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Wednesday, 6 December 2017

Jahresrückblick 2017: MUSIK

Ein kleiner musikalischer Jahresrückblick 2017 (so far)

Die beiden Künstler, die mich dieses Jahr am längsten begleitet haben, waren:

Natalie Merchant: The Natalie Merchant Collection (Nonesuch)

Hier besonders, die beiden Titel, die in einem wunderbaren Youtube-Video zu sehen sind:

https://www.youtube.com/watch?v=8GosZG882QM

und Aimee Mann und ihr Album 'Mental Illness' (Superego Records)

Ich empfehle die Youtube-Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=n0Ry5EmcoNM

https://www.youtube.com/watch?v=RrWuNUkSzI4

zum Entspannen und Tagträumen:

wunderbar relaxed Gitarrenmusik mit dem Keyboard-Wizzard der New Yorker Downtown-Szene Jamie Saft (ja er spielt auch eine fantastische Slidegitarre): Bill Brovold & Jamie Saft - Serenity Knolls (Rare Noise)

https://www.youtube.com/watch?v=wxxJ7rkg-zk


An Jazzalbum haben mich beeindruckt:                              

                                                                                                                                                                       Chris Speed Trio
wegen seines Erfindungsreichtums:  Borderlands Trio - Asteroidea (Intakt)

wegen seiner melodischen Qualität: Chris Speed Trio - Platinum on Tap (Intakt)

so locker und relaxed: Tom Rainey Obligato - Float Upstream (Intakt)

„mein Freund Tony“ mit einem Jazzalbum, dass seine „Jazz Roots“ offenlegt: Tony Allen - A Tribut to Art Blakey & Thr Jazz Messengers (Blue Note)

Nachswuchsband mit Potential: Weird Beard - Orientation (Intakt)

Weltmusik: 

Afrobeat at its best: Tony Allen - The Source (Blue Note)

Frühe Musik:

Gallicantus (dir. Gabriel Crouch) - Lassus / Lacrime di San Petro (Signum)

Meine besten Live-Gigs waren:

Tinariwen in der Manufaktur in Schorndorf
                                                                                                                              Frederic Rabold Trio (Foto: Jörg Becker)
Das Frederic Rabold Trio bei der Buchtaufe der 'Träume aus dem Untergrund' im Theaterhaus in Stuttgart

https://www.youtube.com/watch?v=pGBb5mDt8uw

Embryo (2nd Generation) bei einem Konzert im Büro von Manuel Wagner & David Spaeth in Stuttgart

https://www.youtube.com/watch?v=iTcM5WiCSWM

Zeitkratzer mit ihrem 'Kraftwerk'-Programm in Huddersfield

Entdeckungen waren außerdem:

das Trio Wild Flower (Idris Rahman / Leon Brichard / Tom Skinner)
                                                                                                                                                                  Kokoroko Afrobeat Collective
das Afrobeat Collective Kokoroko

https://www.youtube.com/watch?v=zUnKDK1iklo

Exzellente Bücher, die mich beschäftigt haben:

- Stephen Petrus & Ronald D. Cohen: Folk City – New York and the American Folk Music Revival (Oxford University Press)

- Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte – eine Geschichte der Reformation (C.H. Beck)

- Stefan Bollmann: Monte Verità: 1900 – der Traum vom alternativen Leben beginnt (DVA)

Vorschau:

In SWR2 in 'Radiophon - Musikcollagen' am Donnerstag, 15. März 2018 werde ich einige Titel aus diesen Alben und noch anderes Interessantes spielen (21:03 -22:00)

Am 21. Juli 2018 findet das nächste Schlachthof-Festival in Sigmaringen statt, mit u.a. Embryo

  Embryo (2nd Generation)                                                        




Wednesday, 11 October 2017

Buchbesprechung: DAS SCHWABENLAND ROCKT – Stuttgarter Zeitung



Die Rock-Geschichte des LandesAls das Schwabenland rocken lernte


Von Thomas Morawitzky 
Nach 1968 träumte Baden-Württemberg vom Untergrund. Jazz, Folk und Rock gediehen im Ländle. Ein neues Buch portraitiert den kulturellen Umbruch - am Montag feierte es im Theaterhaus Premiere.


Der junge Winfried Kretschmann (im Bild rechts) gehörte zum Umfeld der Riedlinger Popgruppe Power Play. Foto: Joachim Schlegel

Stuttgart - Man kann wirklich von einer Generation der Glückskinder sprechen“, sagt Werner Schretzmeier. Er ist heute Leiter des Stuttgarter Theaterhauses, war damals Leiter der Manufaktur in Schorndorf. Er spricht von jener Generation, die das Jahr 1968 und den kulturellen Wandel, der ihm folgte, bewusst und gestaltend erleben durfte. Christoph Wagner, Journalist, geboren 1956 in Balingen, hat ein Buch über diese Zeit und ihre Musik geschrieben. „Träume aus dem Untergrund: Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten“, so heißt es. Erschienen ist es im Silberburg-Verlag Tübingen, vorgestellt wurde es am Montagabend im Theaterhaus.
Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann kam zu dieser Buchpräsentation, diskutierte mit Christoph Wagner, Werner Schretzmeier und dem Silberburg-Lektor Thorsten Schöll. Nicht ohne Grund: Kretschmann selbst war Teil der Szene, die im Buch beschrieben wird, wenn auch nur am Rande: „Ich war da eher ein Mitläufer“, sagt er. „Ich war sozusagen die politische Ausfransung der Musikbewegung. Bei manchen lief das Politische unter anderem, die haben Musik gemacht – bei mir war es umgekehrt. Ich bin sicherlich kein berufener Experte.“

Pink Floyd in Stuttgart bei den Filmaufnahmen 1969 zur Popmusiksendung 'P': Nach der Tortenschlacht gings durch die Autowaschstraße (Sammlung: W. Schretzmeier)


Ozzy Osbourne in Schorndorf

Christoph Wagner jedoch hat ein Buch geschrieben, das – aufwendig recherchiert und höchst informativ – nicht nur ein Bild der Musikszene im Lande, sondern auch ein Bild des Landes zeichnet. Frederic Rabold, damals schon aktiv in der baden-württembergischen Jazzszene, hat seine Band anlässlich der Präsentation dieses Buches neu formiert, spielt auf der Bühne des Theaterhauses, während Musiker und Publikum von einst auf der Leinwand vorübergleiten: Die Folkfreaks, die sich in Tübingen versammelten; die vielen kleinen Clubs, die regionalen Bands, die in ihnen auftraten; ihre britischen Vorbilder, die sich manchmal, noch auf der Schwelle zum Ruhm, in die süddeutsche Provinz verirrten. Pink Floyd , die mit Werner Schretzmeier Musikvideos drehten; Black Sabbath, die sich in den Schorndorfer Winterschnee warfen. Dass Ozzy Osbourne und seine Band dort landeten, war dem damals noch legeren Beziehungsgeflecht in der Musikszene geschuldet – und dem Zufall: „Schorndorf“, sagt Werner Schretzmeier, „lag auf dem Weg nach Birmingham.“

Wagners Buch erzählt viele Geschichten. Es erzählt von Rockgiganten aus dem Ausland, die in kleinen Hallen spielten, von den Rolling Stones, die in die Stuttgarter Messe kamen und die vor allem von Schretzmeier angegriffen wurden: Altamont war noch in guter Erinnerung, die Stones standen für Zynismus und Kommerz. In der Stuttgarter Messe kam es zum Eklat; die großen Rockkonzerte wurden fortan in Böblingen und Sindelfingen veranstaltet - bis in die 1990er Jahre hinein sollte das so bleiben.
Wagner widmet ihnen allen eigene Kapitel: Den Jazzern, die ersten Widerstand gegen die Konformität leisteten; den Clubs, die aus dem Boden schossen, in Schorndorf, Tübingen, Esslingen, Reutlingen, in vielen ländlichen Gemeinden; den Schwabenrockern Wolle Kriwanek und Schwoißfuaß; den zig Bands, die Beat und Krautrock spielten; der Reutlinger Initiative „Gig“, die ehrenamtlich Konzerte organisierte. In Tübingen rümpfte man derweil die Nase, wollte von Rockmusik nichts wissen, fand erst den Anschluss, als in der zweiten Hälfte der 1970er politisch motivierte Barden in der Universitätsstadt zusammenströmten.

Die kleinen Revolutionen auf dem Land

Eine studentische Bewegung, das war die neue Musikkultur jener Zeit nicht, erzählt Werner Schretzmeier: „Die Studenten hatten wir gefressen.“ Die Aktiven, sagt er, das waren junge Menschen, die in die Lehre gingen, ganz normale Dinge taten. Und draußen, auf dem Land, dort, wo die schwäbische Rockmusik spielte und jeder im Dorf bald wusste, was der andere am Abend zuvor getan hatte, fanden die wirklichen kleinen Revolutionen statt: „Da hatte man Zivilcourage schon nötig.“
Auch Schorndorf war ländlich: „Dort gab es viele Leute, die rechtschaffen ihrer Arbeit nachgingen, und die sich von Leuten, wie wir es waren, im höchsten Maße gestört oder auch bedroht fühlten.“ In Baden-Württemberg gab nur eine Partei den politischen Ton an: „Die haben sich immer als erste empört, und das war super!“ Heute spricht Schretzmeier in den wärmsten ­Tönen von der CDU. Die Reibung, sagt er, tat gut, war inspirierend: „Es war so einfach, dagegen zu sein. Wenn du irgendwas gemacht hast, wenn du bloß die Zunge rausgestreckt hast, dann warst du schon der König!“
Alles hat sich gewandelt. Am Montag sitzen viele, die mit dabei waren, im Theaterhaus und blicken zurück. Sie sind längst angekommen, haben die Gegenwart mitgestaltet. Die Zeiten zu vergleichen, sagt Schretzmeier, das sei vielleicht ein wenig ungerecht, jenen gegenüber, die diese Aufgabe noch vor sich hätten. Für Kretschmann indes sind die „Träume aus dem Untergrund“ noch ein Beleg für schwäbische Schaffenskraft, schwäbischen Charme: „Hier hat der große Umbruch nicht nur zu einer Konsumkultur geführt“, sagt er, „sondern auch zu einer Tätigkeitskultur.“ Die Bands aus dem Ländle, das waren für ihn die Mittelständler des Rock, des Jazz und des Folk: „Heute würde man sagen: Das waren die Start-ups der Musik.“
Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten. Silberburg-Verlag, Tübingen. Gebunden, 180 Seiten. 24,90 Euro.

Wednesday, 13 March 2013

JAZZTRENDS: Fifty-Fifty - Strategien der Reduktion


Komplexe Einfachheit

Das Stuttgarter Duo Fifty-Fifty von Manfred Kniel und Ekkehard Rössle bastelt an Strategien der Reduktion 

                                                                                                                                       Foto: Manuel Wagner                             
                          
cw. Jazzmusiker geizen normalerweise nicht mit Tönen. Der ökonomische Umgang mit den musikalischen Mitteln zählt nicht zu den Tugenden des Stils – im Gegenteil: die Improvisationen bieten den Solisten die Möglichkeit, ihre Virtuosität und Fingerfertigkeit ausgiebigst unter Beweis zu stellen. Von diesem Musizierideal weicht die Gruppe Fifty-Fifty ab. Ihr Motto lautet: “Weniger ist mehr!”

30 Jahre lang hatte der Stuttgarter Schlagzeuger Manfred Kniel moderne Jazzmusik gespielt, dabei mit so renommierten Namen wie dem Trompeter Frederic Rabold, der Vokalistin Lauren Newton und dem Vibrafonisten David Friedman gearbeitet, bis in ihm mit der Zeit eine andere Vision reifte: Ihm schwebte ein komprimierter Jazz vor, der sich aufs Wesentliche beschränkt und jede Geschwätzigkeit vermeidet. Kniel dachte über die Vorteile der Einfachheit nach und bastelte an Strategien der Reduktion. Er nennt es “Jazz der mittleren Dichte”.
                                                                                                                                                                            Foto: Manuel Wagner
Mit dem Saxofonisten Ekkehard Rössle gründete Kniel das Duo Fifty-Fifty, um das Konzept musikalisch umzusetzen. Kompositionen entstanden, die sich baukastenartig und doch völlig organisch aus raffinierten Grooves entwickeln - mit knappen Melodielinien, pfiffigen Arrangements und prägnanten Kurzimprovisationen versehen. Die instrumentale Beschränkung auf nur zwei Instrumente führt die Musik auf ihre Ur-Elemente zurück: Melodie und Rhythmus. Das schafft Tranzparenz und Raum.

Mit der Saxofon-Schlagzeug-Kombination reiht sich Fifty-Fifty in eine Tradition ein, die 1967 mit einem Paukenschlag begann, als John Coltrane mit Schlagzeuger Rashied Ali das bahnbrechende Album “Interstellar Space” aufnahm. Zur gleichen Zeit entwarfen in Europa Willem Breuker (Saxofon) und Han Bennink (Schlagzeug) ihren “New Acoustic Swing”. Seither gab es immer wieder Musiker, die sich von dieser speziellen Besetzung faszinieren ließen: Lee Konitz und Matt Wilson, John Zorn und Milford Graves, Ernst-Ludwig Petrowsky und Michael Griener. Sie alle wählten die freie Improvisation als Ausgangspunkt, im Gegensatz zu Kniel und Rössle, die eine genau abgesteckte Konzeption aus Komposition und Improvisation verfolgen.

Wenig zu spielen, kann eine Herausforderung sein. “Das Problem besteht darin, dem Erwartungsdruck der Zuhörer nicht nachzugeben und seine Virtuosität und Spieltechnik im Zaum zu halten. Man braucht nicht alles zu zeigen, was man kann,” erklärt Ekkehard Rössle. “Man muss der Angst vor der Stille widerstehen und nicht alles mit Tönen und Klängen zukleistern.”
                                                            
Wochenlang brütet Kniel über einem einzigen Rhythmus, variiert, verfeinert und komplettiert ihn, um jedem Beat einen eigenständigen Charakter zu geben. Mit Zangen und Hämmern bearbeitet er Metallbecken, bis sie seinen Klangvorstellungen entsprechen. Trommeln werden abgedämpft für den richtigen Sound.  “Von zehn Rhythmen, an denen ich feile, kommt am Ende vielleicht nur einer zum Einsatz,” beschreibt er den rigorosen Auswahlprozeß. “Die anderen werden verworfen, weil sie noch nicht meinen Ansprüchen genügen.”
  Foto: Manuel Wagner
 
Als Drummer verwandelt sich Kniel in eine Präzisionsmaschine, die polymetrische Grooves in akustische Loops verwandelt. Aus einer Zen-artigen Versunkenheit schlägt er rhythmische Pattern, die hochkomplex und einfach zugleich sind und manchmal an die Beats aktueller elektronischer Clubmusik erinnern, nur eben akustisch erzeugt. Rössles Saxofon besticht durch einen warmen Ton - er hat beim Cooljazz-Saxofonisten Hans Koller gelernt. Dazu bläst er Linien, die Geschichten zu erzählen scheinen und voller Poesie sind.

Auf ihrem neuen Album haben die beiden die australische Vokalistin Rebecca Harris vom Experimental-Ensemble Nista Nije Nista ins Boot geholt, die die verknappte Verse gekonnt intoniert. Harris gibt nicht dem Drang nach, sich als Jazzdiva profilieren zu müssen, sondern reiht sich perfekt in das Gruppenkonzept ein. Manchmal singt sie nur ein paar Töne oder rezitiert Worte in repetitiver Manier, wobei ein minimalistischer kammermusikalischer Jazz entsteht, der den Charme einer Spieluhr versprüht - auf jeden Fall verzaubert.

Neuerscheinung:
Fifty-Fifty (Manfred Kniel / Ekkehard Rössle / Rebecca Harris): Let’s Count (Klangbad/Broken Silence)