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Friday, 5 September 2025

Von Abba bis Zappa – ab 17. September im Buchhandel

Frisch aus der Druckerpresse


Gestern kam es mit der Post druckfrisch aus der Presse: "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten (1964-1984)". Zwei Jahre Arbeit – ufff!
Das Buch dreht sich um die Geschichte, wie durch das Stuttgarter 'Pop-Verbot' Anfang der 70er Jahre die beiden Nachbarstädte in der Provinz zu Metropolen internationaler Rockkonzerte wurden und das für Jahrzehnte. Jede Rockstar mit Rang und Namen trat dort auf: Black Sabbath, Pink Floyd, Status Quo, Queen, Soft Machine, AC/DC, Leonard Cohen, Johnny Cash, Judas Priest, Iron Maiden, Trio, Police, Miles Davis, Depeche Mode – you name it. Sie waren alle da.
Ab Mittwoch, den 17. September, wird das Buch im regulären Buchhandel erhält sein. Im Oktober beginnen dann unsere POPtalks genannten Begleitveranstaltungen mit interessanten Gästen.

Mehr Infos:

Thursday, 22 August 2024

Doppelkonzert: Black Sabbath & Can

In den 1970er Jahren kam es in der Popmusik zu recht denkwürdigen Ereignissen – etwa: Black Sabbath und Can im gleichen Konzert am 16. Dezember 1970 in der Essener Grugahalle. 

Nach ihrer ersten kleinen Tour durch Deutschland vom 19. – 21. Dezember 1969 (Auftrittsorte: Göppingen, Schorndorf, Schwäbisch Hall), waren Black Sabbath durch den durchschlagenden Erfolg ihres Debutalbums zu einer der "progressivsten, heißesten und stärksten" Underground-Bands der internationalen Rockszene geworden und mit "Paranoid" damals gerade in allen Hitparaden vertreten, sodass ihnen der Promoter Bernd Heim zutraute, die große Essener Grugahalle zu füllen. Auch kam der Band aus Birmingham ihr Auftritt im April 1970 bei Internationalen Essener Pop- & Blues Festival am gleichen Ort zugute, der so stark gewesen sein muß, dass der Veranstalter sich davon wohl eine massive Sogwirkung versprach. 

Wie er auf Can als "support" kam, bleibt sein Geheimnis, war die Kölner Band damals doch noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt, allerdings stark im kommen. Ihre erste LP "Monster Movie" war bereits erschienen, wobei der später legendär gewordenen Titel "You Do Right" mit seinen über 20 Minuten Länge die gesamten zweite Seite der LP ausmachte. Vielleicht stand er einfach auf diesem hypnotisch-ekstatischen Rock. "Tago Mago", das zweite Album von Can, kam erst 1971 heraus.


Mehr zu Can:

Friday, 26 February 2021

DIE BIRMINGHAM CONNECTION – Wie Black Sabbath & Co. den Underground-Rock nach Südwestdeutschland brachten

DIE BIRMINGHAM CONNECTION  

Tea & Symphony 1971 in Stuttgart – "traditionsgemäß" gekleidet (Foto: Jim Simpson)


Um 1970 waren es vor allem Bands aus Birmingham, die die damals neue Underground-Rockmusik nach Südwestdeutschland brachten, Gruppen wie Black Sabbath, Locomotive, Bakerloo, Tea & Symphony, Hardin & York und Hannibal. Warum das so war und welche Rolle dabei persönliche Kontakte spielten, erzählt die Sendung 'Die Birmingham Connection' am Sonntag, den 7. März 2021 (23:03 – 24:00) in den 'Musik-Passagen' auf SWR2.

Mehr Infos:

Locomotive aus Birmingham bei Aufnahmen zur TV-Jugendsendung 'P' des SDR-Fernsehens, 1969 in Stuttgart



Tuesday, 11 February 2020

Urknall des Heavy Metal: Vor 50 Jahren erschien Black Sabbaths erste LP

„Die Presse machte uns nieder!“

Vor 50 Jahren erschien das erste Album von Black Sabbath – es war der Urknall des Heavy Metal-Rock. Jim Simpson, der erste Manager von Black Sabbath, erinnert sich

Tony Iommi mit Jim Simpson (rechts)





 













Interview von Christoph Wagner

Wie haben Sie Ozzy Osbourne und die Jungs von Black Sabbath kennengelernt?

Jim Simpson: Ich hatte als Profimusiker gearbeitet und war dann Manager verschiedener Bands aus Birmingham geworden. Mein Management hieß „Big Bear Management“. Weil es damals nicht viele Auftrittsmöglichkeiten gab, organisierte ich eine wöchentliche Bluesnacht – immer dienstags – in einem Raum im ersten Stock eines Pubs namens The Crown in Birmingham. Wir nannten die Veranstaltung „Henry’s Blueshouse“. Sie bot meinen Bands die Chance, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zu den ersten Besuchern am ersten Abend gehörten zwei Jungs, die sofort Mitglieder unseres Blues-Clubs wurden und sich als Ozzy Osbourne und Tony Iommi vorstellten. Sie kamen jeden Dienstag und sagten, sie spielten in einer Band und ob sie nicht einmal in den Pausen auftreten könnten. Ich stimmte zu. Damals nannten sich Black Sabbath noch Earth. So habe ich sie kennengelernt und so fing alles an. 

Black Sabbath Pressefoto von 1970 von Jim Simpson's Big Bear Management

Wie haben sie für Black Sabbath Auftritte gefunden?

Jim Simpson: Das war nicht leicht. Um Abhilfe zu schaffen, habe ich selber Auftritte organisiert, wo an einem Abend vier meiner Bands jeweils eine halbe Stunde spielten. Black Sabbath war mit von der Partie. Dann versuchte ich natürlich den Radius zu vergrößern und Auftritte auf dem europäischen Festland zu finden. Wir spielten im Star-Club in Hamburg und dann in einer Rundfunksendung bei Radio Bremen. Auch der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart lud die Band zu einer Fernseh-Show ein. So wurden wir langsam bekannt. Ich hatte kaum Kontakte nach Deutschland und habe versucht, Black Sabbath in kleinen Clubs unterzubringen. Sie gastierten im Club Manufaktur in Schorndorf und im Jazzclub in Esslingen. In Deutschland waren die Leute offen für diesen harten Rock, in England machte uns dagegen die Presse das Leben schwer. Kritiker machten Black Sabbath nieder. „Was für ein blöder Name! Was für eine bekloppte Musik!“ hieß es in den Zeitungen. Es war so schlimm, dass ich selbst eine monatliche Zeitschrift namens „Big Bear“ herausgab, nur um meine Bands zu promoten.

Wie kam es dann zum Durchbruch in England?

Jim Simpson: In Mittelengland – um Birmingham herum – trat Black Sabbath häufig auf. Dagegen war es schwer für eine Band aus Birmingham in London Fuß zu fassen. Sie ignorierten uns. Wir nahmen dann das erste Album in einer langen Session im Oktober 1969 an einem Tag auf. Erst als sich diese Platte als Erfolg erwies, öffneten sich langsam die Türen auch in London für Black Sabbath.

War es leicht eine Schallplattenfirma für Black Sabbath zu finden?

Jim Simpson: Im Gegenteil – sie lehnten alle ab. Ich machte die Runde mit den Demo-Bändern – vergeblich! Schließlich biß doch eine kleine Firma an: Vertigo Records. Als das Album dann endlich am 13. Februar 1970 herauskam, stellte sich der Erfolg realtiv rasch ein. Es kletterte in den Charts nach oben. Wir bekamen nun Angebote, auf großen Festivals vor Zehntausenden von Leuten auf dem europäischen Festland zu spielen. Und auch die Gagen stiegen entsprechend. Wer hätte geglaubt, dass dieses Album der Startschuß für das ganze Heavy Metal-Genre war.

Saturday, 17 March 2018

Multi-Media-Vortrag in Riedlingen am 21. März 2018 (19:30)

Musik als Protest

Multi-Media-Lesung zur 68-Rebellion im Kreisgymnasium Riedlingen

In einer Multi-Media-Lesung zeichnet Christoph Wagner die Geschichte der Popmusik im wilden Süden im Kontext der 68-Rebellion nach. Für ‘Live’-Musik sorgt Fritz Heieck (Keyboards, Baß, Electronics)

Baden-Württemberg wird vom Rest der Republik gerne belächelt: „Gut im Autobauen, aber sonst nicht viel los!“ lautet das Vorurteil. Von wegen! Bereits in den sechziger und siebziger Jahren brummte es musikalisch im Südwesten – egal ob Beat, Jazz, Rock, Folk oder Blues.
 Fritz Heieck, Monster-Musiker aus dem Südwesten
Im Zuge der Jugendrebellion von 1968 entstanden allerorten subkulturelle Clubs und Zentren, wo es Bands wie Guru Guru, Eulenspygel, Nine Days Wonder oder Kraan krachen ließen. Selbst die Heavy-Metal-Erfinder Black Sabbath absolvierten ihre erste Deutschland-Tour 1969 nicht durch die Großstädte der Republik, sondern durch die schwäbischen Provinz: Göppingen, Schorndorf und Schwäbisch Hall hießen die Stationen. Beim SWR-Fernsehen in Stuttgart erfand Werner Schretzmeier das Musik-Video mehr als zehn Jahre vor MTV, und die idealistische Popinitiative GIG in Reutlingen versuchte mit ehrenamtlichem Engagement eine Alternative zum kommerziellen Popkonzertbetrieb aufzubauen.

All diese Themen hat Christoph Wagner in seiner aktuellen Veröffentlichung „Träume aus dem Untergrund – als Beatfans, Hippies und Folkkreaks Baden-Württemberg aufmischten“ ausführlich dokumentiert. Der Balinger Musikjournalist und Musikhistoriker, der seit Jahren in England lebt, wird sein Buch in einer Multi-Media-Lesung am Mittwoch, den 21. März 2018 in Riedlingen in der Aula des Kreisgymnasiums vorstellen. Beginn ist 19:30. Veranstalter ist die Fachschaft Geschichte des Kreisgymnasiums und die Ulrich'sche Buchhandlung. Der Eintritt beträgt 5 Euro, wobei Schüler nur einen Euro bezahlen.
                                                                                       Power Play, 1968
Wagner läßt mit vielen raren Fotos und Abbildungen die Geschichte der populären Musik und ihrer Macher in Südwestdeutschland lebendig werden, wobei er auch einen Abstecher in die Riedlinger Popgeschichte unternimmt, wo lokale Gruppe wie Power Play sehr rührig waren, die auch Open-Air-Konzerte etwa mit Birth Control organisierten. 

Sein Buch im Silberburg-Verlag hat sich seit seiner Veröffentlichung im Herbst zu einem regionalen Bestseller entwickelt. In den Medien wurde es äußerst positiv besprochen. Selbst Ministerpräsident Winfried Kretschmann war anläßlich der Buchtaufe im Stuttgarter Theaterhaus voll des Lobes.
                                      Birth Control
Umrahmt wird die Multi-Media-Lesung durch ‘Live’-Musik von Fritz Heieck (Keyboards, Baß, Electronics). Der Musiker gehört seit vielen Jahren zur absoluten Creme der südwestdeutschen Musikszene. Seit den 1970er Jahren hat er in Gruppen wie der Frederic Rabold Crew und dem Jazz Inspration Orchestra bundesweite Beachtung erlangt. Heieck, der außerdem 30 Jahre im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart spielte, ist ein musikalischer Tausendsassa, der sich gleichzeitig als Mitglied der Beatles Revival Band einen Namen gemacht hat. Er ist gleich virtuos auf Kontrabass, Keyboards und Electronics.

Riedlingen, Mittwoch, den 21. März 2018 in der Aula des Kreisgymnasiums; Beginn: 19:30


Saturday, 4 November 2017

'Träume aus dem Untergrund' in KONTEXT: wochenzeitung

aus KONTEXT wochenzeitung:

Protest aus der Provinz

Von Oliver Stenzel
Von der heimlichen Rockhauptstadt Schorndorf bis zum Konstanzer Hippiemord: Der Musikjournalist Christoph Wagner spürt in einem Buch der südwestdeutschen Musikszene der 1960er und 1970er nach – als fast alles politisch und die Kommerzialisierung der Jugendkulturen noch wenig fortgeschritten war.
                                                                                                          Werner Schretzmeier (Foto: Archiv Schretzmeier)
Wilde Zeiten waren das. Winfried Kretschmann trägt zwar meist seine üblich stoische Ministerpräsidenten-Miene, als er da Anfang Oktober im Theaterhaus den Ausführungen Werner Schretzmeiers lauscht, doch gelegentlich scheint ein leichtes Lächeln über sein Gesicht zu huschen. Denn was Theaterhaus-Chef Schretzmeier, 1944 geboren und damit vier Jahre älter als Kretschmann, da an Schnurren aus den Spätsechzigern von sich gibt, ist einfach zu unterhaltsam. Etwa, wie es dazu kam, dass 1969 eine damals noch recht unbekannte britische Band namens Black Sabbath ausgerechnet in der Schorndorfer Manufaktur spielte.


Das war so: Ein Freund Schretzmeiers, der es über verschlungene Pfade kurzzeitig zum Roadie der Band aus dem britischen Birmingham gebracht hatte, wurde im Dezember 1969 von deren Tourmanager angerufen. Black Sabbath seien auf ihrer Tour in Zürich gestrandet, wollten zurück nach England, hätten dafür aber nicht genug Geld. Ob sie vielleicht einen Gig in der Schorndorfer Manufaktur spielen könnten, um sich die Heimreise zu verdienen? Und so kam es, dass kurz vor Weihnachten 1969 die Mitbegründer von Hardrock und Heavy Metal nicht nur die Manufaktur zum Vibrieren brachten, sondern auch noch mit deren Belegschaft bis morgens um fünf viel Bier tranken und "lustige Zigaretten rauchten". Ach ja, die Vorzeige-Hippies Uschi Obermaier und Rainer Langhans von der legendären Berliner Kommune 1 seien auch dabei, aber "die Konventionellsten von allen Anwesenden gewesen", gibt Schretzmeier zum Besten. Yeah, Freak City Schorndorf, damals tatsächlich eine Art Landeshauptstadt des Rock.
Die Geschichte steht, leider ohne Obermaier, Langhans und die Tabakwaren, auch in Christoph Wagners neuem Buch "Träume aus dem Untergrund", das an jenem Abend im Theaterhaus vorgestellt wird. Der Musikjournalist Wagner, 1956 in Balingen geboren, aber seit langem in Hebden Bridge in England lebend, hat vor vier Jahren schon in seinem Buch "Der Klang der Revolte" in großer Breite der Entwicklung der Underground-Musik um 1970 in ganz Deutschland nachgespürt, "Träume aus dem Untergrund" ist nun eine Art Mikrogeschichte für den Südwesten. In 14 reich bebilderten Kapiteln, die alle auch als eigenständige Geschichten funktionieren, spürt er der Musikszene Baden-Württembergs in den 1960er und 1970er Jahren nach, von Beatfans über Hippies und Folkfreaks bis hin zum Einzug des Dialekts im Schwabenrock, von kleinen Konzertinitiativen bis zu riesigen Festivals.

Kretschmann war nur Mitläufer der Musikszene

Dass der Ministerpräsident dazu ein paar einleitende Worte sagt, liegt nicht etwa daran, dass er selbst Geschichten über lustige Zigaretten beizusteuern hätte (was manche bedauern mögen), sondern weil er und Wagner sich schon Jahrzehnte kennen, beide gehörten zu den Urgrünen im Ländle. Und ein bisschen hatte auch Kretschmann mit dem musikalischen Untergrund dieser Jahre zu tun, was auch ein Foto im Buch untermauert: Er gehörte zum Umfeld der Riedlinger Beat-Band The Wishmen, aus denen später die Band Power Play hervorging. Da sei er aber nur "Mitläufer" gewesen, betont Kretschmann, eine "politische Ausfransung" der Musikszene – bei den meisten sei es ja eher andersrum gewesen.


Was politisch war und was nicht in der Musikszene jener Jahre, ist freilich nicht immer so eindeutig zu sagen, der Grad der Politisierung hing auch mit dem Grad der Reibung zusammen, die die rebellischen Jugendlichen erzeugten. Am Anfang stand jedenfalls das Bedürfnis, Musik zu hören, neue, moderne, coole Musik, die nicht wie Schlager von Nazi-Geist und Nachkriegs-Muff kontaminiert war. Das war anfangs Jazz, schon vor Rock'n'Roll als "Negermusik" beschimpft, später Beat, Blues, Folk und die vielen sich auffächernden Pop- und Rock-Stile. Weil es dafür oft weder Strukturen noch Veranstaltungsorte gab, musste man selber für welche sorgen. Weshalb seit den späten 1950ern von Jugendlichen "überall im Südwesten Vereine, Ausschüsse und Clubs gegründet" wurden, so Wagner "um der allerneuesten Musik und der damit einhergehenden Jugendkultur Räume zu verschaffen". Das waren erst Jazzkeller, später Beatschuppen und schließlich "soziokulturelle Zentren" wie die Manufaktur und Jugendhäuser.
Nicht nur die besonders öde Kulturwüste halfen dem Underground im Südwesten auf die Sprünge, auch die stockkonservative Umgebung. "Es gab praktisch nur eine Partei, und die war reaktionär", erzählt Schretzmeier, "zum Glück". Denn dadurch war man in Baden-Württemberg "gesegnet mit dieser Möglichkeit, dagegen zu sein". Kurz: "Wenn du nur die Zunge raus'gstreckt hosch, warsch König", lässt der Theaterhaus-Chef die selige Protestjugend Revue passieren.

Konstanzer Open Air, August 1970

Im miefigen Schwaben kam die Subkultur nicht gut an

Nur lustig war es freilich nicht immer, wenn sich die Vertreter des Miefs provozieren ließen. Als die Lords aus Berlin, die vielleicht bekannteste deutsche Beatband, 1966 in Riedlingen auftrat, schrieb ein Kritiker der "Schwäbischen Zeitung": "Sicher ist, dass das Erlebte dem Empfinden der schwäbischen Volksseele nicht entsprechen konnte." Das klingt nicht allzu weit entfernt vom "gesunden Volksempfinden", das die Nazis oft bemühten, war aber nichts im Vergleich zu dem, was nach dem ersten großen Rockfestival im Südwesten passierte, dem Open-Air in Konstanz im August 1970. "Aufgepeitscht durch Flugblätter der NPD, hatte sich in Konstanz eine aggressive Stimmung gegen 'Gammler' und 'Langhaarige' aufgebaut", schreibt Wagner. Die hielt auch noch nach dem Festival an, mit tragischen Folgen. Drei Wochen nach dem Festival wurde ein Jugendlicher am Blätzle-Brunnen, dem Hippie-Treff der Stadt, von einem Angetrunkenen mit einem "Hasentöter", einem Bolzenschussgerät, erschossen. Als "Konstanzer Gammlermord" oder "Hippiemord" ging die Bluttat bundesweit durch die Medien (hier ein ausführlicher Bericht der Konstanzer "Seemoz").
Politisch geworden war die Szene schon um 1967, als Hippiekultur, psychedelische Sounds und Protestsongs nach Europa schwappten und eine der kreativsten Phasen der deutschen Musikgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg anbrach. Auch und gerade im Südwesten. Deutsche Texte waren auf einmal möglich – den Anfang machten die Karlsruher Checkpoint Charlie mit ihrem provokativen Politrock, die sich 1967 gründeten, drei Jahre vor den Berlinern von Ton Steine Scherben. Außerdem entstand Krautrock, diese erste originär in Deutschland entstandene Musikrichtung nach dem Krieg, die nicht etwa primär durch deutsche Texte geprägt, sondern durch endlose psychedelische Improvisationen, hypnotische Rhythmen, offene Songstrukturen. Im Grunde eine Abkehr vom klassischen angloamerikanischen Rock'n'Roll und – vom Vietnamkrieg befeuert – auch als Abgrenzung verstanden. Aus dem Südwesten kamen dabei einige der wegweisenden Gruppen, etwa Guru Guru aus Heidelberg, Kraan aus Ulm, Gila aus Stuttgart, Nine Days' Wonder aus Mannheim oder Exmagma aus Schwäbisch Gmünd.
Eulenspygel: Politrock aus Tübingen

Antikommerziell und nach drei Jahren pleite

Auch wenn diese Bands teils ganz ohne Texte auskamen, eine bestimmte politische Haltung drückten sie auch durch die Art ihres Zusammenlebens – oft in Kommunen wie etwa Exmagma – oder Arbeitens aus. "Wir wollten gemeinsam Musik machen", zitiert Wagner den Gila-Keyboarder Fritz Scheyhing, "demokratisch, gleichberechtigt, als politisches Statement. Jeder konnte sich einbringen. Wir haben frei über einen Rhythmus improvisiert, wobei sich immer wieder Themen und Motive herauskristallisiert haben."


Als "kultureller politischer Verein zur Förderung progressiver Kunst und Musik" bezeichnete sich auch die im Dezember 1970 gegründete Reutlinger Konzertinitiative "Gig". Streng antikommerziell, mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, organisierte sie in der ersten Siebzigerhälfte Touren deutscher und britischer Bands durch die ganze Republik. Das Ziel, der zunehmenden Kommerzialisierung des Underground-Rock einen Riegel vorzuschieben, propagierte sie auch formal in rebellischer Kleinschreibung: "soll die pop musik weiterhin skrupellosen managern ueberlassen werden, oder ist es nicht besser, sich den selbst zu organisieren und den geschaeftemachern und den profitgeiern den garaus zu machen", heißt es da, und: "kommt in massen. helft, dass dieses experiment gelingt, zeigt, dass ihr emanzipiert seid und euch nicht unterdruecken lasst."
Das Experiment gelang nur für kurze Zeit. Weil Gig die Eintrittspreise so niedrig wie möglich halten wollte, waren die Finanzen ein ständiger Drahtseilakt. Als statt der üblichen drei D-Mark 1972 bei einem Konzert in Tübingen einmal fünf Mark Eintritt verlangt wurden, wurde die Initative mit den gleichen Argumenten heftig kritisiert, die sie davor gegen kommerzielle Veranstalter ins Feld geführt hatte. Endgültig das Genick brach Gig 1973 eine Tournee mit Mikis Theodorakis, dem griechischen Komponisten und Gegner der Militärjunta in seiner Heimat. Viele Exilgriechen hielten Gerüchte vom Konzertbesuch ab, der griechische Geheimdienst würde vor den Konzerthallen die Besucher fotografieren. Der daraus folgende Schuldenberg verschlang die gesamten Rücklagen des Vereins.
Es sind heute kaum noch bekannte Episoden wie diese, die Wagners reich bebildertes Buch besonders lesenswert machen. Etwas mehr Infos hätte man sich manchmal zu den Bands der Krautrockära gewünscht, die teils arg knapp und sprunghaft abgehandelt werden – hier ist Wagners gesamtdeutsche Darstellung "Der Klang der Revolte" wesentlich ausführlicher.
Wer musikhistorisch nahtlos weiter schmökern möchte, dem empfiehlt sich die opulent aufgemachte Chronik "Wie der Punk nach Stuttgart kam" (Kontext berichtete hier und hier) von Simon Steiner – der mit Wagner gemeinsam studiert und mit diesem sogar kurzzeitig in einer Punkjazzband gespielt hat. Obwohl sich die frühen Punks vehement von den Hippies abgrenzten, von deren Endlos-Diskussionen, den Endlos-Soli und dem zunehmenden Bombast des Prog-Rock, so fördern Steiners und Wagners Bücher auch einige Gemeinsamkeiten zutage. Nicht nur, am wenigsten verwunderlich, die durchs erzkonservative Klima im Südwesten besonders befeuerte Rebellion, sondern auch die Beobachtung, dass die Musikszene des Landes sehr dezentral geprägt war, die Hauptstadt Stuttgart in beiden Fällen keineswegs das Zentrum war. Und mitunter gibt es auch personelle Kontinuitäten zu entdecken: Exmagma-Gitarrist Andy Goldner, der als Vorzeige-Hippie mit blonder Mähne das Cover von Wagners Buch ziert, begegnet uns bei Steiner mit deutlich kürzerem Schopf als Bassist der "Fuckin' Guten Bürgerband" wieder. Wilde Zeiten.
Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten, Silberburg-Verlag, 180 Seiten, 24,90 Euro.



Zum Weiterlesen:
Christoph Wagner: Der Klang der Revolte. Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground, Schott, 2013, 388 Seiten, 24,50 Euro.
Henning Dedekind: Krautrock: Underground, LSD und kosmische Kuriere, Hannibal Verlag, 2008, 312 Seiten, 24,90 Euro.
Simon Steiner: Wie der Punk nach Stuttgart kam, Edition Randgruppe, 11 Hefte im Schuber plus CD mit 37 Tracks, 370 Seiten, 65 Euro. 
aus: www.kontextwochenzeitung.de

Wednesday, 11 October 2017

Buchbesprechung: DAS SCHWABENLAND ROCKT – Stuttgarter Zeitung



Die Rock-Geschichte des LandesAls das Schwabenland rocken lernte


Von Thomas Morawitzky 
Nach 1968 träumte Baden-Württemberg vom Untergrund. Jazz, Folk und Rock gediehen im Ländle. Ein neues Buch portraitiert den kulturellen Umbruch - am Montag feierte es im Theaterhaus Premiere.


Der junge Winfried Kretschmann (im Bild rechts) gehörte zum Umfeld der Riedlinger Popgruppe Power Play. Foto: Joachim Schlegel

Stuttgart - Man kann wirklich von einer Generation der Glückskinder sprechen“, sagt Werner Schretzmeier. Er ist heute Leiter des Stuttgarter Theaterhauses, war damals Leiter der Manufaktur in Schorndorf. Er spricht von jener Generation, die das Jahr 1968 und den kulturellen Wandel, der ihm folgte, bewusst und gestaltend erleben durfte. Christoph Wagner, Journalist, geboren 1956 in Balingen, hat ein Buch über diese Zeit und ihre Musik geschrieben. „Träume aus dem Untergrund: Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten“, so heißt es. Erschienen ist es im Silberburg-Verlag Tübingen, vorgestellt wurde es am Montagabend im Theaterhaus.
Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann kam zu dieser Buchpräsentation, diskutierte mit Christoph Wagner, Werner Schretzmeier und dem Silberburg-Lektor Thorsten Schöll. Nicht ohne Grund: Kretschmann selbst war Teil der Szene, die im Buch beschrieben wird, wenn auch nur am Rande: „Ich war da eher ein Mitläufer“, sagt er. „Ich war sozusagen die politische Ausfransung der Musikbewegung. Bei manchen lief das Politische unter anderem, die haben Musik gemacht – bei mir war es umgekehrt. Ich bin sicherlich kein berufener Experte.“

Pink Floyd in Stuttgart bei den Filmaufnahmen 1969 zur Popmusiksendung 'P': Nach der Tortenschlacht gings durch die Autowaschstraße (Sammlung: W. Schretzmeier)


Ozzy Osbourne in Schorndorf

Christoph Wagner jedoch hat ein Buch geschrieben, das – aufwendig recherchiert und höchst informativ – nicht nur ein Bild der Musikszene im Lande, sondern auch ein Bild des Landes zeichnet. Frederic Rabold, damals schon aktiv in der baden-württembergischen Jazzszene, hat seine Band anlässlich der Präsentation dieses Buches neu formiert, spielt auf der Bühne des Theaterhauses, während Musiker und Publikum von einst auf der Leinwand vorübergleiten: Die Folkfreaks, die sich in Tübingen versammelten; die vielen kleinen Clubs, die regionalen Bands, die in ihnen auftraten; ihre britischen Vorbilder, die sich manchmal, noch auf der Schwelle zum Ruhm, in die süddeutsche Provinz verirrten. Pink Floyd , die mit Werner Schretzmeier Musikvideos drehten; Black Sabbath, die sich in den Schorndorfer Winterschnee warfen. Dass Ozzy Osbourne und seine Band dort landeten, war dem damals noch legeren Beziehungsgeflecht in der Musikszene geschuldet – und dem Zufall: „Schorndorf“, sagt Werner Schretzmeier, „lag auf dem Weg nach Birmingham.“

Wagners Buch erzählt viele Geschichten. Es erzählt von Rockgiganten aus dem Ausland, die in kleinen Hallen spielten, von den Rolling Stones, die in die Stuttgarter Messe kamen und die vor allem von Schretzmeier angegriffen wurden: Altamont war noch in guter Erinnerung, die Stones standen für Zynismus und Kommerz. In der Stuttgarter Messe kam es zum Eklat; die großen Rockkonzerte wurden fortan in Böblingen und Sindelfingen veranstaltet - bis in die 1990er Jahre hinein sollte das so bleiben.
Wagner widmet ihnen allen eigene Kapitel: Den Jazzern, die ersten Widerstand gegen die Konformität leisteten; den Clubs, die aus dem Boden schossen, in Schorndorf, Tübingen, Esslingen, Reutlingen, in vielen ländlichen Gemeinden; den Schwabenrockern Wolle Kriwanek und Schwoißfuaß; den zig Bands, die Beat und Krautrock spielten; der Reutlinger Initiative „Gig“, die ehrenamtlich Konzerte organisierte. In Tübingen rümpfte man derweil die Nase, wollte von Rockmusik nichts wissen, fand erst den Anschluss, als in der zweiten Hälfte der 1970er politisch motivierte Barden in der Universitätsstadt zusammenströmten.

Die kleinen Revolutionen auf dem Land

Eine studentische Bewegung, das war die neue Musikkultur jener Zeit nicht, erzählt Werner Schretzmeier: „Die Studenten hatten wir gefressen.“ Die Aktiven, sagt er, das waren junge Menschen, die in die Lehre gingen, ganz normale Dinge taten. Und draußen, auf dem Land, dort, wo die schwäbische Rockmusik spielte und jeder im Dorf bald wusste, was der andere am Abend zuvor getan hatte, fanden die wirklichen kleinen Revolutionen statt: „Da hatte man Zivilcourage schon nötig.“
Auch Schorndorf war ländlich: „Dort gab es viele Leute, die rechtschaffen ihrer Arbeit nachgingen, und die sich von Leuten, wie wir es waren, im höchsten Maße gestört oder auch bedroht fühlten.“ In Baden-Württemberg gab nur eine Partei den politischen Ton an: „Die haben sich immer als erste empört, und das war super!“ Heute spricht Schretzmeier in den wärmsten ­Tönen von der CDU. Die Reibung, sagt er, tat gut, war inspirierend: „Es war so einfach, dagegen zu sein. Wenn du irgendwas gemacht hast, wenn du bloß die Zunge rausgestreckt hast, dann warst du schon der König!“
Alles hat sich gewandelt. Am Montag sitzen viele, die mit dabei waren, im Theaterhaus und blicken zurück. Sie sind längst angekommen, haben die Gegenwart mitgestaltet. Die Zeiten zu vergleichen, sagt Schretzmeier, das sei vielleicht ein wenig ungerecht, jenen gegenüber, die diese Aufgabe noch vor sich hätten. Für Kretschmann indes sind die „Träume aus dem Untergrund“ noch ein Beleg für schwäbische Schaffenskraft, schwäbischen Charme: „Hier hat der große Umbruch nicht nur zu einer Konsumkultur geführt“, sagt er, „sondern auch zu einer Tätigkeitskultur.“ Die Bands aus dem Ländle, das waren für ihn die Mittelständler des Rock, des Jazz und des Folk: „Heute würde man sagen: Das waren die Start-ups der Musik.“
Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten. Silberburg-Verlag, Tübingen. Gebunden, 180 Seiten. 24,90 Euro.

Friday, 15 November 2013

Radio Radio Radio: BLACK SABBATH in Schorndorf - 45 Jahre Club Manufaktur

SENDUNG:

SWR 2, MUSIKPASSAGEN -  SONNTAG, 8. DEZEMBER 2013, 23:03 - 24:00

Black Sabbath in Schorndorf

45 Jahre Club Manufaktur

von Christoph Wagner


Ende der 60er Jahre war die “Manufaktur” in Schorndorf vielleicht der heißeste subkulturelle Club in Deutschland: Black Sabbath, Taste mit Rory Gallagher und The Nice mit Keith Emerson traten dort auf, in Räumlichkeiten, die fast aus den Nähten platzten. Mit dem Jugendzentrum 'Hammerschlag' kam 1970 noch ein weiterer Veranstaltungsort für Rockkonzerte dazu. Das Publikum kam von weit her und verhalf Schorndorf zu dem Ruf, ein Mekka der Rockmusik zu sein. 45 Jahre später bietet die “Manufaktur” immer noch Musik vom Feinsten: The White Stripes absolvierten dort 2002 ihre ersten Auftritt in Deutschland, und 2007 war CocoRosie zu Gast. Heute begreift sich der Club allerdings nicht mehr als eine Bastion der jugendlichen Protestkultur, sondern als ein modernes Kulturzentrum, das alle Altersgruppen eingezieht. Es kommen zu Wort: Werner Schretzmeier (einer der Gründer der Manufaktur), Werner Hassler (aktueller Programmmacher der Manufaktur), Büdi Siebert (einst Musiker mit 'Puppenhaus') und Andy Goldner (einst Musiker mit 'Exmagma').  

                                                                                                                             The Nice

SWR 2, MUSIKPASSAGEN -  SONNTAG, 8. DEZEMBER 2013, 23:03 - 24:00

Monday, 23 September 2013

Lesung mit Fotos, Filmen & Musik: KLANG DER REVOLTE


Christoph Wagner: KLANG DER REVOLTE 'live'

Am Mittwoch, 9. Oktober 2013 (20 Uhr)gibts meinen Vortrag "Der Klang der Revolte - wie die Rockmusik in die südwestdeutsche Provinz kam' mit raren Bilder und Live-Musik von Fifty-Fifty (Minimal Loop Jazz mit Manfred Kniel, dr & Ekkehard Rössle, sax) in Tübingen im Club Voltaire in der Haaggasse. Veranstalter ist der Club Voltaire und das Sudhaus.

Weitere Infos: http://www.sudhaus-tuebingen.de/aktuell/13535.php

                                                                              Edgar Broughton Band, 1970

Am Donnerstag, 10. Oktober 2013 bin ich dann solo mit einer Lesung (plus Fotos, Filmen und rare Musikaufnahmen) in der Manufaktur in Schorndorf - einem für die südwestdeutsche Subkultur wichtigen Ort. Der Vortrag wird auf die frühe Geschichte des Clubs Manufaktur bzw. des Jugendzentrums Hammerschlag in Schorndorf besonders eingehen. Schorndorf war in den frühen siebziger Jahren die Rockhauptstadt in Südwestdeutschland, wo Bands wie Black Sabbath, The Nice, Taste und Jeff Beck sich die Türklinke in die Hand gaben.

Weitere Infos: http://www.club-manufaktur.de/programm/vorschau.html

Tuesday, 9 July 2013

FESTIVALPLAKAT: Bilzen / Belgien 1970

Konzertplakat des JAZZ BILZEN FESTIVAL in Belgien,  21-23. August, 1970, mit dabei u.a. Black Sabbath, The Kinks, Golden Earring,  Wild Angels und May Blitz