburg und dann in einer Rundfunksendung bei Radio Bremen. Auch der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart lud die Band zu einer Fernseh-Show ein. So wurden wir langsam bekannt. Ich hatte kaum Kontakte nach Deutschland und habe versucht, Black Sabbath in kleinen Clubs unterzubringen. Sie gastierten im Club Manufaktur in Schorndorf und im Jazzclub in Esslingen. In Deutschland waren die Leute offen für diesen harten Rock, in England machte uns dagegen die Presse das Leben schwer. Kritiker machten Black Sabbath nieder. „Was für ein blöder Name! Was für eine bekloppte Musik!“ hieß es in den Zeitungen. Es war so schlimm, dass ich selbst eine monatliche Zeitschrift namens „Big Bear“ herausgab, nur um meine Bands zu promoten.

Wie kam es dann zum Durchbruch in England?

Jim Simpson: In Mittelengland – um Birmingham herum – trat Black Sabbath häufig auf. Dagegen war es schwer für eine Band aus Birmingham in London Fuß zu fassen. Sie ignorierten uns. Wir nahmen dann das erste Album in einer langen Session im Oktober 1969 an einem Tag auf. Erst als sich diese Platte als Erfolg erwies, öffneten sich langsam die Türen auch in London für Black Sabbath.

War es leicht eine Schallplattenfirma für Black Sabbath zu finden?

Jim Simpson: Im Gegenteil – sie lehnten alle ab. Ich machte die Runde mit den Demo-Bändern – vergeblich! Schließlich biß doch eine kleine Firma an: Vertigo Records. Als das Album dann endlich am 13. Februar 1970 herauskam, stellte sich der Erfolg realtiv rasch ein. Es kletterte in den Charts nach oben. Wir bekamen nun Angebote, auf großen Festivals vor Zehntausenden von Leuten auf dem europäischen Festland zu spielen. Und auch die Gagen stiegen entsprechend. Wer hätte geglaubt, dass dieses Album der Startschuß für das ganze Heavy Metal-Genre war.

Thursday, 22 February 2018

RADIO RADIO RADIO: Die erste Deutschland-Tour von Black Sabbath – im schwäbischen Hinterland!

Sonntag, 25. Februar 2018, 23:03 - 24:00
BLACK SABBATH IN DER SCHWÄBISCHEN PROVINZ
Das Deutschland-Debut von Ozzy Osbourne und Co. 1969
von Christoph Wagner

Kaum zu glauben, aber wahr: Die erster Tournee von Black Sabbath in Deutschland fand nicht in Hamburg, Berlin und München statt, sondern durch die schwäbische Provinz: Göppingen, Schorndorf, Schwäbisch Hall waren die Stationen. Wie es dazu kam, rekonstruiert eine Rundfunk-Sendung, die am Sonntag in SWR2 läuft.

Die Story im Kurzen: Im Dezember 1969 spielte eine englische Band aus Birmingham eine zweiwöchige 'Residency' in Zürich im 'Hirschenkeller' des Gasthauses Hirschen. Danach absolvierten Ozzy Osbourne und seine Kumpanen noch drei Gigs im schwäbische Hinterland. In Göppingen traten sie in der kaufmännischen Berufsschule auf, wo es für die Erfinder des Heavy Metal nicht einmal eine Bühne gab: Sie mussten auf einem Absatz im Treppenhaus spielen. Damals kannte die Gruppe niemand, sie hatte keine Platte auf dem Markt, allein durch private Kontakte kam die Minitour zustanden. 

Nach einem Kapitel seines Buchs „Träume aus dem Untergrund – als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten“ hat Christoph Wagner dieses bisher unbekannte Ereignis der südwestdeutschen Popgeschichte rekonstruiert und dabei mit etlichen Beteiligten gesprochen, wie den damaligen Manager von Black Sabbath, Jim Simpson. Außerdem kommen zu Wort: Calo Rappalo, Lothar Schiffler, Werner Schretzmeier, Ole Krauter und Büdi Siebert.

Die Sendung kann auch übers Internet gehört werden, auch noch eine Woche danach.
https://www.swr.de/swr2

SWR2 Musikpassagen
Sonntag, 25. Februar 2018, 23:03 - 24:00

Tony Iommi in der Berufsschule in Göppingen, 19. Dezember 1969 (Foto: Reinhard Walter)

Wednesday, 11 October 2017

Buchbesprechung: DAS SCHWABENLAND ROCKT – Stuttgarter Zeitung



Die Rock-Geschichte des LandesAls das Schwabenland rocken lernte


Von Thomas Morawitzky 
Nach 1968 träumte Baden-Württemberg vom Untergrund. Jazz, Folk und Rock gediehen im Ländle. Ein neues Buch portraitiert den kulturellen Umbruch - am Montag feierte es im Theaterhaus Premiere.


Der junge Winfried Kretschmann (im Bild rechts) gehörte zum Umfeld der Riedlinger Popgruppe Power Play. Foto: Joachim Schlegel

Stuttgart - Man kann wirklich von einer Generation der Glückskinder sprechen“, sagt Werner Schretzmeier. Er ist heute Leiter des Stuttgarter Theaterhauses, war damals Leiter der Manufaktur in Schorndorf. Er spricht von jener Generation, die das Jahr 1968 und den kulturellen Wandel, der ihm folgte, bewusst und gestaltend erleben durfte. Christoph Wagner, Journalist, geboren 1956 in Balingen, hat ein Buch über diese Zeit und ihre Musik geschrieben. „Träume aus dem Untergrund: Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten“, so heißt es. Erschienen ist es im Silberburg-Verlag Tübingen, vorgestellt wurde es am Montagabend im Theaterhaus.
Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann kam zu dieser Buchpräsentation, diskutierte mit Christoph Wagner, Werner Schretzmeier und dem Silberburg-Lektor Thorsten Schöll. Nicht ohne Grund: Kretschmann selbst war Teil der Szene, die im Buch beschrieben wird, wenn auch nur am Rande: „Ich war da eher ein Mitläufer“, sagt er. „Ich war sozusagen die politische Ausfransung der Musikbewegung. Bei manchen lief das Politische unter anderem, die haben Musik gemacht – bei mir war es umgekehrt. Ich bin sicherlich kein berufener Experte.“

Pink Floyd in Stuttgart bei den Filmaufnahmen 1969 zur Popmusiksendung 'P': Nach der Tortenschlacht gings durch die Autowaschstraße (Sammlung: W. Schretzmeier)


Ozzy Osbourne in Schorndorf

Christoph Wagner jedoch hat ein Buch geschrieben, das – aufwendig recherchiert und höchst informativ – nicht nur ein Bild der Musikszene im Lande, sondern auch ein Bild des Landes zeichnet. Frederic Rabold, damals schon aktiv in der baden-württembergischen Jazzszene, hat seine Band anlässlich der Präsentation dieses Buches neu formiert, spielt auf der Bühne des Theaterhauses, während Musiker und Publikum von einst auf der Leinwand vorübergleiten: Die Folkfreaks, die sich in Tübingen versammelten; die vielen kleinen Clubs, die regionalen Bands, die in ihnen auftraten; ihre britischen Vorbilder, die sich manchmal, noch auf der Schwelle zum Ruhm, in die süddeutsche Provinz verirrten. Pink Floyd , die mit Werner Schretzmeier Musikvideos drehten; Black Sabbath, die sich in den Schorndorfer Winterschnee warfen. Dass Ozzy Osbourne und seine Band dort landeten, war dem damals noch legeren Beziehungsgeflecht in der Musikszene geschuldet – und dem Zufall: „Schorndorf“, sagt Werner Schretzmeier, „lag auf dem Weg nach Birmingham.“

Wagners Buch erzählt viele Geschichten. Es erzählt von Rockgiganten aus dem Ausland, die in kleinen Hallen spielten, von den Rolling Stones, die in die Stuttgarter Messe kamen und die vor allem von Schretzmeier angegriffen wurden: Altamont war noch in guter Erinnerung, die Stones standen für Zynismus und Kommerz. In der Stuttgarter Messe kam es zum Eklat; die großen Rockkonzerte wurden fortan in Böblingen und Sindelfingen veranstaltet - bis in die 1990er Jahre hinein sollte das so bleiben.
Wagner widmet ihnen allen eigene Kapitel: Den Jazzern, die ersten Widerstand gegen die Konformität leisteten; den Clubs, die aus dem Boden schossen, in Schorndorf, Tübingen, Esslingen, Reutlingen, in vielen ländlichen Gemeinden; den Schwabenrockern Wolle Kriwanek und Schwoißfuaß; den zig Bands, die Beat und Krautrock spielten; der Reutlinger Initiative „Gig“, die ehrenamtlich Konzerte organisierte. In Tübingen rümpfte man derweil die Nase, wollte von Rockmusik nichts wissen, fand erst den Anschluss, als in der zweiten Hälfte der 1970er politisch motivierte Barden in der Universitätsstadt zusammenströmten.

Die kleinen Revolutionen auf dem Land

Eine studentische Bewegung, das war die neue Musikkultur jener Zeit nicht, erzählt Werner Schretzmeier: „Die Studenten hatten wir gefressen.“ Die Aktiven, sagt er, das waren junge Menschen, die in die Lehre gingen, ganz normale Dinge taten. Und draußen, auf dem Land, dort, wo die schwäbische Rockmusik spielte und jeder im Dorf bald wusste, was der andere am Abend zuvor getan hatte, fanden die wirklichen kleinen Revolutionen statt: „Da hatte man Zivilcourage schon nötig.“
Auch Schorndorf war ländlich: „Dort gab es viele Leute, die rechtschaffen ihrer Arbeit nachgingen, und die sich von Leuten, wie wir es waren, im höchsten Maße gestört oder auch bedroht fühlten.“ In Baden-Württemberg gab nur eine Partei den politischen Ton an: „Die haben sich immer als erste empört, und das war super!“ Heute spricht Schretzmeier in den wärmsten ­Tönen von der CDU. Die Reibung, sagt er, tat gut, war inspirierend: „Es war so einfach, dagegen zu sein. Wenn du irgendwas gemacht hast, wenn du bloß die Zunge rausgestreckt hast, dann warst du schon der König!“
Alles hat sich gewandelt. Am Montag sitzen viele, die mit dabei waren, im Theaterhaus und blicken zurück. Sie sind längst angekommen, haben die Gegenwart mitgestaltet. Die Zeiten zu vergleichen, sagt Schretzmeier, das sei vielleicht ein wenig ungerecht, jenen gegenüber, die diese Aufgabe noch vor sich hätten. Für Kretschmann indes sind die „Träume aus dem Untergrund“ noch ein Beleg für schwäbische Schaffenskraft, schwäbischen Charme: „Hier hat der große Umbruch nicht nur zu einer Konsumkultur geführt“, sagt er, „sondern auch zu einer Tätigkeitskultur.“ Die Bands aus dem Ländle, das waren für ihn die Mittelständler des Rock, des Jazz und des Folk: „Heute würde man sagen: Das waren die Start-ups der Musik.“
Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten. Silberburg-Verlag, Tübingen. Gebunden, 180 Seiten. 24,90 Euro.