Showing posts with label Jaki Liebezeit. Show all posts
Showing posts with label Jaki Liebezeit. Show all posts

Saturday, 18 January 2025

SCHEIBENGERICHT Nr 35: Samuel Rohrer, Schlagzeuger & Elektroniker

Handgemachte und synthetische Beats

Der Schweizer Drummer als Elektroniker


Der Schweizer Schlagzeuger Samuel Rohrer hat sich in den letzten Jahren immer mehr zum Elektroniker entwickelt. Wohl sind die Drums weiterhin sein Hauptinstrument, doch kombiniert er inzwischen handgemachte Rhythmen mit wehenden oder knisternden elektronischen Sounds, was faszinierende Soundscapes von unterschiedlicher Beschaffenheit ergibt. Manchmal sind es harte Beats, die das Geschehen bestimmen, dann wieder fragile synthetische Klänge. Und gelegentlich übernimmt die Elektronik sogar vollständig das Kommando. 

 

Rohrer gelingt es, jeden der acht Tracks in eine eigene Klanglichkeit zu tauchen und ihm eine individuelle Form zu geben: Einmal knarzt ein Ostinato-Motiv metallisch, über das Rohrer schwere Klangplatten schichtet und einen rohen Klaus-Dinger-Rhythmus unterlegt. Ein andermal ziehen minimalistische Tonlinien loop-artig ihre Kreise, die sich mehr und mehr zu einem polyphonen Sound-Knäuel ballen. 


 

In der Komposition The Gift stößt der skandinavische Trompeter Nils Petter Molvaer hinzu, der zuerst verwehte Trompetentöne über ein blubberndes Elektronikgebräu bläst, um dann im Naturton versonnene Linien voller Melancholie zu zeichnen. Als Drummer ist Samuel Roher heute näher an Jaki Liebezeit als an Tony Williams, und als Elektroniker läßt Aphex Twin grüßen, was keine schlechte Kombination ist. 


Samuel Rohrer: Music For Lovers (Arjuna Music)


Zum Reinhören auf bandcamp:


https://arjunamusic-records.bandcamp.com/album/music-for-lovers

Thursday, 30 March 2023

SCHEIBENGERICHT: Drummer Samuel Rohrer – zwischen Minimal Techno und Ambient

SCHEIBENGERICHT 13:

Samuel Rohrer 

Codes Of Nature  

(Arjunamusic Records; Vinyl / Digital) 

4 von 5 Sterne



Samuel Rohrer, 1977 in Bern geboren, ist über die Jahre von einem Jazzschlagzeuger zu einem Elektroniker im Kraftfeld zwischen Minimal Techno (der komplexeren Art) und Ambient Music geworden. Der Drummer, der bei Billy Brooks das Rhythmus-Handwerk gelernt hat, war anfangs mit den Pianisten Malcolm Braff oder Colin Vallon im zeitgenössischen Jazz unterwegs. Nach einem Umzug nach Berlin vor zwanzig Jahre hat er sich mehr und mehr ins Umfeld der Elektronik-Szene begeben, wo er mit Gruppen und Musikern wie Ambiq, Ricardo Villalobos, Tobias Freund, Dark Star Safari, Nils Petter Molvaer, Max Loderbauer oder Oren Ambarchi gearbeitet hat. Das färbt ab.  

Rohrer hat die verschiedensten Impulse aufgenommen und in ein Soloprojekt einfließen lassen, das ihn nun schon seit Jahren beschäftigt. Jetzt legt er mit „Codes of Nature“ sein viertes Solo-Album vor. Es enthält ein halbes Dutzend Stücke, die zwischen fünf und zehn Minuten lang sind. Überwiegend werden Rohrers Kompositionen von rhythmischen Ideen bestimmt und wären auf dem Dance- bzw. Chill-Out-Floor eines elektronischen Tanzclubs nicht völlig fehl am Platz, obwohl sie um einiges ausgeklügelter daherkommen. Mit dem Etikett IDM – Intelligent Dance Musik – wurde derart subtile Clubmusik in den 1990er Jahre versehen. 

Rohrer bleibt auch als Elektroniker immer Schlagzeuger. Er verwebt elektronische Klicks, Blobs und Piepstöne zu dichten Kreuz- und Gegenrhythmen und unterlegt sie mit mächtigen Bässen vom Synthesizer sowie prägnanten Schlagzeug-Beats, die an die repetitiven Schlagmuster der menschlichen Groove-Maschine, Jaki Liebezeit, in seinen späteren Jahren erinnern. 

Samuel Rohrer: Fourth Desnity (vom Album: Codes of Nature) youtube


Darüber, dazwischen und dahinter legt und schiebt er Partikel aus Elektronik-Sounds, verzerrten Stimmen und verquirllten Geräuschen, die sich gelegentlich zu rauschenden Sphärenmelodien verdichten, wobei sich das ganze komplexe Gebilde fortwährend unmerklich verändert und anders gruppiert. Rohrer entgrenzt seine One-Man-Band aus Laptop und Schlagzeug zu einem riesigen Xylophon- und Marimba-Orchester elektro-akustischen Zuschnitts.
 

Ruhiger fallen dagegen ein paar Stücke aus, die eher der Kategorie Ambient Music zuzurechnen sind und in der Tradition eines Aphex Twin und seinen Ambient Works stehen. Diese Musik ist luftiger gehalten und läßt den einzelnen Tönen mehr Raum. Wie im ewigen Auf und Ab der Gezeiten schwellen die Klänge an, um bald wieder zu verebben, wobei die Musik – rätselhafterweise – immer gleich bleibt und sich doch ständig verändert. 

Das Album-Besprechung erschien zuerst in der Zeitschrift JAZZTHETIK – für Jazz und anderes, Heft 3/4 2023

 

Monday, 21 November 2022

SCHEIBENGERICHT: Philip Zoubek Trio – Labyrinthus

SCHEIBENGERICHT 9 

Philip Zoubek Trio: Labyrinthus (WhyPlayJazz) 

 

Wertung: 4 von 5 

 

cw. Mit dem ehemaligen Can-Drummers Jaki Liebezeit (1938-2017) teilte der Pianist Philip Zoubek im Kölner Stollwerk einen Übungs- und Proberaum. Obwohl die beiden konzeptionell nicht viel gemeinsam hatten, sind auf dem neuen Album von Zoubek doch mehr repetitive Rhythmusmuster zu finden als bei früheren Einspielungen. Und Repetition war eine von Liebezeits Spezialitäten. Färbte da musikalisch etwas ab?

 

Das ist nicht die einzige Verschiebung, die es in Zoubeks Musik zu verzeichnen gibt. Anstatt wie früher im kollektiven Triospiel weite Spannungsbögen zu improvisieren, enthält das Album ein Dutzend kürzerer Stücke, von denen das kürzeste gerademal etwas mehr als eine Minute lang ist. Bei den Titeln handelt es sich um musikalische Schnappschüsse die jeweils auf einem anderen Leitmotiv beruhen. Zoubek, der für alle Kompositionen verantwortlich zeichnet, gibt die Grundidee vor, die dann von ihm und seinen beiden Mitstreitern (David Helm, Baß und Dominik Mahnig, Schlagzeug) zur Entfaltung gebracht wird. Die Vision der drei ist eine Musik, die andere Wege geht, als die von Jazzpianotrios bisher vorgezeichneten.




Die Bandbreite der Kompositionen ist enorm: von monumental bis träumerisch, von experimentell bis ausnotiert und von dicht bis porös spreizt sich das Spektrum. Den Auftakt macht ein formidabler Kracher, der im Duktus einer Metal-Band bleischwer daherkommt. Mit soviel Wucht hat man selten ein Jazzpianotrio agieren gesehen. Dass Zoubek neben dem Klavier gleichzeitig auch Synthesizer spielt, erlaubt es ihm, mehr Druck zu entfachen, die Töne länger zu halten und zusätzlich noch elektronische Sounds und Geräuschschnipsel ins Klanggeschehen einzuspeisen. Dass das Album im großen Sendesaal des Deutschlandfunks in Köln aufgenommen wurde, verleiht dem Track zusätzlichen Raumklang, wobei der Hall das Powerstück noch mächtiger erscheinen läßt. 


Dem Eröffnungsstück schließt sich ein melodischer Track an, dessen Melodielinie sich wie eine Bergstraße kurvenreich windet und schlängelt, während sich mehr und mehr der Klang des Synthis in den Vordergrund schiebt. Nach der folgenden pointillistisch-experimentellen Improvisation ruft „The Ritual“ durch seine verschachtelten Rhythmuspattern die Erinnerung an Jaki Liebezeit wach. Zoubek spielt hier neben dem Synthi präpariertes Klavier, was dem Stück den Klang eines balinesischen Gamelans verleiht, wobei Baß und Schlagzeug synkopische Akzente setzen. Mit dieser Art Kontrastprogramm ist den dreien ein Album gelungen, das voller Überraschungen steckt und vom Willen zeugt, sich nicht länger auf ausgetretenen Pfaden bewegen zu wollen. 


Hörprobe:



Saturday, 9 September 2017

Zum Tode von Holger Czukay

Der Klangzauberer

Zum Tod von Holger Czukay (24.3.1938 – 5.9.2017), Gründungsmitglied der wegweisenden Krautrockgruppe Can

cw. Ich habe ihn einmal getroffen, vor Jahren zum Interview in einem Kölner Café. Er war gut gelaunt, gab klare Antworten und plauderte nach einer Weile recht unverdrossen aus dem Nähkästchen. Holger Czukay hatte eine ganz eigene Art und Weise über Musik nachzudenken und zu sprechen. Von der avantgardistischen E-Musik konvertierte er zur Rockmusik, und ist doch im Herzen immer ein experimenteller Musiker geblieben. Dann tauchte er auf dem Cover meines „Revolte“-Buchs auf. Jetzt ist der Kölner Musiker im Alter von 79 Jahren gestorben, nur ein paar Wochen nach seiner Frau.

Als der Konzertpianist und Kapellmeister Irmin Schmidt nach einem längeren Amerikaaufenthalt 1967 über die Gründung einer experimentellen Musikgruppe nachdachte, lud er selbstverständlich auch seine Kollegen Holger Czukay zum Gespräch ein, den er vom Studium bei Karlheinz Stockhausen kannte und der damals als Musiklehrer seine Brötchen verdiente. Czukay galt als leicht versponnener Kauz, der an mathematischen Reihenkompositionen tüftelte, die nahezu unspielbar waren. Außerdem war er ein exzellenter Gitarrist.

Czukay brachte seinen Gitarrenschüler Michael Karoli zum Treffen mit – ein talentierter Beat-Gitarrist. Schlagzeuger Jaki Liebezeit komplettierte die Band, die sich bald Can nannte und immer mehr Richtung Rockmusik tendierte. Czukay blieb in dieser Konstellation nur die Baßgitarre, auf der er sich nicht unbedingt als Vituose erwies. Als Jaki Liebezeit ihn aufforderte, nicht so viel, sondern immer nur einen Ton auf die Eins zu spielen, kam ihm das entgegen. Das experimentieren mit Klangschnipseln und Wortsalat von den Kurzwellensendern war da schon eher seine Sache.

Im Wasserschloß Nörvenich im Kölner Umland fand die Band ihr erstes Domizil. Czukay baute den Proberaum zu einem primitiven Studio um. “Ich war damals Lehrer, hatte 1500 Mark gespart und konnte ein neues Tonbandgerät kaufen,” gab er zu Protokoll. „Jemand brachte noch ein zweites Tonbandgerät mit. Dann trieben wir noch ein Mikrofon auf und schon waren wir in der Lage, Aufnahmen zu machen - so einfach war das!”

Von nun an trafen sich die Can-Musiker fast täglich im Proberaum, um von nachmittags bis in die frühen Morgenstunden intensivst zu jammen und gemeinsam rumzuhängen. Ausgearbeitete Kompositionen gab es nicht, selbst auf die gröbsten Vorgaben wurde verzichtet. Aus diesen kollektiven Improvisationen destillierten Can ihr Konzept einer experimentellen kollektiven Rockmusik, bei der der Groove im Mittelpunkt stand.

Czukay schnitt jede Session auf Band mit, danach wurde abgehört, um Passagen zu identifizieren, die sich für eine Weiterarbeit eignen würden. “Instant composing’ nannte er das. Immer wieder kristallisierte sich ein Riff oder ein Sound heraus, mit dem sich weiterzuarbeiten lohnte. ”Um überhaupt zu unserer eigenen Sprache zu finden, war ein dauerndes Zusammensein nötig - Tag für Tag, Woche um Woche,” rekapituliert er Jahre später.

Czukay erwies sich als absoluter Meister der Schere, der Freude am Schneiden von Tonbändern hatte. „Das hat bei ihm zu Ausbrüchen von Leidenschaft geführt,“ erinnert sich Keyboarder Irmin Schmidt.

Die kreative Periode von Can dauerte etliche Jahre, in deren Schlußphase Holger Czukay immer mehr an den Rand geriet. Er spielte nun nicht mehr Baßgitarre, sondern konzentrierte sich vollkommen auf seine skurrilen Sounds vom Kurzwellenradio und von Tonbändern. 1977 war für Czukay bei Can endgültig Schluß. Er verließ die Band und bastelte fortan an diversen Soloalben, für die er mit Tonband und Schere raffinierte Soundcollagen formte.

Darüber hinaus arbeitete Czukay mit einer ganzen Reihe nahmhafter Musiker zusammen, die ein Faible für seine versponnenen Ideen hatten. Ob David Sylvian, The Edge, Jah Wobble oder die Eurythmics – alle hielten den Kölner für einen Klangzauberer mit einem untrüglichen Gespür für die wundersamsten Töne. In den letzten Jahren war es ruhiger um Czukay geworden, der zurückgezogen im ehemaligen Studio von Can in Köln-Weilerswist lebte, das er zur Wohnung umfunktioniert hatte. Dort wurde er von einem Anwohner tot aufgefunden.

Monday, 23 January 2017

WIR TRAUERN UM JAKI LIEBEZEIT (1938 - 2017)

FREUND JAKI
                                                                                                                                                     Foto: C. Wagner

Im scheinbar immer dichter werdenden Getöse und Gebrabbel der Gegenwart sind sie selten geworden: Menschen mit einer unverkennbar eigenen Stimme, die in Literatur, Journalismus, Musik, Kunst oder Film etwas eigenes, unverwechselbares zu sagen haben, etwas, das Bedeutung hat und sich von allem anderen unterscheidet. Jaki Liebezeit war so eine Person. Sein Trommelspiel war einzigartig, auch wie er darüber (und über Musik überhaupt) dachte und sprach. Da wurde sofort klar: Hier macht sich jemand seine eigenen Gedanken.

Doch anders wäre es für ihn auch gar nicht möglich gewesen, ein Künstler zu sein. “Wenn Du Picasso gut findest und dann so malst wie Picasso, bist Du kein Künstler, sondern ein Imitator,” war sein Diktum. Sein ästhetisches Bewußtsein war glasklar und unbestechlich. Hans Joachim Irmler und Andreas Schmid (Tontechniker im Faust-Studio), die mit ihm in den letzten Jahren zwei Alben abgemischt haben, können davon ein Lied singen. Deshalb war es auch kaum begreifbar für ihn, dass es heute mehr Schlagzeuger gibt als je zuvor „und alle spielen gleich!“ Nicht Jaki Liebezeit. Wie er trommelte, so spielte sonst niemand Schlagzeug. Ein paar Mal in seinem Leben hat er sein Schlagzeugspiel komplett umgestellt und wieder ganz von vorne begonnen, weil er das Gefühl hatte, in einer Sackgasse gelandet zu sein.

„A true innovator”, mailte mir der englische Jazzdrummer Tom Skinner heute morgen. Laurence Hunt, der Schlagzeuger von Pram, sendet folgende Erinnerung: „Seeing and hearing him play at Klangbad festival with Burnt Friedman was one of, if not the most memorable, refined and considered drum performances I have seen. I literally stood right up to the stage barrier, what a thrill!“ Und Florian Egli von der Züricher Gruppe Weird Beard, die im Sommer im Vorprogramm von Liebezeit & Irmler beim Sigmaringer Schlachthof-Festival aufgetreten waren, schreibt: „Den Zauber von Jaki's unaufgeregtem Spiel, dass die Energie nicht in der Dichte und nicht in der Lautstärke sucht, sondern in den langen und sehr feinen Bögen, welche er über einen ganzen Song drüber gespannt hat, das haben wir mitgenommen von dem Abend im Schlachthof.“ 


Ich hatte Jaki Liebezeit 2009 kennengelernt, als er beim Klangbad-Festival in Scheer mit Burnt Friedman auftrat. Davor hatte ich ihn in Liverpool mit dem Turntable-Artisten Philip Jeck und Jah Wobble am Bass gehört. Ich, der in meinem ersten Leben selbst mal Schlagzeuger gewesen war, stand das ganzen Konzert hindurch wie gebannt vor der Bühne und habe Liebezeit die ganze Zeit genau auf die Finger geschaut – und nichts verstanden, nicht kapiert, was er macht. Wahrscheinlich waren es seine ungeraden Metren, die mich verwirrten. Darin war er ein Meister. Er spielte in einem 7/4- oder 11/8-Metrum so selbstverständlich wie in einen 4/4-Takt.

 2010 wollten wir ihn dann zusammen mit Jah Wobble für einen Auftritt beim „Klangbad“ mit Hans Joachim Irmler gewinnen. Wobble winkte ab und wir dachten, dann würde auch Jaki einen Rückzieher machen. Doch Pusteblume! „Ich brauche keinen Bassisten,” meinte er am Telefon. „Geht auch ohne! Auf was ich allerdings Wert lege, ist eine ausführliche Probe.” So kam es zum Auftritt von B.I.L.L. (Bell, Irmler, Liebezeit, Lippok) beim Klangbad-Festival im August 2010 – ein wunderbarer Gig! Das Album – äußerst hörenswert!

                                                                                                             Glasgow 2015  (Foto: C. Wagner)
Ich habe noch Anfang Januar mit Jaki telefoniert, um ihm ein „gutes neues Jahr“ zu wünschen. Da schien er noch in guter Form zu sein. “Nicht viel los im Moment!” sagte er, weil kaum Auftritte anstanden. Er wollte sobald der Schnee weg war nach Scheer fahren, um die Aufnahmen abzumischen, die nach dem Auftritt mit Hans Joachim Irmler beim Sigmaringer Schlachthof-Festival im Juli 2016 im Faust-Studio entstanden waren: 22 Stunden Musik hatten die beiden in ein paar Tagen eingespielt. Damals beim Gespräch am Kaffeetisch kamen wir auf das Thema „Arbeit“ zu sprechen, und da zog Jaki eine Art Lebensbilanz, die gar nicht so schlecht ausfiel: „Ich hab noch nie in meinem Leben gearbeitet,” meinte er. „Ich hab mein Hobby zum Beruf gemacht, musste also nie arbeiten.”

Jaki Liebezeit war ein äußerst netter Mensch: offen, klug, zurückhaltend, zuvorkommend, freundlich, ja fast sanft, interessiert, mit wachem Geist. Am Sonntag, den 22. Januar 2017 ist er in Köln an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er hatte schon seit längerem mit Herz- und Lungenproblemen zu kämpfen. Beim Schlachthof-Festival im Sommer 2016 schien er mir zum ersten Mal gealtert. Wir mussten ihm eine Zwischenstufe an die Bühne stellen, damit er leichter hinauf kam. Seinem Trommelspiel war allerdings absolut nichts anzumerken: Das war so präzise, makellos und federnd wie eh und je.

Mit Liebezeit ist eine eigenständige Stimme verstummt, die unsere Gegenwart so bitter nötig hätte. Wir werden ihn schwer vermissen. Wer wird nun die geheimen Rhythmen und magischen Beats trommeln?

Mehr zu Jaki Liebezeit:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2013/07/trommelmaschinenmensch-jaki-liebezeit.html

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2014/12/nachdenken-uber-musik-mit-jaki_29.html

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2014/12/nachdenken-uber-musik-mit-jaki_26.html

Saturday, 2 July 2016

SCHLACHThof FESTival SIGMARINGEN 23. Juli 2016



SCHLACHThof FESTival SIGMARINGEN mit Headliner: Jaki Liebezeit (Can) & Hans Joachim Irmler (Faust)

Am Samstag, den 23. Juli 2016 ab 17 Uhr setzen die Ateliers im Alten Schlachthof nach längerer Atempause die Reihe ihrer außergewöhnlichen SCHLACHThof-FESTivals fort: 

Das Fest mit international-hochkarätigen Interpreten der Künste für Augen und Ohren bleibt sich treu: Poetisch und extraordinär werden die Schlachthof-Räume gefüllt.

Am Nachmittag verwandeln sich die Atelierräume in ein Museum der vergessenen Klänge:

- mit zeitgenössischen Tönen aus Kinderklavieren von Isabel Ettenauer (Österreich),
- den ätherischen Klängen der Glasharmonika mit dem Augsburger Bruno Kliegl,
- Rembetika-Musik ("griechischer Blues") zu Baglama, Bouzouki und Klarinette, gespielt vom  Duo „Lefta“.

Am Abend dann auf der Hauptbühne:

-  Weird Beard um den jungem Saxofonisten Florian Egli aus Zürich mit jazzrockig- psychedelischer Wucht.

- Als Höhepunkt: 
Die Krautrocklegenden Hans Joachim Irmler und Jaki Liebezeit, spätestens seit der Gartenschau auch Schlachthoflegenden, werden mit Keyboard und Schlagzeug ihre vertrauten schillernd-reißenden Klangströme fließen lassen. Ein sommerliches Fest für alle Sinne!





Der Vorverkauf hat begonnen: 07571 3333 oder www.schlachthof-sigmaringen.de
Eintritt: 18 €, 13 -18 Jahre ermäßigt: 12 €, Kinder bis 12 Jahre: frei
Georg-Zimmerer-Straße 7, 72488 Sigmaringen

http://www.schlachthof-sigmaringen.de/Die-naechsten-Veranstaltungen/SCHLACHThofFESTival-Samstag-23.-Juli-2016-ab-17-Uhr

Saturday, 20 June 2015

IRMLER & LIEBEZEIT in Glasgow



Irmler & Liebezeit auf UK-Tour

                                                                                                                                                                    Fotos: C. Wagner

Am 14. Juni habe ich in Glasgow ein Konzert von Jaki Liebezeit und Hans-Joachim Irtmler besucht! Wenn sich schon einmal ein paar deutsche Musiker nach Schottland verirren, und dann auch noch so interessante Freigeister (und Freunde) wie die beiden, empfand ich es fast schon als Pflicht, dabei zu sein und nahm dafür auch die weite Anfahrt in Kauf. Das Kulturzentrum Platform - etwas außerhalb der Stadt gelegen - bildete die Austragungsstätte: ein Funktionsbau mit quadratischen Saal und Bücherei. Es war dann doch erstaunlich, wieviele Konzertbesucher sich dort einfanden. Das Konzert war mit schätzungsweise 350 Zuhörern nahezu ausverkauft. Nach einem sehr passablen Vorprogramm, versetzten die beiden Deutschen das Publikum in Verzückung und ließen keinen Moment irgendwelche Nostalgie aufkommen. Irmler brillierte mit Wolken galaktischer Sounds, die er über den fließenden Trommelrhythmen von Jaki Liebezeit ausbreitete. Die Stimmung im Publikum war prima. Viele glühten vor Begeisterung. Als Veranstalter des Gigs wirkte Alun Woodward, den ich - wie mir erst ein paar Tage später dämmerte - vor Jahren einmal in Glasgow als Mitglied der Delgados interviewt hatte. Ich traf dann die ganze Crew am nächsten Morgen zum Branch, zu dem sich auch Mogwai-Drummer Martin Bulloch einfand. Dann ging es mit dem Bus weiter via einem Besuch bei der BBC in Salford/Manchester nach London, wo am nächsten Abend im Cafe Oto ein Konzert auf dem Programm stand - seit Wochen ausverkauft.




Monday, 29 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT, Vol. 3

JEDE RHYTHMUSMASCHINE ÜBERTRIFFT MICH!

Seit Jahren, auch durch den Einfluß andalusischer, nordafrikanischer, arabischer und türkischer Musik, hat sich Jaki Liebezeit auf ungerade Metren spezialisiert, die er "krumme Rhythmen" nennt. 5er, 7ner, 9er und 11er Takte spielt er mit dem Elektroniker Burnt Friedman in ihrem gemeinsamen "Secret Rhythms'-Projekt, das jetzt schon über 10 Jahre dauert. Liebezeit zerlegt die "krummen Rhythmen" in kleinere Untereinheiten: ein 11er Rhythmus wird dann etwa zu 4+3+4. Das macht den Rhythmus spielbarer, vor allem wenn er organisch swingen soll, auf was er abzielt. Liebezeit übt diese Beats endlos auf seine motorisch-monotone Weise, kein Wunder, dass er überall im Alltag rhythmische Analogien und metrische Zyklen sieht, auf die er mit feiner Ironie hinweist.

„Allein die Woche ist ja schon ein ungerader Rhythmus. Keiner hat Probleme damit, dass das sieben Tage sind. Wie heisst es noch? 'Die Welt wurde an sieben Tagen erschaffen. Am siebten Tag war Ruhetag.' Das heisst für mich als Rhythmiker: Ich mache sechs Schläge und der siebte ist ne Pause. Dann wiederholt sich das – Jahrtausende!“

Bei meinem Besuch im Juni 2014 in Köln kramte Liebezeit eine amerikanische Musikzeitschrift hervor mit einem Portrait über ihn. Er wird dort als "the most repetitive Drummer on the planet" beschrieben: Sein Kommentar: 

"Das ist natürlich Quatsch: jede Rhythmusmaschine übertrifft mich!” Jaki Liebezeit, 2014

Zum Nachruf:
http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/01/wit-rauern-um-jaki-liebezeit-1938-2017.html

Friday, 26 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT Vol. 2

Von Künstlern und Imitatoren

Foto: C. Wagner

Jaki Liebezeit hat mehrmals in seiner über 50jährigen Karriere sein Schlagzeugspiel ziemlich einschneidend umgestellt. Heute spielt er einen Stil, der völlig anders angelegt ist, als das konventionelle Schlagzeugspiel - as we know it. Das monoton-motorische Trommeln hat er bei Can entwickelt, um Anfang der 90er Jahre sein Drum-Kit umzubauen, wobei er nunmehr auf Bassdrum, Hi-Hat und Ride-Cymbal verzichtet. 
Seinen neuen Trommelstil - 'ich spiele jetzt wie ein Trommler trommelt' (Liebezeit) - kann man auf den 'Secret Rhythms'-CDs von Burnt Friedman (Label: Nonplace) hören bzw. auf einem neuen Album betitelt 'Flut' mit Hans Joachim Irmler (Label: Klangbad). 
Heutzutage gibt es vermutlich mehr Drummer auf dem Globus als jemals zuvor, weshalb es für Liebezeit ein um so  größeres Rätsel ist, warum fast alle gleich spielen?


„Trommler wie Art Blakey, Max Roach und wie die alle hießen, hab ich Ende der 50er Jahre zu kopieren versucht. 'So muss man spielen!' hieß es damals. Da hab' ich dann das auch versucht. Geht aber vom künstlerischen Standpunkt aus nicht! Ich kann nicht, nur weil ich Picasso gut finde, genauso malen wie Picasso. Die Musiker machen das alle, kopieren andere. Aber eigentlich sind das dann nur Imitatoren.“ Jaki Liebezeit, 2014

Zum Nachruf:

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/01/wit-rauern-um-jaki-liebezeit-1938-2017.html