Tuesday, 6 January 2015

AUGEundOHR: Amerikanische Hillbilly-Musiker

Ländliche Hillbilly-Musiker
mit Banjo, zwei Geigen und Gitarre in Anzügen mit Weste und Kravatte, ca. 1890. Da die Musiker im Unterschied zur fünften Person in der Mitte nicht Werktagskleidung tragen, könnte man spekulieren, ob die Fotografie vielleicht in der Pause bei einem Auftritt entstanden ist ?

Monday, 29 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT, Vol. 3

JEDE RHYTHMUSMASCHINE ÜBERTRIFFT MICH!

Seit Jahren, auch durch den Einfluß andalusischer, nordafrikanischer, arabischer und türkischer Musik, hat sich Jaki Liebezeit auf ungerade Metren spezialisiert, die er "krumme Rhythmen" nennt. 5er, 7ner, 9er und 11er Takte spielt er mit dem Elektroniker Burnt Friedman in ihrem gemeinsamen "Secret Rhythms'-Projekt, das jetzt schon über 10 Jahre dauert. Liebezeit zerlegt die "krummen Rhythmen" in kleinere Untereinheiten: ein 11er Rhythmus wird dann etwa zu 4+3+4. Das macht den Rhythmus spielbarer, vor allem wenn er organisch swingen soll, auf was er abzielt. Liebezeit übt diese Beats endlos auf seine motorisch-monotone Weise, kein Wunder, dass er überall im Alltag rhythmische Analogien und metrische Zyklen sieht, auf die er mit feiner Ironie hinweist.

„Allein die Woche ist ja schon ein ungerader Rhythmus. Keiner hat Probleme damit, dass das sieben Tage sind. Wie heisst es noch? 'Die Welt wurde an sieben Tagen erschaffen. Am siebten Tag war Ruhetag.' Das heisst für mich als Rhythmiker: Ich mache sechs Schläge und der siebte ist ne Pause. Dann wiederholt sich das – Jahrtausende!“

Bei meinem Besuch im Juni 2014 in Köln kramte Liebezeit eine amerikanische Musikzeitschrift hervor mit einem Portrait über ihn. Er wird dort als "the most repetitive Drummer on the planet" beschrieben: Sein Kommentar: 

"Das ist natürlich Quatsch: jede Rhythmusmaschine übertrifft mich!” Jaki Liebezeit, 2014

Zum Nachruf:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/01/wit-rauern-um-jaki-liebezeit-1938-2017.html

Friday, 26 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT Vol. 2

Von Künstlern und Imitatoren

Foto: C. Wagner

Jaki Liebezeit hat mehrmals in seiner über 50jährigen Karriere sein Schlagzeugspiel ziemlich einschneidend umgestellt. Heute spielt er einen Stil, der völlig anders angelegt ist, als das konventionelle Schlagzeugspiel - as we know it. Das monoton-motorische Trommeln hat er bei Can entwickelt, um Anfang der 90er Jahre sein Drum-Kit umzubauen, wobei er nunmehr auf Bassdrum, Hi-Hat und Ride-Cymbal verzichtet. 
Seinen neuen Trommelstil - 'ich spiele jetzt wie ein Trommler trommelt' (Liebezeit) - kann man auf den 'Secret Rhythms'-CDs von Burnt Friedman (Label: Nonplace) hören bzw. auf einem neuen Album betitelt 'Flut' mit Hans Joachim Irmler (Label: Klangbad). 
Heutzutage gibt es vermutlich mehr Drummer auf dem Globus als jemals zuvor, weshalb es für Liebezeit ein um so  größeres Rätsel ist, warum fast alle gleich spielen?


„Trommler wie Art Blakey, Max Roach und wie die alle hießen, hab ich Ende der 50er Jahre zu kopieren versucht. 'So muss man spielen!' hieß es damals. Da hab' ich dann das auch versucht. Geht aber vom künstlerischen Standpunkt aus nicht! Ich kann nicht, nur weil ich Picasso gut finde, genauso malen wie Picasso. Die Musiker machen das alle, kopieren andere. Aber eigentlich sind das dann nur Imitatoren.“ Jaki Liebezeit, 2014

Zum Nachruf:

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/01/wit-rauern-um-jaki-liebezeit-1938-2017.html


Tuesday, 23 December 2014

WORLD MUSIC PICTURE ARCHIVE

Introducing: WORLD MUSIC PICTURE ARCHIVE
                                                                                                                                  Brasil, 1910

The WORLD MUSIC PICTURE ARCHIVE is devoted to the visual documentation of traditional music from around the world. It contains several thousand pictures from more than 70 countries showing indiginous musicians with traditional instruments in an enormous variety of different circumstances and settings. These photographs and postcards were produced in the first half of the 20th century, and are from the extraordinary collection of music historian Christoph Wagner.

Causcasus, 1909


We have supplied pictures for record releases, books, newspapers, magazines, exhibitions and museums in the UK, Germany and Switzerland. These include The Rough Guide to World Music, Trikont Records, Honest Jon's Records, fRoots, Neue Zeitschrift für Musik, Jazzthetik, Stuttgarter Zeitung, Die Tageszeitung/TAZ, Die Wochenzeitung/WoZ, Kommune, German Harmonica Museum (Trossingen), Transit Verlag (Berlin). Schott Verlag a.o.
If you looking for a certain picture of a traditional musician or a music band from somewhere around the world for a publication, worth asking.

Orient, 1900

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT Vol. 1

Gibt es schlechte Sounds?

Foto: Christoph Wagner
Im Juni 2014 war ich in Köln bei einer Rundfunkproduktion, und konnte am Nachmittag davor einen Besuch bei Jaki Liebezeit in seiner Wohnung im Eigelstein-Viertel machen. Den ehemaligen Drummer der Rockgruppe Can hatte ich vor ein paar Jahren auf dem Klangbad-Festival in Scheer (Oberschwaben) kennengelernt - ein freundlicher, unprätensiöser und kluger Zeitgenosse. Ich führte ein längeres Interview mit ihm, das ich jetzt für eine SWR-Produktion über Jaki (Sendetermin: März 2015) transkribiert habe. Im Zuge des Gesprächs sagte er ein paar interessante Dinge, über die es sich vielleicht nachzudenken lohnt. Einer seiner Punkte lautete:


„Meiner Meinung nach gilt für die Trommel: Wie man reinhaut, so klingt es heraus! Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Deshalb kann ein schlechter Sound, gut gespielt, plötzlich gut klingen. Wenn es überhaupt schlechte Sounds gibt? Das ist Geschmacksache! Gibt es schlechte Farben? Kommt der Maler und malt mit einer Farbe, wo jeder denkt, das ist eine hässliche, aber dann malt der etwas damit und plötzlich sieht die Farbe toll aus.“ Jaki Liebezeit, Juni 2014

RADIO RADIO RADIO:

Sonntag 15.3.2015 / 23.03-24.00 Uhr
SWR2 / Musikpassagen
Wie eine Maschine, nur besser
Die Verwandlungen des Schlagzeugers Jaki Liebezeit
von Christoph Wagner

Friday, 19 December 2014

Das HILLIARD ENSEMBLE hört auf

Verschlungener Gesang

Das Hilliard Ensemble, Stars der Alten Musik, tritt nach 40 Jahren ab


cw. In den sechziger Jahren erschallte ein neuer Klang in der klassischen Musik. Mit Krummhorn, Rebec, Theorbe, Dulzian und Rauschpfeife hielten die Töne des Mittelalters und der Renaissance Einzug in die Welt der Klassik. Halb vergessene Instrumente brachten eine Klangwelt zum Vorschein, die ein halbes Jahrtausend alt war und sich doch neu und ungewohnt anhörte. Fünfzig Jahre später hat sich die Alte Musik als eigenständiges Genre etabliert mit zahlreichen Konzerten, Festivals und CD-Veröffentlichungen jedes Jahr und Stars wie Jordi Savall, die allerorten große Konzertsäle füllen. Selbst das weltbekannte Kronos Quartet hat ein Album der “Early Music” gewidmet.

Die Pioniere der Anfangszeit suchten die Authentizität. Während zu Beginn noch viel mit historischem Instrumentarium musiziert wurde, verschob sich das Interesse mehr und mehr in Richtung Vokalmusik. An Stelle des vibrato-reichen Gesangs der Klassik trat eine klare nüchterne Stimmführung. Das unbegleitete Gesangsensemble wurde zur Standard-Besetzung und die historische Aufführungspraxis zur Pflicht. Erst mit der Zeit dämmerte es den Beteiligten, dass, wie Thomas Forrest Kelly in seinem jüngst bei Reclam erschienenen Sachbuch “Alte Musik” verdeutlicht, eine wirklich originale Wiedergabe eigentlich gar nicht möglich ist - höchstens Annäherungen.

Zu den Pionieren des neuen Vokalstils gehörte das englische Hilliard Ensemble. Die Mitglieder der Gruppe waren bei David Munrow und seinem Early Music Consort in die Lehre gegangen, einem Ensemble, das Ende der sechziger Jahre in England und darüber hinaus das Interesse an Alter Musik entfacht hatte. Mit dem Album “Officium”, das die vier Hilliard-Sänger mit dem Jazzsaxofonisten Jan Garbarek 1994 veröffentlichten, gelang ein Volltreffer: 1,5 Millionen verkaufte CDs machten die Gruppe zu Stars der Tonträger-Branche und die Klänge des Mittelalters und der Renaissance über den Kreis der Kenner hinaus bekannt. Ich reiste damals extra nach London, um David James, Countertenor der Gruppe, für die Taz zu der Einspielung zu interviewen und fand einen Sänger vor, der vor Freude über den Erfolg euphorisch in seiner Wohnung in der St. Peters Street herumtänzelte. Nun konnte es sich das Ensemble erlauben, auch ab und zu Werke moderner Komponisten wie Arvo Pärt ins Programm zu nehmen. Ihrem Ruf, Spezialisten für “Early Music” zu sein, tat das keinen Abbruch. 

1974 gegründet, wird das Hilliard Ensemble nach 40 Jahren am 20. Dezember in London sein letztes Konzert geben. Dabei werden Stücke des Abschiedsalbums “Transeamus” zur Aufführung kommen. Auf der CD sind englische Carols und Motetten aus dem 15. Jahrhundert enthalten, die seit langem zum Lieblingsrepertoire der Gruppe gehören. Kompakt und doch glasklar wird die verschlungene Mehrstimmigkeit der Renaissance in Szene gesetzt, was einmal mehr den Ruf des Hilliard Ensembles unterstreicht, zu den Spitzenkönnern der Sparte zugehören.


Eine solch superbe Reputation muß sich das Trio Medieaval erst noch erwerben. Das Frauenensemble aus Norwegen hat sich wie die Hilliards der frühen Vokalmusik verschrieben und schlägt auch gelegentlich den Bogen in die Gegenwart, wobei mittelalterliche Polyphonie mit Werken zeitgenössischer Kompositionen gemischt wird. Allerdings kommen die modernen Stücke nicht schrill und dissonant daher, sondern orientieren sich an der wohligen Klanglichkeit der Alten Musik, die sachte modernisiert wird. Das Trio Mediaeval intoniert die Kompositionen auf so makellose Weise, dass die drei Stimmen zu einem einzigen Klangkörper verschmelzen. Das Hilliard Ensemble hätte es kaum besser gekonnt.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland